Dennis Lehane – Shutter Island

Lehane shutter island cover 2015 kleinAus einer abgeschiedenen Anstalt für wahnsinnige Straftäter ist eine Patientin verschwunden. Zwei US-Marshalls ermitteln vor Ort und kommen geheimen Menschenversuchen auf die Spur. Die Verantwortlichen bemühen sich daraufhin, die unerwünschten Zeugen auszuschalten … – Spannender Psycho-Thriller, in dem nichts und niemand ist, wie es und wer er scheint. Die Auflösung ist der Vorgeschichte wie so oft nicht gewachsen, was jedoch das Vergnügen an diesem gut erzählten Garn nur geringfügig schmälert.

Das geschieht:

Ein seltsamer Fall bringt die US-Marshalls Edward „Teddy“ Daniels und Charles „Chuck“ Aule in diesem Sommer des Jahres 1954 nach Shutter Island. Auf der kleinen Insel unweit des Hafens von Boston im US-Staat Massachusetts steht das Ashecliffe Hospital für psychisch kranke Straftäter. Aus einer der Zellen ist die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando verschwunden. Jemand muss ihr geholfen haben.

Überhaupt werden die Sicherheitsvorkehrungen eher lax gehandhabt. Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Polizisten bei ihren Ermittlungen. Was geht wirklich vor auf Shutter Island? Die Anlage wird aus Schmiergeldfonds dubioser Politfundamentalisten finanziert. Möglicherweise führt man heimlich Menschenversuche durch und ‚behandelt‘ Patienten mit Drogen.

Teddy Daniels kann Solandos kryptische Abschiedsbotschaft entschlüsseln: Im streng abgeschirmten Hospitalblock C, in dem die besonders gefährlichen und unheilbaren Fälle untergebracht werden, gibt es einen Patienten Nr. 67, der nirgendwo registriert ist. Er scheint im Zentrum der mysteriösen Umtriebe auf Shutter Island zu stehen.

Gegen den zunehmend offener werdenden Widerstand von Ärzten und Pflegern und unter dem Eindruck einer anonymen Bedrohung aus dem Hintergrund ermitteln Daniels und Aule fieberhaft weiter. Zu allem Überfluss wird Shutter Island durch einen Sturm vom Festland abgeschnitten. Dann mehren sich die Zeichen, dass Daniels absichtlich auf die Insel gelockt wurde, denn er hütet einige Geheimnisse, die er sorgfältig vor seinem Partner verbirgt und die mit dem Ashecliffe-Hospital zu tun haben. Aber auch Aule ist nicht der Mann, der zu sein er vorgibt, sodass Daniels schließlich allein vor seinen Gegnern steht, die schon die Lobotomie-Messer wetzen …

Irrsinnig guter Thriller mit Horror-Elementen

Der deutsche Film „Das Kabinett des Dr. Caligari“, entstanden 1919, gilt als Meisterwerk des Kinos. Hier seine Geschichte zu erzählen hieße die Lösung des Shutter-Island-Mysteriums zu verraten, was auf keinen Fall geschehen soll, obwohl kritische Stimmen behaupten, der kundige Leser wisse ohnehin schon nach wenigen Seiten, in welche Richtung der Hase laufen wird. Dem mag so sein, muss aber nicht. Was zählt, ist die erzählerische Handwerkskunst, mit der Dennis Lehane so direkt wie selten in der Hirn der Dunkelheit vorstößt und eine Stimmung präsenter, aber nie fassbarer Bedrohung schafft.

Wer ist wer auf Shutter Island? Niemand, wie sich herausstellt. Die Kulisse ist erschreckend genug: Auf einer einsamen Insel steht ein Irrenhaus – so muss man es wohl bezeichnen; erbaut wurde es auf den Ruinen einer uralten Festung. Unterirdische Gänge und Höhlen verwandeln das Eiland in ein Labyrinth. Auf einem unheimlichen Friedhof liegt manches Geheimnis gut begraben. Codierte Botschaften künden Furchtbares an. Ein Leuchtturm verbirgt in seinem Inneren Grausiges. Furcht- und hirnlose Supersoldaten warten auf ihren Einsatz.

Der Ort ist bizarr, das Geschehen wird immer unwirklicher – beides hat seine Gründe, die sich dem Leser allmählich enthüllen. Die bis ins Klischee überdrehten Elemente des klassischen Gruselfilms haben ihre feste Funktion in dieser Geschichte. Abgesehen davon sind sie zeitlos. Hetzjagd im Irrenhaus auf einer Insel im Hurrikan: Unverfrorener geht es nicht mehr, aber es wirkt, so wie es Lehane erzählt. Dazu trägt neben seiner Wortgewandtheit auch die leise Ironie mit, die immer wieder erkennen lässt, dass der Verfasser sehr wohl um die Absurdität dessen weiß, was er uns da vorsetzt.

Im Labyrinth des eigenen Geistes

„Normal“ und „geisteskrank“ sind nicht unbedingt fixe Diagnosen. Der Maßstab für das eine sowie für das andere kann ganz erheblich schwanken, so macht es Dr. Cawley Teddy Daniels in einer der vielen eindrucksvollen Passagen dieses Romans beängstigend deutlich. Das Fundament, auf dem sich mentale Gesundheit gründet, steht auf trügerischem Boden. Wie man ihn stabilisiert, darüber sind sich die Spezialisten keineswegs einig. Auf Shutter Island werden in dieser Hinsicht neue Wege beschritten, aber sind es auch die richtigen?

Die ‚Behandlung‘ von Geisteskranken beschränkte sich über viele Jahrhunderte darin, sie sorgfältig wegzuschließen und ruhig zu stellen. Dafür bediente man sich durchaus barbarischer Methoden. Die Angst davor und die kollektive Erinnerung daran haben uns noch heute nicht verlassen. Ashcliffe Hospital ist einerseits ein örtlich verlagertes Bedlam, in dem die realen ‚Irren‘ von London seit 1547 ihr elendes Dasein fristeten, und andererseits ein literarisches Arkham Asylum, hinter dessen dicken Mauern der Joker und andere von Batman ausgeschaltete Psychopathen verschwinden.

So lässt die finstere Präsenz dieses Ortes auch einen kriminalistischen Profi wie Teddy Daniels nicht unberührt, obwohl er sich betont lässig gibt. Der erfolgreiche Polizist ist durch private Schwierigkeiten aus dem seelischen Gleichgewicht; seine Frau wurde Opfer eines Verbrechens, der Witwer ist latent selbstmordgefährdet. Da kommt ihm viel Arbeit gerade recht. Was Daniels auf Shutter Island erlebt, weckt seine inneren Dämonen indes erst richtig. Dr. Cawley, der Anstaltsdirektor, und die anderen Ärzte und Pfleger spielen Rollen. Als ihnen dies zu misslingen droht, werden sie zur Bedrohung. Chuck Aule wirkt lange als Ruhepunkt im Sturm. Allerdings könnte der gute Freund durchaus ein Spitzel sein, der ihn im Auftrag Cawleys beobachtet und manipuliert.

Das überraschende Ende eines grausamen Spiels

Daniels hat Recht – und er irrt sich. Die Zwiespältigkeit, mit der jede Figur auftritt, ist nicht nur ein Spannung schürendes, sondern wiederum ein integrales Element der Handlung, die sonst nicht funktionieren könnte. So setzt sich auch in der Figurenzeichnung die angenehme Ungewissheit fort, mit der Lehane sein Publikum bei der Stange hält.

Selbst wenn man ahnt und schließlich weiß, was auf Shutter Island geschieht, steigt die geschickt geschürte Spannung stetig. Lehane beherrscht sein Handwerk. Es ist deshalb nicht ihm vorzuwerfen, dass die Auflösung des Plots dem Weg dorthin nicht standhalten kann. Begeht man den Fehler, über den schließlich aufgedeckten bösen Plan nachzudenken, fallen einem sofort die gewaltigen logischen Lücken und seine Abhängigkeit von unwahrscheinlichen Zufällen ein, die ihn als reines Konstrukt eines Unterhaltungsromans entlarven. Dennoch funktioniert das Finale im Rahmen der Story. Wir sind freundlich gestimmt, nachdem Autor Lehane uns über mehr als 300 Seiten vorzüglich an der Nase herumgeführt hat. So leicht wie dieses Buch lesen sich nur wenige der Thriller, die meist die Bestsellerlisten blockieren.

Autor

Dennis Lehane wurde 1966 in Dorchester, Massachusetts, einer Vorstadt der Metropole Boston, als jüngstes von fünf Geschwistern geboren. Sein Vater arbeitete für die Warenhauskette Sears & Roebuck, seine Mutter in einer Schul-Caféteria. Lehane ging in Boston zur Schule und studierte auch dort. Anschließend übernahm er eine Reihe von Gelegenheitsjobs, bevor er sich als therapeutischer Berater versuchte. Lehane betreute geistig Behinderte sowie sexuell missbrauchte Kinder. Hier machte er jene psychologischen Erfahrungen, die er später in seine Romane einfließen ließ.

Lehane wollte Schriftsteller werden. Er lernte seinen Job an der Florida International University in Miami. Nach dem Abschluss begann er ernsthaft zu schreiben, während er anspruchslose Tätigkeiten als Parkplatzwächter oder Limonaden-Ausfahrer annahm, um seinen Lebensunterhalt zu sichern und einen freien Kopf für seine Geschichten zu behalten. Zwar las Lehane gern Kriminalromane, er legte es jedoch nicht darauf an, in diesem Genre zu starten. Eher zufällig wurde ein Thriller seine erste Veröffentlichung. Das Manuskript zu „A Drink Before the War“ (dt. „Streng vertraulich“) hatte er bereits 1990 verfasst, aber bis zur Veröffentlichung dauerte es vier Jahre.

„A Drink …“ wurde zum ersten Band der Serie um Patrick Kenzie und Angela Gennaro, die in Dorchester als Privatdetektive arbeiten. Der Verfasser beschrieb das überaus erfolgreiche Duo als „Nick & Nora Charles – nur sehr viel taffer!“ Er spielt damit auf eines der erfolgreichsten Pärchen der klassischen Kriminalliteratur an, das der große Dashiell Hammett (1894-1961) in „The Thin Man“ (1934; dt. „Mordsache Dünner Mann“) schuf und das zwischen 1934 und 1947 sechs Mal im Kino von William Powell und Myrna Loy gespielt wurde. Scheinbar lässig im Umgang, brodeln unter der Oberfläche sichtlich große Gefühle füreinander, wobei Lehane die Situation zuspitzt, indem er Angela ausgerechnet Patricks besten Freund heiraten ließ.

Längst wurde Lehane vom Kino entdeckt. Clint Eastwood, der als Regisseur ein waches Auge für filmreife Bücher jenseits des Blockbuster-Mainstreams besitzt, brachte 2003 mit großem Erfolg „Mystic River“ auf die Leinwand. Der Schauspieler Ben Affleck tat es ihm 2007 gleich: Seine erste Regiearbeit wurde „Gone, Baby, Gone“ nach dem gleichnamigen Kenzie/Gennaro-Roman (dt. „Kein Kinderspiel“). 2009 realisierte Martin Scorcese „Shutter Island“ mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingley und Max von Sydow in den Hauptrollen; ihm gelang ein echter Blockbuster, der den Geist der Romanvorlage sehr gut transportiert.

Taschenbuch: 432 Seiten
Originaltitel: Shutter Island (New York : William Morris 2003)
Übersetzung: Steffen Jacobs
http://www.diogenes.de

eBook: 1,75 MB
ISBN-13: 978-3-257-60705-5
http://www.diogenes.de

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