Devin, Samantha – Arcadia

Die Biografien der Autorin Samantha Devin und ihrer Heldin Julia Aridell weisen ein paar deutliche Parallelen auf. Beide sind englisch-spanischer Herkunft, haben studiert und leben in London. Es bleibt zu hoffen, dass dies die einzigen Übereinstimmungen sind, denn das, was Julia erlebt, nachdem sie eines Nachts einen mysteriösen Anruf erhält, möchte man niemandem wünschen.

Zuerst nimmt Julia den sonderbaren Anrufer, dessen einzige Worte „Et in Arcadia ego“ lauten, nicht besonders ernst. Doch wenig später sieht sie im Fernsehen den Bericht über einen Mord, der vor zwei Jahren in Brighton passiert ist. Damals brachte die krankhaft religiöse Flora Godwin ihre beiden Kinder in eine Höhle, erschlug die elfjährige Gloria und verletzte den vierzehnjährigen Daniel so schwer, dass er ins Koma fiel. Julia kann es sich nicht erklären, aber plötzlich fühlt sie sich sehr von dem Mordfall fasziniert. Sie beginnt zu recherchieren und findet ein Foto, das Flora dabei zeigt, wie sie die Worte „Et in Arcadia ego“ auf einen Teppich webt.

Nun ist Julias Neugierde nicht mehr zu stoppen. Sie besucht nicht nur Flora in der Psychiatrie, sondern setzt sich auch mit dem mittlerweile sechzehnjährigen Daniel in Verbindung. Dieser ist Schauspieler und Sänger und besitzt ein sehr charismatisches Auftreten. Julia, die seit einiger Zeit in einer Lebenskrise steckt, fühlt sich zu dem Jugendlichen hingezogen und er scheint ebenfalls etwas für sie zu empfinden.

Daniel gehört zu der Stiftung von Raymond Kerikes, einem jungen Lebemann, der benachteiligten Jugendlichen hilft, von der schiefen Bahn zu kommen. Seine Mittel sind allerdings reichlich unkonventionell: Naturdrogen, Liebe und Theaterspielen. Julia, eigentlich eine intelligente, junge Frau, helfen die Zusammenkünfte der Stiftung bei ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens – doch dabei kommt ihr das Gefühl für die Realität abhanden. Sie kann nicht mehr unterscheiden, was falsch oder richtig ist, und glaubt, dass die Botschaft der Stiftung eine Offenbarung für die Menschheit darstellt.

Charmes Achebear, Beamter von Scotland Yard, sieht das anders. Er ermittelt seit geraumer Zeit gegen Raymond und Daniel und ist geradezu versessen darauf, den beiden etwas anzuhängen. Er wird damit zur echten Gefahr für die Stiftung und damit auch für Julia, die sich noch nie so geliebt und geborgen fühlte. Sie beschließt alles zu tun, um die Stiftung zu retten …

Nach einem ersten Blick auf den Klappentext erwartet man vermutlich etwas anderes als das, was man tatsächlich vorgesetzt bekommt. „Arcadia“ ist nämlich kein als Thriller getarnter Frauenroman mit entsprechend klischeehaften Charakteren und einer schmalzigen Liebesgeschichten. Im Gegenteil ist die Heldin eine sehr gut ausgearbeitete Persönlichkeit, die ausführlich zum Zuge kommt. Dabei steht vor allem ihre Verlorenheit und Sinnsuche im Vordergrund.

Julia ist eine sehr ernste, deprimierte und sorgfältige Person, die erfrischend echt wirkt in einer Literaturwelt, in der es von Frauenstereotypen nur so wimmelt. Da aus der Ich-Perspektive erzählt wird, hat der Leser direkten Zugang zu ihr und kann ihren Gedanken über die Existenz und ihre Probleme sehr gut folgen. Auf weiten Strecken wirkt das Buch daher weniger wie ein Thriller als viel mehr wie ein schöngeistiger Roman, in dessen Mittelpunkt die Selbstfindung der Protagonistin steht.

Dies ist eine der Stolperfallen des Buches: die starke Konzentration auf Julia. Wer einen perfekt durchkomponierten, spannungsgeladenen Thriller lesen möchte, ist mit „Arcadia“ schlecht beraten. An der einen oder anderen Stelle kommt zwar szenische Spannung auf, aber sehr viel Raum lässt die Autorin, wie schon gesagt, den Gedanken ihrer Heldin über sich selbst und über das, was sie erlebt. In Anbetracht der Tatsache, dass Raymonds Stiftung sich sehr stark mit der griechischen Mythologie auseinandersetzt, wirkt das Erzählte stellenweise beinahe schon spirituell und philosophisch überladen. Nicht jeder wird die volle Portion an Selbstfindungsgedanken in Kombination mit dem Kult um den Gott Dionysos ertragen. Man sollte schon ein waches Interesse an solchen Dingen mitbringen, ansonsten ist die Lektüre von „Arcadia“ ziemlich zermürbend. Die Thrillerhandlung rutscht nämlich stark in den Hintergrund, auch wenn sie an und für sich gut ausgearbeitet ist und einige Höhepunkte aufweist.

Devins Schreibstil ist dem Hauptthema des Buches angepasst. Sie schreibt nüchtern, schöpft aber aus einem großen Wortschatz und weiß diesen zu gekonnten, intelligenten Sätzen zu verarbeiten. Ihre Inhalte und auch die Sprache sind nicht immer leichte Kost, insgesamt ist die Geschichte aber gut verständlich. Sie lässt sich flüssig lesen und überrascht vor allem durch die Atmosphäre und die Art und Weise, wie stark der Schreibstil in der Hauptperson wurzelt. Die beiden sind untrennbar miteinander verbunden: Jede Zeile, die man liest, könnte auch direkt aus Julias Mund stammen. Dadurch ist es an vielen Stellen möglich, über die fehlende Spannung hinwegzusehen, da es einfach sehr interessant ist, Julias ausgefeilten Gedankengängen zu folgen.

In der Summe ist „Arcadia“ ein Buch, das sicherlich nicht jedem Leser zusagt. Ein Interesse an Sinnfragen, Philosophie und griechischer Mythologie ist ein Muss, ansonsten wird man den Thriller schnell aus der Hand legen. Dafür ist die Handlung nicht spannend genug und konzentriert sich zu sehr auf die bereits erwähnten Gebiete. Trotzdem muss man der Autorin wegen ihres sehr intelligenten und flüssigen Schreibstils Tribut zollen. Gerne mehr davon, aber bitte mit weniger Spiritualität!

|Originalititel: Arcadia
Aus dem Spanischen von Kirstin Bleiel
461 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-7857-1615-1|
http://www.luebbe.de

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