Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe (Neanderthal 1)

Parallelwelt-SF: Besuch vom haarigen Vetter

Neutrinos sind nahezu unendlich kleine atomare Teilchen, die alles durchdringen und sich daher extrem schwer nachweisen lassen. Um sie überhaupt feststellen zu können, muss die superempfindliche Messvorrichtung selbst vor allen möglichen Störfaktoren wie etwa elektromagnetischer Strahlung abgeschirmt werden. Deshalb liegt das Neutrino-Observatorium im kanadischen Sudbury unter zwei Kilometern solidem Fels. Der Zugang zum Neutrino-Detektor, einem Tank mit schwerem Wasser (Deuterium) ist natürlich ebenfalls streng reglementiert.

Deshalb staunt die Wissenschaftlerin Louise Benoit nicht schlecht, als sie eines Tages einen ausgewachsenen Mann in eben diesem Tank vorfindet. Wie um Himmels willen ist er da hineingeraten? Nicht ganz freiwillig, wie sich herausstellt. Liegt ein Verbrechen vor?

Der Autor

Robert J. Sawyer, geboren 1960 in der kanadischen Hauptstadt Ottawa, gehört zu den führenden Autoren seines Landes. Nach dem Studium im Fachbereich „Funk und Fernsehen“ an der York-Universität, Toronto, begann er 1983 eine Laufbahn als populärwissenschaftlicher Drehbuchautor. 1990 erschien sein erster Science-Fiction-Roman, dem bislang sechzehn weitere gefolgt sind. Sie wurden bisher in elf Sprachen übersetzt und haben mehr als 30 Preise gewonnen.

Für „Die Neanderthal-Parallaxe“ erhielt den |Hugo Award| 2003, der von den Science-Fiction-Lesern verliehen wird. Sawyer arbeitet regelmäßig für das kanadische Fernsehen und ist ein gern gesehener Gast in Talkshows. Er lebt mit seiner Ehefrau Carolyn Clink in Mississauga bei Toronto. (Verlagsinfo)

Handlung

Das Neutrino-Observatorium in Sudbury, Kanada, liegt mehr als zwei Kilometer unter der Erdoberfläche (siehe Einleitung). Man sollte nicht meinen, dass hier unten etwas ohne Vorwarnung auftauchen könnte, denn die Gänge und Räume werden selbstverständlich videoüberwacht. Doch die Wissenschaftlerin Louise Benoit wird Zeugin, wie plötzlich ein Mann in dem Tank mit schwerem Wasser auftaucht und zu ertrinken droht. Mit knapper Not rettet sie ihn unter Lebenseinsatz und ruft sofort den nächsten Arzt an: Reuben Montego. Zusammen können sie den Besucher am Leben erhalten und in die Klinik von Sudbury bringen.

Er sieht irgendwie merkwürdig aus. Ist er ein Mensch? Seine Überaugenwülste, sein vorspringendes Gebiss und fehlendes Kinn scheinen nicht die Merkmale eines Homo sapiens zu sein. Man will eine DNS-Analyse anfertigen und ruft die Genetikerin Mary Vaughan aus Toronto herbei. Mary hat gerade ein traumatisches Erlebnis hinter sich: Sie wurde auf dem Nachhauseweg unweit ihrer Uni vergewaltigt. Irgendwie hat sie jetzt keine Neigung, sich einem männlichen Wesen zu nähern.

Der Unbekannte verfügt über ein Implantat im Unterarm, mit dessen Hilfe er sich verständlich machen und die Worte der Fremden für sich übersetzen kann. Der Mann heißt Ponter Boddit. Sein Beruf: Quantenphysiker. Seine Herkunft: eine Welt, auf der die Neanderthaler den Rang des Homo sapiens einnehmen, inklusive Quantenphysik. Als Erstes wird Ponter unter Quarantäne gestellt, und die anderen drei Genannten werden in Reuben Montegos Haus eingesperrt und abgeschirmt. Ponter ist von einer unbekannten Infektion befallen und kippt um. Wird er die anderen anstecken?

Die Öffentlichkeit ist schockiert über den „Höhlenmenschen“, hält ihn abwechselnd für Jesus, den Antichristen oder eine plumpe Fälschung. Reporter belagern das Haus, in Schach gehalten von schwer bewaffneten „Mounties“ (Polizisten der Royal Canadian Mounted Police). Tage vergehen, bis sich die Lage entspannt und klar wird, dass Ponter Boddit auf dieser Welt ein sehr einsames Wesen sein wird: der Einzige, der kein Homo sapiens ist …

Unterdessen ist Ponters spurloses Verschwinden auf seiner Heimatwelt nicht ohne Folgen. Sein Mitbewohner Adikor Huld, der Ingenieur, der den getesteten Quantencomputer in einer tief gelegenen Nickelmine gebaut hat, wird unter Mordanklage gestellt und in einer Voruntersuchung streng verhört.

Es gibt nur eine Möglichkeit, seine Unschuld zu beweisen: Er muss das Tor zu unserer Welt noch einmal öffnen und Ponter zurückholen. Es gibt nur ein winziges Problem: Adikor steht unter Aufsicht und darf die Mine mit dem Quantenlabor unter keinen Umständen betreten. In seiner Verzweiflung entwickelt er einen trickreichen Plan. Ob das wohl hinhaut?

Mein Eindruck

Was die Quantentheorie doch alles möglich macht! Die Theorie der Parallelwelten wird von Sawyer einfach als funktionierend vorausgesetzt. Als Geschichtenerzähler ist das sein gutes Recht. Ob die heutige Physik die hier geschilderten Ereignisse gestatten würde, steht wieder auf einem anderen Blatt. Wenigstens kommen keine Wurmlöcher vor. Und immerhin liefert Sawyers Figur Ponter eine – mehr oder weniger plausible – Erklärung dafür, wie es zu dem Unfall kommen konnte, der die Dinge ins Rollen bringt. Ein Quantencomputer, der mit mehreren Wahrscheinlichkeitsebenen gleichzeitig rechnet, hat nach anderen Quantenrechnern in Paralleluniversen gesucht, doch als ihm ein Universum – unseres – unterkam, in dem sie (noch) nicht existieren, kam es zu dem Unfall, bei dem Ponter die Realitätsebene wechselte.

Natürlich vereinfacht der Erzähler aufs Gröbste. Schließlich will der Leser nicht mit mathematischem Formelsalat behelligt werden. Aber angesichts des Wissensstandes des Autors kann seine Physik nicht einfach ins Reich der Märchen verwiesen werden. Andere kenntnisreiche Autoren wie etwa Ian Watson haben ebenfalls Romane über Quantenrechner geschrieben – mit ähnlich abenteuerlichen Ereignissen, die den Protagonisten widerfahren.

Kein Wunder, dass der fleißige kanadische Autor heute schon mit Crichton, Asimov, Heinlein und Clarke verglichen wird. Aber dieses Glück widerfährt auch Stephen Baxter, und der ging in seiner Prosa noch wesentlich weiter, als er den Xeelee-Zyklus schrieb. Doch als Erfolgsautoren der Science-Fiction haben sich beide inzwischen dem Massengeschmack angepasst und ihre früheren Wagnisse als Jugendsünden hinter sich gelassen.

So lässt sich erklären, dass eine exotische Wissenschaft wie Teilchenphysik als Vehikel für eine im Grunde recht banale Story herhalten muss: Alien taucht auf, Alien verursacht Aufruhr, Alien verschwindet wieder. Und auch die Figuren sind bis auf drei sehr einfach gehalten, als hätte sie der Autor bei Asimov entliehen. Diese drei Ausnahmen sind die Figuren, die die wahre Handlung, auf die es Sawyer ankommt, vorantreiben: der Erstkontakt mit einer Alien-Zivilisation.

Die Neanderthaler-Kultur

Der Witz bei diesem schon vielfach bearbeiteten Thema ist jedoch diesmal, dass die Aliens zu 97 Prozent mit uns selbst identisch sind. Die Neanderthaler haben in ihrer Parallelwelt eine Kultur aufgebaut, die unserer vor etwa 27.000 Jahren, als der Cro-Magnon-Mensch sie ausrottete, gleicht. Ihre Stadt Saldak ist eine grüne Oase, in der Häuser stehen, die fast alle aus Holz gebaut sind. An den Rändern streifen noch Mammutherden vorüber.

Hier hat offensichtlich keine Bevölkerungsexplosion stattgefunden, und der Ackerbau ist ebenso wenig erfunden worden wie die Viehzucht. Wovon die rund 10.000 Bewohner Saldaks leben, wird nicht ganz offensichtlich, aber da die Familienbindung sehr eng ist, unterstützt wohl jeder jeden. Auch wird nicht erklärt, wie man auf dieser Kulturstufe eine hochentwickelte Technik erschaffen konnte, die einen experimentellen Quantencomputer ermöglichte – von seinen miniaturisierten elektronischen Bausteinen ganz zu schweigen. Vielleicht erfahren wir in den zwei Folgebänden der Hominiden-Trilogie mehr darüber.

Brutale stumpfsinnige Neanderthaler?

Für die Hauptfigur Mary Vaughan wird in ihrer Bekanntschaft mit Ponder Boddit, die während ihrer mehrtägigen Quarantäne vertieft wird, ein anderer Aspekt der Neanderthal-Kultur viel wichtiger. Sie schöpft aus diesem Lichtblick Hoffnung und entwickelt eine Alternative zu dem posttraumatischen Verhalten, zu dem sie sonst verurteilt wäre.

Der Grund dafür ist die Zärtlichkeit, die Ponder gegenüber dem anderen Geschlecht an den Tag legt. Diese Rücksichtnahme und Einsicht überträgt er von seiner eigenen Welt auf unsere. In seiner Welt sind Frauen und Männer zwar weitgehend gleichberechtigt, doch es sind die Frauen, die das Zentrum der Siedlung Saldak beherrschen, ganz besonders an den letzten fünf Tagen des Mondmonats. Der Grund ist die auf Pheromonen begründete Sexualität der Neanderthaler. Hat eine Frau ihre Periode oder ihren Eisprung, kann ein Mann das mit seiner hochentwickelten Nase riechen. Und das gelingt Ponder auch bei Mary – was einen Homo-sapiens-Mann ziemlich überraschen würde.

Dass sich der Neanderthaler nicht sofort auf Mary stürzt, um sie – ebenso wie der Homo sapiens an ihrer Uni – zu vergewaltigen, ist eine ironische Umkehrung der irdischen Verhältnisse. Das Klischee vom stumpfsinnigen Neanderthal-Brutalo trifft nur auf den Homo sapiens selbst zu – und Mary ist dafür die beste Zeugin. Hier kritisiert der Autor einige Klischees, und das halte ich ihm zugute. Marys Verhältnis zu Ponder entwickelt sich sogar zu Liebe, und sie wäre bereit, ihn zurück in seine eigene Welt zu begleiten. Ob es ihr dort gefallen würde, ist eine andere Frage, aber jedenfalls besser als hier, wo keine Frau sicher ist und es in jeder Stadt ein Frauenberatungszentrum gibt. Als wären Frauen eine gefährdete Spezies.

Auch keine Engel

Aber auch die Neanderthaler sind keine Engel. Sie leben erstens in einem Überwachungsstaat, in dem jede ihrer Bewegung von ihren Implantaten an ein zentrales Archiv weitergeleitet und dort gespeichert wird. Den meisten ist dies allerdings nie bewusst. Und zweitens gibt es ein Gesetz, wonach Mörder sterilisiert werden. Das ist in zweifachem Sinne hart. Erstens ist der Neanderthaler stark auf seine Fortpflanzung fixiert, und zwar beide Geschlechter. Und zweitens erstreckt sich die Sterilisierung nicht nur auf den Mörder, sondern auf seine gesamte Verwandtschaft, die mehr als fünfzig Prozent ihrer Gene mit ihm gemeinsam hat. Die Rede ist von Sippenhaft.

Das ist der Grund, der die Anklage des Mordes für Adikor Huld so erschreckend macht. Zudem ist er ja unschuldig. Und obendrein: Wo es keine Leiche gibt, kann doch auch kein Mord stattgefunden haben, oder? Das schreckt aber die Anklägerin nicht ab. Sie ist viel zu direkt betroffen von Ponders Verschwinden, als dass sie Adikor davonkommen ließe. So etwas wie einen Staatsanwalt gibt es ebenso wenig im Neanderthaler-Rechtssystem wie einen Pflichtverteidiger. Eklatante Verstöße gegen das Unparteilichkeitsprinzip, die auch bei Adikor erstmals Zweifel an der Qualität des Justizsystems aufkommen lassen.

Ein Thriller in mehrfacher Hinsicht

Zahlreiche Einflüsse wirken also auf diese Geschichte ein. Die eine Hälfte entwickelt sich zu einem Justiz-Thriller, wie ihn Scott Turow – der sogar an einer Stelle erwähnt wird – nicht besser hätte erzählen können. Die andere Hälfte ist ein Wissenschaftsthriller, der sich mit physikalischen und biologischen Themen befasst. Was den Roman jedoch am meisten für den Leser und besonders die Leserin interessant macht, ist die psychologische Annäherung zwischen Homo sapiens – insbesondere Mary Vaughan – und Neanderthalern.

Was wäre gewesen, wenn der Homo sapiens seinerzeit ausgestorben wäre? Ponder nennt diese Spezies, von der Fossilien gefunden wurden, Gliksins: kleine, schwächliche Hominiden, die offensichtlich keine Chance hatten, in der Evolution die Oberhand zu gewinnen. Die Gewinner mussten ja starke, muskelbepackte Neanderthaler sein – zumal sie keine Bevölkerungsexplosion hervorriefen und so ihre natürliche Umwelt nicht vernichteten, sondern im Gegenteil förderten.

Humor

Abgesehen von diesem ironischen Humor gibt es zahlreiche weitere Stellen, an denen der Autor seinen Spott über absurde, aber allzu menschliche erscheinende Phänomene ausgießt. Jedem Kapitel, das einen neuen Tag beginnt, ist ein Auszug aus den im Internet zu findenden Nachrichten vorangestellt. Der Alien ist eine plumpe Fälschung der Regierung, sagt die Opposition, und diene lediglich Wahlkampfzwecken. Der Alien ist der Antichrist – oder auch der wiedergekehrte Jesus, meinen die US-TV-Evangelisten. Und das Weiße Haus fordert, der Alien sollte von der kanadischen Regierung schleunigst eingebürgert werden, sonst gebe es Ärger. Wenigstens die Eigentümer der Kupfermine von Sudbury sind zufrieden: Ponder zeigt ihnen zu ihrer Verblüffung ein unentdecktes Erzlager ganz in der Nähe.

Die Übersetzung

Alfons Winkelmann hat das Original meines Erachtens fehlerfrei übersetzt, was sicherlich nicht einfach war, wenn man die Vielzahl der wissenschaftlichen Fachbegriffe bedenkt. Andererseits haben sich eine ganze Reihe von Fehlern eingeschlichen, die grammatikalischer Natur sind, so etwa bei den Kasus-Endungen. „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, aber auch dem Akkusativ seiner.

Unterm Strich

„Die Neanderthal-Parallaxe“, der erste Roman einer Trilogie, ist ein schneller und unterhaltsamer Science-Fiction-Roman, der nicht allzu viel technische Vorkenntnisse voraussetzt, um dem Geschehen folgen zu können. Sowohl Männer als auch Frauen können dem Plot etwas abgewinnen, denn hier „menschelt“ es doch ganz gehörig – und sei es auch mit dem haarigen Vetter des Homo sapiens: mit dem ach so oft gescholtenen Neanderthaler. Dabei hat die Forschung inzwischen die Vorurteile, die im 19. Jahrhundert den schlechten Ruf des Vorgängers begründeten, längst widerlegt. Dies nutzt der Autor weidlich aus, um zu fragen, welche der beiden Menschenrassen sich eigentlich wie ein „Neanderthaler“ verhält. Und so wie die Kultur der Parallelwelt geschildert wird, sind wir es.

Man darf gespannt sein, wie die Geschichte von Ponter Boddit und Mary Vaughan weitergeht. Ich kann nur hoffen, dass daraus nicht ein Neuaufguss von Michael Bishops sehr ähnlichen Romanen „Das Herz eines Helden“ (Erdenfrau liebt einen Homo habilis) und „Nur die Zeit zum Feind“ (Zeitreisender liebt schöne Helena der Australopithecinen) wird. Daumen drücken!

Taschenbuch: 396 Seiten
Originaltitel: Hominids, 2002
Aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Alfons Winkelmann
www.festa-verlag.de