Interview mit Jutta Weber-Bock anlässlich der Veröffentlich ihres Romans „Das Mündel des Hofmedicus“

Die Stuttgarter Schriftstellerin Jutta Weber-Bock hat am 8. September 2020 im Hospitalhof Stuttgart ihren ersten historischen Roman „Das Mündel des Hofmedicus“ vorgestellt.

Kurz zum Inhalt:

Stuttgart 1804. In einem Stuttgarter Gasthof bringt eine adelige Dame heimlich das Mädchen Christiane zur Welt. Der Hofmedicus nimmt es seiner Mutter weg und unterwirft es einem Erziehungsexperiment. Die Spielkarten Herzsieben und Ecksteinsieben spielen dabei eine geheimnisvolle Rolle. Bis zu ihrem achten Lebensjahr wächst Christiane kindgerecht in einer Pfarrersfamilie auf, dann wird sie von der Schwester des Hofmedicus nach Stuttgart geholt. Diese gibt sich als Christianes wahre Mutter aus. Beim geringsten Vergehen züchtigt sie das Kind. Christiane lernt, sich zu wehren. Der Hofmedicus unterstützt das Mädchen heimlich. Christianes Versuch, mit der Mutter Frieden zu schließen, nutzt ihr nichts, ihre Zeit bei der Schwester des Hofmedicus endet dramatisch. Mit siebzehn Jahren tanzt Christiane auf einem Maskenball und verliebt sich unglücklich. Aus Verzweiflung isst sie eine ganze Schokoladentorte, doch diese ist vergiftet. Zufall oder Mordversuch?

Im Gespräch mit Hospitalhof-Leiterin Monika Renninger berichtet die Autorin von ihren Recherchen in Gerichtsakten, ihrer Spurensuche vor Ort und ihrem Anspruch, historisch genau und zugleich spannend den Lebensweg einer jungen Frau des 19. Jahrhunderts nachzuzeichnen.

Monika Renninger: Ein historischer Roman lebt von historischen Spuren. Wie haben Sie Ihr Thema gefunden, oder war es umgekehrt – das Thema hat Sie gefunden?

Jutta Weber-Bock
Jutta Weber-Bock

Jutta Weber-Bock: Es ist immer beides. Hinter den Spielkarten Herzsieben und Ecksteinsieben steht ein realer Kriminalfall, auf den ich gestoßen bin. Für ein Buchprojekt hatte ich zur Stuttgarter Stadtgeschichte recherchiert. Am Wilhelmsplatz beginnt die »Hauptstätter Straße«. Auf diesem Platz stand früher die Hauptstatt (Richtstätte), im Volksmund »Käs« genannt, eine kreisrunde Erhöhung. Dort wurden bis 1811 die öffentlichen Enthauptungen durchgeführt.

Ich wollte eigentlich etwas schreiben über eine Kindsmörderin, die auf dem „Käs“ hingerichtet worden war, und deren Motive erforschen. Im Staatsarchiv Stuttgart bin ich dabei auch auf das Schicksal der Giftmörderin Christiane Ruthardt gestoßen und bei ihr hängengeblieben. Ich war sehr erstaunt, wie viel es über sie in den damaligen Zeitungen und auch in der heutigen Presse gab. Vor nicht allzu langer Zeit ist erst ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung mit dem Titel „Gift für den Gatten“ über sie erschienen.

Zu Ihrer Frage: Ich denke, man wählt seine Themen nicht aus, sondern sie laufen einem hinterher, drängen sich auf. Das ist nicht von mir, sondern von Gustave Flaubert. Man geht durch eine Tür und es öffnen sich weitere. Man geht durch viele hindurch, manchmal auch vergebens. Ich habe recherchiert zu Christiane Ruthardt, wollte einen Roman schreiben und nicht einfach ihr Leben nacherzählen.

Ich habe mich gefragt, warum hat sie zwei Spielkarten zu den Gerichtsakten gegeben? In einem Artikel in der Zeitung „Der Beobachter“ habe ich Näheres über die Spielkarten gefunden und bin an das Deutsche Spielkartenmuseum in Leinfelden-Echterdingen herangetreten. Die Leiterin Frau Dr. Köger, bei der ich mich sehr bedanke, wusste früher als ich, wonach ich suche. Durch sie bin ich auf den Cotta’schen Spielkartenalmanach von 1804 aufmerksam geworden. Die Original-Spielkarten aus den Gerichtsakten sind leider nicht mehr vorhanden. Ich weiß also nicht, wie diese ausgesehen haben und habe mich gefragt, wie haben Anfang des 19. Jahrhunderts überhaupt Spielkarten ausgesehen? Aber als ich die Spielkarten aus dem Cotta’schen Spielkarten-Almanach gefunden hatte, habe ich gedacht: Ja, das passt. Das ist genau das, wonach ich gesucht habe.

Ein bisschen Fantasie gehört beim Schreiben natürlich dazu. Doch die historischen Quellen liefern das Grundmaterial: Gerichtsakten, zum Beispiel im Staatsarchiv, Zeitungsartikel. Da lässt sich sicher viel finden, das große Zeitungslesen begann ja im 19. Jahrhundert. Gab es darüber hinaus auch weitere Quellen? Berichte zur Stadtgeschichte oder ähnliches?

Es gibt im Stadtarchiv Stuttgart ein maschinenschriftliches Dokument von Paul Nägele, das sich an die Gerichtsakten anlehnt. So bin ich an die Eckpunkte von Christianes Leben gekommen und mit großer Begeisterung zu den Originalschauplätzen gereist. Die ersten Jahre hat sie in Metzingen gelebt, danach in Kirchberg an der Murr und später in Königsfeld im Schwarzwald, in der Herrnhuter Brüdergemeine, in der Mädchenanstalt, und immer wieder auch in Stuttgart.

Die Kirchenbücher sind natürlich auch eine wichtige Quelle. Lange vor den säkularen Büchern waren sie die einzigen Zeugnisse, in denen Familienereignisse und Personenstandsdaten festgehalten wurden. Wie ist das – da darf man einfach so ran an diese Sachen?

Das ist alles mikroverfilmt, also kein Problem.

Kommen wir noch einmal kurz auf die Spielkarten zurück. Sie haben die Figur der Gräfin, die die Spielkarten gezeichnet hat, in Ihren Roman mit aufgenommen und ihr eine Rolle gegeben. Sie bleibt geheimnisvoll, auch warum sie überhaupt diese Spielkarten gemalt hat. Diese sind in Ihrem Roman das zentrale Motiv, der Schlüssel zur Herkunft Ihrer Hauptfigur. Es geht immer ein bisschen hin und her mit diesen Spielkarten. Warum eigentlich Spielkarten – waren die handlich genug, auch als Versteck? Oder waren sie so verbreitet und deshalb unauffällig?

Almanache waren damals sehr beliebt. Cotta hat sechs sogenannte Spielkarten-Almanache herausgegeben. Es war die Idee von Ludwig Ferdinand Huber, auch die toten Karten, also die Zahlenkarten, zu bebildern. Dafür haben sie Charlotte von Jenisson-Walworth, die Frau des königlichen Kammerdieners Graf Franz von Heidelberg, gewonnen. An ihren Zeichnungen hat mich fasziniert, dass sie erziehen wollten. Auf Ecksteinsieben spielen sieben Putten im Himmel. Die Gräfin hat diese Karte quergestellt, was sehr ungewöhnlich ist. Sie hat den Punktierstrich eingesetzt und mit Stichel und Ätzung nachgeholfen. Die Ecksteine sehen aus wie Schmetterlingsflügel. Die Karten sind nicht besonders groß, etwa 10 x 7 Zentimeter.

Die Karten bzw. der Austausch der Spielkarten spielt – gewissermaßen kriminalistisch – in der ganzen Handlung eine große Rolle. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei den Karten um einen unauffälligen Transportweg handelt, unauffälliger als Schriftstücke oder Dokumente oder Geld. Die Spielkarten sind der entscheidende Schlüssel, der rote Faden, an dem entlang sich immer mehr entspinnt.

Die Spielkarten sind im Roman angelegt als die zwei Seiten der Erziehung. Friedrich I. von Württemberg, erst Kurfürst, dann König. Er war ein großer Anhänger Pestalozzis, das kann bei Paul Sauer nachgelesen werden, und hat schon, als er noch in Preußen im Militärdienst war, einen Jungen erziehen lassen und sich 1808 in der Schweiz selber über Pestalozzis Methode informiert. Er hat sogar die Lehrerausbildung danach ausgerichtet, aber plötzlich 1812 davon wieder Abstand genommen. Warum er dies verfügt hat, bleibt der Fantasie überlassen. Und ich habe es in die Handlung eingebaut.

Dieses Motiv, diese zwei gegenläufigen zwei Konzepte, spielt eine große Rolle im Roman. Im Nachgang zur Aufklärung, im 18. und 19. Jahrhundert, haben sich Philosophen und Pädagogen mit solchen Erziehungsfragen auseinandersetzt. Die sehr düstere Figur der Elisabeth Hehl bleibt geheimnisumwittert. Wie sind Sie auf die gekommen, ist sie historisch begründet?

Es handelt sich um eine reale Figur. Christiane ist aufgewachsen im Pfarrhaus in Metzingen, später in Kirchberg. Sie kennt Elisabeth Hehl als Tante. Diese hat sie, als sie acht Jahre alt war, plötzlich zu sich nach Stuttgart geholt und gesagt, sie sei ihre Mutter. Elisabeth Hehl ist die Schwester des Hofmedicus und sie schlägt Christiane mit Ruten, aber sie hatte auch eine andere Seite. Heute würde man sie vielleicht als Borderline-Persönlichkeit bezeichnen. Sie war sehr sprunghaft.

Das führte zu dramatischen Verwicklungen. Wenn man diese Erziehungsprinzipien einander gegenüberstellen will, müssen sich die Positionen in Personen verkörpern. Das haben Sie in den Figuren des Hofmedicus und seiner Schwester versucht, die im Lauf des Romans deutlich zu Konfliktpartnern werden. Wenn man über ein Thema schreiben will, muss man es personalisieren. Stimmt das so?

Unbedingt! Zum Beispiel habe ich die Position Pestalozzis Frau Pfarrer, Johanna Steinheil, zugeschrieben. Und sie verkörpert diese, glaube ich, ganz gut. Es gab ja diese beiden Sichtweisen, die sich gegenüberstanden: für und gegen das Kind. Ich habe viel recherchiert zum Thema Erziehung. Beim Thema „Fatschen“ dachte ich an ein historisches Phänomen und war entsetzt, dass es heute immer noch – unter dem Ausdruck „Pucken“ praktiziert wird …

… auch in verschiedenen Kulturen …

Ralph Frenken, ein Kinderpsychologe, hat die Kulturgeschichte des strammen Wickelns in seinem Buch „Gefesselte Kinder<>“ untersucht. Es ist wieder in „Mode“ gekommen, die Kinder einzuschnüren, um sie ruhigzustellen, obwohl es nachgewiesen ist, dass sie sich dadurch unter anderem die feinmotorische Entwicklung verzögert. Wer die Geschichte der Kindheit von Lloyd de Mause kennt, der fragt sich wirklich, wie hat die Menschheit das geschafft, überhaupt zu überleben? Kein Tier behandelt so seinen Nachwuchs …

Johanna Steinheil gibt Christiane einen Halt und Stabilität. Aber es bleibt nicht lange dabei. Gehen wir von Metzingen über Stuttgart nach Kirchberg an der Murr. … Die Abbildungen zeigen das Nebentaufbuch und die Wetterphänomene aus „Geschichte der Stadt Stuttgart“ von Karl Pfaff. Die Erzählung entfaltet Alltagsatmosphäre Anfang des 19.Jahrhundert, wir erfahren von Alltagsgeschichte, von Gerüchen, von Lärm. So viele Kutschen fahren in diesem Roman durch die Gegend! Wie die Umgebung sich anfühlt, wie es über Schlaglöcher geht – wie finden Sie da hinein? Sie müssen die Schlaglöcher irgendwie spüren …

Zu den Kutschfahrten hatte ich natürlich auch verschiedene Quellen. Viele Schriftsteller haben schon über diese Tortur, mit der Kutsche zu reisen, geschrieben. Ich habe mich von ihren Reiseberichten inspieren lassen. Es war schon früher ein Problem in Stuttgart, dass die Kutschen zu schnell gefahren sind. Es gab sehr viele Unfälle, und es wurde schon mal jemand über den Haufen geritten. Später durften die Pferde in der inneren Stadt nur noch im Schritt bewegt werden.

… eine frühe Verkehrsregelung …

… und was die Gerüche angeht … Als die Geschichte einsetzt, hat man in der Stadt noch Trauben gekeltert. Später gab es ein Verbot, aber Bürgermeister Hehl, Elisabeth Hehl ist seine Schwiegertochter, hat sich darum sehr lange nicht gekümmert und seine Kelter nahe der Stiftskirche weiterbetrieben. Bei Therese Huber habe ich in einem Briefwechsel die Formulierung gelesen: Ich patsche doch nicht in Kot! Es war nicht erlaubt, aber trotzdem hat man das unreine Wasser aus dem Fenster auf die Straße befördert.

Im 19.Jahrhundert etabliert sich das Bürgertum, die „Ehrbarkeit“ in Stuttgart, neben dem Adel. Die Stadt organisiert sich, es entstehen Strukturen des öffentlichen Lebens. Bleiben wir noch einen Moment bei der Alltagsgeschichte, der Atmosphäre. Im Roman kommt ganz viel von Küche und Kräutern vor – da ist ein Sud, der gekocht wird, dort wird gebacken, da werden Kräuter gesammelt und getrocknet… Eine sehr zentrale Rolle spielt ein bestimmtes Rezept. Liegt Ihnen das? Man hat das Gefühl, sie flechten viele solche Szenen oder Beschreibungen ein, machen es gewissermaßen schmackhaft.

Das mache ich sehr gerne. Ich habe Christiane in Stuttgart die Köchin Amalie an die Seite gestellt und mich gefragt, was könnte sie kochen? Bei Luise Sonnewald bin ich fündig geworden, ein altes Kochbuch aus der Landesbibliothek.

Die Köchin sorgt sozusagen für ein bisschen Soul Food.

Genau! Ein Rezept, Königsmus, habe ich mir selbst ausgedacht. Ich bin eine leidenschaftliche Köchin. Kochen entspannt und bringt mich auf gute Ideen. Und manchmal funktioniert die Recherche auch von der Gegenwart in die Vergangenheit. Das ist mir in Metzingen passiert, wo Friedrich das Nanele in die Schubkarre setzt, die er rot angestrichen hat. Diese Idee habe ich aus dem Gedicht von William Carlos Williams „Der rote Schubkarren“. Darin heißt es auch „So viel hängt ab von einem roten Schubkarren“. Diese Worte habe ich Pfarrer Steinheil in den Mund gelegt. Das hat sich aufgedrängt, ich habe nicht danach gesucht und muss Flaubert recht geben. Eine solche Idee läuft einem zu oder so lange hinter einem her, bis sie einen Platz gefunden hat.

Es wird auch von karger Küche oder von Hungersnöten erzählt, von Klimakatastrophen und ihren Auswirkungen, genauso wie von herrschaftlichen Szenarien bei Empfängen und bei Festmahlen. Dafür gibt es natürlich Quellen oder Nachweise, Kochbücher und Einkaufslisten, Abrechnungen und Bestellzettel, aber es braucht sicher auch viel Fantasie, um eine solche Szenerie vor Augen zu malen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatsgalerie waren sehr hilfsbereit. Sie sind mit mir ins Depot gegangen und ich durfte Bilder anschauen, die nicht ausgestellt wurden. Dort habe ich viele Porträts gefunden, die mir dabei geholfen haben, mir vorzustellen, wie die Leute damals ausgesehen haben. Zum Thema Küche habe ich einiges in der Frauengeschichte gefunden, vor allem Abbildungen, wie Küchen damals aussahen. Ganz toll finde ich das Wasserschiff. Ein eiserner Behälter am Herd, in dem Wasser ist, und so hatte man in der Küche immer heißes Wasser.

Das Wasserschiff gibt es wahrscheinlich noch in Waldenbuch im Museum der Alltagskultur zu sehen, ein Besuch dort lohnt sich sehr. – Abgesehen vom Essen spielt auch das Riechen in Ihrem Roman eine Rolle. Die Stadt hat nach Dung und Ausdünstungen gerochen, auch die Menschen. Sehen Sie die Person beim Schreiben vor sich, wenn Sie versuchen, eine möglichst lebendige Figur zu erschaffen und zu charakterisieren, durch Kleider, durch Parfüms, durch ihre Ausdrucksweise?

Ja, ich habe immer ein Bild von der Person vor mir und ich skizziere nicht nur, wie sie aussieht, sondern auch, welche Gefühle sie hat. Für das Mädchen Christiane habe ich das auch zu den verschiedenen Altersstufen gemacht, mit drei, mit fünf und mit acht Jahren und so weiter. Was können Kinder in welchem Alter? Wie reden sie? Ich finde es unheimlich spannend, tief in die Personen einzutauchen.

Für Christiane ist ihre Schulbildung ein ganz großes und wichtiges Thema, weil ihre Mutter sie davon fernhalten will. Die Töchterschule in Stuttgart und dann, prägender, die Mädchenanstalt in der Herrnhuter Brüdergemeine in Königsfeld ermöglichen ihr das Lernen.

Sie lebt dort zwei Jahre, wird in Königsfeld konfirmiert, trifft aber auch dort auf eine widersprüchliche Erziehung. Es gibt Brüder und Schwestern, die mit den Kindern sehr streng sind, und andere, die sich mehr dem Wohl des Kindes zuwenden. Ich habe dazu in Königsfeld recherchiert, durfte ins Archiv und die Lebensläufe der Brüder und Schwestern, die ich verwenden wollte, die auch reale Personen sind, einsehen. Und ich habe nachgelesen bei Zinzendorf, der als Vorgänger von Pestalozzi gelten kann. Zinzendorf hat diesen wunderschönen Satz geprägt: „Kinder sind kleine Majestäten“, der mir sehr gut gefallen hat. Er hat auch gesagt: Man soll kein Kind strafen, das nicht einsieht, für was es da eigentlich gestraft wird.

Es gibt in dieser Figur Christiane auch eine unbändige Seite, Unbeherrschtheit, Eitelkeit, Jähzorn. Manchmal muss sie später zugeben, das habe sie nicht richtig gemacht. Also ist sie nicht nur ein strahlendes Kind, sondern hat ganz viele Facetten, wie jede Persönlichkeit. Das ist, glaube ich, wichtig, um glaubwürdig von ihrer Geschichte zu erzählen. Auch sie ist nicht nur heldenhaft, sondern hat eben auch verschiedene Seiten.

Ja, sie „erinnert“ sich auch daran, was ihr als ganz kleines Kind angetan worden ist. Man kannte auch damals schon diesen Ausdruck Leibgedächtnis. Sie konnte zwar nicht reflektieren: „ich bin gefatscht worden, man hat mich eingeschnürt.“ Ihr Körper aber weiß darum, und deswegen hat sie auch sehr viel Angst, die es für sie zu überwinden gilt. Sie muss einen Weg für sich finden. Ich habe ihr eine ganze Reihe von Personen an die Seite gestellt, neben Amalie unter anderem auch von Klein, die sie unterstützen.

Der Roman bezieht die große Unterscheidung zwischen Adel und Bürgertum ein. Es geht weg vom herrschaftlichen Schloss in die Bürgerhäuser, die eine immer größere Rolle spielen. Als Schriftstellerin müssen sie versuchen, mit ihren Figuren mitzugehen, müssen sich vorstellen, da kommt Christiane auf den Ball, da kommt sie in die Bibliothek, da auf den Dorfplatz. Das ist lebendig werdende Geschichte.

Ich habe auch sehr viel zur Wohnungssituation recherchiert. Wie hat man Räume zu welcher Zeit eingerichtet, welche hygienischen Verhältnisse haben geherrscht? Da hat sich im Lauf der Romanzeit viel verändert. Wie haben sich die Leute gekleidet, wie hat sich Christiane, als sie schon älter war, herausgeputzt, wie man damals gesagt hat, und so weiter.

Die Veröffentlichung des Interviews erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin Jutta Weber-Bock.

Taschenbuch: 448 Seiten
ISBN-13: 9783839226957

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