J. R. R. Tolkien – Der Hobbit

Der Bürger als Tausendsassa und Großkapitalist

Bilbo Beutlin, der kleine Hobbit, macht sich auf den Weg zum Einsamen Berg, um den rechtmäßigen Schatz der Zwerge zurückzuholen, den der Drache Smaug gestohlen hat. Als er auf seiner Reise mit den Zwergen einen Ring findet und ihn arglos einsteckt, ahnt er nicht, welch wichtige Rolle dieser Zauberring einmal spielen wird – nämlich in der Fortsetzung „Der Herr der Ringe“. Und Gandalf ist fast immer mit von der Partie, als sich Bilbo vom ängstlichen Hobbit zum mutigen Meisterdieb mausert.

Der Autor

John Ronald Reuel Tolkien wird am 3. Januar 1892 in Bloemfontein in Südafrika geboren. Bei einem Verwandtenbesuch in England im Jahre 1896 stirbt Johns Vater an den Folgen eines Blutsturzes. Die Tolkiens, John, sein älterer Halbbruder Hilary und seine Mutter Mabel, bleiben daraufhin in England und werden von ihrer Familie finanziell unterstützt. Im Jahre 1900 entscheidet Mabel sich dazu, vom Protestantismus zum katholischen Glauben zu wechseln. Das empört ihre Familie, die ihr daraufhin den Geldhahn zudreht.

Vier Jahre später, am 14. November 1904, stirbt Mabel in einem diabetischen Koma. John und sein Halbbruder werden von einer Tante aufgenommen, und John geht an eine königliche Schule und bekommt ein Stipendium für das Exeter College in Oxford, das er 1913 mit Auszeichnung verlässt. Während dieser Zeit lernt er auch Edith Bratt kennen, die er 1916 heiratet. Kurz nach der Heirat muss er aber für das Königreich in den Ersten Weltkrieg ziehen. 1916 ist er in Frankreich stationiert und wird schwer krank. Dieser Krankheit hat er zu verdanken, dass er im gleichen Jahr nach Hause kann und nie mehr in den Krieg ziehen muss. Schon während dieser Zeit beginnt er an dem „Silmarillion“ zu arbeiten.

1918 bringt Edith das erste von fünf Kindern zur Welt: John Francis. Die drei ziehen nach Oxford, wo Tolkien sein angefangenes Sprachstudium wieder aufnimmt und beendet. Im Oktober 1920 kommt der zweite Sohn Michael zur Welt. Im selben Jahr zieht die Familie nach Leeds, weil John dort einen Platz als Dozent an der Uni bekommt. 1924 wird John zum Professor berufen und sein dritter Sohn Christopher kommt zur Welt. Dieser sorgt nach dem Tod seines Vaters dafür, dass alle Manuskripte vervollständigt und veröffentlicht werden. Ein Jahr später gewinnt John die Wahl zum Angelsächsischen Professor an der Uni in Oxford. Die Familie zieht wieder zurück nach Oxford.

1929 legt Tolkien den Grundstein zu [„Der Hobbit“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=481 Außerdem wird seine erste Tochter geboren: Priscilla. Im folgenden Jahr beginnt Tolkien mit dem Manuskript zum „Hobbit“. Sieben Jahre später, am 21. September 1937, erscheint dann der „Hobbit“ bei Unwin und erhält viele positive Buchkritiken. Das Buch wird unter anderem mit dem „New York Herald Tribune“- Jugendpreis ausgezeichnet.

Im nächsten Jahr hat Tolkien schon konkrete Vorstellungen vom [„Herrn der Ringe“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1330 weil Raynor Unwin um eine Fortsetzung des „Hobbits“ gebeten hatte. Tolkien unternimmt mehrere Anläufe und schreibt jedes Mal den Anfang komplett neu. Nach dem Start herrscht aber wegen des Zweiten Weltkriegs, in dem zwei seiner Söhne dienen, erst einmal eine künstlerische Pause, die bis 1947 dauert. Erst jetzt fängt er wieder an, am „Herrn der Ringe“ zu arbeiten. Zwei Jahre später ist das Buch dann fertig, wird aber erst 1954/55 veröffentlicht, da Tolkien den „Herrn der Ringe“ zusammen mit dem „Silmarillion“ und mit allen Anhängen herausbringen wollte. Der Verlag verlangt aus Kostengründen (Papier war rationiert und teuer), dass das Buch in drei Teile aufgeteilt wird, die nacheinander erscheinen.

Am Anfang sind die Bücher nicht besonders erfolgreich, werden als absurd und schwer verständlich eingestuft. Erst nach dem Ace-Raubdruck ca. 1966 wird das Buch vor allem bei amerikanischen Studenten beliebt und schließlich zweimal verfilmt.

Im Jahre 1968 zieht Tolkien wegen seiner Frau noch einmal um, und zwar ins das Seebad Bournemouth, welches die Familie aus Urlaubsbesuchen kennt. Am 19. November 1971 verstirbt Edith an den Folgen einer Gallenblasenentzündung. Tolkien zieht wieder nach Oxford um, wo er als Ehrenmitglied auf dem Unigelände wohnt. Er erhält von der Queen den „Kommandeursorden des Britischen Empires“ (CBE). Außerdem hat er die Hoffnung, sein Lebenswerk, das „Silmarillion“, noch vor seinem Tod fertigstellen zu können. Aber Tolkien stirbt am 2. September 1973 achtzigjährig im Krankenhaus, als er gerade ein paar Freunde besucht. Im Jahre 1977 veröffentlicht sein Sohn Christopher das „Silmarillion“ nach radikaler Überarbeitung und bringt noch andere Bücher seines Vaters heraus.

J. R. R. Tolkien (1892-1973) verschlang schon als Schüler „Beowulf“ und die Abenteuer des Artus-Ritters [Sir Gawain]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=479 auf Mittelenglisch. Tolkien studierte in Oxford und wurde mit 32 Jahren zum Professor für mittelalterliche englische Literatur. Er lehrte nahezu 40 Jahre lang und gab u. a. ein mittelenglisches Wörterbuch heraus, das bis heute auf diesem Gebiet zu den Standardwerken zählt. Sein besonderes Interesse galt jedoch der Mythologie, den Sagen und Märchen. Tolkien zufolge spiegeln all diese Geschichten – auch die von ihm selbst erdachten – einen Funken ewiger Wahrheit wider.

Der Sprecher

Gert Heidenreich, 1944 in Eberswalde geboren, studierte alte und neue deutsche Literatur, Theaterwissenschaft, Soziologie und Philosophie in München. Zwischen 1967 und 1983 arbeitete er als Theaterautor und wurde journalistisch und publizistisch tätig, überwiegend für Radiosender, für Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung. Seit 1970 berichtet er in Reportagen über seine Afrika-Reisen. Seit 1972 ist er auch als Sprecher für Rundfunkanstalten, Fernsehen und Hörbuchverlage tätig. Heidenreich ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und des Deutschen PEN-Zentrums. Heute lebt er als freier Schriftsteller mit seiner Frau in Oberbayern.

Für den Hörverlag hat er die Bände zwei und drei von Tolkiens „Herr der Ringe“ eingelesen und löste dabei den verstorbenen Achim Höppner, die deutsche Synchronstimme Gandalfs, ab.

Regie führte Angela Kuhn, die Technik steuerte Christoph Panizza vom Giesing Team, München.

Handlung

Der Hobbit Bilbo Beutlin hat immer gedacht, er sei ein ruhiger und vor allem respektabler Bursche, doch er muss feststellen, dass er von seinen Ahnen ein guten Schuss Abenteuerlust im Blut hat. Seine Mutter Belladonna ist die Tochter des Alten Tuk, von dem das Gerücht geht, er sei mit den Elben verwandt. Und dessen Freund ist der Zauberer Gandalf, na bitte! Abenteuer und Magie können da nicht ausbleiben.

Und so kommt es, dass an einem Mittwoch Ende April im Jahr 2941 des Dritten Zeitalters der Zauberer an die Tür von Bilbos Hobbithöhle auf dem Bühl in Hobbingen pocht. Auf Bilbos freundliche Frage antwortet der Zauberer, der seinen Namen nicht nennt, er suche noch Teilnehmer für ein großes Abenteuer. Bilbo lehnt dankend, und nein, er kaufe auch nichts von Hausierern. Da stellt sich Gandalf endlich namentlich vor, und Bilbo erinnert sich. Auch diesmal lehnt er ab: kein Bedarf an Abenteuern jeder Art, was sollen denn die Nachbarn denken! Beim Gehen kratzt Gandalf ein Zeichen an Bilbos Tür.

Eine unerwartete Gesellschaft

Am nächsten Tag, es ist wohl zur Teestunde, klopft ein Zwerg an Bilbos Tür und stellt sich als Dwalin vor. Als höflicher Hobbit bietet Bilbo ihm Tee und Kekse an. Wenig später trifft ein sehr alter Zwerg namens Balin ein, der ebenfalls gerne Kekse annimmt, aber ein Bier bevorzugt. Er kündigt weitere Zwerge an: Fili und Kili, dann Ori, Nori, Dori, Oin und Gloin (späterer Vater von Gimli). Und Gandalf! Bilbo findet, das sei schon fast ein Haufen. O Schreck: Ihm geht der Kuchen aus! Da treffen noch weitere vier Zwerge ein: Bifur, Bofur, der dicke Bombur und schließlich der alte Thorin Eichenschild. Alle zusammen futtern und trinken, dass sich Bilbo sputen muss, alle seine Vorräte aufzutragen. Doch sie räumen auch wieder ab und putzen, bevor es zum gemütlichen Teil geht: Sie paffen und singen und Thorin spielt die Harfe. Er singt ein eigenartiges Lied über verborgene Schätze der Zwerge, einen räuberischen Drachen im Einsamen Berg, das untergegangene Thal und so weiter. Da packt Bilbo die Tuksche Abenteuerlust.

Kaum dass er sich versieht, ist er von Thorin bereits zum „Mitverschworenen“ ernannt worden. Er sagt, sie planen eine Reise, von der sie nie zurückkehren könnten. Da schreit Bilbo entsetzt auf. Doch Gandalf findet seine Reaktion verständlich. Gloin zweifelt: „Das soll unser Meisterdieb sein?“ Da regt sich in Bilbo der Stolz und bietet seine Dienste an, was Gloin aber nicht umstimmen kann. Gandalf bereitet der Diskussion ein Ende und breitet Thrors Landkarte vom Einsamen Berg vor Bilbos staunenden Augen aus. Er gibt Thorin einen silbernen Schlüssel: für die Hintertür zum Berg Erebor.

Die Vorgeschichte

Silber! Da fallen Bilbo eine paar Fragen ein, die sich ein Profi wohl stellen sollte: Wie sieht es mit dem Risiko aus und steht es in einem guten Verhältnis zum Lohn? Thorin erzählt eine wilde Geschichte vom Kommen Smaugs, des Drachen, dem Untergang der Zwergenstadt Thal und der Vertreibung der Zwergenfürsten Thror und Thrain. Thror wurde von einem Ork in Moria getötet, und Thrain verlor seinen Verstand in den Verliesen des Nekromanten, der in Dol Guldur sein Unwesen treibt. Zum Glück konnte Gandalf Thrors Karte retten. Bilbo ist begeistert und will gerne mit.

Als er am nächsten Morgen aufsteht, ist keiner seiner zahlreichen Gäste da! Doch um 10:30 Uhr trifft Gandalf ein, um Bilbo abzuholen. Ob er denn nicht die Botschaft der Zwerge gelesen habe? Bilbo liest die Vertragsbedingungen für seine Tätigkeit als Meisterdieb, kann nicht mal mehr packen, sondern eilt mit Gandalf zu den Zwergen, die schon in Wasserau warten. Er bekommt ein Pony und frische Kleider, Gandalf bringt seinen Tabak nach, und schließlich kann es losgehen.

Die Trolle

Sie sind kaum ein paar Tage durch schlechtes Wetter unterwegs, als sie ihren Proviant verlieren. Da sehen sie abends ein willkommen heißendes Feuer. Sollen sie hingehen? Aber es könnte gefährlich sein, oder? Schicken wir doch einfach den Meisterdieb vor! Bilbo schleicht sich an und stößt auf drei hungrige Trolle namens Huki, Toni und Berti, die aus den Bergen herabgekommen sind, um Dörfer zu überfallen. Sie haben Braten, Bier und ein wärmendes Bier – da läuft Bilbo das Wasser im Mund zusammen. Doch sein erster Versuch eines Diebstahls geht gründlich schief. Er wird auf frischer Tat ertappt! Die Trolle fragen sich, ob dieser „Taschenhobbit“ wohl essbar sei. Au weia, Bilbo, in was bist du nur hineingeraten …

Mein Eindruck

Ich habe diese Eingangsszene so detailliert dargestellt, um zu zeigen, dass hier Welten aufeinanderstoßen. Bilbo lebt als ein Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft halbwegs geachtet als wohlhabender Junggeselle ohne festen Beruf, sozusagen als Landjunker. Er hat keine Zukunft, aber auch keine Vergangenheit. Nun kommen die Zwerge daher, die einen Plan für die Zukunft haben, aber ständig in die Vergangenheit blicken.

Blick in die Vergangenheit

Denn dort, im geraubten Königreich am Einsamen Berg, liegt der Schatz ihres Volkes. Und ein fremder Usurpator, der Drache Smaug, hat sie enteignet und vertrieben, von vielen Toten in Thal ganz zu schweigen. Die Zwerge sind die modernen Israeliten und leben in der Diaspora. Nun sollen ihnen ein Zauberer und ein „Meisterdieb“ helfen, Land und Schatz zurückzuerringen. Ein, gelinde gesagt, gewagtes Unterfangen. Es ist etwa so, als wollten die versprengten Juden ihr Stammland von den Arabern in Palästina zurückerobern und obendrein jedweden Herrscher vertreiben, um dessen Schatz zu erlangen. Für jeden in Geschichte bewanderten Leser ist klar, dass dies nur in Krieg und Blut enden kann.

Der brave Bilbo aber hat keine Ahnung. Vielmehr fühlt er sich in seinem Stolz angegriffen, dass man ihn für fähig hält, einen Schatz zu stehlen. Sein ererbter Sinn für Abenteuerlust, aber auch sein Bürgerstolz sind angesprochen. Eigentlich sollte er sich nicht wundern, dass es am nächsten Morgen gleich überstürzt und unvorbereitet losgeht. Schließlich geht es nicht auf eine Expedition, sondern auf eine Schatzsuche.

Meisterdieb

Ein Bürger aber wächst mit seinen Aufgaben. Die Trolle zu beklauen, ist noch Peanuts gegen das, was Bilbo mit Gollum macht: Er klaut den Zauberring, der ihn zu einem noch besseren Dieb macht. Und erst damit kann er der ultimativen Bedrohung gegenübertreten: dem goldenen Drachen unter dem Berg.

Nun, auch Smaug ist ein Meisterdieb, denn er hat den Zwergen ihren Schatz abgenommen. Seine mächtigste Waffe sind neben seinem Drachenfeuer die Verbündeten Angst und Schrecken. So bringt er das Land unter seine Kontrolle. Der Bürgermeister von Seestadt etwa arrangiert sich lieber mit Smaug als seinen Zorn zu erregen. Er ist ein Kollaborateur. Doch es gibt eine Résistance: die Menschen um Bard, den Bogenschützen. Was hier prophetisch nach II. Weltkrieg klingt, ist seit Urzeiten Praxis aller Gewaltherrscher. Und Professor Tolkien wusste darüber natürlich Bescheid.

Eroberung

Ist es nun Diebstahl, wenn sich die Zwerge den ihnen gestohlenen Schatz zurückstehlen? Wohl kaum, sondern eine etwas eigenwillige Art der Restitution. (Die Deutschen warten heute noch auf viele Dinge, die in russischen Archiven liegen und ihnen per Restitution zustünden: Beutekunst.) In solcher Gesellschaft lässt sich leicht stehlen: Bilbo krallt sich den Arkenstein, das „Herz des Berges“ und den größten Schatz der Zwerge.

Großkapital

Mit diesem mordsmäßigen Gewinnzuwachs (oder auch Beute) steigt Bilbo, unser Landjunker, zum Großkapitalisten auf: Nun spielt er unversehens in der Oberliga des Finanzmarktes mit. Verwunderlich, dass ihm dabei nicht vor Spekulierlust der Verstand schwindet, wie man es dieser Tage – im September 2008 – an der Wall Street beobachten konnte. Weniger verwunderlich ist hingegen, dass ihm sein vormaliger Auftraggeber Thorin Eichenschild ob dieses Diebstahls die Freundschaft kündigt und zudem die Ansprüche von Elben und Menschen aus Seestadt abweist. Er ist jetzt der König unter dem Berge und somit der reichste Großkapitalist weit und breit.

Nun walten die Kräfte des Marktes ungehindert, seit die Befreiung des Schatzes alle Schranken niedergerissen und jedermanns Begierden entfacht hat. Sogar die Orks rücken mit einer Armee an, und es kommt zur berühmten „Schlacht der fünf Armeen“ am Erebor. Höchste Zeit, dass einer für Ordnung sorgt und mit dem ganzen Zinnober Schluss macht: Gandalf ist gefragt.

Zu unserem Erstaunen vermag er nichts auszurichten, sondern vielmehr ist es Bilbo, der sich als Zünglein anderer Waage betätigt. Das erinnert uns daran, dass „selbst der Kleinste den Lauf der Welt zu verändern vermag“, wie Galadriel in Peter Jacksons „Herr der Ringe“ so nett sagt. Klartext: Ein Brite in der Welt, der seine fünf Sinne und gesunden Menschenverstand beisammen hat, kann die Welt wieder in Ordnung bringen.

Einschlafgeschichte

Mit dieser Zusicherung können britische Kinder beruhigt zu Bett gehen. So erfüllt das als Kinderbuch konzipierte und angefangene Werk seine klassische Funktion als Einschlaflektüre: auf aufregende Abenteuer folgt stets die Rettung. Am Ende stehen ein glücklicher Ausgang und – durchaus erleichtertes Auflachen des Helden. Kein Wunder, dass diese Geschichte enorm erfolgreich war und nach einer Fortsetzung verlangte. Für diese brauchten Tolkien und sein Verlag jedoch nicht weniger als 17 Jahre: „Der Herr der Ringe“ wurde 1954 und 1955 veröffentlicht.

Der Sprecher

Gert Heidenreich erweist sich auch, wie schon bei „Herr der Ringe II und III“, als optimale Besetzung für den Sprecherpart. Man bedenke, dass sich Bilbo nicht nur selbst als Stimmenimitator betätigt, sondern zudem eine Unmenge an erfundenen Wesen auftreten, die alle nach einer glaubwürdigen stimmlichen Vertretung verlangen.

Dass Hobbits die stimmliche Normalgröße vorgeben, dürfte klar sein, aber schon bei den Zwergen und dem Zauberer wird es anspruchsvoller. Sie müssen alle tief und doch anders klingen. Thorin als dem ältesten der ZWERGE gebühren Autorität und eine gewisse Majestät, dem ZAUBERER aber Autorität und Warmherzigkeit, fast wie bei Höppners Stimme, die wir im Film hören. Dwalin ist am leichtesten zu identifizieren, weil er als einziger lispelt und Fili und Kili haben die höchsten Stimmen.

Die TROLLE sind eine wunderbare Schöpfung Heidenreichs. Sie klingen so hohl wie ihre Köpfe, aber auch so tief wie ihre gierigen Hälse. Erschrocken stottert Bilbo, überlistet sie aber als Stimmenimitator. Reichlich seltsam muten uns im Vergleich dazu und zu ihrem Erscheinen im „Herrn der Ringe“ die ELBEN an. Sie blödeln herum, als hätte sie keine Sorge in der Welt. Der einzige vernünftige Elb ist Elrond, der freundlich und würdevoll daherkommt. Schließlich sind die Elben die idealisierteste Schöpfung Tolkiens.

Die ORKS, unter welche die Gefährten als nächstes fallen, sind das genaue Gegenteil der Elben: abgrundtief hässlich, böse bis zum Gehtnichtmehr und fies obendrein, aber keineswegs dumm wie ein Troll. Vor ihnen flieht Bilbo in die Tiefe des Gebirges und stößt dort auf GOLLUM, Tolkiens interessanteste Figur (nach Aragorn und Frodo). Heidenreich intoniert ihn mit tiefer Stimme, die aber mit vielen Zischlauten durchsetzt ist. Gollum ist hinterlistig, gierig, stets leicht am Rande des Wahnsinns vor lauter Einsamkeit – und wegen des Rings, den er verloren hat. Ganz wunderbar, wie es Heidenreich gelingt, ob Gollums Schmerz über den abermaligen Verlust des Rings zum Steinerweichen zu jammern und zu klagen. Nachdem er ihn in den Tunneln verlor, merkt er nun, dass Bilbo ihn hat. Und er schwört dem Hobbit furchtbare Rache …

Nach der Nutzung der ADLER als Lufttaxi geraten die Gefährten wieder mit den Orks aneinander, werden aber diesmal von BEORN und dessen Verbündeten gerettet. Beorn ist ein Gestaltwandler, muss also Züge eines Bären aufweisen. Folglich ist sein Stimme besonders tief, aber auch sehr freundlich. Und wie könnte es anders sein: Er singt auch noch, aber wesentlich schöner als die hässlichen Orks.

Wie stellt man stimmlich SPINNEN dar? Wohl ziemlich leise – oder überhaupt nicht. Aber sie unterhalten sich tatsächlich, allerdings krächzend. Und sie regen sich mächtig auf, weil ihnen Bilbo ein Spottlied singt: „Atterkopp!“ Nach weiteren Begegnungen werden alle Zwerge von den WALDELBEN gefangen genommen, doch Bilbo ist ja durch seinen Zauberring unsichtbar. König Thranduil spricht mit einem slawischen Akzent, wenn er das R entsprechend rollen lässt. Das zeigt als fremdländischen Herrscher. Natürlich singen auch die Elben, wie könnte es anders sein, ganz besonders dann, wenn ihnen der Wein die Zunge lockert. Bilbo hat sich erkältet und näselt ganz erbärmlich.

Der DRACHE SMAUG ist ein völlig anderes Kaliber als jedes andere Fremdwesen außer Gollum. Wie der mutierte Hobbit ist er listig und gierig, verbirgt seine Verschlagenheit aber hinter einer sanften, volltönenden und würdevollen Sprechweise. Lässt sich Bilbo davon täuschen? Natürlich nicht, sondern er geht seinerseits zu Listen über, die er sich im heimeligen Hobbingen wohl nie zugetraut hätte.

Nach einer Begegnung mit den MENSCHEN von Seestadt machen die Gefährten Bekanntschaft mit den RABEN des Einsamen Berges. Roark ist mit 153 Jahren deren ältester Vertreter, denn er ist der Sohn Carcs, der sogar noch Thror, Thorins Ahnen, kannte. Roark spricht mit einer tiefen, rauen, aber keineswegs krächzenden Stimme.

Auf der Rückreise wiederholen sich viele dieser Begegnungen, so etwa mit Beorn und den Elben. Allerlei Gesänge und Gedichte sind zu hören, darunter Bilbos Poem „Die Straße gleitet fort und fort“, das er in „Herr der Ringe: Die Gefährten“ so schön singt. Am Ende stehen ein Fest und ein Lachen, wie es sich für das Happy-End jeder fantastischen Geschichte gehört. Allerdings ist Bilbo seinen guten Ruf der Ehrbarkeit für immer los.

Gesang und Gedichte

Eines der Hauptmerkmale von „The Hobbit“ und „The Lord of the Rings“ sind Lieder und Gedichte. Leider werden sie in den Verfilmungen von „Herr der Ringe“ so gut wie gar nicht berücksichtigt. Nur einmal singen die Elben, aber auch nur in der Extended Version, „A Elbereth Gilthoniel“.

Im vorliegenden Text trifft den überraschten Hörer daher die geballte Ansammlung von Lied und Gedicht mit unverminderter Wucht. Ein höchst heikler Moment, denn man bangt ja, ob der Sprecher diese Aufgabe bewältigen kann. Verfügt er über eine musikalische Stimme, kann er überhaupt einen Ton treffen bzw. halten? Die Erleichterung ist dementsprechend riesig, als Heidenreich alle Erwartungen bestens erfüllt.

Die Übersetzung

Ich war überrascht von der Modernität der Übersetzung Wolfgang Kreges. Hier musste ich mich daran gewöhnen, moderne Wirtschaftsbegriffe an den Kopf geworfen zu bekommen (was allerdings kein Problem darstellte), und dass sich die Figuren wie heute siezen statt sich mit „Ihr“ und „Euch“ anzureden.

Wirklich missglückt fand ich nur Kreges Wahl, aus Bruchtal das „letzte heimische Haus“ statt das „letzte heimelige Haus“ zu machen. Was hat man sich denn unter „heimisch“ vorzustellen? Tierarten sind heimisch, und der Begriff hat etwas mit „Heimat“ zu tun. Gemeint ist aber wohl kaum, dass sich Hobbits und Zwerge bei den Elben „heimisch“ fühlen sollen. Vielmehr ist eine Art Gemütlichkeit und Behaglichkeit gemeint, die auch Sicherheit mit einschließt. Dann ist „heimelig“ der zutreffende Ausdruck.

Das Booklet

Der Verlag weist im Booklet darauf hin, dass Marcel Büllen und Gernot Katzer von der Deutschen Tolkiengesellschaft geholfen haben, die Informationen im Booklet zusammenzutragen und für die korrekte Aussprache der Namen im Text zu sorgen. Das ist ein sehr löbliches Vorgehen, dessen Ergebnis die Fans – wie mich – sicher freuen dürfte.

Neben einer Liste der Kapitel, die auf die zehn CDs verteilt wurden, enthält das Booklet eine [Landkarte von Wilderland]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=3221 und Thrors Karte vom Einsamen Berg, über welche die Zwerge gleich bei ihrem ersten Besuch in Bilbos Hobbithöhle sprechen. Die Zwergenrunen, die sie auf der Karte finden (auch die Mondrunen), werden im Begleittext erklärt und übersetzt. Eine Anmerkung gibt einen Tipp, wie die Angaben der Karten zu lesen sind.

Diesem ersten Teil folgt eine Biographie des Autors J. R. R. Tolkien. Die vier Seiten wurden von Marcel Büllen geschrieben. Danach folgt eine Seite in Runen: „Der Hobbit oder Hin und Zurück“. Eine Doppelseite ist dem Sprecher Gert Heidenreich gewidmet. Credits und Programmhinweise auf die Tolkien-Veröffentlichungen des Hörverlags komplettieren die Inhalte des 20-seitigen Booklets. Eine saubere Arbeit, die vor allem sachlich und sachdienlich ist. Man würde sich höchstens noch Webadressen wünschen, aber diesbezüglich wäre die Nutzung von Google & Co. sicherlich ergiebiger.

Unterm Strich

„Der Hobbit“ ist bis zum heutigen Tage eines der erfolgreichsten Kinderbücher überhaupt. Da es die Vorgeschichte zum „Herrn der Ringe“ erzählt, sind alle Leser, die von Tolkiens Hauptwerk begeistert waren, auch erpicht darauf, Bilbos Geschichte zu erfahren. In Peter Jacksons Verfilmung wird sie als „There and back again“ kurz erwähnt: Bilbo schreibt seine Memoiren in Bruchtal.

Was alle verwundern dürfte, die nur den Film kennen, sind die zahlreichen Lieder und Gedichte, die Tolkien eingeflochten hat. Erstaunlich ist auch der etwas kindliche Humor, der sich bei jeder glücklichen Rettung zeigt. Aber es gibt auch eine dunkle Seite im „Hobbit“: Streit um Besitz und Macht, ein dunkler Herrscher wird getötet, und es ist nicht der geisterhafte Sauron, sondern eine legendäre Fabel-Gestalt: ein Drache, der sprechen kann (wie übrigens alle Tiere von Bedeutung).

Außerdem betätigt sich Bilbo fortwährend als Verbrecher: eben als Meister der Diebe. Er beklaut sogar seinen wichtigsten Kunden: die Zwerge. Kein Wunder, dass sein guter Ruf als Bürger daheim im Auenland hinterher völlig futsch ist. Doch: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“ Den Ringdiebstahl muss sein Neffe Frodo dann fast mit dem Leben bezahlen.

Das Hörbuch

Obwohl das Hörbuch weder Musik noch Geräusche aufbietet, vermag es doch sehr gut zu unterhalten. Dies ist einzig und allein dem hervorragenden Sprecher zu verdanken. Heidenreich zieht alle Register und charakterisiert eine große Anzahl von Figuren auf unterscheidbare und doch stets einheitliche Weise. Die Szenen schildert er mit spürbarer Begeisterung und einem feinen Sinn für die Ironie einer Situation, so etwa schon in der oben geschilderten Anfangsszene.

654 Minuten auf 10 CDs
Originaltitel: The Hobbit, 1937/1966
Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Krege
ISBN-13: 978-3-86717-211-0
http://www.hoerverlag.de