Miéville, China – Un Lon Dun

China Miéville – ein britischer, aufstrebender Autor, der gleich mit seinem Debüt „King Rat“ im Jahr 1998 von sich reden machte. Sein Rezept: Er beschränkt sich in seinen Werken nicht auf ein Genre. Er mischt kräftig Fantasy mit Sciencefiction-Elementen, dazu gibt er gerne eine Spur Horror bei und – wenn man so will, sein Markenzeichen – grotesken Humor. Dieser kommt auch in seinem Jugendroman „Un Lon Dun“ nicht zu kurz, steht aber nicht im Zentrum einer abenteuerlichen Geschichte um Freundschaft und die Rettung einer ganzen Welt.

_Inhalt_

Zanna ist ein ganz normales Mädchen. Sie besucht die Kilburn-Gesamtschule in London, schreibt gute Noten und verbringt ihre Freizeit mit ihren besten Freundinnen, allen voran Deeba aus ihrer direkten Nachbarschaft. Seit einiger Zeit häufen sich jedoch Ereignisse, die das aufgeweckte Mädchen durcheinanderbringen. So sehr sie diese auch nicht überbewerten möchte, an Zufälle glaubt Zanna schon lange nicht mehr.

Fremde Personen sprechen das Mädchen auf offener Straße an und begrüßen sie als Schwasie, später entdeckt sie an einer Hauswand ein Graffiti mit der Aufschrift „Zanna for ever“. Und Tiere beobachten sie mit einem außergewöhnlich großen Interesse, vor allem Hunde blicken ihr hinterher. Auf dem Schulgelände hat sie sogar eine kurze Begegnung mit einem Fuchs. Nur Deeba kann sie sich anvertrauen, doch obwohl ihre Freundin zu ihr hält, will sie nicht so recht glauben, was da passiert.

Bis zu dem Tag, als sich das Leben der beiden Jugendlichen ändert. Angezogen von einer offen stehenden Kellertür, die die beiden Mädchen eines Tages in einer ruhigen Nebengasse Londons entdecken, folgen sie den dunklen Korridoren bis zu einer Sackgasse. Nur ein verrostetes Ventilrad befindet sich in dem Raum. Aus reiner Neugierde drehen Zanna und Deeba an dem Rad, und ehe sie sich versehen, finden sie sich in einer neuen Welt wieder: Müll und weggeworfener Elektroschrott, der zu Leben erwacht, menschenähnliche und menschenunähnliche Gestalten, die auf der Straße mit im normalen London als Schrott bezeichneten Gegenständen Handel treiben, und Kinder, die als geisterhafte Wesen durch die Straßen huschen, beherrschen das Stadtbild. Und darüber, über der ganzen Szenerie, schwebt eine Sonne in Donutform.

Ein Passant klärt die zwei Londonerinnen schließlich auf: sie befinden sich in Un Lon Dun, einer Parallelwelt, die auf paradoxe Weise das Leben in London persifliert. Hier funktioniert alles nach ähnlichen, aber doch ganz anderen physikalischen Gesetzen. Vieles scheint vertraut, doch auf so absurde Weise ins Lächerliche verkehrt, dass Zanna und Deeba nicht wissen, ob sie nun lachen oder weinen sollen.

Viel Zeit zum Grübeln bleibt ohnehin nicht. Ein Mann namens Obaday Fing, der sich in die Romanseiten literarischer Klassiker gekleidet hat, nimmt sich der Mädchen an. Als er auf Zannas Travelcard entdeckt, wen er dort vor sich hat, will er die Mädchen schnell in Sicherheit bringen. Denn in Zanna sieht er die Schwasie, die Auserwählte, die Un Lon Dun von dem Smog retten soll. Doch wenn die Geschichte mit der Schwasie auf einer Prophezeiung Un Lon Duns beruht und eben jener Name auch schon im richtigen London gefallen ist, dann muss, so hoffen die Mädchen, mehr als ein Weg zwischen ihren Welten existieren. Die Chance auf eine baldige Rückkehr treibt sie an.

Zunächst gilt es jedoch, zu den Prophezeiern zu gelangen, die laut Obaday den Mädchen alles erklären und ihre Fragen, auch zu ihrer Heimkehr, beantworten können. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn ihre Verfolger, die der Smog um sich versammelt hat, haben sich bereits an ihre Fährte geheftet. Geister, die sie nach Nebulos, in eine leere Welt ziehen wollen, Zyklopsbrummer und Aerobanditen, die auf den Brummern durch die Gegend jagen. Doch zum Glück, nachdem sie sich bei einer hektischen Verfolgungsjagd von Obaday trennen müssen, bekommen Zanna und Deeba unterwartete Hilfe. Endlich bei den Prophezeiern angelangt, geht das Abenteuer aber erst richtig los.

Denn der Smog wagt einen verzweifelten Angriff, dringt in Zannas Lunge ein und lässt sie bewusstlos zu Boden gehen. Unschirme, lebende Regenschirme, können die giftige Smogwolke wieder vertreiben, doch die Auserwählte ist erst einmal außer Kraft gesetzt. Ist die Prophezeiung also nur ein Hirngespinst, das auf Hoffnung, aber nicht auf Tatsachen beruht? Gibt es die Schwasie vielleicht gar nicht? Die Mädchen und die Bewohner Un Lon Duns müssen Antworten erhalten und sich entscheiden, ob sie trotzdem den Kampf gegen den Smog aufnehmen wollen.

_Bewertung_

China Miéville erschafft mit Un Lon Dun eine Parallelwelt, die an eine moderne Form von Alices Wunderland erinnert. Fantastische Elemente finden sich zuhauf, doch sind sie ins Absurde gezogen und persiflieren Alltäglichkeiten der normalen Welt. Der Einfallsreichtum des Autors ist enorm. Auf fast jeder Seite baut er neue Geschöpfe ein, die in Un Lon Dun aus entsorgten Elektrogeräten oder weggeworfenem Müll zum Leben erwachen. Der Milchkarton Krissel etwa begleitet die Mädchen als eine Art Haustier auf ihrer Reise durch die Parallelwelt, und mit dem Fledderschrimm steht ein tapferer Regenschirm an ihrer Seite, der sich mehr als einmal zwischen sie und den Smog wirft. Und wenn die Protagonisten nicht auf lebendige Gegenstände treffen, dann auf verrückte Menschen oder Tiere, die auf gleicher Augenhöhe durch die skurrile Welt wandern.

So viele farbenfrohe Wesen auch durch Un Lon Dun wuseln, so wenig plastisch fügen sie sich in Miévilles Roman ein. Die Figuren sind zwar einfallsreich gestaltet, hinterlassen allerdings keinen bleibenden Eindruck, da sie meist genauso schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Auch den Nebencharakteren, von denen sich im Laufe der Handlung eine stattliche Anzahl ansammelt, mangelt es an Charaktereigenschaften, die sie liebens- oder verabscheuenswert machen. Ihr absonderliches Erscheinungsbild oder Verhalten ist das Einzige, was dem Leser im Gedächtnis bleibt, wesentliche Charakterzüge fehlen leider. So bleiben die Figuren austauschbar und wirken nur als Fassade einer Welt, in die man nicht so recht einzutauchen vermag, trotz grandioser und zahlreicher Einfälle, Un Lon Dun zum Leben zu erwecken.

Auch die Protagonisten erscheinen blass und austauschbar. Zanna Und Deeba sind anfangs kaum voneinander zu unterscheiden, wäre da nicht die Prophezeiung, die Zanna auf eine scheinbar höhere Stufe stellt. Zwar baut sich im Laufe der Handlung eine angenehm überraschende Wendung auf, die Hauptfiguren bieten aber insgesamt nur selten Identifikationsmöglichkeiten, um den Leser dauerhaft packen zu können.

So als wolle Miéville diese meist nur oberflächliche bleibende Figurendarstellung und Entwicklung unterstützen, ist das mit knapp 600 Seiten wahrlich nicht dünne Buch von einem hektischen, flüchtigen Stil geprägt. Die einzelnen Kapitel sind selten mehr als zehn Seiten lang. Kurze Sätze sowie der häufige Gebrauch einer elliptischen Satzstruktur prägen den Roman. Hinzu kommt ein ausgeprägter Nominal-Stil samt zahlreichen Wortneuschöpfungen, um den Un Lon Duner Geschöpfen und Gegenständen einen neuen Namen zu verleihen. Das wirkt stellenweise komisch, behindert in der Häufung aber eher den Lesefluss und fällt im Handlungsverlauf eher störend auf. Schieferläufer, Unschirmissimo, das Faselland, Graffel-Häuser und Miefschniefer klingen gekünstelt. Statt Namen, die sich selbst beschreiben und selbsterklärend sein sollen, wäre ein beschreibender, verbaler Stil angebrachter gewesen. Auch, oder sogar gerade ein Jugendbuch benötigt Raum zur Entfaltung.

Das ist schade, denn die Handlung kann überzeugen und durchbricht gekonnt die Konventionen des fantastischen Genres. Eine Auserwählte, die zusammen mit ihrer besten Freundin in eine Parallelwelt gelangt, scheint auf den ersten Blick altbekannt. Miéville spielt allerdings mit den altbewährten Mustern eines unfreiwilligen Helden und gibt nicht viel auf Prophezeiungen, die irgendwann und irgendwo einmal aufgestellt worden sind. In Un Lon Dun wird nur der zum Helden, der sich selbst dazu berufen fühlt, und das ist in diesem Fall nicht die Person, die auf den ersten zweihundert Seiten als vermeintliche Hauptfigur in Erscheinung tritt.

Durchweg rasant zieht sich die Handlung durch den Roman, dem Leser bleibt kaum Zeit, sich auf die Eindrücke einzulassen. Das entspricht zwar dem bereits ausgeführten Stil des Buches, der wie der rasante Schnitt eines schnellen Films daherkommt, verschenkt aber die Möglichkeiten, in ruhigen Passagen neu an Fahrt zu gewinnen. „Un Lon Dun“ macht Spaß, verschenkt aber zu viel, denn hier wäre deutlich mehr drin gewesen.

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