Jules Verne / Leonhard Koppelmann – Reise zum Mittelpunkt der Erde

Mit Kino-Feeling: Begegnung mit dem Meeresmonster

Professor Otto Lidenbrock, ein kauziger Experte in Sache Steine und Mineralien, findet in einem alten isländischen Buch eine Wegbeschreibung ins Erdinnere. Mit seinem Neffen Axel und dem einheimischen Führer Hans steigt er durch einen isländischen Vulkankrater hinab und entdeckt eine atemberaubende unterirdische Welt voll faszinierender Landschaften und Lebewesen. (ergänzte Verlagsinfo)

Der Autor

Jules Verne, geboren 1828 in Nantes, wo er auch aufwuchs, studierte Jura in Paris, bevor er ein viel größeres Interesse am Theater bekam. In Gemeinschaftsarbeit mit Alexandre Dumas – dem Autor der „Drei Musketiere“ – schrieb er Opern, Libretti und Dramen. Erst 1863 begann er mit der Niederschrift seiner Abenteuer- und Zukunftsromane. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „20 000 Meilen unter dem Meer“ und natürlich „Reise um die Erde in 80 Tagen“. Alle diese Romane wurden verfilmt. Die Verfilmung der „Reise um die Erde“ mit David Niven als Phileas Fogg (1956) wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet.

Die Sprecher / Die Inszenierung

Das 156 Minuten lange Hörspiel ist eine Gemeinschaftsproduktion von Mitteldeutscher Rundfunk und Rundfunk Berlin-Brandenburg aus dem Jahre 2005. Die Hörspielbearbeitung und die Regie lag in den erfahrenen Händen von Leonhard Koppelmann, die Dramaturgie besorgte Steffen Moratz. Die Musik steuerte Henrik Albrecht bei, der u. a. schon zahlreiche Hörspiele nach Krimivorlagen von Andrea Camilleri vertont hat.

Die wichtigsten Sprecher sind:
– Wolf-Dietrich Sprenger: Prof. Otto Lidenbrock;
– Florian Lukas (geboren 1973): sein Neffe Axel; und:
– Uwe Friedrichsen (geboren 1934, feierte 2003 sein 50-jähriges Bühnenjubiläum!): Prof. Friderickson.
– Daneben treten Bjarne Henriksen als Hans, Anna Maria Mühle als Gretchen, Klaus Manchen als Kapitän und Manuel Lai als Hirtenknabe auf.

Bemerkenswert ist an dieser Inszenierung, dass die Macher auf die erste deutsche Übersetzung aus dem Jahre 1874 zurückgriffen statt auf eine neuere Bearbeitung. Diese alte Übersetzung wurde anonym erstellt und zeichnet sich – natürlich – durch den zeitgenössischen Gebrauch der deutschen Sprache aus. Statt „gegen“ sagte man beispielsweise damals häufig „wider“.

Dieses Hörbuch gibt es auch – ebenso wie „In 80 Tagen um die Welt“ und „20.000 Meilen unter den Meeren“ – im Tonstandard Dolby Surround 5.1 auf DVD. Diese Tonabmischung hört man in Stereo auf der „normalen“ CD.

Handlung

Am Sonntag, den 21. Mai 1863, entdeckt der Mineraloge Professor Otto Lidenbrock in seinem Domizil in der Hamburger Königsstraße eine uralte Chronik der isländischen Herrscher, die „Heimskringla“ des Snorri Sturluson. Als er das Runenmanuskript auseinander faltet, fällt ein Pergament heraus, das jedoch viel jünger ist und aus dem 16. Jahrhundert stammt. Dieses ist in verschlüsseltem Latein geschrieben und stammt offenbar von dem Alchimisten Arne Saknussem. Der erste Entschlüsselungsversuch ergibt Unsinn, aber der zweite lässt erkennen, dass Saknussem den Abstieg in den Krater eines Vulkans auf Island beschreibt. Und der Weg führt in die Tiefe.

Für Lidenbrock ist das Dokument natürlich ein gefundenes Fressen! Wer weiß, was er aus dem Krater alles an mineralischen Schätzen zutage fördern könnte. Und da der Vulkan zuletzt im Jahr 1219 ausgebrochen ist, scheint auch überhaupt keine Gefahr zu bestehen, von Lavamassen überrascht zu werden. Kurzum: Er muss unbedingt hinfahren. Und weil Saknussem genau den Einstiegspunkt an einem bestimmten Tag bezeichnet hat, muss er sich sogar beeilen, um am 28. Juni vor Ort zu sein.

Aufbruch nach Island

Mit seinem Neffen Axel, dem Ich-Erzähler der Geschichte, verabschiedet er sich von seinem Mündel Gretchen, 17, in die Axel verliebt ist. Sobald er wieder zurückgekehrt ist, wollen die beiden heiraten. Aber ob es wohl dazu kommt, ist noch nicht klar. Denn erst einmal führt der Weg über Kopenhagen nach Reykjavik, Islands Hauptstadt. Der Kapitän der Valkyrie stellt ihnen Professor Friderickson vor, bei dem sie Unterkunft finden. Von ihm erfahren sie, dass Saknussem im Jahr 1573 als Ketzer verbrannt wurde. Ein schöner Gewährsmann!

Dort stellt sich das Problem, dass niemand im Hafen ist: Alle sind auf Walfang. Nur der brave Eiderentenjäger Hans Bjälke bietet ihnen an, sie zum Dorf am Fuße des Kraters zu führen. Sie packen auf zwei Pferde Waffen, Instrumente, Werkzeuge, Proviant für sechs Monate, eine Feldapotheke sowie Gold und Silber ein. Denn wer weiß, mit was sie am Mittelpunkt der Erde oder auf der anderen Weltseite werden bezahlen können.

Aufbruch zum Krater

Am 16. Juni treffen sie im Dorf Staby ein, können aber erst eine Woche später zum Krater aufbrechen, der direkt aus dem Meer in eine Höhe von 5000 Fuß aufsteigt. Dort oben wird es recht windig und kühl. Eine Windhose voll Bimsstein erschwert das Atmen, und Schneefall nimmt ihnen die Sicht. Der Krater ist gigantisch: ungefähr fünf Kilometer im Durchmesser und 2000 Fuß tief. Allerdings gibt es drei offene Kamine, die Zugang in die Tiefe gewähren – welcher also ist der richtige? Am 28. Juni pünktlich um 12:00 Uhr mittags zeigt ihnen die zwischen Wolken hervorlugende Sonne per Lichtstrahl den Eingang. Bingo!

In die Tiefe

Hans führt sie mit einem Seil in die Tiefe, bis sie bei 2800 Fuß auf den Grund des Kamins stoßen. Erstaunlicherweise steigt die Temperatur nicht so schnell wie erwartet. An einer Gabelung nehmen sie falsche Abzweigung, die nur in einen Kohleflöz führt. Allmählich leiden die Expeditionsteilnehmer (anders als im Film keine Frau) unter Wassermangel. Sie müssen auf Wacholderbranntwein umsteigen und sind schon binnen kurzem stockbesoffen. Axel kriegt Panik, doch der Prof kann ihn überreden, ihm noch einen Tag Aufschub zu gewähren. Immerhin sind sie bereits in 15 Kilometern Tiefe. In letzter Sekunde findet Hans weiter unten eine Quelle, die ihnen das Leben rettet. Sie folgen dem Bach, bis sie sich 200 km in südöstlicher Richtung vom Krater befinden.

Verloren!

Es ist der 28. Juli, als sich Axel auf einmal völlig alleine sieht. Als seine Lampe erlischt, packen ihn der Wahnsinn und das kalte Grausen. Bildet er es sich ein, oder ertönen in dem Getöse menschliche Stimmen? Als er wieder aus seinem Fieber erwacht, schreibt Lidenbrock den 9. August, 23:00 Uhr. Das war knapp.

Das Lidenbrock-Meer

Hat Axel schon wieder Halluzinationen? Er hört Wellenschlagen, Meeresrauschen und Wind! Wind unter der Erde? Axel tritt ins Licht am Strand des Lidenbrock-Meeres und staunt. Erhellt wird die See, deren gegenüberliegendes Ufer nicht zu sehen ist, von einem Lichterspiel ähnlich den Nordlichtern. Es ist der 47. Tag ihrer Reise, als sie in einen Wald aus Riesenchampignons geraten, aus dessen Boden Knochen ragen. Lidenbrock identifiziert sie als die eines Megatheriums aus dem Erdaltertum. Ob es wohl auch Menschenknochen hier unten gibt?

Mit dem Floß, das Hans gebaut hat, stechen sie am 13. August in See. Von Gretchens Hafen aus segeln sie unter einem sehr warmen Nordostwind. Doch Lidenbrocks Sonde hat ein Monster der Tiefe aufgestört, und es hat großen Appetit auf einen kleinen Happen zwischendurch, wie ihn die drei Männer darstellen. Sagte ich eines? Nein, es sind gleich zwei!

Mein Eindruck

Die meisten Fernsehzuschauer kennen irgendeine Film- oder Fernsehversion dieser berühmten Abenteuergeschichte. Es gibt sogar ein „Musical“ von Keyboarder Rick Wakeman mit sehr passender Musik dazu. Aber die wenigsten kennen das Original aus dem Jahr 1864/65, das im Jahr 1874 erstmals ins Deutsche übertragen wurde. Und wie aus der obigen Inhaltsangabe hervorgeht, geht keine Frau unter die Erde, um irgendwelche Urviecher anzugucken. Nein, Gretchen, die einzige Frau im Buch, bleibt schön daheim und schaut, dass dort alles in Ordnung gehalten und nichts gestohlen wird, bis die Abenteurer wieder zurückkehren.

Vulkanologie, eine junge Wissenschaft

Wie man sieht, stammt die Geschichte aus dem tiefsten 19. Jahrhundert, als nur recht wenige Damen aufmüpfig genug waren, mit den Männern ins „feindliche Leben“ hinauszugehen. (Und wenn sie es taten, so wurde dies sehr gut dokumentiert.) Im Jahr 1864 war aber auch noch sehr wenig über das Innenleben von Vulkanen bekannt, sonst hätte der Autor die Abenteurer nicht in Island in einen der Feuerberge steigen und im Stromboli wieder ans Tageslicht klettern lassen. (Und nicht aus dem Ätna, wie manche Versionen angeben.)

Diese Unwissenheit sollte erst allmählich mit dem verheerenden Ausbruch des Vulkans Krakatau im Jahre 1883 in der Sunda-Straße weichen. In der niederländischen Kolonie Indonesien wurden ebenso eifrig Aufzeichnungen gemacht wie rund um den Erdball an allen geologischen Instituten. Es gibt zu dem Thema eine kürzlich im TV gezeigte Fernsehdoku und ein vorzüglichen Buch von Simon Winchester.

Die Erde ist 6600 Jahre alt, oder?

Verne versteht es geschickt, mit bescheidenen Mitteln Spannung aufzubauen. Wassermangel und Irregehen sind nur zwei verbreitete Gefahren bei Expeditionen. Aber dann auch noch Meeresdinosaurier auftreten zu lassen, war seinerzeit etwas Unerhörtes. Man fragt sich, wie der Franzose auf diese Idee kam.

Es muss wohl daran liegen, dass in seinen Jahren zunehmend Fossilien – auch dreiste Fälschungen! – gefunden wurden, die auf ein weitaus höheres Alter der Erde hinwiesen, als die Bilbelforscher und Kirchenlehrer verkündeten: 6600 Jahre reichten offenbar nicht aus, um diese Knochen zu erklären. Oder hat „Gott nur geübt“, wie manche behaupteten? Im Jahr 1912 griff Arthur Conan Doyle mit seinem Roman [„The Lost World“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1780 diese Gedanken wieder auf, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass die längst ausgestorben geglaubten Urviecher noch quicklebendig in Venezuela leben! Doyles Story ist die Urmutter aller „Jurassic-Park“-Phantasien, die man uns heutzutage vorsetzt.

Ente gut, alles gut

Verne bringt seine kühne, abgefahrene Geschichte schließlich doch noch zu einem glücklichen Ende, und Axel kann sein Gretchen heiraten, lediglich zehn Wochen nach seiner Abfahrt in den Norden. Wahrscheinlich ist er jetzt endgültig von seiner Höhenangst kuriert. Arne Saknussem, der am Lidenbrock-Meer seinen Dolch verlor und auf dem Scheiterhaufen sein Leben, wäre zufrieden gewesen.

Die Sprecher / Die Inszenierung

Die Riege der Sprecher besteht nur aus zwei Hauptfiguren – Axel und der Professor – und einer Reihe von Nebenfiguren. Unter diesen ragt der bekannte Schauspieler Uwe Friedrichsen in der Rolle des Prof. Frederikson – wie passend ist die Namensähnlichkeit! – heraus. Um die Sprecher zu charakterisieren, braucht man sich nur einen bunten alten Abenteuerfilm aus den fünfziger oder sechziger Jahren vorzustellen. Ein wenig überbetont in ihrem Gefühlsausdruck dürfen die Sprecher aber schon sein, denn schließlich findet der Zuhörer zu dieser Geschichte nur über das Gehör Zugang – dementsprechend expressiv muss gesprochen werden.

Was die Stimmen jedoch interessant macht, sind die Hexereien, die der Tonmeister damit anstellt. Als der Professor das Manuskript des Arne Saknussem dechiffrieren will und Unsinn dabei herauskommt, hören wir nicht eine, sondern mehrere Stimmen – und immer die gleiche – übereinander gelagert. Das nennt man wohl Dubbing. Wenn sich Axel in den subterranen Gängen und Galerien verirrt, so erklingt seine durch Hall verstärkte Stimme recht verloren in der Unterwelt. Die sich ihm nähernden Stimmen von Hans und dem Professor sind ebenfalls verzerrt: teils durch Echo, teils durch Hall.

Musik und Geräusche

Diese Soundeffekte stehen in engem Zusammenhang mit den Geräuschen, die zu jeder passenden Gelegenheit eingesetzt werden. Einigermaßen erstaunt hören wir zu Anfang das Gurren von Tauben. Daraus können wir nur folgern, dass sich das Arbeitszimmer des Professors in der Nähe des Daches und eines Taubenschlags befinden muss. Das Rascheln einer Landkarte und das Klappern von Besteck ergänzen die heimelige Soundkulisse.

In Kopenhagen erleben die beiden ein schönes Abenteuer, das als Vorspiel zu Island zu verstehen ist. Der Prof befiehlt seinem Neffen, den Turm einer Kirche zu besteigen, und zwar bis zur Turmspitze! Axel ist keineswegs schwindelfrei und rackert sich entsprechend ab. Unter dem Brausen des Seewindes hören wir das Schreien von Möwen, das Krächzen von Krähen und das Schlagen des Seiles an einem Fahnenmast. Jetzt die Augen schließen, tief durchatmen und sich vorstellen, man sei am Meer – eine Kleinigkeit.

Auf Island gibt es zunächst nur Wellenrauschen, Windbrausen und jede Menge Schafe. Das ändert sich, als es zum Krater geht: Pferde wiehern, Steine rollen, Wind braust und ein Raubvogel schreit, dass es einen schaudert. Man denke sich noch die entsprechende Musik von Henrik Albrecht hinzu und hat dann das perfekte Kino-Feeling.

Unter Tage machen sich die oben beschriebenen Effekte an den Stimmen bemerkbar. Aber es kommt auch ein sonderbares unheilvolles Grummeln hinzu, das aus der Tiefe dringt. Gespannte Stille und Lärm wechseln sich ab, bis endlich wieder das Rauschen des Meeres zu hören ist – diesmal aber tausende von Kilometern von Island entfernt. Höchst dramatisch ist die Überquerung des Lidenbrock-Meeres in einem Gewittersturm. Es war sicherlich nicht einfach, einen Kugelblitz soundtechnisch zu simulieren. Dementsprechend hören wir vor allem Geräusche von statischer Elektrizität.

Nach der Sichtung von Mastodons, die wie Elefanten brüllen, erfolgt eine notwendige Sprengung. Diese Explosion kann sich wirklich hören lassen. Vogelzwitschern ist erst wieder zu hören, als die Abenteurer die Oberfläche erreicht haben.

DD 5.1

Die Soundkulisse wurde im Verfahren Dolby Digital 5.1 aufgenommen, wie der Abspann verrät. Und wenn man bedenkt, dass es das Hörspiel auch auf DVD gibt, so kann ich mir gut vorstellen, wie überragend realistisch dann der Sound in DD 5.1 klingen muss.

Unterm Strich

Auf dem deutschen Markt existiert schon eine Reihe von Hörbuchaufnahmen dieses Klassikers, aber dieses Hörspiel stellt sie in den Schatten. Die Stimmen professioneller Sprecher stehen nicht isoliert, sondern sind an die jeweilige Situation und Umgebung soundtechnisch angepasst worden, etwa durch Hall und Verzerrung.

Das Dubbing am Anfang ist zudem ein filmisches Stilmittel, das man bislang in Audioproduktionen kaum findet. Überragend ist die ausgezeichnete und im DD-5.1-Standard glasklar dargestellte Geräuschkulisse, die den ganzen Hör-Film durchzieht und dem Zuhörer das eigentliche Kino-Feeling vermittelt.

Die Story an sich kennt man meist schon zur Genüge. Aber wer hat schon das Original gelesen? Die Filmregisseure haben ja alle ohne Ausnahme etwas zur Dramaturgie hinzugetan oder etwas weggelassen. Doch nun endlich kann man einigermaßen sicher sein, dass man den ursprünglichen Text erhält – natürlich in Hörspielform, also dramatisiert. Da sich die Macher auf eine Übersetzung von 1874 gestützt haben, bekommen wir auch unverfälschtes Deutsch des 19. Jahrhunderts geboten. Hoffentlich können die meisten von uns auch etwas damit anfangen.

156 Minuten auf 2 CDs
Originaltitel: Voyage au centre de la terre, 1864/65
Aus dem Französischen anonym übersetzt 1874
www.randomhouse.de/Verlag/der-Hoerverlag