H. G. Wells – Krieg der Welten

Vom Mars kommen intelligente aber skrupellose Wesen auf die Erde, um sich hier eine neue Heimat zu schaffen. Die menschliche Zivilisation wird ausgelöscht, die hilflose Bevölkerung wie Nutzvieh gehalten. Der Untergang steht bevor, als sich die Natur einmischt … – Klassischer SF-Roman aus dem Jahre 1898, spannend verfasst von einem Vollblutschriftsteller, der die Handlung mit vielen philosophischen Fragen anreichert, was indes den Erzählablauf nie stört: ein zeitloses Meisterwerk, das mehr als ein Jahrhundert nach der Entstehung sein Publikum mit Leichtigkeit findet und auch zukünftig finden wird.

Das geschieht:

Der Planet Mars ist eine kalte, trockene, sterbende Welt, deren verzweifelte, intelligente und skrupellose Bewohner nach einer neuen Heimat Ausschau halten. Sie entscheiden sich für die Erde und setzen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts zur Invasion an. Mit gewaltigen Kanonen schießen sie Kampfschiffe durch das All. Nach der Landung entsteigen ihnen kirchturmhohe, dreibeinige Kampfmaschinen, die Todesstrahlen und Giftgasgranaten abfeuern.

Auch in der englischen Grafschaft Surrey beginnt der Eroberungszug. Die Menschen werden überrumpelt; den Invasoren können sie militärisch nichts entgegensetzen. Mit unerhörter Grausamkeit gehen die Marsianer gegen die Bevölkerung vor. Planmäßig vernichten sie, was ihnen gefährlich werden könnte, eiskalt morden sie die entsetzten Menschen. Unaufhaltsam dringen sie vor, erreichen London. Sechs Millionen Stadtbewohner fliehen in heller Panik gen Norden. Jegliche Gegenwehr ist zwecklos, jeder Zusammenhalt geht verloren. Die Menschen denken nur mehr an sich selbst.

Das Schlimmste kommt noch: Nachdem die Marsianer allen Widerstand gebrochen haben, beginnen sie sich häuslich niederzulassen und die Erdoberfläche nach dem Vorbild ihres Heimatplaneten umzugestalten. Vor allem enthüllen sie nunmehr die Art ihrer Ernährung, was erklärt, wieso sie auf die endgültige Ausrottung der Menschheit verzichtet haben …

Ein Weltenkrieg der zeitlos spannenden Art

Mit Literaturklassikern ist das so eine Sache: Sie gelten oft als solche, so lange sie ungelesen im Bücherschrank stehen. Die eigentliche Lektüre sorgt dann nicht selten für Irritation, Langeweile und Ablehnung. So könnte es den jüngeren Lesern mit einem Buch ergehen, das aus dem Jahre 1897 stammt, als man an Unterhaltung andere Ansprüche stellte als mehr ein Jahrhundert später. „Krieg der Welten“ ist ganz sicher kein Pageturner, der eine Actionszene an die nächste reiht. Romantisches bleibt gänzlich ausgeklammert. Die Geschichte ist spannend, aber sie ist es auf ihre ganz eigene Weise. Erzählt wird sie in einem nüchternen, ja trockenen Tonfall: H. G. Wells verleiht seinem „Krieg“ absichtsvoll einen dokumentarischen Charakter. Wie ein Journalist, der er tatsächlich war, beschreibt er die Invasion der Marsianer, die er stellvertretend einige Zeugen erleben lässt. Im späten 19. Jahrhundert war dies eine durchaus verbreitete literarische Form. Durch Sachlichkeit sollte der Schrecken den Leser noch nachhaltiger treffen.

Dies sorgte für einen angenehmen, von Verfasser Wells wohl gar nicht beabsichtigten Nebeneffekt: Die Sachlichkeit bewahrte seine Geschichte vor dem Altern. Pathetisch und lächerlich kommt uns so mancher zeitgenössische Roman dagegen heute vor. „Krieg der Welten“ hat seine Lesbarkeit bewahren können, zumal Wells ein Erzähler ist, der seinen Job ausgezeichnet versteht. Höchst geschickt baut er die Spannung auf, lässt die Marsianer lange im Verborgenen wirken, konzentriert sich auf das Wüten der Dreifüße, das dadurch umso rätselhafter wirkt. Auch die Schilderung von London als Stadt in apokalyptischer Auflösung ist eindrucksvoll.

So konsequent wie die Marsianer ihre menschlichen Opfer jagen, treibt Wells seine Leser vor sich her. Wo sich ein Hindernis auftut, wechselt er den Blickwinkel und betrachtet das Geschehen aus anderer Perspektive. Nur wenige Jahre nach Erfindung des Kinos wirkt „Krieg der Welten“ bereits filmisch. Das Ende ist aus heutiger Sicht ungewöhnlich. Keine finale Schlacht treibt die Marslinge zurück auf ihren Planeten. Höchst moralisch, d. h. selbst verschuldet trifft sie die Strafe. Dies mag irritieren, aber es ist eine gelungene Auflösung des Geschehens. Ein Sieg über die Marsianer in letzter Sekunde hätte unrealistisch gewirkt.

Menschen, ihrer Zivilisation entkleidet

Die betonte Sachlichkeit des „Kriegs der Welten“ wird durch die Figurenzeichnung unterstrichen. Der Ich-Erzähler ist namenlos. Über die Invasion von London berichtet sein Bruder; auch er bleibt anonym. Die Menschen, die beide auf der Flucht treffen, werden in der Regel nur durch ihre Berufsbezeichnungen identifiziert: der Artillerist, der Kurat, der Kapitän. Als Individuen sind sie für Wells nicht wichtig. Sie repräsentieren einen Querschnitt durch die Bevölkerung und stellen exemplarisch bestimmte Reaktionen und Verhalten dar: Erschrecken, Resignation, Wahnsinn, Überforderung, Kampfgeist usw. Der Leser soll sich keineswegs mit ihnen identifizieren, Anteil an ihren Schicksalen nehmen, sich ablenken lassen. Wells fordert den Blick auf die Gemeinschaft, die in der Krise beängstigend rasch ihre Menschlichkeit verliert. Von der hehren britischen Nation mit der steifen Unterlippe bleibt kaum etwas übrig im „Krieg der Welten“. Diesen Schockeffekt will Wells erzielen.

Die Marsianer stellt Wells per se als Gruppe ohne persönliche Züge dar. Das macht sie austauschbar und lässt sie besonders unheimlich wirken: Ein Marsianer kann den anderen ersetzen, ohne dass dies Einfluss auf den beharrlichen Eroberungszug hat. Lange verweigert uns der Verfasser den genauen Blick auf diesen Feind; ein geschickter Zug, der die Spannung steigen lässt. Als Wells uns seine Marsleute dann vorstellt, zeigt er sich erschreckend einfallsreich. Für uns Jetztmenschen mit langer Science-Fiction-Erfahrung mag dies nicht gleich zu erkennen sein. Viele Außerirdische in mannigfachen Gestalten haben die Erde inzwischen bedroht. Doch Wells war auch hier Pionier. Er hat sich viel Mühe gegeben. Wissenschaftliche Präzision war ihm wichtig. So wirken die Marsleute auf der Erde schwerfällig, buchstäblich niedergedrückt und bewegen sich ohne ihre Maschinen langsam, denn sie sind die niedrige Schwerkraft ihres Heimatplaneten gewöhnt.

Aber die wahre Bombe lässt Wells platzen, als er die Marsianer als mögliche ‚Zwillinge‘ einer zukünftigen Menschheit deutet: „Es scheint mir ganz glaubwürdig, dass die Marsianer von Wesen abstammen mögen, die uns nicht unähnlich waren, und zwar durch die allmähliche Weiterentwicklung ihrer Gehirnteile und Hände – auf Kosten des übrigen Körpers.“ Die Konsequenz: „Ohne den Leib musste das Gehirn selbstverständlich ein bei weitem selbstsüchtigerer Geist werden als mit dieser Grundlage menschlichen Gefühls.“ Hier greift Wells direkt Charles Darwins Evolutionstheorie auf. Das Grauen erreicht dadurch den Höhepunkt, denn nach dieser Deutung sind die Marsianer nicht nur Invasoren, sondern auch Kannibalen, die ihre unterentwickelten („inferioren“) Vorfahren austilgen, aber keine Mörder: Sie sind, wie sie sind und deshalb nicht ‚schuldig‘. Zudem gibt es keine Garantie dafür, dass die Menschen selbst nicht eine ähnliche Entwicklung nehmen wird. (Eine ‚negative‘ Evolution schilderte Wells 1895 in „Die Zeitmaschine“, als er die Menschheit der Zukunft in die ätherischen „Eloi“ und die degenerierten „Morlocks“ aufspaltet.)

Geschichte(n) hinter dem Roman

1898 schrieb H. G. Wells mit dem „Krieg der Welten“ den ersten Roman über eine außerirdische Invasion und wurde damit (neben Jules Verne) zum Vater der Science Fiction. So kann man es immer noch allzu oft lesen, obwohl beide Aussagen relativiert werden mussten. Schon 1880 beschrieb Percy Greg (1836-1898) in „Across the Zodiac“ (dt. „Jenseits des Zodiacus. Bericht einer Reise nach dem Mars“) einen Raumflug zum Mars; 1897 ließ der deutsche Schriftsteller Kurd Lasswitz (1848-1910) in „Zwischen den Planeten“ recht freundliche und oberlehrerhafte Marsianer die Erde besuchen.

Das Thema „Mars“ lag offenbar in der Luft. Tatsächlich stand der Planet 1894 im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, denn er kam der Erde während seines Sonnenumlaufs wesentlich näher als sonst. Das geschieht zwar selten aber regelmäßig, doch zum ersten Mal hatten Technik und Astronomie einen Stand erreicht, der direkte Beobachtungen des fremden Planeten und eine sachkundige Auswertung ermöglichte. Nachdem Giovanni Schiaparelli im Sommer 1877 per Teleskop „canali“ auf dem Mars entdeckt zu haben glaubte, spähte man umso erwartungsvoller in den Sternenhimmel. Zwar sprach Schiaparelli eigentlich nur von „Rinnen“ oder „Gräben“, aber vor allem die des Italienischen unkundige Presse übersetzte „canali“ mit „Kanäle“ – und damit galt die Existenz intelligenten Lebens auf dem Mars als ‚bewiesen‘.

Marskrieg als Spiegelwelt der irdischen Gegenwart

Konnte man die Bewohner des roten Planeten kontaktieren? Würden sie auf die Erde kommen? Würden sie friedlich sein? Diese Fragen wurden heiß diskutiert. Der junge Journalist und Schriftsteller Herbert George Wells beantwortete sie auf seine Weise. Er interessierte sich ebenfalls für den Mars und seine möglichen Bewohner, die er indes vor allem als exotische Figuren begriff, mit deren Hilfe sich sehr irdische Probleme literarisch verbrämen und unterhaltsam präsentieren ließen. Letzteres ist in allen Zeitaltern eine grundsätzliche Notwendigkeit für Männer und Frauen, die sich ihren Lebensunterhalt mit der Feder verdienen. Ersteres wurde wichtig, weil Wells Kritik am herrschenden System seines Landes üben wollte, was zu seiner Zeit nicht nur ungern gesehen sondern vor allem juristisch geahndet werden und gesellschaftliche Ächtung nach sich ziehen konnte. Vorsicht war also geboten.

Wells war ein Mann mit klarem Blick für die sozialen und politischen Probleme seiner Epoche und ihrer möglichen Folgen. Er schrieb „The War of the Worlds” als „scientific romance”. (Was übrigens nicht mit „wissenschaftlicher Romanze“ zu übersetzen ist, sondern mit „Abenteuergeschichte jenseits momentan möglicher wissenschaftlicher Erklärungen“.) Es ging ihm um nicht weniger als seine Sicht auf die gegenwärtige und zukünftige Menschheitsgeschichte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte die nie erwartete Dimensionen erreichende Industrialisierung klar, dass die alten, zum Teil noch frühneuzeitlich geprägten Gesellschaftsmodelle ausgedient hatten. Die neue Zeit erforderte neue Menschen. Nur sie konnten überleben: Wells machte sich Charles Darwins noch junge Evolutionslehre zu Eigen. Der ‚alte‘ Mensch war unterlegen und würde untergehen. Die Marsianer zeigt Wells als Stärkere. Sie haben ihre Herausforderungen gemeistert. Nun können sie den Weltraum durchmessen und die schwachen Menschen mit Hightech-Waffen nach Belieben ausrotten.

Kolonie Erde statt Kolonialmacht Großbritannien?

So könnte es auch den Briten ergehen, warnte Wells. Noch herrschten sie über ein Empire, das den größten Teil der bekannten Welt umfasste. Doch längst rührten sich die imperialistischen Konkurrenten. Das neue Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. verlangte nach seinem „Platz an der Sonne“ und rüstete in beängstigendem Tempo auf. Die Kanonen von Krupp und die Dreifüße der Marsianer weisen bedrohliche Ähnlichkeiten auf. In Südafrika stand der Ausbruch des blutigen Burenkrieges (1899-1902) bevor. Auch an anderen Stellen rumorte es im Empire. Schon lange vor Ausbruch des I. Weltkriegs begann Wells zu ahnen, dass mit der Zeitalter der Naturwissenschaften und Technik auch ein Zeitalter der Massenvernichtungswaffen anbrach. Der erste Giftgaskrieg lag noch fast zwei Jahrzehnte in der Zukunft, als er die Marsianer mit „black smoke“ gegen die Menschheit vorgehen ließ. (Die „heat rays“ dagegen verdanken ihren Einsatz wohl der Erfindung der Röntgenstrahlen = „x-rays“ im Jahre 1895.)

„Krieg der Welten“ ist auch als Anklage der britischen Kolonialmacht zu deuten, welche über die ‚unzivilisierten‘ Völker der Erde kam wie die Marsianer-Streitmacht über die angelsächsische Welt. Der Verfasser nennt die Dinge beim Namen: „Die Tasmanier wurden trotz ihrer Menschenähnlichkeit in einem von europäischen Einwanderern geführten Vernichtungskrieg binnen fünfzig Jahren völlig ausgerottet. Sind wir solche Apostel der Gnade, dass wir uns beklagen dürfen, wenn die Marsleute uns in demselben Geist bekriegen?“

Andererseits ist (imperialistische) Stärke wichtig, denn nur der Starke kann sich verteidigen, kann kommandieren und hat das Recht dazu, wenn er weise über seine potenziell gefährlichen Mitmenschen herrscht: „Der intellektuelle Teil der Menschheit gibt bereits zu, dass das Leben ein unaufhörlicher Kampf ums Dasein ist …“ Wobei man nie nachlässig werden darf. Die Marsianer verfügen zwar über die militärische Vorherrschaft. Doch sie haben ihre Invasion schlecht geplant. Die unsichtbare Gefahr der irdischen Mikroben blieb unbemerkt, was sich rächt: Die prinzipiell unbesiegbaren Eroberer rotten sich quasi selbst aus.

Auch das hat seine Parallelen in der Menschheitsgeschichte. So manche überlegene Streitkraft der Vergangenheit wurde dank mangelhafter Planung und Organisation oder durch Seuchen in den eigenen Reihen dezimiert. Auch das könne nach Wells den Briten zustoßen, wenn sie allzu dünkelhaft darauf verzichteten, ihr Gesellschaftssystem auf allen Ebenen weiterzuentwickeln. Nicht umsonst erwähnt er den Zeitenwechsel: Die Marsianer greifen die Erde auf der Schwelle zum 20. Jahrhunderts an. Das neue Säkulum bietet einer denkenden Menschheit die Chance zur Ausräumung ihrer Probleme. Wehe, sie nutzen diese nicht; die Evolution wird sie vom Erdboden tilgen!

Anmerkungen

Das ist ein langer Beitrag geworden, der freilich dem Werk wohl angemessen ist. Verzichtet wird auf eine Biografie von H. G. Wells. Angesichts der Leichtigkeit, mit der sich Lebensbeschreibungen und Werksschauen im Internet finden lassen (Sehr gut ist z. B. diese), wäre dies auch eine überflüssige Arbeit, die klügere Köpfe bereits erledigt haben. Verwiesen sei weiterhin auf die Website der „H. G. Wells Society“.

Der Rezensent möchte übrigens keinesfalls behaupten, die weiter oben geäußerten Weisheiten seien allein auf seinem geistigen Mist gewachsen. Es gibt unzählige Meinungen und Deutungen zum „Krieg der Welten“, wobei die Betrachtungsweisen im Verlauf von mehr als einhundert Jahren interessante Veränderungen und Wechsel erfuhren, auf die einzugehen hier nicht der geeignet Ort ist. Hinweisen möchte ich auf drei deutschsprachige, recht willkürlich herausgegriffene Titel, die bereits ein wenig älter aber immer noch informativ und lesenswert sind:

– Helga Abret/Lucian Boia, Das Jahrhundert der Marsianer (München : Wilhelm Heyne Verlag 1984; Bibliothek der Science Fiction Literatur Nr. 32)
– Brian W. Aldiss: Der große General im Traumland – H. G. Wells (in: Der Milliarden-Jahre-Traum, Bergisch-Gladbach 1987, S. 148-169).
– Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke, Marsfieber (München : Droemer Verlag 2003).

Taschenbuch: 304 Seiten
Originaltitel: The War of the Worlds (London : Pearson’s Magazine 4/1897-12/1897; als Buch London : William Heinemann 1898)
Übersetzung: Lutz W. Wolf

http://www.dtv.de

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