Laurell K. Hamilton – Blinder Hunger (Anita Blake 15)

Wer es auf die ersten Seiten von „Blinder Hunger“ von Laurell K. Hamilton geschafft hat, dem ist zu gratulieren. Denn vermutlich hat er sich durch die fast 600 beliebigen Seiten von „Schwarze Träume“ gekämpft und danach trotzdem noch den Folgeband zur Hand genommen. Das ist echtes Durchhaltevermögen und es wird zumindest in manchen Abschnitten von „Blinder Hunger“ belohnt.

Los geht es mit einer weiteren toten Stripperin, dieser Handlungsstrang aus dem Vorgängerband wird nun also endlich wieder aufgegriffen. Anita untersucht die Leiche und den Tatort und beim Leser keimt als zartes Pflänzchen die Hoffnung auf, dass Hamilton in „Blinder Hunger“ zu alter Form zurückfindet. Zwar wird dieses Setting auch bald wieder zugunsten einer Sexszene aufgegeben, doch diese ist dann tatsächlich – ausnahmsweise – mal gut geschildert. Leider driftet die Autorin danach wieder in endloses Geschwafel und endlosen Sex ab. So erklärt Anita ihrem Ex Richard tatsächlich dreißig Seiten lang, was Sadomasochismus ist und warum er beim Sex auf Schmerzen steht. Nur um es dann mit ihm und Jean-Claude für vierzig (!) Seite so richtig krachen zu lassen. Natürlich unterbrochen von noch mehr Gerede. Gäbe es einen Preis für den geschwätzigsten Sex, Laurell K. Hamilton würde ihn gewinnen. Und zwar mit Leichtigkeit.

Immerhin hat der ganze Sex, der den Mittelteil des Romans einnimmt, irgendwann ein Ende und so kann man sich in der zweiten Hälfte des Romans auf einige Action freuen. Es wird entführt und geschossen. Es werden Vampire hingerichtet, bis man die Zeitung durch ihren Brustkorb hindurch lesen kann und es wird ein Vampirnest ausgehoben. Es werden kaum Menschenleben gerettet, aber in dieser Hinsicht hatte Vampirhenkerin Anita Blake ja schon immer ein kleines Prioritätenproblem.

Der zweite Teil des Romans versöhnt fast mit dem Wust an Belanglosigkeiten, durch die man sich bis hierhin quälen musste. Leider können aber auch die im wahrsten Sinne schweren Geschütze, die Hamilton gegen Ende auffährt, nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Plot eine ziemlich dünne Suppe ist – jedenfalls im Vergleich zu den ersten Bänden der Reihe. Er ist zu geradlinig, zu einfach, zu sehr A führt zwangsläufig zu B, um wirklich echte Spannung aufkommen zu lassen. Erkenntnisse fallen der Polizei bzw. Anita just in dem Moment quasi in den Schoß, in dem sie sie brauchen, um die Handlung fortzuführen und die bösen Vampire lassen sich fast etwas zu einfach um die Ecke bringen.

Enttäuschend ist dabei auch, dass man sich durch dieses ziemlich umfangreiche Buch gearbeitet hat, nur um sich dann einem nicht abgeschlossenen Fall gegenüberzusehen. Der eigentliche Obervampir ist noch nicht gefasst: Vittorio, dieser ominöse Bösewicht, taucht allerdings im ganzen Roman kein einziges Mal auf. Er ist damit kein würdiger Gegenspieler, sondern erscheint mehr wie eine nachträgliche Idee, die Hamilton in letzter Minute noch eingefügt hat, um eine Überleitung zum nächsten Band zu schaffen. Auch andere Schauplätze des Romans werden nicht zum Abschluss gebracht: Die Situation mit Anitas Freundin Ronnie ist nicht geklärt. Anitas neues Triumvirat mit Damian und Nathaniel wird auch nicht weiter thematisiert. Viele Dinge, die Hamilton am Anfang irgendwo anreißt, verlaufen sich dann unversehens im Nichts.

Damit bleibt „Blinder Hunger“ um Längen hinter der Qualität zurück, mit der die Serie mal gestartet ist. Damals lasen sich die Romane nämlich noch als durchaus spannende, teils abwegige, aber sorgfältig geplottete Kriminalfälle. Mittlerweile jedoch gibt es zwar Leichen, eine wirkliche Herausforderung stellen sie jedoch weder für Anita noch für den Leser dar.

Es bleibt festzuhalten, dass „Blinder Hunger“ aufgrund der Tatsache, dass die Handlung ab Hälfte tatsächlich anzieht, unterhaltsamer ist als der Vorgänger „Schwarze Träume“. Hamilton liefert hier zumindest einen leichten Nachhall auf die Anita Blake, die man als Fan der Reihe gewöhnt ist. Nicht zu übersehen ist aber auch, dass das Interesse der Autorin sich verschoben hat. Ihr geht es nur noch um Sex und zwar mit möglichst vielen unterschiedlichen Männern in möglichst vielen unterschiedlichen Konstellationen und zu möglichst vielen unterschiedlichen Zwecken. Die Männer, die Anita reihum flachlegt, verkommen dabei jedoch zunehmend zu Statisten. Jean-Claude kommt im ganzen Roman aus seinem unterirdischen Bunker nicht raus und flüstert Anita nur in ausgewählten Momenten zweckdienlich ins Ohr. Richard taucht meist völlig unverhofft und unerwartet irgendwo auf, um genauso flott wieder aus der Handlung zu verschwinden. Nathaniel schildert sie als beunruhigend kindlich und Micah als so zweidimensional, dass es eigentlich kaum überraschend ist, dass es den beiden Männern unmöglich ist, einer Anmache eine Abfuhr zu erteilen. Als sie in einer Stripbar von einem Paar auf ein Schäferstündchen eingeladen werden, müssen sie von Anita aus der Situation gerettet werden, weil sie offenbar selbst nicht in der Lage sind, laut und vernehmlich Nein zu sagen. Und all die anderen zahlreichen Männer im Roman sind so austauschbar, gutaussehend und unwichtig, dass man sie sofort wieder vergessen hat, wenn man das Buch zuklappt.

Für Fans der Reihe um Anita Blake ist „Blinder Hunger“ also durchaus genießbar. Allen anderen Lesern sei eher abgeraten.

Taschenbuch: 446 Seiten
Originaltitel: Incubus Dreams (II)
ISBN-13:978-3-404-16806-4
www.luebbe.de

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