Laurell K. Hamilton – Schwarze Träume (Anita Blake 14)

„Schwarze Träume“, das vierzehnte Abenteuer von Laurell K. Hamiltons totenerweckender Heldin Anita Blake, ist ein klassisches Beispiel für einen missratenen Klappentext. Denn dort ist von einer von Vampiren ermordeten Stripperin die Rede. Anita wird zu dem Fall hinzugerufen, um ihre Expertenmeinung abzugeben. Laut Klappentext wird dieser Fall „Anita an ihre Grenzen bringen … und darüber hinaus…“

Aha. Vergleicht man diese Inhaltsangabe mit dem, was tatsächlich in dem Roman beschrieben ist (von dem Terminus „Handlung“ soll hier lieber nicht die Rede sein), so kommt man zu dem Schluss, dass der Autor des Klappentexts offenbar ein ganz anderes Buch gelesen haben muss. Sicher, in „Schwarze Träume“ geht es für ungefähr zwanzig Seiten um eine ermordete Stripperin. Doch Hamilton verliert daran recht schnell die Lust und so spielt das Mordopfer auf den restlichen 550 Seiten (immerhin!) überhaupt keine Rolle mehr. Erst im letzten Absatz des Romans wird dieser Handlungsstrang wieder aufgegriffen und so könnte man gar zu der Annahme gelangen, die ermordete Stripperin sei kaum mehr als eine lauwarme Rahmenhandlung.

Allerdings ist wohl auch wahr, dass der Autor des Klappentexts vor einer sehr undankbaren Aufgabe stand: Was schreibt man schließlich über einen Roman, in dem quasi nichts passiert? Richtig, man greift sich den einzig schlüssigen Fitzel-Plot und bauscht ihn zu etwas auf, was als Handlung begriffen werden könnte. Wahrscheinlich wäre es auch wenig verkaufsfördernd, auf dem Klappentext die schnöde Wahrheit zu verraten: Dass es nämlich in „Schwarze Träume“ nur um Sex geht. Und leider noch nicht einmal um guten Sex …

Anita befindet sich nämlich immer noch in den Fängen der Ardeur, einer metaphysischen Nebenwirkung der Tatsache, dass sie Jean-Claudes menschlicher Diener ist. Die Ardeur ist so etwas wie die Fantasyform der Sexsucht, ist die weibliche Libido auf Steroiden. Sie sucht Anita alle paar Stunden heim und will dann unbedingt befriedigt werden. Weil es aber keinem einzelnen Mann zugemutet werden kann, einer ständig geilen Anita zu Willen zu sein, hat sich Anita Blake ganz pragmatisch gleich einen ganzen Harem scharfer Hengste zugelegt, die sie auf Kommando mehr als bereitwillig bespringen, um die bereits erwähnte Ardeur zu befriedigen. Letztendlich ist das auch schon fast alles, was Laurell K. Hamilton dem entsetzten Leser in „Schwarze Träume“ auftischt: Anita geht auf eine Hochzeit, Anita begutachtet eine tote Stripperin, Anita fährt nach Hause und hat auf den folgenden rund einhundert Seiten pausenlosen Sex mit verschiedensten Männern, Anita gewinnt bei fast jedem Koitus eine absurde Superheldeneigenschaft hinzu (Plötzlich kann sie Vampire durch Sex schöner machen!), hat noch mehr Sex, um ihren Meister zu stärken, erweckt einen Zombie, hat Sex, weil sie die Totenerweckung geschwächt hat und ganz am Schluss hat sie tatsächlich noch Sex mit Jean-Claude, einfach weil sie scharf ist. Wo sie dafür noch die Energie hernimmt, bleibt wohl auf ewig ihr Geheimnis. Als Leser zumindest ist man schon nach einhundert Seiten ob des ständigen wer mit wem und wie und warum ziemlich erschöpft.

Relativ früh im Roman, nämlich auf Seite 200, lässt Laurell K. Hamilton ihre Protagonistin frustriert ausrufen: „Warum musste immer alles zu Sex führen?“ Eine sehr gute Frage, auf die sie eine Antwort leider schuldig bleibt. Man könnte Hamilton unterstellen, hier ihr eigenes zunehmend konfuses Geschreibsel auf die Schippe zu nehmen, doch leider lässt der Rest des Textes die Vermutung nicht zu, dass Hamilton zu einem ironischen Blick auf ihr eigenes Universum fähig ist. Stattdessen lebt sie recht unverschleiert in der Figur der Anita Blake ihre eigenen Macht- und Sexfantasien aus und als Leser hat man mehr als einmal das Gefühl, Zeuge von etwas zu werden, das lieber privat hätte bleiben sollen. So genau wollte man Laurell K. Hamilton dann nämlich doch nicht ins Schlafzimmer schauen.

Nun ist gegen erotische Romane ja nichts einzuwenden, doch schafft es Laurell K. Hamilton mit schlafwandlerischer Sicherheit, auch noch den gutmütigsten Leser zu nerven, denn sie schreibt einfach schlechte Erotica. Auf eine sehr eigenartige Weise pendelt sie zwischen krasser Deutlichkeit und amerikanischer Prüderie. So macht es ihr nichts aus, der armen Anita beim Orgasmus alle Fingernägel rauszureißen. Gleichzeitig ist es ihr jedoch schier unmöglich, trotz der ganzen Männer, Vampire und Wertiere, die bei Anita zum Zug kommen, das wichtigste Utensil in diesem Spielchen wenigstens einmal beim Namen zu nennen. Stattdessen spricht sie immer nur von „ihm“, als hätte „er“ ein Eigenleben und existiere völlig losgelöst von „seinem“ Körper. Das klingt dann durchaus verwirrend, wenn im gleichen Satz ein Mann und sein Gehänge gemeint sind: „Er hing ihm aus der Hose, immer noch groß und hart.“ Erotisch ist jedenfalls anders.

Laurell K. Hamilton hat sich zur Meisterin der Redundanz und der Verzögerung entwickelt. Zu Beginn der Reihe um Anita Blake war gerade der schroffe Plauderton der Heldin etwas, das die Romane attraktiv machte. Irgendwann ist Hamilton dieser Plauderton jedoch abhanden gekommen und stattdessen ist sie ins Geschwätzige abgedriftet. Sie ist unfähig, Dinge auf den Punkt zu bringen, und muss stattdessen endlos um eine Aussage kreisen und diese immer wieder mit anderen Worten wiederholen. Das ist für den Leser unglaublich ermüdend, da es nirgendwohin führt und Seiten mit nichts als Luftblasen füllt. „Schwarze Träume“ ließe sich auf einhundert Seiten eindampfen und würde nichts an Handlung einbüßen. Dass man sich trotzdem durch fast 600 Seiten austauschbarer Sexszenen arbeiten muss, steigert nicht gerade das Lesevergnügen.

Hier rächt sich dann auch auf ganz besondere Weise die Verlagspolitik von Bastei Lübbe, den englischen Band „Incubus Dreams“ in zwei deutschen Bänden, nämlich „Schwarze Träume“ und „Blinder Hunger“ herauszubringen. Einen Roman, der ohnehin Probleme mit einem vernünftigen Spannungsbogen hat, in zwei Teile aufzuteilen, kann dem Lesevergnügen nicht guttun. Wer „Incubus Dreams“ im Original liest, hat es mit einem Anfang (tote Stripperin), einem zu vernachlässigenden Mittelteil (endloser Sex mit unterschiedlichsten Männern in verschiedensten Konstellationen) und einem Schluss zu tun, in dem dann tatsächlich ein paar Vampire gejagt werden. Nimmt man nur „Schwarze Träume“ zur Hand, muss man sich darauf gefasst machen, ein Buch ohne Plot, ohne Ende und ohne Spannung zu lesen. Diese Elemente werden nämlich erst im Nachfolger „Blinder Hunger“ eingelöst, und auch das mehr schlecht als recht.

Taschenbuch: 576 Seiten
Originaltitel: Incubus Dreams (I)
ISBN-13:978-3-404-16740-1

www.luebbe.de

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