Rolf Giesen/Manfred Hobsch – Hitlerjunge Quex, Jud Süss und Kolberg. Die Propagandafilme des Dritten Reiches

Böser Anfang ist schwer

Die nationalsozialistische „Machtergreifung“ zielte 1933/34 nicht nur auf Politik und Wirtschaft. Wie alle Bereiche des deutschen Lebens wurde auch die Kultur in den Dienst der „Partei“ gestellt. Der Film stellte keine Ausnahme dar. Im Gegenteil: Propagandaminister Joseph Goebbels besaß ein außerordentliches Faible für das Kino. Das betraf nicht nur seine Vorliebe für hübsche Nachwuchsschauspielerinnen. (Seine spezielle Fürsorge verschaffte ihm den Spitznamen „Bock von Babelsberg“.) Für Goebbels war das Kino ein Instrument: Spielerisch und unaufdringlich sollte die nationalsozialistische Botschaft den deutschen Zuschauern eingeträufelt werden.

Geprobt wurde dies schon in den letzten Jahren der Weimarer Republik, sodass pünktlich zu Hitlers Machtübernahme die ersten Filme eines ‚neuen‘ Deutschlands gestartet werden konnten. Sie demonstrierten freilich, wie richtig Goebbels lag, als er darauf drang, die Propaganda stets der Unterhaltung unterzuordnen. „Hans Westmar – Einer von vielen“ oder „SA-Mann Brand“ boten pathetische Massenszenen und braune Aufmärsche in einer dürftigen Spielhandlung und wurden keine Erfolge, denn der deutsche Kinobesucher lehnte Holzhammer-Propaganda ab.

Goebbels verstand und ging subtiler (oder perfider) vor. Er wollte den faschistischen als ästhetisch und technisch hochqualitativen Film. Dabei scheute er nicht den Blick nach Hollywood, denn dort, das erkannte er, gelang die Synthese aus Form und Inhalt. In den Jahren 1933 bis 1939 wirkte er massiv in diesem Sinne auf die inzwischen gleichgeschaltete deutsche Filmwirtschaft ein.

Zweiter Anlauf bringt Erfolg

Nur 10% der bis 1945 entstandenen Spiel- und Dokumentarfilme kann als offene NS-Propaganda betrachtet werden. Unverhohlen wurden das Führerprinzip verherrlicht, die Demokratie verteufelt, die „Volksgemeinschaft“ beschworen, Antisemitismus geschürt, Krieg und Militär gefeiert und Feindbilder aufgebaut. Dagegen waren 90% der Spielfilme Melodramen, Liebesgeschichten, Komödien, Krimis, Abenteuer-, Revue-, Schlager, Kostüm- und Heimatfilme.

Sie schienen harmlose Unterhaltung zu sein, transportierten unterschwellig jedoch ebenfalls das Gedankengut des Regimes. Dafür sorgte das Institut für Reichsfilmdramaturgie, mit dem alle Projektplanungen, Drehbücher und Besetzungsvorschläge abzustimmen waren. Schon vor der Verfilmung hielt das Regime die Fäden in der Hand. Ging dennoch etwas schief, blieb das Aufführungsverbot.

Ab 1939 wurde die Schraube angezogen. Aus dem deutschen Film wurde ein Kriegsfilm, der entsprechenden Propagandazwecken diente. Außerdem ‚rechtfertigte‘ er nun den sich ausweitenden Terror gegen die deutschen und europäischen Juden. Die traurigen Höhepunkte dieser staatlich gesteuerten Aufwiegelung stellten üble Hetzfilme wie „Die Rothschilds“ und „Jud Süß“ sowie die ‚Dokumentation‘ „Der ewige Jude“ dar. Als Gipfel der Perversion zwang man 1944 den jüdischen Regisseur Kurt Gerron das verlogene Machwerk „Theresienstadt – Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ zu inszenieren, um ihn wenig später mit allen am Film Beteiligten in den Gaskammern von Auschwitz umzubringen.

Die Kamera läuft bis zum Untergang

Kriegsfilme und Wochenschauen ergänzten sich in dem Bemühen, das Vorgehen des deutschen Militärs in möglichst strahlendem Licht zu präsentieren. Die „Blitzsiege“ der ersten Kriegsjahre machten dies einfach. Als sich das Kriegsglück wendete, mischten sich mehr und mehr Durchhalteparolen und die kaum kaschierte Verherrlichung des ‚Heldentods‘ in die Filme. Den wahnwitzigen Höhepunkt des Propagandafilms stellte der Farbfilm „Kolberg“ dar. Während das „Dritte Reich“ bereits in Trümmer fiel, wurde Goebbels Antwort auf seinen Lieblingsfilm „Vom Winde verweht“ ohne Rücksicht auf Aufwand und Kosten gedreht. Das sinnlos gewordene Heldenepos vom ultimativen Widerstand bis zum letzten Mann samt Rettung in letzter Sekunde kam im März 1945 in die deutschen Kinos, die zum großen Teil längst zerstört waren.

Bis zuletzt liefen die deutschen Kameras. Manchmal enthielten sie allerdings keinen Film mehr: Wer für das Kino arbeitete, musste nicht an die Front. Also wurde mehr und mehr das Drehen nur gemimt. Als im Mai 1945 mit der deutschen Kapitulation das Kriegsende kam, waren überall noch Filmteams unterwegs. Erst jetzt endete – vorläufig – ihre Arbeit. Zahlreiche Filme blieben Stückwerk oder wurden nicht mehr in die Kinos gebracht. Ein eher halbherziges Sieben der Filmindustrie auf nationalsozialistische Strukturen begann, dem die Siegermächte freilich keine besondere Aufmerksamkeit schenkten; es gab dringlichere Probleme. Bald übernahmen die Deutschen selbst die eigene „Entnazifizierung“. Das Ergebnis verwundert kaum: Ein abschließendes Kapitel erzählt von der nur verschleierten Kontinuität des NS-Kinos. Eine als Anhang beigefügte Liste führender Vertreter des NS-Films belegt, dass die meisten früher oder später wieder Fuß in der Branche fassten oder wenigstens unbestraft blieben.

Eine Auswahl des verlogenen Scheins

1150 Spielfilme entstanden im nationalsozialistischen Deutschland zwischen 1933 und 1945. Unbekannt ist die exakte Zahl der Dokumentar- und Lehrfilme, die im selben Zeitraum entstanden. Die Vorstellung aller dieser Filme würde den Rahmen des Möglichen und auch Erträglichen sprengen. Die Autoren Giesen und Hobsch wählen deshalb 170 Filme aller Genres aus, die besonders markant verdeutlichen, was einen Propagandafilm des „Dritten Reiches“ ausmachte.

Einer knappen aber umfassenden Inhaltsangabe folgen zeitgenössische Rezensionen und Kommentare. Im Normalfall wurden sie der NS-konformen Presse und Filmprogrammen entnommen. Interessant sind ebenfalls zeitgenössische Anmerkungen der Exil- und Auslandspresse, die in den ersten Jahren des „Dritten Reiches“ dessen Filmschaffen noch zur Kenntnis nehmen konnten. Eher deprimierend lesen sich ‚Erinnerungen‘ von Vertretern NS-zeitlicher Filmprominenz, die sich winden wie Aale, um Opportunismus zu rechtfertigen, zu verharmlosen oder zu verdrehen. Es folgt ein Kommentar der Autoren, die den Film aus heutiger Sicht besprechen, ihn in seinen historischen Kontext stellen und dabei propagandistische NS-Schlichen offenlegen.

Verklammert werden diese Informationen durch zwei Essays. Einleitend wird die Vorgeschichte des deutschen NS-Films aufgerollt. Der Beitrag macht deutlich, dass und wie es auf bereits vor 1933 existierenden Strukturen aufbaute. Im Hauptteil geben die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 die Kapiteleinteilung vor. Zu jedem Jahr gibt es eine zweiseitige Chronologie, welche die wichtigsten politischen und militärischen Ereignisse im Überblick festhält.

Ein zweiter Essay berichtet vom scheinbaren Untergang des nationalsozialistischen Kinos. Es fand mit dem Kriegsende 1945 zwar sein offizielles Ende, existierte jedoch nicht nur in den Filmarchiven fort: Seine Repräsentanten vor und hinter der Kamera fassten – es wurde schon erwähnt – nach einer meist kurzen Schamfrist wieder Fuß im bundesdeutschen Film, der somit durchaus in der Tradition seines braunen Vorgängers steht.

Ein monumentales Werk

„Hitlerjunge Quex, Jud Süss und Kolberg“ ist ein inhaltlich wie formal gewichtiges Werk. 502 Seiten im Großformat 24 x 30 cm wurden auf schweres Kunstdruckpapier gebracht (Gesamtgewicht: 3.2 kg!). Die fast 400 Abbildungen sind von hoher Wiedergabequalität. Dazu gibt es einen festen Einband, eine solide Fadenheftung und einen Schutzumschlag. Für solches Buchhandwerk ist ein zunächst hoch erscheinender Preis zu entrichten. Das Werk ist ihn freilich Wert. Es ersetzt zwar nicht grundlegende frühere Bücher zum Thema, steht aber sicherlich in einer Reihe mit ihnen, ergänzt und aktualisiert sie und darf zukünftig ebenfalls als Standardwerk gelten.

Wenn es einen Anlass zur Kritik gibt, so gilt diese einer gewissen inhaltlichen Zerfahrenheit im Mittelteil. Vorgestellt werden wie gesagt 170 ausgesuchte NS-Filme. Was sie zu solchen macht, kann der Leser den Dokumenten und Kommentaren entnehmen und sich auf diese Weise ein Gesamtbild für die Jahre 1933 bis 1945 schaffen. Wertvoller wäre indes eine zusätzliche Gesamtdarstellung, welche die wichtigsten Aspekte dieser zwölf Jahre Filmgeschichte im Zusammenhang erläutert. Dies könnte hilfreicher sein als das manchmal schier endlose, oft recht willkürlich wirkende Zitieren nationalsozialistischer Tiraden aus möglichst vielen zeitgenössischen Kritiken, da diese sich zwar überzeugend selbst entlarven, sich jedoch inhaltlich oft so stark ähneln, dass sie bis auf eine weitere Lektion in markigem NS-Sprech keinen zusätzlichen Informationswert besitzen.

Geschmackssache ist die ‚Witzischkeit‘ diverser Bildtexte. Was offenbar ironisch klingen soll, ist plumper Wortklamauk, der in diesem Werk fehl am Platze ist. (Beispiel: Auf S. 389 sieht man im Bild Zarah Leander und einen großen Chor als Engel kostümierter Schauspielerinnen/Sängerinnen. Der ‚Kommentar‘ dazu lautet: „Zarah Leander und Soldaten der ‚Leibstandarte Adolf Hitler‘ [als Engel kostümiert!] …“ Kommentar wohl überflüssig.) Das sind indes kleine Schwächen in einem Buch, das nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich gewichtig daherkommt.

Autoren

Dr. Rolf Giesen, 1953 in Moers geboren, studierte Soziologie, Psychologie und Alte Geschichte an der Freien Universität Berlin. Er ist freier Autor und Publizist, Mitarbeiter des Filmmuseums Berlin – Deutsche Kinemathek und gilt als Spezialist für phantastisches Kino und Trickfilm. In diesem Bereich hat er zahlreiche Sekundärwerke, Aufsätze und Artikel verfasst. Giesen war Honorarprofessor an der „German Film School für Digital Production“ in Brandenburg, Mitglied der „Visual Effects Society“ in Los Angeles, organisiert/e Filmausstellungen, leitet eine nach ihm benannte Sammlung im Filmmuseum Berlin und arbeitete an diversen Kino- und TV-Produktionen mit.

Manfred Hobsch, 1951 in Berlin geboren, gehört zu den Gründungsmitgliedern des Zitty-Verlags (1977), dessen Redaktion er bis 2000 leitete. Er arbeitete von 1981 bis 1996 beim Kinderfilmfest der Berlinale mit. Als Publizist veröffentlichte er Artikel in Filmzeitschriften sowie eine ganze Anzahl von Filmbüchern, darunter „Film ab – Die Marx Brothers“ (2001), „Das große Lexikon der Katastrophenfilme“ (2003) oder „Heinz Erhardt – Mopsfidel im Wirtschaftswunderland“ (2004) sowie ab 2009 eine zahlreiche Bände der „Hollywood Collection“.

Gebunden: 502 Seiten (mit 385 Abbildungen)
http://www.schwarzkopf-verlag.net

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