Greg Bear – Quantico

Ironisch, aber spannend: Das FBI rettet Mekka vor den Amis

Wäre es nicht schön, wenn sich die drei Weltreligionen nicht mehr länger bekriegen würden und endlich Frieden auf der Welt einkehren würde? Es gibt auch einen Plan, wie das zu bewerkstelligen wäre: Man müsste die Menschen nur vergessen lassen, dass es diese Religionen überhaupt gibt. Mit einem biologischen Erreger könnte man die Pilger in den religiösen Zentren infizieren und diese den Erreger verbreiten lassen. Das Vergessen brächte Frieden. Und was ist dazu nötig? Nur ein hübsches kleines Feuerwerk… (Matzer)

„Als ein in einem Labor erzeugter Virus in die Hände von Dieben fällt, schickt die CIA ihre besten Leute, um ihnen das Handwerk zu legen. Denn dieser Virus ist kein gewöhnlicher Virus, sondern eine Substanz, die sich tief in das Gehirn gräbt und alle Erinnerungen löscht. Doch was die CIA-Agenten nicht wissen: Die Diebe sind auch keine gewöhnlichen Diebe, sondern gefährliche Terroristen …“ (Amazon.de)

Der Autor

Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren und studierte dort englische Literatur. Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren.

Sein „Das Darwin-Virus“, der hierzulande zuerst in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleicht. Nur dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. Im Jahr 2004 erschienen bei uns „Darwins Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, sowie der Roman „Stimmen“. 2006 erschienen die Taschenbuchausgabe von „Darwins Kinder sowie der Roman „Quantico“.

Bear hat eine ganze Reihe von Science Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science Fiction):

– Die Thistledown-Trilogie: Äon (HSF 06/4433), Ewigkeit (HSF 06/4916); Legacy (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: Die Schmiede Gottes (HSF 06/4617); Der Amboss der Sterne (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: Das Lied der Macht (06/4382); Der Schlangenmagier (06/4569).

Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben.

Seine Romane wurden mit etlichen internationalen Preisen ausgezeichnet, in über 22 Sprachen übersetzt und weltweit millionenfach verkauft. Während der vergangenen 28 Jahre war er außerdem als Berater für die NASA, die U. S. Army, das amerikanische Außenministerium, die International Food Protection Association und das US-Ministerium für Heimatschutz tätig; dabei ging es um Themen wie Privatisierung des Weltraums, Lebensmittelschutz, Grenzen der Mikrobiologie und Genetik sowie biologische Sicherheit. (Amazon.de)

Handlung

FBI-Special Agent Erwin Griffin ahnt noch nicht, dass er seinen Job vermasselt hat. Aber als er sich hier auf diesen Hochsitz auf den Waldhügel setzte, verstellte ihm ein Baum die Sicht auf das Zielobjekt, und so ließ er ihn ohne Erlaubnis einfach fällen. Das hat ihn verraten. Nur weiß er es noch nicht.

Sein Zielobjekt ist der Bauernhof des „Patriarchen“ im Staat Washington. Der „Patriarch“ ist ein seit Jahrzehnten gesuchter Ex-Terrorist namens Chambers, mit vier Frauen verheiratet und etlichen Kindern und Enkeln gesegnet. Aber wo ist die ganze Kinderschar abgeblieben, fragt sich Griffin eines Morgens. Es ist der Ostermorgen – aber nach dem alten Julianischen Kalender, den Papst Gregor im Mittelalter abschaffte. Chambers und seine Sippe sind Urchristen und lehnen alles Neumodische am Christentum ab, daher auch die Vielehe wie bei den Mormonen. Jetzt liegt der Hof einsam und verlassen da. Zeit, etwas zu unternehmen.

Seine Kollegin Rebecca Rose, ebenfalls eine FBI-Agentin, kommt gerade aus Arizona, wo es einen bizarren LKW-Unfall aufzuklären gab. Ein Streifenbeamter wurde erschossen, aber vom Täter fehlt jede Spur. Ob er wohl zum Patriarchen geflüchtet ist? Glaubt Rebecca nicht, aber irgendetwas war an dem LKW merkwürdig: Er kam aus Mexiko und hatte eine ganz Wagenladung voller Tintenstrahldrucker – völlig veralteter Tintenstrahldrucker. Einen Handschuh hat Rebecca sofort nach Quantico ins Labor schicken lassen, um etwaige DNS-Spuren zu analysieren und durch die FBI-Computer zu jagen.

Inzwischen hat sich Griff, wie er von allen genannt wird, mit Rebecca, seinen Vorgesetzten und dem Staatsanwalt geeinigt: Heute ist D-Day. Er ruft Einheiten für Bombenentschärfen und Kampfmittelschutz sowie eine Hundestaffel zur Verstärkung herbei. Vorher aber will er dem Patriarchen einen Besuch abstatten.

Wie gesagt, hat sich Griff bereits verraten, und der Patriarch erwartet ihn bereits. Chambers lässt sich nichts anmerken, als Griff sich als arbeitloser Mann für alle Arbeiten vorstellt, der eine Affinität für die Superchristen habe. Als Chambers ihn ins Haus lässt, kommt es zu einem Schusswechsel, und Griff überlebt nur mit knapper Not. Eine Durchsuchung des Hauses verläuft ergebnislos, auch das Hinterhaus ist leer: alle ausgeflogen. Bleibt also noch die Scheune.

In der Scheune muss jede Menge Technikkram versteckt sein, denn wie Griff von seinem Hochsitz aus beobachten konnte, brachten mehrere Kleinlaster Gerätschaften hinein. Und woher kommt dieser merkwürdige Staub, der auf allen Bäumen im Umkreis des Hofes liegt? Die Chemiker des FBI stellen schnell fest, dass es sich um gewöhnliche Hefe handelt. Kein Grund zur Beunruhigung, oder? Auch die vielen Drähte, die zwischen Masten, Bäumen und Häsern gespannt sind, haben keine offensichtliche Funktion, allenfalls als große Antenne.

Die Scheune macht den Ermittlern viel mehr Sorgen, und deshalb schicken sie zwei Roboter zum Öffnen des Tores voraus. Der erste gerät in eine Sprengfalle und fällt aus, der zweite gerät in eine weitere Falle, die seine Elektronik kurzschließt. Kurz blitzt auf den Videomoinotren der Agenten das Bild eines Kindes auf, das davonläuft. Eines ist jedenfalls klar: Nun müssen menschliche Erkunder in das Gebäude eindringen – wer weiß, was es für teuflische Machenschaften des Ex-Terroristen verbirgt. Inzwischen zieht ein schweres Gewitter auf. Die Luft lädt sich auf.

Griffin lässt es sich partout nicht nehmen, als erster hineinzugehen, gefolgt von einer erfahrenen Kollegin namens Watson. In ihren verstärkten ABC-Anzügen sind sie zwar etwas klobig anzusehen, aber sie können sich gut verständigen und Videobilder senden, die die Kollegen draußen verfolgen können. Sie stoßen zwar auf keine Kinder – das Bild war ein Pappkamerad -, aber dafür auf zwei unterirdische Stockwerke. Hier stehen Säcke voller Hefe – wen wundert’s? – und Regale voller – nanu! – Tintenstrahldrucker. Das kommt Rebecca Rose ziemlich bekannt vor. Aber was haben die Dinger hier zu suchen? Die Chambers-Leute wollten wohl keine Flugblätter drucken, denn dafür lebten sie zu zurückgezogen und obendrein hatten sie ihr eigenes christlich-fundamentalistisches Netzwerk.

Schließlich gelangen Griff und seine Kollegin Watson in einen großen Raum, über den ein Sieb gespannt ist. Durch das Sieb fällt Staub herunter. Ob das schon wieder Hefe ist, kann Griff nicht feststellen, aber ihm fällt auf, dass der Staub in der Luft schwebt, als wäre er ein Gas. Und am Ende des Raums leuchtet etwas auf: Es sind zwei Drähte, zwischen denen winzige Blitze springen, die von der Elektrizität des Gewitters in der Umgebung der Scheune aufgeladen werden. Glühend heiß durchfährt Griff die Erkenntnis, dass er und Watson in einer riesigen Bombe stehen, die jeden Moment hochgehen kann! Das Luft-Staub-Gemisch lässt sich durch die Lichtbögen jederzeit zünden – von Gottes Hand, wie es der Patriarch in seinen letzten Worten angedroht hat…

Die Detonation zerfetzt das große Scheunengebäude in Millionen Stücke, von denen manche auf die ungeschützten Beamten draußen mit tödlicher Wucht niederregnen. –

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Erwin Griffins Sohn William absolviert gerade die letzte Phase seiner Ausbildung zum FBI-Agenten an der titelgebenden FBI-Akademie in Quantico, als er die Nachricht vom Schicksal seines Vaters erfährt. Man konnte Griff aus den Trümmern holen, aber für Watson kam jede Hilfe zu spät. Erst Wochen später kann sein Vater wieder schreiben, und was er William mitteilt, ist kaum zu verstehen. Irgendeine Sache oder ein Ort in Ohio und dass es dort keine Juden gebe. Kann das sein?

Unterdessen wird Williams Mitabsolvent Fouad al-Husam, ein Amerikaner irakischer Herkunft, nach seinem Abschluss einer Einheit zugeteilt, von der er noch nie gehört hat, sie muss also supergeheim sein. Und das will bei den vielen Geheimdiensten der US-Regierung schon einiges heißen. Er erfährt später, dass sie sich BuDark nennt und im Auftrag des Senats und einiger Behörden eingerichtet wurde, um unanbhängig von den Interessen des FBI, der CIA, der NSA und des Heimatschutzes operieren zu können. Im Irak soll er den Fall von getöteten Juden untersuchen und dabei als Dolmetscher dienen. Was er nördlich von Kirkuk im Kurdengebiet findet, übersteigt seine schlimmsten Befürchtungen. Kann es einen biologischen Kampfstoff geben, der nur Juden tötet?

Mittlerweile ist der Mann, der sich Sam nennt und in Arizona einen Streifenpolizisten erschossen hat, in Kalifornien angekommen. Die nette Autofahrerin, die sich Charlene nannte, hat ihn nicht nur gefahren, sondern mit ihm ganze Nächte lang heiß gevögelt. Das ist nun Geschichte. Sam hat nun einen Auftrag auszuführen. Auf einem verwahrlosten Weingut in Temecula trifft er Tommy Juarez, einen sozial zurückgebliebenen, aber genialen Biochemiker, der hier lebt und in den Weinkellern mit Hefe experimentiert.

Diese abgewandelte Hefe enthält zum Beispiel modifizierte Anthrax-Sporen, die normalerweise Milzbrand auslösen würden. Er hat sie in Patronen von Tintenstrahldruckern abgefüllt und damit Papier und sogar Glas besprüht. Die Briefe des Anthraxkillers vom Oktober 2001 stammen von hier – ein kleiner Test, der fünf Menschen das Leben kostete. Doch die neue Abart des Anthrax-Erregers, den er mit Hefe kombiniert hat, tut etwas ganz anderes: Sie löscht das menschliche Gedächtnis. Sozusagen Alzheimer im ICE-Tempo.

Tommy hat die Unmengen von Hefe in Feuerwerksraketen abgefüllt und diese in eine Abschussvorichtung gesteckt, die sich fernsteuern lässt – echt coole Technik. Genau so eine Abschussvorrichtung hat auch Griff in der Scheune des Patriarchen gesehen, aber nichts damit anzufangen gewusst. Nun hat Sam alles, was er von Tommy haben wollte und gibt dem Schlafenden ein wenig von dessen eigener Medizin – er will ja keine Spuren zurücklassen. Wenn man Tommy findet, wird er alles vergessen haben.

Sam, der frühere FBI-Agent Lawrence Winter, macht sich auf den Weg nach Ohio. Zeit für den ersten Test in der Wirklichkeit…

Mein Eindruck

Die meisten von uns werden von den möglichen Schrecken des Bioterrorismus gut abgeschirmt. Nun, Science-Fiction-Leser wie ich sind da wohl ein wenig abgehärteter durch die furchtbaren Szenarien, die so manche Autoren sich haben einfallen lassen. Sie könnten geradewegs aus einem Zombiestreifen stammen. Für den vorliegenden Roman war dies eine große Gefahr: Eine Wiederholung von Zombieszenarien wäre das Letzte gewesen, was der Autor wollte – voller Klischees, die schon tausendmal durchgekaut wurden.

Doch wie der von mir nicht ohne Grund so detailliert geschilderte Beginn des Buches zeigt, ist die Story viel näher dran an der Welt, in die wir in „Das Schweigen der Lämmer“ einen kurzen Blick werfen durften. Hier agieren Männer und Frauen, die mit ihrem Leben und um einen hohen Preis die Unversehrtheit vieler Menschen verteidigen. Anders als im Jahr 1991, als der Hannibal-Lecter.Film entstand, können sie nun jedoch auf ein riesiges Arsenal modernster Ausrüstung zurückgreifen, das ihnen helfen soll, die Gefahr aufzuspüren und abzuwenden.

Das Problem ist diesmal jedoch, dass der eigentliche Feind unsichtbar ist: winzige genmanipulierte Mikroben, die das Gedächtnis der Opfer zerfressen (auch das von Erwin Griffin). Sowohl die Spuren als auch die Ausrüstung, mit der dieser Bioterror auf die Welt losgelassen wird, sind irreführend. Tintenstrahldrucker – wozu sollen die denn gut sein? Feuerwerksraketen – wie niedlich! Leider ist es meist das simple Gerät, das am zuverlässigsten funktioniert. Die Agenten sind verwirrt und tappen eine ganze Weile lang im Dunkeln. Es ist William Griffin, der die Verbindungen herstellt.

Normalerweise schildern amerikanische Spannungsautoren solche paramilitärischen Aktionen mit einem gehörigen Schuss Patriotismus, Actiongetümmel und Heldenmut. Nicht so Greg Bear. Weder Patriotismus noch Heldenmut kommen gut davon, und als wirklich einmal in der Mitte des Buches Action angesagt ist, dann führt William auf so unkonventionelle Weise aus, das er froh sein, dass man ihn nicht aus der FBI-Truppe kickt. Der Kleinkrieg mit anderen Diensten wie etwa BuDark tut ein Übriges, um den Erfolg der Bundespolizei, die mancher Senator am liebsten auflösen möchte, zu vereiteln – ein klassischer Schuss ins Knie.

VORSICHT SPOILER: Das Finale

Leider ändert sich diese objektiv-kühle Haltung, als es im Finale ans Eingemachte geht. Die Heilige Stadt der Muslime soll zur Zeit der Haddsch, der Pilgerreise, angegriffen werden. Was den Muslimen sowieso klar ist, muss man den Amerikanern (sicher auch dem US-Leser) aber erst erklären. Warum sollte es nicht nützlich sein, wenn Mekka untergeht? Ganz einfach deshalb, weil in diesem Fall die gesamte Umma, die weltweite Gemeinschaft der Muslime, mit dem Finger auf den „großen Satan“ zeigen und seinen Untergang fordern würde. (Durch den FBI-Agenten Fouad al-Husam kann sich der Leser in die Alge eines Muslimen versetzen – das ist sehr schön gelöst.) Also ist es wesentlich besser, diesen Angriff zu verhindern. Fragt sich nur, auf welche Weise.

Seit den Zeiten von Hadschi Halef Omar und Kara Ben Nemsi wissen deutsche Leser, dass Ausländer – ganz besonders Juden – in der heiligen Stadt ziemlich unerwünscht sind. Umso mehr noch während der Wochen der Haddsch, wenn über eine Million Pilger die Stadt Mina bei Mekka erfüllen. Um die Lage noch etwas explosiver zu gestalten, zeichnet der Autor eine politische Lage, die nach dem Sturz des saudischen Königreiches angesiedelt ist, also ein paar Jahre in der Zukunft. Diese Wahhabiten wurden von Irakern, Jemeniten und anderen davongejagt, ihre Reichtümer als Beute verteilt. Chaos herrscht, und die Pilger werden systematisch von Banditen und Milizen ausgeplündert.

In Mekka

Wenn sich als William Griffin und Rebecca Rose nach Mekka und Mina begeben, dann legen sie quasi die Lunte an ein Pulverfass. Entsprechend explosiv sind die Szenen, die folgen. Was mich wirklich umgehauen hat, ist die Waffe der OWLs. Die sind Sprengköpfe, die in einer (sehr) niedrigen Umlaufbahn stationiert sind und binnen Minuten auf die Erdoberfläche ein Ziel mehrere Meter in den Boden treiben können, als wären sie eine bunkerbrechende Bombe. Der Vorteil: Der Schaden in der Umgebung ist eng begrenzt, das Ziel aber mit absoluter Sicherheit vernichtet.

Diese Waffentechnik ist zwar sehr effektiv, doch hier bricht meines Erachtens der Waffenfetischismus des amerikanischen Autors durch. Okay, die Waffe ist neu und ihre Wirkung verblüffend, doch ein Pazifist würde sich mit Grausen abwenden. Die zahlreichen Drohnen und Minispäher, ja sogar Geruchsspäher tragen noch mehr zum hypermodernen Arsenal der Amis bei, so dass der Eindruck einer Spielwiese für die Erprobung von Prototypen des Pentagon entsteht. Sie spiegeln eine neue Waffenphilosophie wider, die dem Leser meist noch nicht vertraut ist: „non-invasive surveillance and control“ – also Überwachung, die nicht wahrgenommen wird, aber jederzeit eingreifen kann.

Unglaubwürdiger Schluss

Den Schluss kann ich dem Autor auch nicht abnehmen. Die Helden, die in den Angriff eines OWL geraten sind (ja, angefordert haben), überleben nämlich diesen explosiven Donnerschlag. Und das kommt mir äußerst unwahrscheinlich vor. Aber so ist wenigstens eine Fortsetzung mit den Hauptfiguren von „Quantico“ denkbar. Sie folgte unter dem Titel „Mariposa“, wurde aber noch nicht übersetzt.

ENDE SPOILER

Die Übersetzung

… ist überraschend gut gelungen. Nur auf Seite 15 verblüfft die Übersetzerin durch die Bezeichnung des Flusses Tigris, der durch Bagdad fließt. Sie nennt ihn „Tiger“.

Unterm Strich

Dies ist kein Roman von Michael Crichton, und will es auch gar nicht sein. Wo Crichton aufhört, fängt Greg Bear erst an!“, tönt die „New York Review“. Zu einem kleinen Teil hat sie Recht. In seinen letzten Romanen „Stimmen“ und „Jäger“ pflegte Bear noch das übernatürliche Element, doch damit ist nun wirklich Schluss. Jetzt macht Bear einen großen Schritt Richtung Thomas Harris („Das Schweigen der Lämmer“) und noch einen zweiten Richtung Dan Brown („Diabolus“ und „Meteor“) und Dale Brown (Military Action). Zu realistischen und wirklich interessanten FBI-Szenen gesellen sich Voraussagen von künftiger US-Waffentechnik (die beiden Browns) und biologischer Kriegsführung hinzu.

Biotech

Auf diesem letzten Feld ist Bear der unbestrittene Maestro, denn kein Autor kennt sich annähernd so gut mit dem aktuellen und kommenden Stand der Technik im Mikro- und Nano-Bereich aus wie er. Diese Thematik bedeutet jedoch für den Leser eine Herausforderung. Wer weiß schon viel über Viren und Mikroben? Deshalb rechne ich es der Übersetzerin und Journalistin Usch Kiausch hoch an, dass sie – im Gegensatz zur Originalausgabe – ein äußerst hilf- und umfangreiches Glossar der Fachbegriffe erstellt hat. Sogar viele Jargon- und Slangausdrücke werden erläutert. Auch die arabische Welt eröffnet sich in ihrer ganzen Komplexität dem Leser.

Mein Tipp

Deshalb lautet mein dringender Rat der, zuerst dieses Glossar zu lesen und dann erst den Roman. Dann ist der Leser nicht gezwungen, ständig nachzuschlagen, und viele Begriffe und Sachverhalte, die das Glossar erklärt, fügen sich nahtlos in die Story ein.

Schimäre

„Quantico“ ist eine Schimäre von einem Roman, ein Mischwesen, das nicht nur Fans von Krimis anspricht (der FBI-Aspekt), sondern SF-Leser (Bioterrorismus, Gentechnik) und Freunde von Military Action (der Einsatz draußen „im Feld“). All dies wird auf einem Schauplatz der nahen Zukunft inszeniert, der so manchem Nichtmuslimen die Augen öffnen könnte, was in der muslimischen Welt an Strömungen und Gegebenheiten eine Rolle spielen. Und das wäre nicht schlecht, denn die Muslime leben direkt vor unserer Haustür – und nicht mehr „hinten in der Türkei“ wie zu Goethes Zeiten.

Ich fand den Roman immens spannend und abwechslungsreich zu lesen. Das Buch bietet dem Einsteiger zwar die genannten Hürden, aber mit dem Glossar auch die Hilfe, diese zu überspringen. Angesichts der Abstriche, die ich oben im SPOILER begründet habe, vergebe ich nur vier von fünf Punkten.

Taschenbuch: 543 Seiten
Info: Quantico, 2005
Aus dem US-Englischen von Usch Kiausch
www.heyne.de

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