Steffen König – Die Dämonen vom Ullswater

Sein unspektakulärer Titel macht es nicht leicht ersichtlich, aber: Dieser Roman hat alles, um als Highlight der phantastischen Literatur aus dem Jahr 2014 hervor zu gehen. Bis dahin ist es zwar noch etwas hin, jedoch hat Steffen König stark vorgelegt und präsentiert eine unfassbar spannende Geschichte von geradezu klassischer Struktur – letzteres mag angesichts des avisierten Handlungszeitraums nicht weiter verwundern, abgesehen von der Meisterschaft, mit der sich König in dieser uns heute recht fremden Sprache bewegt.

Voranstellen möchte ich der Rezension ein Zitat aus der Danksagung des Autors als Verweis auf die Schwierigkeit, die eine Besprechung dieses Romans hervor ruft, wenn man allzu große Vorwegnahmen auf den Inhalt vermeiden möchte. Dementsprechend wird ein bestimmter Abschnitt der Besprechung gesondert gekennzeichnet sein, und der geneigte Leser wird selbst zu entscheiden haben, wie viel er von dem entsprechenden Abschnitt liest:

»Mein Dank geht auch an H. G.Wells und Jeff Wayne, die auf ihre jeweils eigene unvergleichliche Art England in Schutt und Asche gelegt haben und mich damit zu dieser Geschichte inspirierten.« (Steffen König, 2014, aus: Danksagung, Die Dämonen vom Ullswater, Wurdack-Verlag Nittendorf)

Im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts bekommt der junge Anwalt Alan D. Walden eine Einladung seines guten Studienfreundes Nicholas Halford in die beschauliche Grafschaft Cumberland, um dort mit seiner jungen Ehefrau ein paar schöne Urlaubstage zu verbringen. Kurz vor Beginn ihrer Reise erreicht Walden eine weitere Sendung von Nicholas, die außer einem reichlich wirren Hilfeaufrufs in Form eines Briefes ein merkwürdiges kristallenes Artefakt enthält, das zu untersuchen Walden angehalten wird. Im Labor eines Chemikers offenbaren sich allerlei unheimliche Eigenschaften, die der Wissenschaftler nicht zuzuordnen weiß. Unruhig geworden, reist Walden allein nach Cumberland, unter dem Versprechen an seine Frau, sie baldmöglichst nachkommen zu lassen.

Im hitzegeplagten Cumberland angekommen, beginnt eine frustrierende Suche nach dem Schulfreund, durch die Walden die Bekanntschaft des alten Nachbarn der Halfords wie auch des unfähigen Polizeibeamten, des Konstablers Legget macht. Beide können bei der Suche nicht weiter behilflich sein, so dass sich Walden vorerst in das Sommerhaus der Halfords zurück zieht, das verlassen abseits der Stadt Penrith liegt und von einem hastigen Aufbruch Nicholas zeugt. Des Nachts – Walden findet in der Hitze keine Ruhe – wird er Zeuge eines merkwürdigen Himmelsschauspiels: Ein regelmäßiges Objekt überfliegt das Sommerhaus und den angrenzenden Wald, schimmernde Lichterscheinungen und Lärm lassen Walden zweifelnd an einen Meteoritenabsturz glauben. Am Morgen macht er sich auf den Weg, die vermeintliche Absturzstelle zu untersuchen. Bald trifft er auf eine Schneise der Zerstörung durch den Wald, das schwer beschädigte Haus des Nachbarn Burnham – verlassen – sowie ein unheimliches Artefakt, das sich in einem Krater aus aufgeworfenem Erdreich findet. Walden wird geplagt von wilden Befürchtungen, immerhin sind in der Umgebung bereits mehrere Menschen spurlos verschwunden. Doch was er nun entdeckt, übertrifft alle menschenmöglichen Vorstellungen und treibt ihn an den Rand des Wahnsinns …

Steffen König trat bisher als Autor diverser phantastischer Kurzgeschichten in Erscheinung, so erschien 2013 seine alternative-history-Story »Albatros« im Science Fiction Magazin NOVA, Ausgabe 21 und 2014 in der Ausgabe 22 die Geschichte »8:16«. Der vorliegende Roman ist sein Erstling in voller Länge.

Wenn einem »Die Dämonen vom Ullswater« zufällig begegnen, sei es auf diversen Internetplattformen oder der Verlagshomepage, fällt zunächst der Klappentext auf, der in Verbindung mit dem Titel nicht weiter auffällig ist. Zum Glück hat der Verlag das oben zitierte Zitat gleichfalls auf seine Homepage gestellt – und nun ist eine Verknüpfung da, die das Interesse des Lesers wecken kann. Die umfangreiche Leseprobe tut ein Übriges: Man wird von der klassischen Wortwahl und der dadurch oder trotzdem entstehenden Spannung schon auf den ersten Seiten eingefangen. Es ist nicht so, dass sich hier Action oder Morde um die Aufmerksamkeit des Lesers zanken, eher entsteht ganz im Stile des genannten H.G. Wells die Spannung aus der Situation heraus. Und, was schon diese Leseprobe deutlich macht: Steffen König versteht es meisterhaft, sich in dieser Epoche und diesem Stil zu bewegen. Jeder Satz hat seine Berechtigung, die Erzählung gerät nie ins Stocken, flüssig und sympathisch den Herzschlag steigernd durchlebt man die Erregung, die Angst, die Hoffnung/slosigkeit, den Ekel, den monströsen Schrecken.

Der folgende Abschnitt setzt den Roman in ein Umfeld von hohem Bekanntheitsgrad unter der Vorwegnahmegefahr, die oben angekündigt wurde.

Allein die Erwähnung von Wells und Wayne in einem Satz macht dem bewanderten Leser klar, worauf sich dieser Roman zu stützen scheint. Wells »Krieg der Welten« ist ein klassisches Stück phantastischer Literatur und wird oft als erster Erstkontaktroman bezeichnet. Zur Entstehungszeit war der Mars gerade en vogue, und Wells nutzte diese Tatsache für die Verarbeitung seiner gesellschaftskritischen Ideen und Befürchtungen. Steffen König widmet sich nun, rückblickend deutlich erkennbar, dem Ursprung der Marsianerinvasion. Er erkennt treffend, dass so eine Invasion schwerlich ohne vorangegangene Spionage möglich sein dürfte – und im Hinblick auf die Ziele der Invasion muss es auch Kontakte zwischen den Dämonen und einzelnen Menschen gegeben haben. Im Roman bleibt Walden nicht der einzige Betroffene, doch auch hier liefert die Idee der Kundschafter und die Charakteristik der Marsianer eine Geheimhaltungsmethode, der nicht zuletzt auch Walden zum Opfer fällt, ganz im Zeichen der Eigenheiten menschlicher Ignoranz. Damit greift König einen Kritikpunkt auf, der auch zu heutiger Zeit noch zutrifft und wohl immer zutreffen wird.

Im weiteren Verlauf steht die Geschichte im Vordergrund. Walden entdeckt die Marsianerzivilisation und lernt sie verstehen. Auch hier bedient sich König der zeitgemäßen Betrachtung über Darwins Evolutionstheorie, die schnell zu stoischer Schicksalsergebenheit führte. Ihm gelingt es, beinahe lovecraftsche Erfahrungen durch die Traumwelten und damit durch die telepathischen Übermittlungen auf Waldens Geist zu erzeugen, was nicht unbedeutend zur Spannung der Geschichte beiträgt. Nebenbei greift er einige der wellsschen Überlegungen hinsichtlich der Evolution der Marsianer auf und verdeutlicht, was Wells seinerzeit nur vermuten ließ. Trotz dieser Bezüge ist der Roman vollkommen unabhängig vom »Krieg der Welten« zu lesen und zu verstehen, einzig Königs deutliche Hinweise im Epilog, mit dem er explizit die Brücke schlägt, wird jeden Leser auf seine Inspiration stoßen und dem Interessierten vielleicht zu neuer Lektüre verhelfen.

Ende des Beziehung nehmenden Einschubs.

Es bleibt, unabhängig vom oben Besprochenen, ein Roman, der aus heutiger Sicht hervorragend den Zeitgeist der Handlungszeit einfängt und gleichfalls unser Augenmerk auf die Visionen jener Tage richtet, die sich teilweise in der inzwischen Realität gewordenen Zukunft verwirklicht finden, aber zu einem Gutteil noch ihrer Erfüllung harren – ob sie nun positiv sind wie Kurd Laßwitz es erhoffte oder dystopisch, wie Wells warnte, wenn man die Weiterentwicklung im Sinne Darwins aus den Augen verlöre. Der Unterhaltungswert der »Dämonen« ist enorm, die Spannung beinahe gefährlich für Herz und Kreislauf, man vergisst schnell die Zwänge des Alltags und versinkt in dieser Vision. Zum Glück für Arbeitgeber und Familie sind die gut 250 Seiten schon nach kurzer Zeit aufgesogen.

Broschiert, 256 Seiten
ISBN-13: 978-3955560058
ORIGINALAUSGABE
Wurdackverlag
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Unsere Rezension zum »Krieg der Welten«

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