Chaplet, Anne – Schrei nach Stille

Der Kinofilm „Der Baader-Meinhof-Komplex“ hat im Herbst 2008 für Furore gesorgt und lässt die 1960er Jahre lebendig werden. Anne Chaplet, ihres Zeichens eine der bekanntesten deutschen Krimiautorinnen, legt mit ihrem neuen Kriminalroman „Schrei nach Stille“ nach. Sie hat zwar nicht die RAF im Blickpunkt, setzt sich dafür aber mit dem Jahr 1968 und dem Sommer der Liebe auseinander.

Vierzig Jahre nach dem Sommer der Liebe hat sich in Klein-Roda, der Wahlheimat von Chaplets Helden Paul Bremer, nur wenig geändert. Es ist nach wie vor ruhig und beschaulich und ein bisschen verschlossen, als er von einer langen Reise mit seiner Freundin Anne zurückkehrt. Fremde mag man noch immer nicht besonders gerne in dem kleinen hessischen Dorf, wie Sophie Winter erfahren muss, die neu in eines der Häuser in der Siedlung eingezogen ist. Niemand möchte Kontakt mit der erfolgreichen Schriftstellerin haben, deren Debüt „Summer of Love“ auf Platz eins sämtlicher Bestsellerlisten stand und mittlerweile verfilmt wird.

Das findet sie selbst aber nicht besonders schade, denn sie hat genug damit zu tun, gegen die Dämonen ihrer Vergangenheit zu kämpfen. Der „Summer of Love“ ist nämlich nicht ohne Spuren an ihr vorbeigezogen. Ihre Vergangenheit ist enger mit Klein-Roda verbunden, als man glaubt. Außerdem hat sie mit Gedächtnislücken zu kämpfen und glaubt, verfolgt zu werden – von einer realen Person.

Tatsächlich scheint es, als ob es jemand auf sie abgesehen hätte. Es kommt immer wieder zu Zwischenfällen, unter anderem wird ihr Auto sabotiert. Paul Bremer, hilfsbereit wie immer, versucht sich um die Frau zu kümmern, auch wenn sie seine Hilfe abweist. Da erfährt er, dass vor vierzig Jahren in Klein-Roda eine junge Frau verschwunden ist, die nie gefunden wurde – und dass die Dorfbewohner bei dem Verschwinden des zugezogenen Mädchens keine geringe Rolle spielten … Ganz nach seiner Art beginnt Paul, in der Vergangenheit herumzustochern und bringt dabei einiges zutage …

Das Lob und die Preise, die Anne Chaplet bisher eingeheimst hat, kommen nicht von ungefähr. Bereits auf den ersten Seiten merkt der Leser, dass er es hier nicht mit einem einfachen, faden Krimi zu tun hat, sondern mit mehr. Der Erzählstil und die Personengestaltung, die bei anderen Autoren nur als Bewertungskriterium herangezogen werden, nehmen in ihrem Roman einen eigenen Platz neben der Handlung ein. „Schrei nach Stille“ ist nämlich ein ungewöhnlich vielschichtiger Krimi, der einen literarischen, bildreichen Stil mit einer spannenden Handlung und der ein oder anderen Persönlichkeitsstudie verbindet.

Die Handlung ist dabei die eine Sache. Sie besteht aus mehreren Strängen, die am Ende gekonnt ineinander übergehen, ohne dass dies zu weit hergeholt wirkte. Als übergreifendes Motto dient der Sommer ’68, und es ist bewundernswert, wie konsequent die Autorin dies durchhält. Neben der Perspektive von Paul Bremer, der Stammlesern bekannt sein wird, kommen unter anderem einige Dorfbewohner, Sophie Winter und der Frankfurter Polizist Giorgio DeLange zu Wort, und alle haben etwas über den Sommer der Liebe zu sagen. Was genau, das offenbart sich erst mit der Zeit. Anne Chaplet schafft es, die Spannung der Geschichte immer wieder zu steigern, und sorgt durch die Person der Sophie Winter dafür, noch ein bisschen Verwirrung zu stiften. Deren Gedächtnislücken und ihre Angst, verfolgt zu werden, bringen den Leser immer wieder auf eine falsche Fährte. Besonders am Anfang ist noch nicht ganz klar, ob sie nun verrückt ist oder ob die Dinge wirklich passieren, und dies sorgt dafür, dass man das Buch nicht so schnell aus den Händen legt.

Die Personen in „Schrei nach Stille“ sind so gut ausgearbeitet, dass jede von sich aus einen ganzen Roman fühlen könnte. Über Paul Bremer muss man nicht mehr viel sagen. Er ist, als Zugezogener, für die augenzwinkernd-kritische Betrachtung des Dorfes Klein-Roda zuständig und erfüllt diese Aufgabe wie immer mit Bravour. Bodenständig und stets hilfsbereit, manchmal nachdenklich präsentiert sich Chaplets Held auch bei seinem siebten Abenteuer sympathisch und neugierig wie immer. Die Figur der Sophie Winter dagegen wird als zerrissene, von ihrer Vergangenheit gequälte Frau dargestellt, deren Leben in Scherben liegt. Unpathetisch, aber unglaublich eindrücklich, stellenweise sogar bedrückend schildert die Autorin das Leben und die Gedanken der Frau, ohne zu dick aufzutragen oder den Fortgang der Geschichte zu stören.

Am überraschendsten ist allerdings Giorgio DeLange, Opernliebhaber, alleinerziehender Vater zweier pubertärer Töchter und Meister des inneren Monologs. Sarkastisch und manchmal beinahe schon bissig schildert er seinen Alltag als Schreibtischpolizist bei der Pressestelle der Frankfurter Polizei. Sein wachsames Auge erfasst dabei viele amüsante Details des Alltags, spöttelt über das Verhalten der halbwüchsigen Töchter und darüber, wie es ist, als Berater bei einem Film beteiligt zu sein. Dieser Film heißt im Übrigen „Summer of Love“ und sorgt dafür, dass DeLange die verschreckte Sophie Winter kennenlernt. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht DeLanges letzter Auftritt war, denn seine Kommentare sind wirklich köstlich!

Die dritte wichtige Komponente in diesem Buch ist der Schreibstil, der für einen Kriminalroman unglaublich lebendig und literarisch daherkommt. Die Autorin hält sich nicht an Genregrenzen auf. Man merkt, dass es ihr wichtiger ist, ein durch und durch gutes Buch schreiben anstatt ’nur‘ einen spannende Krimi abzuliefern. Das zeigt sich schon an ihren sorgfältigen Personenzeichnungen, die viel Raum einnehmen, und ist eben auch an ihrem Schreibstil erkennbar. Sie benutzt einen sehr großen, breit gefächerten Wortschatz, mit dem sie immer wieder Akzente setzt. Sie spielt mit Satzbau und rhetorischen Stilmitteln und versucht, die einzelnen Perspektiven auch stilistisch voneinander abzusetzen. Während Paul Bremers Abschnitte gemäß seinem Wesen eher nüchtern und abgeklärt, manchmal aber auch belustigt wirken, sind die der Sophie Winter geprägt durch ihre Verwirrtheit und ihre Ängste. Abgehackte Sätze, eingestreute Erinnerungen, die verschnörkelte, metaphernreiche Umschreibung von Sophies Gedanken sorgen häufig für Gänsehaut und auch dafür, dass der Leser versteht, was in Sophies Kopf vorgeht. DeLanges Perspektive dagegen fällt aus dem Rahmen, was anfangs befremdlich wirkt, dann aber schnell zu einem dicken Pluspunkt wird. Die Form des inneren Monologs ist in diesen kleinen Dosen sehr erfrischend und sorgt vor allem ob des humoristischen, bittersüßen Tonfalls für Abwechslung.

Was bleibt am Ende noch zu sagen zu „Schrei nach Stille“? Eigentlich nicht viel. Außer dass Anne Chaplet ruhig noch einen Deutschen Krimipreis erhalten sollte.

|331 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-471-77282-9|
http://www.list-verlag.de
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