Jana Hensel – Zonenkinder

Als die Mauer fiel und sich mein Leben plötzlich drastisch veränderte, da war ich elf Jahre alt. Mittlerweile kommt es häufiger vor, dass ich blinzle und verwundert feststelle, dass meine Kindheit anders abgelaufen ist als die meiner westdeutschen Kommilitonen. Oder ich schaue mir die Fotos von meiner ersten Reise nach Westberlin an (das Begrüßungsgeld abholen natürlich) und erkenne mich selbst darauf nicht wieder. Haben wir im Osten wirklich so ausgesehen? Was waren das für Reisen an die polnische Ostseeküste, als wir in heruntergekommenen Bungalows wohnten und jeden Abend vor dem Schlafengehen die Schnecken und Spinnen ermorden mussten, damit wir uns nicht gar so ekelten? Oder die unzähligen Urkunden und Belobigungen, die irgendwo in meinen Schränken vor sich hingilben und die ich regelmäßig beim Fahnenappell verliehen bekam? All diese kleinen Erinnerungen an eine Kindheit in der DDR, die einem alle paar Jahre durch Zufall wieder in die Hände fallen, die man nostalgisch betrachtet und dann wieder weglegt.

Jana Hensel scheint es genauso zu gehen. Sie ist nur zwei Jahre älter als ich und hat, nachdem sie 13 Jahre in der DDR und 13 Jahre im übrig gebliebenen Deutschland verbracht hat, beschlossen, doch ein Buch über ihre Kindheit in der DDR zu schreiben – bevor noch mehr vergessen würde. Und das Vergessen geht schnell. Klar, man erkennt Pfeffis und Knusperflocken im Supermarkt voller Freude wieder und trägt sie mit leuchtenden Augen nach Hause, um sich für die paar Minuten des Genusses in eine vergangene Zeit zurückzuversetzen. Aber es kommt auch vor, dass man mit den ehemaligen Mitschülern heftig diskutiert, ob es in der DDR Samstags-Unterricht gab oder nicht (es gab ihn, nur so nebenbei).

Daher fiel es Jana Hensel auch alles andere als leicht, dieses Erinnerungsbuch zu schreiben. Auch viele ihrer Erinnerungen waren verschollen, und so musste sie sich auch auf Erzählungen, Bibliotheken und andere Quellen verlassen, um ihr Gedächtnis wieder auf Trab zu bringen. Herausgekommen bei ihren Bemühungen ist ein schmaler Band mit dem sperrigen Titel „Zonenkinder“, der den Spagat versucht, sowohl persönliche Erinnerung als auch Gedächtnis einer ganzen Generation von DDR-Kindern zu sein.

In acht Kapiteln, die durch eingestreute Bilder und Fotos (echte Ossis werden hier ihren Schwimmausweis oder das Programm der Jugendweihefeier leicht wiedererkennen) aufgelockert und illustriert werden, beschwört Hensel die DDR ihrer Kindheit wieder herauf und widmet sich ebenso den zwittrigen Jahren nach der Wiedervereinigung, als man sich von der DDR zwar schnell lossagte, aber nicht gleichzeitig in der BRD ankam.

So landet der Leser zunächst in Hensels Schulzeit, die eben mit allem vollgepackt ist, was es in der DDR an sozialistischer Erziehung so gab. Man begegnet FRÖSI, der Altstoffsammlung, den Pioniernachmittagen, Gruppenräten und dem Milchdienst wieder. Leser meiner Generation werden beim Umblättern der Seiten wahrscheinlich unbewusst nicken und sich denken: „Ja, so war’s.“ Mehr aber auch nicht. Denn Hensel füllt Seite um Seite mit vermeintlichen Erinnerungen, die leider wirken, als wären sie angelesen oder kämen aus dem Museum, als wollte sie (zur Verwirrung der armen westdeutschen Leser?) möglichst viele unkommentierte DDR-Begrifflichkeiten auf besonders wenig Platz unterbringen. Die Quantität macht’s eben … Damit wirkt die Jana-Hensel-DDR-Kindheit unweigerlich wie eine Schablone, nichts Persönliches bleibt – uns ist das alles haargenauso passiert. Beängstigend.

Von den frühen Schulerinnerungen geht sie weiter zur Wendezeit, als sich plötzlich alles in rasendem Tempo veränderte und „die Dinge nicht mehr danach hießen, was sie waren“. Treffend formuliert, das muss ich sagen. Kaufhallen wurden zu Supermärkten und andere Begriffe verschwanden ganz: Die Poliklinik der DDR feiert heute beispielsweise als Gesundheitszentrum ihr Revival. Diese Zeit begründet auch Hensels für mich völlig unverständlichen Eltern-Begriff. Sie beschreibt ihre Eltern als eine verlorene Generation, für die die Wende zu spät kam und die höchstens in dem Erfolg ihrer Kinder in den neuen Gesellschaft Befriedigung finden können. Alles keine neuen Gedanken. Aber ihre Annahme, DDR-Kinder hätten mir ihren Eltern nichts gemein, man erzähle seinen Eltern nicht die persönlichen Probleme, man nehme sie nicht mit zur Uni und zeige ihnen die Mensa und man „diskutiere mit ihnen auch nicht konstruktiv das Studium“ – das alles sind Gedanken, die mir völlig fremd sind und die ich nicht nachvollziehen kann.

Das wäre an sich ja kein Problem. Nur hat sich Jana Hensel auf einen sehr penetranten Wir-Begriff festgelegt. Ganz wie in der DDR findet alles „geschlossen im Klassenverband“, also in einem großen WIR statt. Doch wen schließt dieses Wir ein? Den Leser im Allgemeinen? Die DDR-Kinder Hensels Generation? Hensels Mitschüler? Mir jedenfalls hat sich dieses Wir nicht geöffnet.

Ganz der Schilderung von DDR-Memorabilien verfallen, geraten Hensels „Zonenkinder“ von Zeit zu Zeit reichlich weinerlich. Mit ihren 13 Jahren sieht sie sich zur Zeit des Mauerfalls immer noch in einer Kindheitswelt, die der organisierten Herausbildung einer sozialistischen Persönlichkeit in völliger Verblendung gegenübersteht. Jedenfalls konnte ich bei ihrer Freude auf den Pioniernachmittag und die Altstoffsammlung, den Pioniergeburtstag und die Spartakiade keine Ironie herauslesen, wo ich definitiv selbige erwartete. An Hensel nagt die Gewissheit, ihre Kindheit unwiederbringlich verloren zu haben. Selbst die Orte, an denen sie stattgefunden hat, sehen heute ganz anders aus als vor zehn Jahren. Und so verfällt sie darauf, sich in Selbstmitleid zu üben: All die Westkinder können heim in ihre Kindheit kehren, nur die arme Jana findet zu Hause alles verändert vor. Dass die Kindheit allerdings immer ein verklärter Begriff ist, den man irgendwann verliert und danach nur noch in kurzen Augenblicken, Gerüchen und Erinnerungen wiederfindet, das übersieht sie. Dass es jedem, ob aus Dresden oder Hamburg, genauso geht, übersieht sie zugunsten der Anklage, dass man ihr die Kindheit entrissen habe.

Und so bleibt bei mir, obwohl ich dem Buch in vieler Hinsicht beipflichten kann, doch ein fahler Nachgeschmack bestehen. Hensels Kindheitsbeschwörungen erscheinen mir verwässert, idealisiert und unreflektiert. Ihre Kindheit in der DDR brandmarkt sie einerseits, auf der anderen Seite fühlt sie sich damit als unverstandene Außenseiterin. Für sie scheint ihre DDR-Geburt etwas zu sein, das sie nicht ablegen kann und das sie ständig begleitet, um ihr zu sagen: „Jana, du bist anders. Diese ganzen Wessis verstehen dich ohnehin nicht. Deine Heimat gibt es nicht. Du bist ein DDR-Kind.“

Für Leser, die ungefähr in Hensels Alter sind und aus der DDR kommen, mag das Buch als Erinnerungsfahrplan sehr interessant sein und viel Stoff zum Diskutieren und Klönen geben. Eine kritische Auseinandersetzung mit einer Kindheit in der DDR ist es nicht. Auch stellt sich mir die Frage, inwieweit „Zonenkinder“ für andere (westdeutsche?) Leserkreise interessant und überhaupt verständlich ist. Es ist gut möglich, dass Hensel mit ihrer Behauptung, dieses Buch wäre nötig gewesen, Recht hat. Doch ob nötige Bücher auch ein Lesevergnügen darstellen, bleibt ja noch zu beweisen. Vom nostalgischen Standpunkt aus betrachtet, lohnt sich die Lektüre durchaus. Mehr wird aber leider nicht geboten.

Taschenbuch: 176 Seiten
www.rowohlt.de

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