Dunnett, Dorothy – Frühling des Widders (Das Haus Niccolò 2)

Das Haus Niccolò 1: [„Niccolòs Aufstieg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3501

_Der junge Färberlehrling Nicholas_ hat es in der Tat weit gebracht. Sowohl sein Kurierdienst als auch seine Söldnertruppe wurden ein wirtschaftlicher Erfolg, und nun hat er auch noch seine frühere Dienstherrin, die Witwe Marian Charetty, geheiratet und ist damit quasi zum Geschäftsführer des Unternehmens aufgestiegen. Das Befremden, das diese ungewöhnliche Ehe in ihrem gesamten Umfeld ausgelöst hat, ist allerdings das kleinste aller Probleme.

Denn im Laufe seiner Unternehmungen hat Nicholas sich einige Feinde gemacht, allen voran den schottischen Adligen Simon de St. Pol von Kilmirren. So kommt es, dass Nicholas gezwungen ist, Brügge für längere Zeit zu verlassen, und da kommt ihm das Angebot des Griechen de Acciajuoli gerade recht: Der Basileos, der Kaiser von Trapezunt, wünscht eine Handelsvertretung der Florentiner in seinem Land. Denn die Vertreter der Venezianer und Genuesen haben sich durch ihr Auftreten und ihre Geschäftspraktiken nicht gerade beliebt gemacht. Nicholas macht sich auf den Weg nach Florenz, und von dort aus weiter nach Osten. Doch kaum ist er in See gestochen, zeigt sich allmählich, worauf er sich da eingelassen hat …

_War der historische Hintergrund_ im ersten Band schon äußerst komplex, wird er im Folgeband noch um die politischen Verhältnisse in der Levante erweitert. Der Begriff Levante wurde geprägt von den italienischen Stadtstaaten, bedeutete zunächst lediglich „östlich“ im Sinne von „östlich von Italien“ und umfasste in dieser Bedeutung nicht nur die vorderasiatische Mittelmeerküste, sondern auch das Gebiet der heutigen Türkei und Griechenlands bis hin zum südlichen Balkan. Das Handlungsgros spielt sich jedoch in Kleinasien ab, einem Gebiet, das weit zersplitterter war, als man es im Hinblick auf die Herrschaft der Osmanen und die Eroberung von Byzanz 1453 erwarten würde.

|1460|

Das [osmanische Reich]http://de.wikipedia.org/wiki/Osmanisches__Reich hat nach dem Einfall der Mongolen unter Timur Lenk Anfang des Jahrhunderts die Kontrolle über einen Großteil Anatoliens verloren. Einige Gebiete werden von den Turkmenen gehalten, unter anderem von den weißen Horden Uzun Hasans, dem Fürsten von Diyarbakir. Im Südosten entstand das Sultanat Karaman, im Norden an der Küste zum schwarzen Meer das Emirat Jandar. Keine Frage, dass Sultan Mehmet II., der bereits die verloren gegangenen Gebiete in Griechenland und auf dem Balkan zurückerobert hat, auch hier gerne wieder die osmanische Hegemonie herstellen würde.

Außerdem ist da noch [Trapezunt.]http://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserreich__Trapezunt Das Kaiserreich liegt an der Südostecke des Schwarzen Meeres, ein winziger Streifen Land zwischen Meer und Gebirge und Knotenpunkt der Handelswege nach Russland, dem mittleren Osten und ins Mittelmeer. Wirtschaftlich reich, aber militärisch schwach, war es zunächst den mongolischen Il-Khanen tributpflichtig, jetzt den Osmanen.

Der Kaiser jedoch, in einer Seitenlinie Abkömmling des Herrscherhauses von [Byzanz,]http://de.wikipedia.org/wiki/Byzantinisches__Reich sieht sich noch immer als von Gott eingesetzten Herrscher und außerdem als obersten Hirten der Christenheit auf Erden. Vor den Osmanen fühlt er sich sicher, stehen doch die Berge sowie der Emir von Jandar und die Horden der Turkmenen zwischen ihm und Konstantinopel. Die Kontakte Trapezunts zu seinen Nachbarn beschränken sich allerdings auf verwandtschaftliche Beziehungen, und die Bemühungen, aus diesen losen Bindungen ein handfestes Bündnis zu schmieden, tröpfeln halbherzig dahin. Eine Gesandtschaft mit Vertretern der verschiedenen Fürstentümer wird nach Westen geschickt, um Unterstützung gegen die Osmanen zu erbeten. Im Übrigen widmet der Basileos sich lieber dem pompösen und dekadenten Hofleben.

Beim [Papst]http://de.wikipedia.org/wiki/Liste__der__P%C3%A4pste in Rom rennt die Gesandtschaft aus der Levante offene Türen ein, bei den Ländern nördlich der Alpen beißt sie jedoch auf Granit. Frankreich und England sind zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, und auch vom Herzog von Burgund ist nicht mehr zu bekommen als ein paar allgemeine Lippenbekenntnisse.

Den [Medici]http://de.wikipedia.org/wiki/Medici ist die Unsicherheit der politischen Lage bewusst. Doch um den Genuesen und Venezianern die Oberherrschaft über den Osthandel streitig zu machen, sind sie bereit, das Wagnis einzugehen. Die Venezianer wiederum begegnen der Herausforderung der Florentiner auf ganz eigene Weise …

_Auch Nicholas_ ist sich im Klaren darüber, dass das Unternehmen Trapezunt eine gewagte Angelegenheit ist. Womit er nicht gerechnet hat, sind die zunächst kleinen, dann immer größer werdenden Widrigkeiten, mit denen er sich außerdem herumzuschlagen hat. Aber Nicholas ist ein Spieler und nimmt die zusätzliche Herausforderung an, wenngleich sie weit weniger Begeisterung bei ihm auslöst als die erste.

Der Name des Herausforderers lautet Pagano Doria und erweist sich als genuesischer Gauner, dem es gelungen ist, von seiner Heimatstadt als Konsul nach Trapezunt geschickt zu werden. Der gut aussehende, charmante, aber skrupellose Doria ist offiziell nur ein geschäftlicher Konkurrent, greift aber zu Mitteln, die in ihrer Hinterhältigkeit und Tragweite ein gerüttelt Maß über das hinausgehen, was sonst zwischen konkurrierenden Kaufleuten an Tricks üblich ist.

Dazu kommt noch, dass seit den Ereignissen des ersten Bandes Nicholas‘ engste Mitarbeiter, allen voran Rechtskonsulent Julius und der Arzt Tobias Beventini, die größten Bedenken haben, ihm einfach freie Hand zu lassen. Dabei ist keineswegs sicher, was ihnen mehr Angst macht, sein geistiges Potenzial oder seine Jugend und Unerfahrenheit. Auf jeden Fall beschließen sie, jeden seiner Schritte zu kontrollieren.

Außerdem begegnet Nicholas erneut Violante von Naxos, Prinzessin aus Trapezunt und Ehefrau des venezianischen Kaufmanns Caterino Zeno, von der die Information über den kaiserlichen Wunsch nach einer florentinischen Vertretung stammt. Die kluge und hochmütige Frau ist eine Meisterin der Intrige, die sich von niemandem in die Karten schauen lässt, was sie zu einem eigenen Machtfaktor in Trapezunt macht.

Und als wären es der Komplikationen noch nicht genug, ist auch noch Catherine, Nicholas‘ jüngere Stieftochter, verschwunden. Die verwöhnte Zwölfjährige, die auf die Heirat ihrer Mutter mit Nicholas mit Empörung und Zorn reagiert hat, ist zwar nicht dumm, aber eitel, unerfahren und leichtgläubig. Aus purem Trotz hat sie sich in den Kopf gesetzt, so bald wie möglich heiraten zu müssen, und ist mit dem erstbesten Schmeichler durchgebrannt. Kein Zufall, wie sich schon bald herausstellt …

_Die Darstellung der Charaktere_ in „Frühling des Widders“ kann problemlos mit der in „Niccolòs Aufstieg“ mithalten. Sowohl die frei erfundenen als auch die historisch belegten Neuzugänge wirken lebendig und glaubwürdig und waren außerdem ausgezeichnet in die Handlung eingepasst. Angenehm ist auch, dass die bereits bekannten Figuren flexibel geblieben sind, sich entwickeln, ohne Knicke und Brüche davonzutragen. Das gilt vor allem für Nicholas. Sehr gelungen.

_Die Handlung_ ließ sich zu Beginn allerdings wieder eine Menge Zeit. Zweihundert Seiten vergehen, ehe die Entwicklung des Plots endlich in die Gänge kommt. Eine ziemliche Durststrecke aus einzelnen Fäden, welche die Autorin nur ganz allmählich zusammenführt. Bis der Leser endlich erfährt, wie die verschiedenen Stränge zusammenlaufen, muss er eine Menge Geduld aufbringen. Sobald aber aus den angedeuteten Absichten konkrete Taten werden, zieht die Spannung an, windet sich um eine Menge Knoten, Verwicklungen und hintersinnige Anspielungen, um schließlich in einen Showdown zu münden, der vielleicht am meisten deshalb überrascht, weil er völlig unpolitisch ist.

_Den kulturellen Hintergrund_ stellt diesmal Byzanz. Das bringt einen Hauch von Exotik mit sich, auch wenn das Leben der einfachen Leute außen vor bleibt. Die stärkere Gewichtung des Katz-und-Maus-Spiels zwischen Nicholas und Daria lässt nicht so viel Raum für Lokalkolorit wie der erste Band, deshalb beschränkt sich die Beschreibung der byzantinischen Kultur auf den Hof des Kaisers.

Das Bild, das die Autorin da zeichnet, ist eines geistiger und körperlicher Trägheit und der Dekadenz. Bäder, Lustknaben, die Elefantenuhr, Feste und Prozessionen … Weiß, Gold, Purpur… Seide und Edelsteine … das Kaiserreich inszeniert sich selbst. Für die Ereignisse außerhalb seiner Grenzen hat es nur ein gleichgültiges Lächeln übrig. Sehenden Auges und doch gleichzeitig ungläubig driftet es auf den Untergang zu. Byzanz hat sich in Trapezunt endgültig selbst überlebt.

Abgesehen von diesem üppigen Hintergrund streift die Autorin auch noch einige politische Details wie den Streit zwischen West- und Ostkirche, zwischen Griechen und Lateinern. Die feine, schier unmerkliche Manipulation hinter den Kulissen geht auf das Konto Violantes von Naxos und gibt der Mischung zusätzlich raffinierte Würze.

_Mit anderen Worten:_ Ab dem Punkt, wo allmählich Schwung in die Handlung kommt, wird das Buch zunehmend interessant. Da macht es nicht einmal etwas aus, dass dem Geheimnis um Nicholas‘ Herkunft nicht ein einziger Buchstabe gewidmet wurde.

Es ist allerdings geraten, die Gespräche zwischen Kontrahenten, gleich ob politischen oder merkantilen, konzentriert zu lesen. Denn die Andeutungen, welche die Autorin ihren Figuren in den Mund legt, sind wirklich ausgesprochen vage. Wer das beherzigt und die Geduld mitbringt, die lange Anlaufzeit des Romans durchzuhalten, wird mit einer farbenprächtigen Geschichte belohnt, die vielleicht nicht ganz so viele überraschende Wendungen bereit hält wie die erste – immerhin kennen wir Nicholas jetzt ja schon ein wenig – dafür aber mehr Bewegung und Spannung bietet, sowie eine interessante Persönlichkeitsentwicklung des Protagonisten. Lesenswert.

_Dorothy Dunnett_ stammte aus Schottland und studierte in Edinburgh und Glasgow. Ihr erster Roman „Das Königsspiel“, Teil I der |Lymond Chronicles|, erschien interessanterweise zuerst in den USA, da das Manuskript von britischen Verlagen abgelehnt wurde. Letztlich wuchs der Zyklus auf sechs Bände an. Zu ihren Werken zählen neben den |Lymond Chronicles| und |Das Haus Niccolò| vor allem „The King Hereafter“, ein Roman über den historischen Macbeth, sowie eine Reihe von Kriminalromanen. Dorothy Dunnet starb 2001 78-jährig in Dunfermline.

http://www.dorothydunnett.de
http://www.ddra.org/Deutsch/startseite.html

|Originaltitel: The house of Niccolò, Spring of the Ram
Aus dem Englischen von Britta Mümmler und
Mechtild Sandberg-Ciletti
746 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen, Stammbäume, Karten|

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