Alvtegen, Karin – Schatten

Karin Alvtegen gehört mittlerweile zu den großen Namen der skandinavischen Kriminalliteratur. Wen wundert das? Sie ist immerhin die Großnichte von Astrid Lindgren – literarisches Talent scheint vererbbar zu sein. „Schatten“ ist ihr bislang fünfter auf Deutsch erschienener Roman.

Marianne Folkesson ist städtische Nachlassverwalterin und kümmert sich um die Angelegenheiten der verstorbenen Gerda Persson. Die Frau war Haushälterin bei dem bekannten schwedischen Schriftsteller Axel Ragnerfeldt gewesen. Marianne setzt sich mit der Familie Ragnerfeldt in Verbindung, um ein Foto von Gerda für die Beerdigung zu organisieren. Doch Vater Axel lebt nach einem Hirnschlag in einem Pflegeheim, Mutter Alice hat genug mit ihren eigenen eingebildeten Leiden zu kämpfen und Sohn Jan-Erik muss feststellen, dass seine Ehe kurz vor dem Zerbrechen steht.

Jan-Erik kehrt in das verlassene Elternhaus zurück, um nach einem Bild zu suchen. Dabei betritt er das Arbeitszimmer seines Vaters, das ihm sonst immer verschlossen war. Während er die Papiere von Axel durchwühlt, findet er einige Dokumente, die sein gesamtes Leben infrage stellen. Während eines Amerikaaufenthalts in seiner Jugend ist seine Schwester Annika umgekommen – angeblich bei einem Verkehrsunfall. Doch nun findet er Hinweise, dass Annika sich selbst umgebracht hat, erhängt im Arbeitszimmer des Vaters. Wütend stellt er seine Mutter zur Rede, doch die möchte mit dem wahren Grund für Annikas Tod nicht herausrücken.

Zur gleichen Zeit versucht Kristoffer Sandeblom ein Drehbuch für ein Theaterstück zu schreiben. Als er erfährt, dass er der alleinige Begünstigte in Gerdas Testament ist, bringt ihn das zum Stutzen. Er kannte die tote Frau nicht, doch er hat ein großes Geheimnis. Er ist ein Findelkind und wurde als Kleinkind ausgesetzt. Das macht ihm noch heute zu schaffen, und er hofft, dass Gerda Persson ein erster Hinweis auf seine tatsächliche Herkunft ist. Er beginnt zugleich mit Jan-Erik, in der Vergangenheit zu wühlen, wobei beide einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur kommen …

Karin Alvtegens Thriller kommt ganz ohne Mitglieder der exekutiven Staatsgewalt aus. Im Mittelpunkt stehen keine Ermittler, sondern ganz normale Menschen, und es geht auch weniger um Mord und Totschlag als vielmehr um die zerstörerische Kraft von Geheimnissen und Stillschweigen. Nicht umsonst denken sowohl Alice als auch Jan-Erik bitter an die Ragnerfeldtsche Maxime, dass man sich eben nicht scheiden lässt. Alvtegen benutzt mehrere Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart, die gegen Ende spitz aufeinander zulaufen. Sie stellt die Ereignisse und die damit verbundenen Gefühle und Gedanken der einzelnen Personen sehr anschaulich dar und weiß sich in die jeweilige Figur gut hineinzuversetzen. „Schatten“ ist eher ein ruhiger Krimi, der seine Spannung aus dem allmählichen Aufdecken der Einzelheiten der damaligen Tat und der damit verbundenen Konsequenzen bezieht. Gegen Ende wird das Buch ein wenig vorhersehbar, aber bis dahin gibt es durchaus fesselnde Momente. Gerade die Verbindung zu Kristoffer bleibt lange im Verborgenen.

Die Personen stehen in dieser Geschichte im Mittelpunkt und sind dementsprechend ausgearbeitet. Obwohl sie doch recht alltäglich sind, lassen sie sich gut voneinander unterscheiden. Ihre Persönlichkeiten und Beziehungen untereinander werden ausführlich dargestellt. Alvtegen hat keine Angst davor, Zeilen für nicht handlungsrelevante Fakten zu benutzen, um dadurch ihre Charaktere zu intensivieren. Auch wenn diese leicht zu differenzieren sind, haben sie eines gemeinsam: Sie sind nicht perfekt, innerlich zerrissen und haben jeder an einer persönlichen Tragödie zu knabbern. Das sorgt dafür, dass die Geschichte sehr bedrückend wirkt, beinahe schon deprimierend, da sie dem Leser vor Augen führt, dass die Art und Weise, wie sich ein Mensch gibt, nicht immer damit übereinstimmt, was in ihm vorgeht. Alvtegen erlaubt dank ihrer detaillierten, nüchternen Schreibweise einen Blick hinter die Kulissen und regt zum Nachdenken an. Sie drückt dem Leser dabei keine vorgefertigte Meinung auf, sondern überlässt ihm oder ihr selbst, was sie von den Personen und ihren Handlungen moralisch hält.

„Schatten“ ist ein unglaublich dichter, wenn auch nur stellenweise fesselnder Roman, der ein einschneidendes Erlebnis der Familie Ragnerfeldt mit all seinen Folgen und Nachwirkungen erzählt. Der Autorin gelingt es dabei, auch ohne Blutvergießen Spannung zu erzeugen und einen literarisch sehr anspruchsvollen Roman abzuliefern.

|Originaltitel: Skugga
Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt
ISBN-13: 978-3-426-50126-9
394 Seiten|
http://www.knaur.de
http://www.karinalvtegen.com

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