Erskine, Barbara – Fluch von Belheddon Hall, Der

_Historikerin mit einem Bein in der Grusel-Gruft_

Barabara Erskine hat mittelalterliche Geschichte studiert und diese Passion in Geschichten verwandelt: [„Die Herrin von Hay“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=151 (1986), „Die Tochter des Phönix“ (1992) und „Mitternacht ist eine einsame Stunde“ (1994) haben ihr den Welterfolg eingebracht. Neben zwei Bänden mit Kurzgeschichten kann man noch „Königreich der Schatten“ (1988) von ihr erstehen, „Am Rande der Dunkelheit“ (1998), und „Das Lied der alten Steine“ (2001). Sie hat den Ruf, dass sie auf außergewöhnliche Weise in der Lage ist, Spannung, Romantik und Übernatürliches unter zwei Buchdeckeln zusammenfassen zu können. „Der Fluch von Belheddon Hall“ (1996) soll diesen Ruf bestätigen:

_Die Sehnsucht einer Waise_

Jocelyn Grant ist auf der Suche nach ihrer Mutter; Laura Duncan ist nirgendwo aufzutreiben, nur ihr alter, verlassener Wohnsitz. Belheddon Hall ist ein altes Landhaus, für das die Einheimischen nur Misstrauen und Angst übrig haben: Joss solle doch wieder nach Hause fahren, sie soll das Haus links liegen lassen und mit ihrer Familie ein gewöhnliches Leben führen. Eine Mutter, die keinen Kontakt mit ihrer Tochter aufnimmt, hat es nicht verdient, dass man ihr hinterherläuft, sagen sie, noch dazu, wenn das Ziel ihrer Forschungen Belheddon Hall ist …

Jocelyn gibt natürlich nicht auf. Bei ihren Nachforschungen erfährt sie, dass im ehemaligen Wohnsitz ihrer Mutter so mancher kleine Junge ums Leben gekommen ist, unter ziemlich mysteriösen Umständen, und dass ihre Mutter mit einem geheimnisvollen Fremden nach Frankreich ausgewandert ist. Nicht, ohne Belheddon Hall an Jocelyn zu vererben.

Zwar darf Jocelyn das Haus nicht verkaufen, aber das macht ihr nichts aus. Sie verliebt sich sofort in den Gedanken, Ahnenforschung vor Ort betreiben zu können, und die Warnungen von Pfarrern, Nachbarn und Einheimischen schlägt sie in den Wind. Da just zu dem Zeitpunkt auch noch das Geschäft ihres Mannes den Bach runtergeht, ist auch Luke Grant Feuer und Flamme bei dem Gedanken, ein Haus beziehen zu können, ohne Miete zahlen zu müssen. Lyn Davies, Jocelyns Adoptivschwester, zieht mit ein, und kümmert sich um Tom, den kleinen Sohn der Grants.

So weit, so gut. Joss vertieft sich während ihres Aufenthaltes in Belheddon Hall in die Erforschung ihrer Vergangenheit, und entdeckt dabei, dass ihre Mutter vor irgendetwas schreckliche Angst gehabt hatte. Sie zieht den Historiker David zu Rate, ein alter Freund und Kollege, der so manche unheimliche Geschichte über das Haus herauskramt: Kein Junge, der in dem Haus gelebt hat, ist älter als elf Jahre geworden, und alle sind sie unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Ein Fluch, behaupten die einen, der Teufel gar, behauptet manch anderer.

Jocelyn nimmt das nicht wirklich ernst, aber die Saat des Zweifels ist gesät. Sie nimmt die Atmosphäre in Belheddon Hall als bedrohlich wahr, spürt seltsame Anwesenheiten, Stille, die sich verdichtet, und sie hört Kinderstimmen. Besonders auf ihren Sohn hat sie ein ängstliches Auge. Dann, eines nachts, beginnt Tom zu schreien und zu weinen, ein Blechmann hätte ihn angegriffen, behauptet er. „Albträume“ erklärt Jocelyns Mann, „Albträume“ versichert ihr Lyn.

Aber die Albträume werden schlimmer, bald hat Tom die ersten Blutergüsse. Jocelyn ist sich sicher, dass etwas in dem Haus umgeht, aber niemand glaubt ihr. Als sie dann noch einen Sohn zur Welt bringt, laufen die Dinge aus dem Ruder: Jocelyn fürchtet um das Leben ihrer Kinder, aber niemand hört ihr zu. Als die ersten Verletzungen bei Tom zu sehen sind, beschuldigt man sie gar der Misshandlung …

_Im Landhaus nichts Neues_

Da gibt es nichts drumherum zu reden, die Zutaten, die Barbara Erskine in ihrem Roman verrührt, sind auf diese Weise schon oft verrührt worden. Zwar muss das nichts über die Qualität des Ergebnisses aussagen, aber im Falle „Belheddon Hall“ ist das eine zwiespältige Geschichte.

Zum einen haben wir da einen ziemlich mickrigen Gruselfaktor. Die Erscheinungen in Belheddon Hall spitzen sich nur sehr langsam zu, und ein Gefühl von echter Bedrohung will sich nie einstellen. Zu gewöhnlich sind die Stilmittel: Temperaturen, die plötzlich fallen, Katzen, die ohne Grund das Weite suchen, und natürlich die unaufhörliche Warnungslitanei aller Einheimischen.

Aber das ist auch nicht der Punkt, an dem Erskine den Spannungshebel ansetzt, der entfaltet sein volles Potenzial nämlich zwischen den Figuren: Jocelyn wird von niemandem ernst genommen, man unterstellt ihr, sie sei überreizt und überfordert mit der Tatsache, so viel über ihre Vergangenheit zu erfahren; Luke, ihr Mann, ist eifersüchtig auf David, den Historiker, und unterstellt ihm, Jocelyn verrückt zu machen, damit sie sich in seine rettenden Arme flüchtet; und Lyn suhlt sich darin, einmal nicht im Schatten ihrer Adoptivschwester zu stehen, genüsslich stichelt sie gegen Jocelyn Grant, behauptet gar, dass sie nicht fähig sei, ihre eigenen Kinder großzuziehen….

Zwischendrin gibt´s da ja noch die Frage nach Jocelyns Vergangenheit: Was ist denn nun mit ihrer Mutter geschehen? Wer war der mysteriöse Franzose, mit dem sie nach Frankreich geflohen ist? Warum hat sie mit ihrer Tochter nie Kontakt aufgenommen? Und vor allem: Wer steckt hinter den Erscheinungen und den nächtlichen Kinderstimmen?

_Metschlürfer vs. Weintrinker_

Im „Fluch von Belheddon Hall“ vermengen sich also tatsächlich Romantik, Familiendrama und Übernatürliches zu einem ganz eigenen Cocktail, der dem einen oder anderen Leser sicher munden wird.

Mir nicht, aber das ist nur die subjektive Seite meines Urteils. Objektiv kann man nämlich nicht meckern: Die Story ist schlüssig, die Figuren sind lebensecht und facettenreich, zum Schluss gibt es sogar noch ein paar nette Wendepunkte, und Erskine hat es zu wahrer Meisterschaft gebracht, wenn es darum geht, die Liebe zwischen Mutter und Kind spürbar werden zu lassen.

Wo liegt dann das Problem? Beim Tempo. Die Story entwickelt sich quälend langsam, es gibt Spekulationen über historische Figuren, die mit Belheddon zu tun haben könnten, es werden Familienangelegenheiten diskutiert, während immer wieder kleine Grusel-Happen das Blut in Wallung bringen sollen. Oh, stellenweise gelingt das ausgezeichnet, aber zu oft fällt mir „Der Fluch von Belheddon Hall“ in atmosphärische Beschaulichkeit.

Vergleichen kann man es vielleicht mit einem guten Wein: Geöffnet werden möchte er, und in eine Karaffe gegossen, da er unbedingt nach ein paar Augenblicken des Atmens verlangt. Und dann, nachdem das Kaminfeuer entfacht und Vivaldi auf den Plattenteller gelegt wurde, nachdem die Glühbirnen verlöscht und die Kerzen entzündet wurden, dann gönnt man sich sein Glas, erfreut an den bunten Aromen, mit denen das Bouquet die Geruchsknospen belebt, ehe man seiner Zungenspitze erlaubt, vom ersten Tropfen benetzt zu werden …

Um es kurz zu machen: Was den einen vor Ungeduld in den Wahnsinn treibt, ist für den anderen der Inbegriff des Genusses. Vor dem Kauf dieses Buches sollte man sich also eines überlegen: Bin ich ein lesetechnischer Weintrinker mit einem Faible für detailierte Langsamkeit? Fein! Rein in den Buchladen und antesten, hier warten ein paar vergnügliche Lesestunden. Bin ich allerdings ein methornschwingender Wikinger, der seine Storys am liebsten in einem Zug herunterstürzt, der es kochend heiß mag oder eiskalt, dem es nicht stark genug sein kann, und der es auch mal verträgt, wenn es ihm nach einem Gelage schwindelig und speiübel wird, dann könnte der Bogen um Erskines „Der Fluch von Belheddon Hall“ nicht groß genug sein. Man möge selbst entscheiden.

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