Robert Harris – Imperium (Cicero 1)

Marcus Tullius Cicero ist ein gerissener, mit allen Wassern gewaschener Anwalt und geborener Machtpolitiker. Er wittert seine Chance für eine rasante Karriere – und ahnt noch nicht, dass er damit über Aufstieg und Fall Roms entscheiden soll … (Verlagsinfo)

Der Autor

Robert Harris wurde 1957 im britischen Nottingham geboren. Nach seinem Geschichtsstudium in Cambridge war er als BBC-Reporter und politischer Redakteur des „Observer“ tätig. Die historischen Hintergründe seiner Romane recherchiert Harris als Historiker exakt. Trotzdem schreibt er keine Sachbücher: Er will die Leser gleichzeitig unterhalten und informieren, schreibt der Verlag.

Mit seinem Roman „Vaterland“ gelangte er 1992 in die internationalen Bestsellerlisten, danach folgten das ebenfalls verfilmte „Enigma“ sowie „Aurora“ (1998). Harris ist heute ständiger Kolumnist der Tageszeitung „The Times“. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem alten Pfarrhaus in Kintbury bei London. Die Fortsetzung zu „Imperium“ trägt den Titel „Titan“, Band 3 den Titel „Dictator“.

Handlung

Der ganze Ärger beginnt, als der Sizilianer auftaucht. Als der abgerissene und ungepflegte Mann in der Schlange von Klienten und Bittstellern vor der Tür des Anwalts und Senators Marcus Tullius Cicero auftaucht, hat Marcus eine glänzende Karriere als Anwalt hingelegt. Doch um Senator und richtig reich werden zu können, musste der Emporkömmling eine Frau aus der Aristokratie heiraten. Die standesbewusste Terentia hat ihm das Geld vorgestreckt, das er brauchte, um das gewählte Amt des Senators im ziemlich jungen Alter von nicht mal 35 Jahren erringen zu können.

Im Senat gerät er immer wieder mit den Patriziern aneinander – und das wird auch sein ganzes Leben lang so bleiben, erzählt uns sein Sekretär, der Sklave Tiro. Tiro ist praktisch der Erfinder der Kurzschrift, wie wir sie heute kennen und als solcher ein enorm wichtiger Chronist, auf dessen Wiedergaben wir bauen können. Dass er eine Biografie Ciceros verfasst hat, ist durch zwei andere Autoren verbürgt. Doch seine Nähe zu dem Staatsmann brachte Tiro mitunter auch in akute Lebensgefahr.

Dass Cicero also den Sizilianer empfängt, soll ihn und Tiro auf direkten Kollisionskurs mit den Patriziern bringen. Denn Sthenius gehört zu jenen vom römischen Statthalter Verres völlig ausgeplünderten Bewohnern der von Rom eroberten Insel, die sich nun erstmals um Hilfe an einen Anwalt werden. Tatsächlich, so erfährt Cicero verblüfft, hat sein patrizischer Widersacher Hortensius es abgelehnt, Sthenius aus Thermae zu vertreten. Er vertritt nämlich bereits Verres.

Die Chance, Hortensius eins auszuwischen, will sich Cicero nicht entgehen lassen, verrät dies aber keinem. Da Sthenius als völlig ausgeplünderter Strafverfolgter keinerlei Mittel hat, nimmt der Anwalt den Fall pro bono an und versteckt seinen Angeklagten in einem Mietshaus. Terentia ahnt sofort, dass dieser Fall nur Ärger einbringen wird – und womöglich das Exil. Recht hat sie: Eine der Gegenmaßnahmen von Verres besteht darin, seine Liktoren, kräftige, ungehobelte Burschen ohne Feingefühl, in Ciceros Haus zu schicken, um den verurteilten Sthenius aufzustöbern. Ohne anzuklopfen, dringen sie sogar in Terentias private Gemächer ein. Dort werden sie mit einer schallenden Ohrfeige empfangen und mit einer wütender Schimpftirade von dannen gejagt.

Der Prozess zieht sich hin, denn Cicero muss erst einmal Beweise sammeln. Er und Tiro reisen nach Sizilien. Dessen Bewohner sind keineswegs Bürger Roms und haben folglich kein Stimmrecht. Das besitzen nur Verres‘ Nachfolger, ein Patrizier aus dem Hause Metellus, und wenige Kaufleute. Aber Verres, der Schlächter, Räuber und Erpresser, hat auch zwei freie Bürger Roms ohne Prozess hinrichten lassen. Und diese Exekutionen sind derart grauenerregend gewesen, dass Cicero sie zum Aufhänger für seinen Prozess nehmen will.

Noch aber muss er sich mit Hortensius messen. In einem genialen Schachzug, der die moderne Strafprozessordnung begründet, stellt Cicero das Verfahren völlig um, so dass ein verblüffter Hortensius seine Stärke nicht ausspielen kann: das tänzelnde Deklamieren in seinem Schlussplädoyer. Statt dessen folgt Kreuzverhör auf Kreuzverhör, Beweis auf Beweis.

Das Ergebnis des Prozesses erschüttert die Patrizier und lenkt die Aufmerksamkeit eines mächtigen Mannes auf Cicero: Pompeius Magnus will unbedingt Konsul werden – und danach alleiniger Befehlshaber. Für diese hochfliegenden Pläne kann er ein Schlitzohr wie Cicero gut gebrauchen. Doch sich auf die Seite eines Mächtigen zu schlagen, erzeugt mächtige Feinde, so etwa Crassus und andere Patrizier. Ein Leben auf des Messers Schneide beginnt …

Mein Eindruck

Diese spannende Biografie des bekanntesten Redners und Anwalts des republikanischen Rom liest sich zunehmend wie ein Polit-Thriller. Denn war der Verres-Prozess schon voller Gefahren, so ist die Aufdeckung der Verschwörung um Catilina die reinste Räuberpistole. Der Leser kann jeder Handlung, jedem Schachzug minutiös folgen, als befände er sich selbst in den heiligen Hallen der Macht.

Die beste Szene ist die, als ein Helfer Ciceros den Schreiber Tiro in die Villa des Crassus einschleust und ihn hinter einem Wandvorhang versteckt – nur eine Handbreit von der Nase eines Bewunderers dieses Gobelins entfernt. Was Tiro dabei protokolliert, ist ein Revolutionsplan. Das würde die interessierten Stellen so richtig ins Schwitzen bringen, überlegt Cicero, doch wer sind diese „interessierten Stellen“? Terentia liefert den entscheidenden Hinweis…
Das Buch ist naturgemäß in zwei Hälften aufgeteilt. Die erste Hälfte, die den Zeitraum von 79 bis 70 v.Chr. abdeckt, hat vor allem den jahrelangen Prozess gegen Verres zum Mittelpunkt.

Die zweite Hälfte beginnt nach einer zweijährigen Pause und deckt die Zeit von 68 bis 64 v. Chr. ab. Bis zu Cäsars Ermordung im Jahr 44 v. Chr. sollen also gerade mal noch 20 Jahre ins Land gehen. Das ist ungefähr so, als käme man in der Historie auf die Zielgerade, um die letzten Dekaden der über 600 Jahre alten römischen Republik mitzuerleben. Denn sobald sich der Staub der Kämpfe um Cäsars Nachfolge gelegt hatte, begann bekanntlich die Kaiserzeit.

Deshalb beschäftigt sich dieser Roman nicht bloß mit zwei eminent wichtigen Prozessen, sondern schildert uns auch lebendig und detailliert, ja, vielfach auch humorvoll, wie die römische Republik funktionierte – beziehungsweise eigentlich funktionieren sollte, hätten nicht Männer wie Crassus die Wähler und Kandidaten bis zum Gehtnichtmehr bestochen. Rühmliche Ausnahme: Cicero und sein engster Kreis.

Immer wieder verdeutlicht der Autor, vertreten durch seinen Helden, wie außergewöhnlich das römische Stimmrecht in einer Zeit war, in der sich links und rechts der Grenzen Könige, Despoten und Tyrannen die Hand reichten, um das Volk auszubeuten. Dass sich nun auch römische Statthalter derart aufführten und ihre Untertanen bis auf Blut aussaugten, läuft in Ciceros Augen dem Grundprinzip der Republik zuwider: dass nämlich Rom seinen Bürgern und Untertanen, die (noch) keine Bürger waren, die Zivilisation und Kultur auf höchstem Niveau brachte. Dementsprechend engagiert zeigt sich Cicero.

Aber er kann natürlich nur etwas bewirken, wenn er ein politisches und organisatorisches Amt bekleidet: ein „imperium“. Denn dieser titelgebende Begriff bedeutet zu Zeiten der Republik noch nicht „Weltreich“, sondern vielmehr „Befehlsgewalt“, also mehr oder weniger „Amt“ und dessen Macht. Der Buchtitel ist also höchst vieldeutig.
Cicero steigt auf: Vom Senatorenposten aus kann er erst Ädil werden, dann Prätor. Das höchste der Gefühle aber, das Amt des Konsuls, das ihn verewigen würde, wird ihm immer wieder streitig gemacht, erst von den Aristokraten, dann von den Verschwörern und ihren Schergen. Er fragt sich auch zu Recht, warum der von ihm so geförderte Pompeius keinen Finger für ihn rührt, sondern lieber im hintersten Kleinasien weilt. Erst als ihm die Offenlegung der Catilina-Verschwörung gelingt, gelingt ihm ein für die Crassus-Anhänger schockierender Erdrutschsieg. Doch ohne es zu ahnen, hat Ciceros Sieg das Schicksal der römischen Republik verändert und praktisch besiegelt: Von nun an kennt Gaius Julius Caesar keine Gnade mehr, um sein Ziel zu erreichen – das Amt des „dictator“….

Die Übersetzung

Stilistisch ist die Übersetzung erstaunlich modern. So modern, dass auch Ausdrücke der Umgangssprache wie etwa „abfackeln“ statt „niederbrennen“ auftauchen. Druckfehler konnte ich kaum welche finden. Hier wurde sauber lektoriert. Ein Glossar sucht man indes vergeblich.

Gegenüber der englischsprachigen Taschenbuchausgabe hat die deutsche Ausgabe den Vorzug, nicht nur den obligatorischen Stadtplan Roms bis ca. 64 v. Chr. zu enthalten, sondern auch eine Landkarte des Römischen Reiches.

Unterm Strich

„Imperium“ liest sich wie zwei Polit-Thriller in einem. Ciceros berühmteste Fälle werden hier in den Mittelpunkt gestellt: erst der Prozess gegen Verres, dann die Aufdeckung der Catilina-Verschwörung. Der Leser wird vor Augen geführt, wie grundlegend diese zwei zentralen Prozesse die Republik veränderten. Bis heute sind die Auswirkungen zu spüren. Antikorruptionsgesetze, Verordnungen für Anwälte, Politiker und Staatsbeamte beruhen auf den damals eingeführten Regelungen, denn sie überlebten durch die Aufklärung und ihre postrevolutionären Gesellschaftsordnungen, vor allem in den USA und in Großbritannien.

Immer wieder zeichnet der Autor mit erstaunlicher Akribie die legalen Vorgehensweisen wie auch illegalen Machenschaften der römischen Republik auf. So lange, bis auch dem letzten Leser klar wird, wie ähnlich doch auch die heutigen Demokratien funktionieren – und wie verletzlich sie sind. Die Aussage ist letzten Endes nicht zu übersehen: Eine Demokratie muss immer sowohl nach außen, aber v.a. auch nach innen geschützt werden.

Doch keine Bange: Was jetzt so verkopft klingt, wird immer ganz nahe am realen Leben erzählt, vor allem von unserem wackeren Gewährsmann Tiro, dem Erfinder der Kurzschrift. Und römische Sitten? Ja, die gab es auch schon zu Zeiten der Republik zur Genüge, und in einer davon besorgt es kein anderer als Gaius Julius Caesar ausgerechnet der Frau von Feldherr Pompeius von hinten – und nur Tiro ist Zeuge. Ob ihm das schlaflose Nächte bereitete? Na, und ob! Schließlich kann ein Patrizier wie Caesar einem Sklaven wie Tiro, der ihn bei diesem Ehebruch beobachtete, jederzeit das Lebenslicht ausblasen. Spannende Zeiten, fürwahr!

Für das Verständnis des Textes sind keine Vorkenntnisse nötig, aber es erweist sich von Vorteil, wenn man wie ich schon mal im Lateinunterricht von den Regeln der römischen Republik gehört hat. Den Roman habe ich auf zwei Flügen zwischen Frankfurt und New York fast komplett ausgelesen, so leicht ist die Lektüre.

Taschenbuch: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3453419353
www.heyne.de

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