Charles de Lint – Memory & Dream

Phantasievoller Künstlerroman

Die Malerin Isabelle Copley verfügt über ein einzigartiges Talent: Die von ihr gemalten Geistwesen können reale Gestalt annehmen, die jeder sehen kann. Von dieser von ihrem Mentor Rushkin erworbenen Fähigkeit darf niemand erfahren. Doch als Izzy fünf Jahre nach dem Tod ihrer besten Freundin Kathy einen Brief von ihr erhält, kehren die jahrelang unterdrückten Erinnerungen zurück. Als ihr damaliger Freund, der Verleger Alan, anruft, um für Kathys Kurzgeschichten neue Illustrationen zu erbitten, erwacht in Izzy die Sehnsucht nach der alten Magie. Doch sie fürchtet, was sie erschaffen könnte…

Der Autor

Der 1951 geborene Kanadier Charles de Lint publizierte bereits 1979 seine erste Fantasy-Story und hat sich seitdem als einer der fleißigsten Autoren profiliert. Dabei verfasste er nicht nur Fantasy, sondern auch einen Horrorroman („Angel of Darkness“, unter Pseudonym) und einen SF-Roman mit dem Titel „Svaha“. Bei uns ist er bislang durch seine zwei Romane für Philip J. Farmers „Dungeon“ und durch den Fantasy-Roman „Das kleine Volk“ (alle bei Heyne) bekannt geworden.

Es wäre zu wünschen, dass sich seine Fangemeinde vergrößert, um auch die anderen zauberhaften Romane „Into the Dream“, „Yarrow“, „Moonheart“, „Memory & Dream“ und „Spirit Walk“ zu entdecken. Inzwischen hat es De Lint zu seiner Spezialität gemacht, Kurzromane in Eigenherstellung und mit niedrigster Auflage zu Sammlerpreisen anzubieten.

Werke auf Deutsch:

1) Grünmantel (1998)
2) Das kleine Land (1994):
Band 1: Das verborgene Volk
Band 2: Die vergessene Musik
3) Das Dungeon 3: Tal des Donners
4) Das Dungeon 5: Die verborgene Stadt

Handlung

Fünf Jahre und zwei Monate nach dem Tod ihrer besten Freundin Katherine Mully erhält die Malerin Isabelle Copley, die sich auf eine Insel zurückgezogen hat, einen Brief von Kathy. Ihre Knie verwandeln sich in Wasser und sie bricht fast zusammen. Kathy, die Geschichtenerzählerin, war ihre Zimmergenossin und Mitstudentin an der Butler University in (der fiktiven Stadt) Newford, lebte mit ihr und anderen Freunden in der Waterhouse Street, dem Künstlerviertel der Stadt.

Und Kathy schreibt nicht nur quasi aus dem Grab heraus – sie schickt auch den Schlüssel zu einem Postfach, aus dem Izzy quasi als Alleinerbin noch weitere Vermächtnisse bekommen soll. Izzy vermutet, dass es weitere Manuskripte von Kurzgeschichten sein könnten, die Kathy nie in Alan Grants Verlag veröffentlichen konnte, bevor sie sehr krank wurde und starb. Izzy fühlt den Boden unter sich schwanken, als die Vergangenheit sie wieder überfällt. Sie hat ein Versprechen, das sie Kathy einst gab, nicht eingelöst, erkennt sie schuldbewusst.

Alan

Als wäre es abgesprochen, ruft Alan Grant an. Er hat gerade einen Druckrechte-Prozess gegen Kathys Familie, die Mullys gewonnen, und will schleunigst eine Gesamtausgabe mit Kathys Kurzgeschichten veröffentlichen. Er bittet Izzy, in die er schon lange heimlich verliebt ist, um weitere Illustrationen für diesen neuen Band. Er kommt sogar selbst in die Wildnis, und Izzy holt ihn mit ihrem Boot auf die Insel.

Rushkin, der Troll

Seine Anwesenheit weckt in Izzy weitere Erinnerungen. Sie denkt an ihre erste Zeit mit ihrem Mentor und Lehrer Vincent Adjani Rushkin. Vor rund 20 Jahren war sie gerade mal 17 Jahre alt und vor einem zornigen, unbeherrschten Vater weggelaufen, als Rushkin in ihr ein Talent erkannte, das er fördern konnte. Als erstes sollte sie sich ausziehen, um ihm Modell zu stehen. Das kostete Überwindung. Aber er hatte recht: Wie sollte er sie kennenlernen und auf die Leinwand bringen, wenn sie das Wesentliche ihrer Erscheinung verbarg?

Er sah aus wie ein Troll, mit wildem Haar, unordentlicher Kleidung und herrischem Auftreten, aber nach einer besonders peinlichen Sitzung ließ er sich dazu herab, ihr seine menschliche Seite zu zeigen. Er musste Ende siebzig oder sogar Anfang achtzig sein, erkannte Izzy, und er suchte einen Nachfolger. Würde sie wirklich würdig sein, einem derartigen Genius als Lehrling zu dienen? Doch Izzy lernte weit mehr als nur zeichnen und malen. Sie erschuf…

Die Elfe

Als ein Sturm über das Adjani Cottage auf der Insel hereinbricht, darf Alan im Gästezimmer übernachten. Ohne es zu ahnen, arbeitet Izzy in ihrem Studio sich in eine Trance, um all die Gesichter zu zeichnen, die ihr in den Sinn kommen. Unterdessen erwacht Alan aus seinem Schlummer, weil er eine Besucherin hat. Sie ist eine Kindfrau, die als Kleidung nur ein Männerhemd trägt, sonst nichts. Er sollte sie kennen, sagt sie: Sie ist Cosette, die junge Frau aus einem Gemälde, das Izzy vor Jahren geschaffen hat. Und jetzt, wo Izzy wieder arbeite, freue sie sich, neue Gesichter kennenzulernen. Bevor Alan weitere Fragen stellen kann, steigt die Kindfrau aus dem Fenster und verschwindet…

Das Projekt

Der Duft von Frühstück und ein Ruf seitens Izzys wecken Alan. Zu seiner Überraschung erklärt sie sich bereit, an seinem Buchprojekt mitzuarbeiten. Wohl nur mit Zeichnungen, möglicherweise aber auch mit Farbgemälden. Alan weiß von Cosette, dass Gemälde irgendwie „gefährlich“ sind, und ist verunsichert. Noch mehr erstaunt ihn das Ansinnen seiner Angebeteten, in die Stadt zu ziehen, um städtische Hintergründe zu erstellen und womöglich – o Glückes Geschick! – ein Studio zu mieten.

Alan gelingt es unter Mühen, seine Aufregung zu verbergen. Auch schon der geringste Versprecher, der auf Cosette hindeuten könnte, bringt ihm einen misstrauischen Blick ein. Aber Menschenskind – ein Band mit Kathys berühmtesten Geschichten, illustriert von einer der bekanntesten Malerinnen der Ostküste – es ist zweifellos der Coup des Jahrzehnts. In Hochstimmung fährt er nach Hause, um alles brühwarm seiner neuen Wohnungsgenossin Marisa zu erzählen, die gerade ihren Mann verlassen hat.

Izzy ahnt indes, dass in Newford mehrere Gefahren auf sie lauern. Nicht nur, dass der angeblich vor zehn Jahren verschwundene Rushkin noch am Leben sein könnte und sie sich ihm stellen müsste. Nein, auch die Wesen, die sie dort heraufbeschwören könnte, aufgeregt durch Kathys unerwartetes Geschenk und Alans Auftrag. Sie ahnt sehr wohl, dass eines der Wesen – die sie „Numena“ nennt – Alan in der vorigen Nacht besucht haben könnte. Was, wenn sie weitaus schlimmere Dinge heraufbeschwört, so wie vor 20 Jahren, vor dem Feuer…?

Numena

Rolanda, die schwarzhäutige Kuratorin der Newford Children Foundation, die Kathy Mully vor 20 Jahren gründete, wird in ihrem Büro von einem Geräusch abgelenkt. Es stammt von den Schritten eines schlanken Mädchens, das die Bilder an den Wänden betrachten will. Es steht besonders lange vor einem Bild, das den Titel „The Wild Girl“ trägt, gemalt von einer gewissen Isabelle Copley.

Als Rolanda neugierig aufsteht, bemerkt sie mehrere Dinge. Das Mädchen trägt keinerlei Fußbedeckung, und das Ende September. Ebenso der Jahreszeit unangemessen ist seine dünne Kleidung. Als zweites fällt Rolanda die große Ähnlichkeit mit dem auf dem Gemälde abgebildeten Mädchen auf. Tatsächlich könnten sie Zwillinge sein, sagt sie, und das nach 20 Jahren.

Die Antworten des Mädchens sind sonderbar, behauptet es doch, dass seine Familie niemals äße, schlafe oder träume. Rolanda beschließt, das Mädchen, das sich Cosette nennt und angeblich den Verleger Alan Grant kennt, erst einmal ordentlich einzukleiden. Gespendete Klamotten gibt es ja genügend. Doch gleich darauf ist das seltsame Mädchen spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Doch nicht für lange…

Mein Eindruck

Traumzeit

Zwischen dem Wachen und dem Schlaf, dort liegt die Traumzeit. Hier leben die von Isabelle erschaffenen Numena, also Geister. Und Izzys Geist kann sich ihnen zugesellen: Cosette, Rosalind (die Leserin), Paddyjack, der Hölzchenjunge, und natürlich John, der stets ernste Indianer. Sie alle hat Izzy mit ihren Bildern erschaffen. Die Numena streiten dies ab: Vielmehr würden die Bilder ihnen als Tore bzw. Passagen in das Hier und Jetzt dienen. Gekommen seien sie aber aus dem Zuvor, wo sie aus Geschichten entstanden seien. Auf diese Weise entdeckt Izzy den Zusammenhang zwischen ihren Bildern und den Geschichten, die Kathy erzählt. Seitdem sie ihrer besten Freundin von den Numena erzählt hat, befasst diese sich immer häufiger mit Geistern.

Achillesferse

Die Bilder sind aber auch die Achillesferse der Numena. Wird eines zerstört, verschwindet das Geistwesen. Wohin verschwindet seine Substanz? Diese Frage macht den Kern des Problems aus, zu dem Isabelle Copley 1992 zurückkehrt, das zugleich ihr Trauma ist. 1973 brach in dem Farmhaus auf dem Insel, wo sie die Numena-Bilder vor Rushkin in Sicherheit gebracht hatte, ein Brand aus. Sie befand sich damals jedoch auf einem LSD-Trip, den Rushkin ihr in einem Punsch verabreicht hatte. Sie weiß nicht, ob sie das Feuer gelegt hat und so den Tod ihrer Numena herbeigeführt hat. Sie ist wie eine Mutter, die ihre Kinder umgebracht hat – eine moderne Medea.

Rushkin

Aber warum sollte Rushkin so etwas getan haben, fragt sie sich. Schließlich war er es doch, der ihr erst die Fähigkeit beigebracht hat, Numena mithilfe der Malerei herbeizurufen. Warum kann er es nicht selbst tun, wo doch seine Bilder so wunderbar sind? Sie fragt die Numena, allen voran ihren besten Freund, den Indianer John. Der ernsthafte junge Mann nennt Rushkin kurzerhand ein „Monster“, doch Izzy braucht eine ganze Weile, bis sie die Wahrheit, die in dieser Bezeichnung liegt, erkennt und deren Tragweite erfasst.

Herr der Lügen

Als Monster ist der merkwürdig langlebige Rushkin zugleich ein Meister der Lüge und Täuschung. Izzy ist bei weitem nicht die erste talentierte Kunst-Elevin, die Rushkin anlernt, damit sie Numena erschafft. 1993, 20 Jahre später, hat er bereits zwei weitere verschlissen; Giselle in Paris sowie Barbara in Newford. Bei der Frage, was er denn davon hat, außer dem üblichen Ruhm eines Lehrers und Mentors stößt Isabelle zuerst 1972 auf eine mögliche Antwort: in der Traumzeit.

Damals träumte sie in einer Winterszene, dass sie John und Paddyjack in der Stadt sähe, verfolgt von Rushkin. Als diese Winterwesen auf eine geflügelte Katze stoßen, eines von Izzys frühesten Numena, erschießt Rushkin das Wesen mit dem Bolzen einer Armbrust. John und Paddyjack gelingt die Flucht, doch die Katze löst sich auf. Diese brutale Szene hat Izzy all die Jahre verdrängt und in die hintersten Bereiche ihres Gedächtnisses verbannt. Doch wann immer sich Rushkin zeigt, rührt sich das Bild der erschossenen Katze.

Geistige Nahrung

Rushkins Ausbeutung der jungen Malerinnen hat nur ein Ziel: Sie erschaffen die Numena, und er verleibt sich deren geistige Substanz ein, wenn er das jeweilige Tor-Gemälde zerstört. Da diese Art der geistigen Nahrungsaufnahme sein Leben verlängert, macht er damit immer weiter. Als er 1992 Isabelle von seinen eigenen Numena entführen lässt, will er seine ehemalige Schülerin zwingen, weitere Numena zu erschaffen, an denen er sich mästen kann.

Racheengel

Sie erkennt inzwischen, was er vorhat und welche schreckliche Schuld sie auf sich lüde, wenn sie ihm gehorchen würde. Doch er hat eine einzigartig verlockende Belohnung für sie: Er würde ihre verstorbene Freundin Kathy wiederauferstehen lassen. Doch Isabelle hat inzwischen Kathys Tagebuch, das in jenem Postfach lag, gelesen und kennt die Wahrheit über deren Tod: Die Freundin starb nicht in einem Krankenhaus an Krebs, sondern brachte sich mit Tabletten um. Auch diesen Unterschied hat Izzy jahrelang verdrängt. Weil die Wiederauferstehung als Numena dem Wunsch ihrer Freundin widerspräche, nimmt sie Rushkins Angebot nur zum Schein an, malt aber sofort den Engel der Rache, um ihn in die Welt zu holen und Rushkin zu vernichten.

Selektives Gedächtnis

Isabelles selektive Weise, sich an Kathys Tod zu erinnern, beruht ironischerweise auf einer Theorie ihrer Freundin: Wenn einem etwas negative Gefühle bereitet, so braucht man sich auf Alternativen zu besinnen, die die Welt im „richtigen“ Licht erscheinen lassen, und alles ist wieder in Ordnung. Mit anderen Worten: Man lügt sich einfach in die eigene Tasche und macht weiter, als wäre nichts gewesen.

Das funktioniert theoretisch nur, weil Kathy genau wie Izzy ein Opfer ihres Vaters geworden war – er missbrauchte sexuell. In ihren Geschichten bewältigt sie das seelische Trauma, aber ihr Selbstmord straft ihre Theorie Lügen. In Izzy findet sie eine Seelenverwandte. Leider sind es Mädchen wie Izzy und Kathy, die Vaterfiguren wie Rushkin in die Hände fallen. Der Grund liegt auf der Hand: Ein Liebesersatz soll die geschlagenen Wunden heilen. Anerkennung als Künstler kann so ein Pflaster sein. Aber der preis ist hoch: Ein Lehrer ist zufriedenzustellen – bis einem gewissen Punkt.

1992 bricht also eine harte Zeit der Wahrheiten für Isabelle an, als sie Rushkin wiederbegegnet und sich wundersamerweise auch John wieder blicken lässt. (Sie hatte geglaubt, mit der Verbrennung seines Gemäldes auch ihn verloren zu haben. Jemand hatte sein Bild versteckt.) Doch zusammen mit Cosette, Rosalind und John und – ja, wirklich: einem Polizisten, der Alan Grant des Mordes verdächtigt – gelingt es Isabelle, Rushkin nicht nur zu durchschauen, sondern auch zu überlisten. Aber kann sie ihn auch töten? Sie bezweifelt es sehr. Sie braucht einen Helfer…

Auf Monsterjagd

Wie erlegt man Monster, die Numena fressen? Das fragt auch Isabelle ihren Freund John. Er hat eine Antwort: In der Welt der Wachenden können nur Schöpfer wie Isabelle auch andere Schöpfer töten, Numena können das aber nie. Sie sind stets Opfer – einer der Gründe, warum sie sich vor den Menschen verstecken. Doch es gibt einen Ort, an dem auch Numena einen Schöpfer töten können: in der Traumzeit…

Unterm Strich

Erinnerung und Traum sind die beiden seelischen Reservoire, aus denen ein Künstler schöpft. Die Erinnerung erschließt ihm die Vergangenheit, der Traum die Zukunft. Dazwischen liegt die Traumzeit, die eine Art parallele Gegenwart erschafft, zu der der wachende Geist keinen Zugang hat. Hier entstehen wahrscheinlich auch Isabelles Bilder als Tore für die Numena, damit sie Zugang zu unserer Welt finden. Für sie ist unsere Welt die Traumzeit. Sie sind Izzy dankbar, dass sie hier sein dürfen, denn unsere Welt ist so viel farbenfroher und lebendiger als das Zuvor, einen Anderwelt. Sie wünschen sich aber wie Cosette nur zwei Dinge: ein schlagendes Herz und die Fähigkeit zu träumen.

Kunst statt Kinder

Für die kinderlose Isabelle sind die Numena ihre Kinder. Sie verhält sich wie eine Mutter, die sie schützen muss, wenn Rushkin sie bedroht. Und sie hat in sich die Lebensader gefunden, um immer weitere Numena zu erschaffen. Als deren Bilder beim Brand des Bauernhauses auf der Insel verbrennen, betrauert Isabelle den Verlust hunderter Numena. Auch die kinderlose Kathy, die ja über Numena Bescheid weiß, verhält sich wie eine Mutter: Sie ruft die Kinderstiftung ins Leben, wo die Bilder von Cosette und Rosalind hängen. Kunst dient also als Ersatz für echte Mutterschaft. Daher erscheint die Schaffung einer Kunststiftung im Namen Kathys und Isabelles nur als folgerichtige Fortsetzung dieses Prozesses.

Phantasiewesen

Der umfangreiche Roman – er hat annähernd 600 Seiten – verarbeitet die Probleme von Kunst und Künstlern auf anrührende, einfallsreiche und konsequente Weise, die für mich zumindest ein schönes und bewegendes Leseerlebnis bedeutete. Die Phantasiewesen, die bis 1983 in de Lints erster Schaffensphase im Mittelpunkt standen und bis 1993 schon zu Helfern aufrückten, sind nun vollends an den Rand gedrängt und existieren in Randgebieten der menschlichen Erfahrung: in der Traumzeit, an den Rändern der Wahrnehmung, in den tiefen Wäldern.

Zwei Zeitebenen

Kathy und Izzy sind die Heldinnen dieses Künstlerromans, doch folgerichtig muss es auch einen zentralen Konflikt mit dem dunklen Prinzip geben. Rushkin ist das Monster, dessen finstere Absichten erst nach und nach enthüllt werden. Zunächst erzählt der Roman Isabelles Rückkehr nach Newford während zweier Tage im Jahr 1992, doch um die Vorgeschichte zu erzählen sind, mächtig lange Rückblenden in die Jahre 1972 bis 1980 nötig. Die Rückblenden erklären die Vorgänge im Jahr 1992, die ohne sie unverständlich wären. Und sie zeigen die Parallelen bzw. Unterschiede zwischen beiden Perioden auf. Sehr deutlich wird dabei für Isabelle die Notwendigkeit, alte Lebenslügen wie etwa ihre selektive Erinnerung bzw. Verdrängung zu beenden und einen neuen Ansatz zu finden. Der Preis ist hoch, denn zunächst einmal gilt, den Kampf mit dem Monster, dem negativen Prinzip, siegreich zu beenden.

Künstlerroman

„Memory & Dream“ wurde bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt, ist aber ein sehr lesenswerter Künstlerroman mit Fantasy-Elementen. Jeder, der sich für Kunst interessiert, stößt dabei auf Einsichten, die man nur in der intensiven Beschäftigung mit dem Bewusstsein eines Künstlers erhalten würde. Der Autor, selbst ein vielseitig wirkender Künstler in Musik, Malerei und Literatur, kennt sich in diesem Metier bestens aus. Er kennt natürlich auf die zwei Zeitebenen von 1972 ff. und 1992. Das bietet dem Leser Gelegenheit, die zwei Epochen miteinander zu vergleichen und seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Dass de Lint die Handlung an einen fiktiven Ort wie Newford – der irgendwo an Kanadas Ostküste liegen könnte – verlegt hat, macht nichts. Vielmehr wird die Handlung dadurch überzeitlich gültig, auch für Bewohner der USA. Sie in ein spannendes, packendes Finale münden zu lassen, hat er geschickt gelöst. So hält er Leser bis zur letzten Seite bei der Stange.

Taschenbuch: 591 Seiten
Originaltitel: Memory & Dream
Sprache: Englisch
ISBN-13: 978-0812534077

www.tor.com

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