Stephen Baxter – Zeitschiffe

H. G. Wells‘ Zeitreisender verschlägt es in parallele Welten, die er gemeinsam mit dem Morlock Nebogipfel erforscht, während ein anderes Ich einen Zeit-Krieg vom Zaun bricht, der sich gen Vergangenheit ausbreitet … – Die ‚Fortsetzung‘ des SF-Klassikers von 1895 ist handlungsbunt aber flach; die Handlung reiht Episode an Episode, ohne dass sich daraus eine ‚runde‘ Geschichte formt: actionreiche Science Fiction, die dem genialen Vorgänger nie das Wasser reichen kann.

Das geschieht:

In Richmond, einem Vorort von London, gelingt im Jahre 1891 einem Erfinder Unglaubliches: Er baut eine Zeitmaschine, macht sich unerschrocken in eine ferne Zukunft auf und gerät auf dem Zeitstrom in manche Turbulenzen, bevor er glücklich wieder heimkehrt (vgl. H. G. Wells: Die Zeitmaschine). Dort hält es ihn nur kurz. Eine neue Expedition in die Zukunft beginnt, die im Jahre 657.208 n. Chr. ein abruptes Ende nimmt. Schon vorher schwante dem Reisenden nichts Gutes, denn wie er vom Sattel seiner Zeitmaschine beobachten konnte, hat die Geschichte offenbar einen völlig neuen Verlauf genommen!

Der Reisende (seinen Namen verschweigt er uns übrigens hartnäckig) landet auf einer Erde, die in völliger Finsternis liegt. Alte, sehr ungern wiedergesehene Bekannte der ersten Zeitfahrt warten auf den Chrononauten: die Morlocks, mutierte, an Affen erinnernde Menschennachfahren, die unter der Erde hausen und nur des Nachts an die Oberfläche schleichen, um Jagd auf die ätherischen Eloi, die zweite Menschenrasse, zu machen.

Zu seinem Schrecken muss der Reisende erkennen, dass es die Eloi nicht mehr gibt nie gegeben hat; stattdessen haben die Morlocks die Herrschaft übernommen. Die Sonne wurde von ihnen in einer gigantischen Sphäre eingekapselt, die ihren Bewohnern den Lebensraum vieler Milliarden Erden bietet. Diese Morlocks sind zudem friedlich und wissensdurstig. Besonders intensiv widmet sich der Historiker Nebogipfel dem Besucher aus der Vergangenheit. Er schließt sich ihm an, als dieser erneut seine Zeitmaschine besteigt..

Es gilt einen schrecklichen Verdacht zu überprüfen: Der Reisende könnte mit der Zeitmaschine den Zeitstrom in Unordnung gebracht haben! Nebogipfel findet jedoch heraus, dass die Zeitmaschine mit jedem Start in eine Parallelwelt überwechselt, in der die Geschichte sich anders entwickelt. Eine Rückkehr ist unmöglich, sodass der Reisende ‚sein‘ 1891 auf ewig verloren hat. Er reist stattdessen in ein paralleles 1873, um Kontakt mit seinem jüngeren, parallelen Ich aufzunehmen.

Dieser mutwillige Versuch, ein Zeit-Paradoxon zu provozieren, verblasst angesichts der Erkenntnis, dass ein älteres Ich des Reisenden in einer weiteren Zukunft nicht nur die Zeitreise-Technologie verbreitet, sondern den Startschuss für einen Zeit-Krieg gegeben hat. Eine britische Zeit-Expedition segelt 1938 den Zeitstrom hinauf, um den Erfinder der Zeitmaschine im Jahre 1873 abzupassen. Seit 1914 tobt ein erbitterter Krieg gegen das kaiserliche Deutschland, der ganz Europa in ein Schlacht- und Trümmerfeld verwandelt hat. Der Reisende soll den Briten der Zukunft bei der Entwicklung einer ultimativen Zeitwaffe helfen, die endlich den Sieg bringen soll …

Noch einmal – und dieses Mal volle Kraft voraus!

Damit hat dieser Rezensent etwa die Hälfte der Handlung von „Zeitschiffe“ skizziert. Eigentlich geht es sogar jetzt erst richtig los, denn dies ist ein SEHR dickes Buch mit gut gefüllten Seiten. Fortsetzungen erzählen – so lautet eine Faustregel, die von den Kritikern dieser Welt immer wieder gern aus der Mottenkiste gekramt wird – die Originalgeschichte leicht variiert noch einmal, wobei deren Originalität durch knalligere Effekte ersetzt wird. Da ist durchaus etwas dran, wie Stephen Baxter mit dem hier vorgelegten Werk eindrucksvoll unter Beweis stellt. „Die Zeitmaschine“, H. G. Wells‘ Science-Fiction-Klassiker des Jahres 1895, ist ein kaum 160 Seiten starker Kurzroman, der indes Maßstäbe setzte – und sei es nur deshalb, weil er der erste ‚richtige‘ Zeitreise-Roman war und Wells ein Genre begründete, das zu den beliebtesten der SF überhaupt werden sollte.

„Die Zeitmaschine“ ist – obwohl nostalgisch angestaubt – darüber hinaus ein spannendes Stück Unterhaltungs-Literatur, das auch in weiteren hundert Jahren sein Publikum finden wird. Ob das auf Baxters „Zeitschiffe“ ebenfalls zutreffen wird, muss sich noch herausstellen; es wird zumindest an dieser Stelle bereits vorsichtig angezweifelt. Für den Verfasser müssen diese Worte schmerzlich sein, und ich drehe das Messer sogar noch einmal in der Wunde um: Mit „Zeitschiffe“ hat sich Baxter völlig grundlos in das Kreuzfeuer der Kritik gewagt.

Als ‚normaler‘ SF-Roman kann das Werk problemlos bestehen – ein buntes, turbulentes Abenteuer-Garn, das viele Stunden unbeschwerten und anspruchslosen Lektürevergnügens garantiert. Aber „Zeitschiffe“ wurde 1995 als deutlich ambitionierteres Projekt auf Kiel gelegt: als „offizielle“ Fortsetzung der originalen „Zeitmaschine“ anlässlich des 100. Geburtstags dieses Klassikers. Damit muss sich Baxter nun primär dem direkten Vergleich stellen – und das beschert ihm mehr als das sprichwörtliche blaue Auge!

Roman ohne Ende (oder Struktur)

Bereits der Umfang des Werkes lässt Misstrauen aufkeimen: Plant der Verfasser sein Publikum etwa mit einem erzählerischen Overkill zu überrumpeln? Das missglückt, denn Baxter lässt echten epischen Atem vermissen. „Zeitschiffe“ weist keine stringente Handlung auf, sondern stellt sich als Folge mehrerer, mehr oder weniger verbundener Fortsetzungsgeschichten höchst unterschiedlicher Qualität dar. Schon Teil 1 lässt Wells völlig links liegen und präsentiert eine lieb- und ideenlose Space Opera, wie sie Greg Bear oder Gregory Benford oder eben Baxter selbst wie am Fließband produzieren.

Keineswegs einfallsreicher fällt Baxters Ausflug in ein alternatives Europa aus, das den I. und II. Weltkrieg simultan führt. (Hier greift Baxter anscheinend nicht auf Wells‘ Roman, sondern auf den Film von 1960 zurück, der kurz in einem England im III. Weltkrieg spielt.) Nichts Neues unter der „Was-wäre-wenn“-Sonne, muss man konstatieren; es fehlt nicht einmal das obligatorische Name-Dropping, das Originalität durch das Auftauchen realer Persönlichkeiten der Weltgeschichte in ungewöhnlichen Rollen suggeriert.

Leider winkt Baxter auch hier mit ganzen Zaunpfahl-Reihen; so darf man sicher sein, dass George Orwell himself nicht weit ist, wenn Baxter dessen „1984“ ohne Überraschungen neu in Szene setzt. Natürlich taucht auch der ‚echte‘ H. G. Wells auf; er wirkt etwa so recht am Platze wie einst Mark Twain in „Star Trek – The Next Pappmaché-Generation“. Immerhin: Obwohl dieser Teil der „Zeitschiffe“ um 1940 spielt, erscheint kein Adolf auf der Bildfläche.

Nächstes Modul: eine „Jurassic-Park”-Robinsonade; ohne Saurier aber mit angriffslustigen Riesen-Urvögeln, routiniert abgespult & absolut unerheblich für die Gesamt-Geschichte – ein reines Seitendreschen und gewiss die schwächste der „Zeitschiffe“-Episoden.

Es kann nur besser werden – und es wird!

Allerdings wartet Baxter im Anschluss mit einem Knalleffekt auf: Wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet, entwickelt „Zeitschiffe“ plötzlich doch noch jene epische Qualität, die das Original zum Klassiker erhob. Baxters Odyssee zurück zum Anfang allen Seins ist eine fabelhafte Tour de Force, die mit Wells‘ spiegelbildlichem Ausflug zum Ende der Zeit endlich mithalten kann. Der Autor fühlt sich sichtlich wohl und auf sicherem Terrain, spielt sein physikalisch-astronomisches Wissen aus und präsentiert mit spielerischer Eleganz sowie auf dem Kenntnisstand der modernen Forschung (von 1995) nicht nur die komplexe, weil die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft erreichende und manchmal sprengende ‚Lebensgeschichte‘ des Universums seit dem Urknall, sondern erzählt diese Biografie auch noch in nichtchronologischer Reihenfolge!

Dieser vorzügliche gelungene Handlungsbogen versöhnt mit den Geplätscher der Vorgeschichte sowie mit dem schlappen Finale, das in Wells Zukunft des Jahres 802.701 mündet und den Zeitreisenden zunächst bei der Rettung der Eloi-Frau Weena vor den nun wieder bösen Morlocks und später beim Versuch zeigt, zwischen der über- und unterirdischen Welt Frieden zu stiften. Hier bricht die Geschichte ab (Fortsetzung möglich, aber bisher gottlob ausgeblieben), obwohl sie problemlos dem Werk angeklebt werden könnte. Aber Verfasser und Verlag waren wohl zu dem Entschluss gekommen, dass genug Seiten zusammengekommen waren um, um das „Zeitmaschine“-Jubiläum gebührend feiern zu können.

In Deutschland wurde „Zeitschiffe“ pünktlich im Jahre 1995 und flankiert von einigem Presse- und Werberummel auf den Buchmarkt geworfen, ohne offensichtlich die Leserschaft zu Begeisterungsstürmen hinzureißen. Sieben Jahre später folgte die Neuveröffentlichung. Der Anlass: die aktuelle Kino-Neuverfilmung der originalen „Zeitmaschine“. Auch Hollywood übernahm von H. G. Wells nur die Maschine, den Zeitreisenden, die Eloi und die Morlocks; die Handlung war ansonsten ebenso ‚neu‘ wie die der „Zeitschiffe“.

„Zeitschiffe“ ist als Jubiläums-Fortsetzung eines alten SF-Klassikers etwa so sinnvoll wie ein Kropf, als eigenständiger Roman größtenteils kurzweilig und im Finale manchmal genial: solides Lesefutter insgesamt, nie mehr, aber auch selten weniger und selbstverständlich bar jeder Zivilisationskritik, die Wells so wichtig war und die auch Baxter manchmal beschwört – allerdings sichtlich als lästige Pflichtübung ohne jede Durchschlagskraft.

Autor

Stephen M. Baxter wurde 1957 in der Beatles-Stadt Liverpool geboren. Er studierte Mathematik in Cambridge und promovierte als Ingenieur an der Universität zu Southampton. Anschließend wurde er Schullehrer und erteilte Mathematik- und Physikunterricht. Später arbeitete er als Informatiker.

Geschrieben hat Baxter schon in jungen Jahren. Veröffentlicht wurde seine erste Science Fiction Story („The Xeelee Flower“) 1987 im Magazin „Interzone“. Weitere Kurzgeschichten folgten. 1991 erschien „The Raft“ (dt. „Das Floß“), Baxters erster Roman. Diese Arbeiten leiteten den Xeelee Zyklus ein, der den Verfasser als modernen Vertreter des Subgenres Hard-SF auswies.

Im Gegensatz zu vielen Kollegen sieht Baxter den Menschen nicht als Rädchen einer Super-Technik. Im Guten wie im Bösen steuert er im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten eigenverantwortlich sein Schicksal. Sehr deutlich wird dies im voluminösen Alternativwelt-Roman „Voyage“ (1996, dt. „Mission Ares“), der die US-Regierung in den 1970er Jahren Entscheidungen treffen lässt, welche 1986 Menschen auf den Mars bringt. Noch wesentlich breiter spannte Baxter den alternativgeschichtlichen Bogen mit seinem vierbändigen „Time’s Tapestry“-Zyklus (2006/08; dt. „Die Zeitverschwörung“).

Seit 1995 ist Baxter hauptberuflicher Schriftsteller. Für seine einfallsreichen Romane und Kurzgeschichten heimste er zahlreiche Preise (u. a. den Philip K. Dick Award, den John Campbell Memorial Award und sogar den deutschen Kurd Lasswitz Preis) ein. Aktuell unterstützt Baxter den moribunden Schriftsteller Terry Pratchett bei der Niederschrift der „Long-Earth“-Serie.

Website

Taschenbuch: 732 Seiten
Originaltitel: Time Ships (London : Grafton Books/HarperCollins Publishers 1995)
Übersetzung: Martin Gilbert
http://www.heyne-verlag.de

eBook: 1543 KB
ISBN-13: 978-3-641-15578-0
http://www.randomhouse.de/heyne

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