Tilman Röhrig – Die Ballade vom Fetzer

Mathias Weber war das, was man heute wohl unter dem Begriff ‚mieses Schwein‘ einsortieren würde. Zu Lebzeiten war er im Rheingebiet einer der gefürchtetsten Räuber, der vor keiner Brutalität zurückschreckte, um an sein Ziel zu gelangen.
Tilman Röhrig fasziniert die Geschichte des Mannes, der sich damals schnell den Beinamen ‚Fetzer‘ einhandelte, von jeher so sehr, dass er irgendwann beschloss, das kurze Leben des Mathias Weber bzw. den Lebensabschnitt, in dem er vom Tagedieb zum Anführer einer Räuberbande wurde, in einem Buch aufzurollen und den in Vergessenheit geratenen ‚Fetzer‘ der heutigen Generation vorzustellen. Die Arbeit des Autors stellte sich dabei als äußerst schwierig und langwierig vor. Nach intensiver Recherche, die fast schon aussichtslos erschien, fand er unter dem Namen ‚Schinderhannes‘ schließlich erste Informationen zu Weber, die er später in einem 61-seitigen Bericht näher intensivieren konnte. Eine halbe Ewigkeit hat Röhrig schließlich damit verbracht, Daten zu sortieren, Informationen zu bündeln, Einzelheiten im Detail zu erforschen und das Leben einer Person, die gerade mal 25 Jahre alt geworden war, lückenlos darzustellen – was ihm schließlich auch hervorragend gelungen ist!

Story

Mitten in den Wirren der Jahre 1794-1803 – damals breiteten die französischen Truppen ihe Macht im Gebiet des Mittelrheins weiter aus – bildeten sich rund um das Gbeit von Düsseldorf, Köln, Neuss und Grefrath zahlreiche Räuberbanden, die das Land durchstreiften und in Angst und Schrecken versetzten. Irgendwann entdeckte auch der erst 16-jährige Mathias Weber die Plünderei für sich und schlug sich fortan als gerissener Tagedieb durchs Leben. Nach einzelnen kleinen Überfällen schloss sich der talentierte Kleinkriminelle einer größeren Bande an und konnte dort die teilweise wesentlich älteren Mitglieder sofort durch seine radikale Art überzeugen. Weber ging schließlich seinen Weg, ergriff immer mehr die Initiative und wurde unter dem Titel ‚Fetzer‘ zu einem der gefürchtetsten Räuber in der Gegend. Mehr als 150 Raubüberfälle gingen letztendlich auf sein Konto, bevor er sich mit der Syphilis infizierte und nicht mehr imstande war, vor dem öffentlichen Ankläger Anton Keil zu fliehen.

Meine Meinung

Ganz klar: Tilman Röhrig war fasziniert vom Leben des ‚Fetzers‘, ansonsten hätte er ja auch kaum eine Art Lobgesang – oder eben eine Ballade – auf Mathias Weber geschrieben. Natürlich geht es aber hier nicht darum, die Taten des Mannes gutzuheißen, sondern vielmehr darum, ein Portrait einer wohl einzigartigen Persönlichkeit zu zeichnen.

Streckenweise bekommt „Die Ballade vom Fetzer“ so auch den Charakter eines Berichts, denn weil man vorher schon weiß, in welche Richtung sich die Erzählung bewegen wird, geht ein gewisser Teil der Spannung von Anfang an verloren. Man muss sich aber ganz klar vor Augen führen, dass dieses Buch keine spannende Geschichte mit einem heroischen Titelhelden ist. Im Gegenteil, es ist die traurige Darstellung eines kompromisslosen Missetäters, der vor wirklich gar nichts zurückzustecken schien und so auch immerfort an sein Ziel gelangte.

Besonders sein Verhältnis zu Frauen hat dabei eine abschreckende Wirkung. Das beginnt schon mit seiner ersten Beziehung, aus der Weber lediglich als Nutznießer hinausgeht und seine Gefährtin auch noch verurteilt, weil sie das gemeinsame Kind verloren hat. Mehrere solche Schicksale sind mit dem Liebesleben – sofern man das überhaupt so nennen darf – verbunden, und immer wieder enden sie auf tragische Weise.

Wirklich tragisch ist aber schließlich auch der Untergang des legendären ‚Fetzers‘. Bereits in jungen Jahren überfällt ihn die damalige ‚Volkskrankheit‘ Syphilis und richtet ihn schließlich auch hin. Für einen Mann, der stets von der öffentlichen Bewunderung lebte und dadurch auch immerfort motiviert wurde, seine Verbrechen auszuweiten, war dies sicherlich die schlimmste Niederlage, was Röhrig aber dann doch nicht so beschreibt.

Er hingegen konzentriert sich in erster Linie auf Fakten und baut um diese herum seine Erzählung auf. So finden auch zwischendurch immer wieder recht große Zeitsprünge statt, wohingegen manche Szenarien sehr ausführlich geschildert werden. Der Autor hat anscheinend alles Verwertbare genutzt und die Übergänge trotz dieser Sprünge fließend gestalten können. Das hält den Leser trotz des Mangels an Spannung schließlich auch immer bei der Stange – schließlich gelingt es Röhrig nach einer Weile ja auch, die Faszination für Mathias Weber in gewissem Maße auf den Leser zu übertragen, was einen dann aber auch nicht sonderlich erschrecken sollte.

Der Lebemann Weber wird hier in vollstem Facettenreichtum dargestellt, so viel steht fest. Weber war kein Mann, der zurückhaltend lebte; die Bordelle und Kneipen rund ums Rheinufer waren sein Gebiet, und genau hier, mitten unter seinen Verehrern, fühlte er sich auch wohl. Hier fand er seine Anerkennung und wurde so auch immr wieder angestachelt, sich selbst zu übertrumpfen – bis zu dem Zeitpunkt, als aus dem Räuber ein öffentlich Gejagter wurde, der seinen Verfolgern aber immer einen Schritt voraus war oder sich mit Hilfe seiner Brutalität entsprechend in Sicherheit bringen konnte – bis er dann hilflos zusehen musste, wie er nicht mehr Herr seines Körpers war und langsam aber sicher den unvermeintlichen Weg zur Guillotine antreten musste.

Es sind die vielen Seiten, die der Protagonist in seinem kurzen Leben offenbarte, die schließlich auch diese Faszination auslösen. Genau diese vielseitige Ausstrahlung thematisiert Röhrig in „Die Ballade vom Fetzer“ vordergründig und trifft damit voll ins Schwarze. Keine Übertreibungen, keine Fiktion, sondern einfach nur eine nüchterne, sachliche Darstellung eines heutzutage kaum mehr bekannten, damals aber umso mehr gefürchteten Menschen, der nicht nur äußerst hart zu seinen Kontrahenten war, sondern darüber hinaus auch immer wieselflink und sehr intelligent vorging. „Die Ballade vom Fetzer“ ist daher auch ein wirklich starker historischer Roman geworden, der ein farbenprächtiges Bild von der Zeit Ende des 18. Jahrhunderts liefert und für die gelungene Charakterisierung eines solchen Menschen viel Lob verdient.

Taschenbuch: 254 Seiten
www.luebbe.de

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