Hans Hellmut Kirst – Die Nacht der Generale

Kirst Nacht der Generale Cover 1994 kleinDarum geht’s:

Ein hochrangiger Offizier lebt im II. Weltkrieg seinen Drang als Serienkiller aus; dem für das Nazi-Regime peinlichen Treiben soll ein Ermittler unauffällig ein Ende bereiten, doch der Mörder ist geschickt, nutzt seine Privilegien und setzt seine grausigen Taten fort … – Dieser (deutsche!) Quasi-Vorläufer der seit Hannibal Lecter bestsellerabonnierten Killer-Thriller bedient sich bereits der bekannten Spannungselemente und hat seinen Unterhaltungswert nicht eingebüßt: lesenswert!

Das geschieht:

Im dritten Jahr des II. Weltkriegs stoßen die deutschen Truppen an allen Fronten vor. Auch Polens Hauptstadt Warschau ist besetzt. Noch regt sich Widerstand, der brutal unterdrückt oder mit Hilfe von Spitzeln ausgeforscht wird. Die „Gräfin Kupiecki“, eine Prostituierte, war eine dieser Agenten. Nun ist sie tot, sie wurde geradezu abgeschlachtet. Ein Racheakt polnischer Partisanen liegt nahe, was von den Besatzern nicht hingenommen wird. Major Gottfried Grau von der Spionageabwehr wird mit den Ermittlungen betraut. Diese werden brisant, als ein Zeuge schildert, dass der letzte Gast der Gräfin die Uniform eines deutschen Generals getragen hat.

Major Grau ist kein Nazi, sondern ein Ehrenmann, der sich in die innere Emigration begab, nachdem er den Glauben an die nationalsozialistische Sache verloren hatte. Einen Mord wird er keinesfalls tolerieren. Das Undenkbare geschieht: Grau beginnt gegen die in Warschau kämpfenden Generale zu ermitteln! Drei Verdächtige siebt er aus. General der Infanterie Herbert von Seydlitz-Gabler ist ein Soldat alter preußischer Schule, Generalmajor Klaus Kahlenberge, Chef des Stabes beim Armeekorps, ein regimekritischer Mann, der das sinnlose Wüten gegen die polnische Zivilbevölkerung und vor allem die Juden verabscheut, Generalleutant Wilhelm Tanz, Kommandeur der Sonderdivision „Nibelungen“, ein Krieger wie aus dem Nazi-Bilderbuch.

Graus Ermittlungen werden von den empörten Generalen sabotiert. Sie lassen ihn an die Westfront versetzen. Dort trifft man sich im Sommer 1944 in Paris wieder. Grau arbeitet mit Inspektor Henri Prévert zusammen, wird aber vom Täter überrumpelt. Erst 1956 kommt es in Berlin zum Finale. Prévert hat den Mord an seinem Freund Grau nie vergessen, zumal der Täter wieder gemordet hat. Der Killer hat er in der Armee der neu gegründeten DDR einen hohen Beraterposten übernommen, will aber heimlich in den Westen wechseln. Die daraufhin anlaufenden geheimdienstlichen Vorbereitungen bieten Prévert die Chance, einen ausgeklügelten Racheplan auszuführen …

Hannibals deutsche Wurzeln

Wer hätte gedacht, dass der Vater des modernen Serienmord-Thrillers ausgerechnet ein Deutscher ist? Leider war der arme Mann seiner Zeit ein gutes Stück zu weit voraus, und er lebte in einem Land, dessen Bürger nicht unbedingt mit der Geschichte um einen irren Frauenmörder aus der Nazi-Zeit behelligt werden wollten. Deutschland im Jahre 1962 war zwar nicht mehr das Land der Richter und Henker, doch dieser Teil der Vergangenheit lag gerade 17 Jahre zurück. Er wurde nicht bewältigt, sondern lieber verdrängt, und so kam es, dass die meisten Deutschen auf die Jahre 1933 bis 1945 lieber durch einen Schleier oder noch lieber gar nicht zurückblickten.

Dies war ein rutschiges Parkett für diejenigen, die darauf bestanden, die Gespenster von gestern zu beschwören! Natürlich reizte genau dies vor allem Künstler, sich der Herausforderung (und dem publicityförderlichem Volkszorn, der damals noch nicht „Shitstorm“ genannt wurde) zu stellen. Die Betonung lag dabei auf dem Kunst-Aspekt, der allein halbwegs die Beschäftigung mit einem glühend heißen Eisen zu rechtfertigen schien. Gar nicht akzeptiert war dagegen die spielerisch-unterhaltsame Beschäftigung mit den Thema NS-Zeit und NS-Grauen.

Schriftsteller Hans Hellmut Kirst (1914-1989) verstieß ebenso lustvoll wie vermutlich ahnungslos gegen diese unausgesprochene aber eherne Regel. Er eckte deshalb bei den selbsternannten Wächtern (und Wärtern) der (‚deutschen‘) Kultur ordentlich an. Darum scherte sich Kirst Anfang der 1960er Jahre allerdings wenig. Er stand auf dem Höhepunkt seiner Karriere; ein Vollprofi der Unterhaltungsliteratur, der 1954 mit dem ersten Band der „08/15“-Trilogie einen Bestseller gelandet hatte. Die Abenteuer des Soldaten Asch im und mit dem „Dritten Reich“ wurden zweifach fortgesetzt, begeistert gelesen und überaus erfolgreich verfilmt. Kirst avancierte für sein Publikum zum Vertrauensmann, der wusste, wie der deutsche Landser angeblich wirklich gewesen war: treu dem Vaterlande ergeben aber verraten & verkauft von den bösen Nazis, mit denen er keineswegs in einen Topf geworfen werden wollte.

Ein wenig zu früh, ein wenig zu viel

Das Soldatenleben und den Krieg hatte Kirst ausgiebig kennengelernt. 1933, im Jahr der „Machtergreifung“ Hitlers, war er eingerückt und wurde später Berufssoldat. Im Krieg nahm Kirst an Feldzügen in Polen, Frankreich und Rußland teil, diente als Aufsichtsoffizier und Lehrer für Kriegsgeschichte an einer Luftkriegsschule und erlebte das Kriegsende als Chef einer Stabsbatterie. Es folgten neun Monate in einem amerikanischen Internierungslager und eine lange Reihe besserer Hilfsarbeiterjobs, während sich Kirst bereits mit dem Entwurf seines ersten Romans beschäftigte. Mit der „08/15“-Trilogie etablierte sich Kirst als Unterhaltungs-Schriftsteller. Ins Soldaten- und Kriegsmilieu kehrte er noch mehrfach zurück, so 1960 mit „Fabrik der Offiziere“ und eben 1962 mit dem ungewöhnlichen Thriller „Die Nacht der Generale“.

Die Post-Hannibal-Lecter-Generation wird nur schwer die eigentümliche Mischung aus heller Aufregung und stillschweigender Ablehnung verstehen, die diesem Werk in Deutschland entgegenschlug. Das Phänomen Serienmord war zwar schon damals bekannt und wurde von den Medien ebenso geliebt und ausgeschlachtet wie heute. Doch der brave Durchschnittsbürger sah im Einklang mit dem politischen und kulturellen Establishment – „Keine Experimente!“ lautete der Slogan der CDU zum Bundestagswahlkampf 1957 – den Serienmörder lieber als krankhafte Laune der Natur, dumm und hässlich wie das Frankenstein-Monster, mit irren Augen und Schaum vor dem Mund und somit leicht als Übeltäter zu erkennen.

Kirst präsentierte dagegen als Mörder nicht nur ‚normalen‘ Menschen, sondern auch als Respektsperson: einen General sogar, was die beunruhigende Botschaft vermittelte, dass das Böse sich nicht zwangsläufig selbst entlarvt, sondern seine Nischen dort findet, wo sich vorgeblich kluge und gütige Männer für das Volkswohl einsetzen. Das wollte man so genau wirklich nicht wissen. Wie der kriminalistische Laie der Gegenwart, geschult durch einschlägige Kinofilme, TV-„True Crime“-Reportagen, Bücher und Zeitschriftenartikel, unschwer erkennen kann, beschreibt Kirst den psychischen Verfall des mörderischen Generals bemerkenswert authentisch. Er schwelgt nicht in den heute so beliebten Blut- und Eingeweide-Exzessen, sondern ist deutlich aber insgesamt zurückhaltend. Der oft scheinheilig-verklemmten Adenauer-Ära war es trotzdem schon zu grell und schlüpfrig.

Hinter dem Trubel: ein wirklich gutes Buch!

Die eigentliche Kritik ging wie so oft in eine andere Richtung. Kirst machte aus dem Mörder einen General, der seine Stellung missbraucht, um in den Wirren des II. Weltkriegs ungestraft dem Lustmord zu frönen. Das brachte er nun neben den Streitern wider Schmutz und Schund und für ein zu allen Zeiten fleckenloses deutsches Soldatentum als dritte Fraktion die politisch korrekten Tugendbolde gegen sich auf, die es schlicht degoutant fand, dass ein schnöder Unterhaltungsroman sich spielerisch der Kulissen des ”Dritten Reiches” bediente, wo doch bitterer, d. h. wissenschaftlicher Ernst im Umgang mit dieser traurigen Vergangenheit des denkenden Bürgers erste Pflicht war!

Das Unbehagen der zahlreichen Kritiker wurde selten offen ausgesprochen. Stattdessen ging man den bequemen Weg und beschuldigte den Verfasser und Nestbeschmutzer des sprachlichen Unvermögens. Tatsächlich war Kirst nie ein Mann des geschliffenen Wortes, und auch ausgefeilte psychologische Szenarien wird man bei ihm vergeblich suchen. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Kirst beherrschte sein schriftstellerisches Handwerk. Heute geht die Kritik unverkrampfter mit dem Unterhaltungsroman um. „Die Nacht der Generale“ erscheint in diesem Licht als solider Thriller mit ausgeklügelter Handlung und gelungener Umsetzung.

Eines lässt sich allerdings nicht leugnen: Kirst schließt das alltägliche Grauen des „Dritten Reiches“ aus. Keiner der mordverdächtigen Generäle gehört etwa der SS an. Stattdessen dienen sie der Wehrmacht, die angeblich stets einen ‚sauberen‘ Krieg geführt hat. Von Seydlitz-Gabler ist kein Kriegsverbrecher, sondern ‚nur‘ ein Opportunist, Kahlenberge sogar im Widerstand und Tanz ein Irrer, der nicht für sein Tun verantwortlich gemacht werden kann. Grau ist ein Ehrenmann, den sogar der Feind respektiert. Von den echten Nazis wird oft abfällig gesprochen, aber in der Handlung tauchen sie nie auf. Verschwiegen bzw. nur angedeutet wird, dass auch die Wehrmacht in Massenmorde und zahlreiche weitere Verbrechen verwickelt war. Kirst hätte es besser wissen müssen, und wahrscheinlich wusste er es auch, aber er schweigt bzw. singt das alte Lied vom stets braven deutschen Soldaten, der hilflos seinen Vorgesetzten ausgeliefert war.

Akzeptanz im Ausland

Jenseits der deutschen Grenzen wurde „Die Nacht der Generale“ deutlich wohlwollender oder entspannter angenommen. Besonders im angelsächsischen Sprachraum registrierte man sehr wohl, dass Kirst das Thriller-Genre originell bereichert hatte. Sein Werk wurde 1965 für einen „Edgar Allan Poe Award“ nominiert, mit dem die „Mystery Writers of America“ den besten Thriller des Jahres auszeichnen. Es gewann zwar John Le Carré mit „Der Spion, der aus der Kälte kam“, aber Kirst war international bekannt geworden.

1966 nahm die amerikanische Schriftstellervereinigung „The Authors Guild“ Kirst als ersten deutschen Autor überhaupt auf. Er wurde Mitglied des PEN, die Universität Boston legte eine „Kirst Collection“ als „Dokument der Zeitgeschichte“ an, und 1968 ernannte ihn die Mark-Twain-Gesellschaft zum „Knight of Mark Twain“. Als der Autor 1989 starb, hinterließ er ein Gesamtwerk, das etwa 60 Romane umfasst, die in 28 Sprachen übersetzt wurden.

Das gilt auch und ganz besonders für „Die Nacht der Generale“. In Deutschland ist dieser Romanen dagegen seit vielen Jahren aus den Buchregalen verschwunden, nachdem er drei Jahrzehnte regelmäßig neu aufgelegt wurde. Die inzwischen hysterisch ausufernde „political correctness“ der Gegenwart dürfte eine gewichtige Rolle spielen. Im Ausland fühlt man sich weiterhin weniger bedroht: „Die Nacht der Generale“ wird in vielen europäischen Ländern immer wieder auf den Buchmarkt gebracht.

„Die Nacht der Generale“ – der Film

Kirst hatte mit seinem Roman die strenge und zeitgenössisch vom Thema feingeistig angewiderte (deutsche) Literaturkritik nur bedingt für sich gewinnen können. International erkannte man durchaus das Potenzial dieses Romans. Hollywood wurde nicht nur aufmerksam, sondern investierte viel Geld in einen aufwendigen, erlesen besetzten und überlangen Spielfilm, der wiederum keine kritischen Begeisterungsstürme auslöste, jedoch den erwünschten Gewinn einfuhr und auch heute durchaus unterhalten kann:

The Night of the Generals (GB/F 1966, 145 min.)
Drehbuch: James Hadley Chase, Paul Dehn, Joseph Kessel
Regie: Anatole Litvak
Darsteller: Peter O‘Toole (General Wilhelm Tanz), Omar Sharif (Major Grau), Charles Gray (General Wilhelm – im Roman Herbert – v. Seydlitz-Gabler), Donald Pleasence (General Klaus Kahlenberge), Tom Courtenay (Kurt – im Roman Rainer – Hartmann), Philippe Noiret (Inspektor Morand; im Roman: Henri Prévet), Joanna Pettet (Ulrike v. Seydlitz-Gabler), Coral Browne (Eleanore; im Roman Wilhelmine v. Seydlitz-Gabler) u. a.

Taschenbuch: 348 Seiten
http://www.randomhouse.de/goldmann

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