Stephen King – Die Arena. Under the Dome

King auf Speed: Armageddon im Dampfkochtopf

An einem gewöhnlichen Herbsttag wird die Stadt Chester’s Hill in Maine auf unerklärliche Weise durch ein unsichtbares Kraftfeld vom Rest der Welt abgeriegelt. Klingt nach den Simpsons und Marlen Haushofer, ist aber echt: Flugzeuge zerschellen daran, einem Gärtner wird beim Herabsausen der Kuppel die Hand abgehauen, Familien werden auseinandergerissen, Autos explodieren beim Aufprall.

All dies ist nicht sonderlich lustig, doch alle rätseln, was diese Wand ist, woher sie kommt und ob sie bald wieder verschwindet. Ein Entrinnen ist unmöglich, deshalb gehen bald die Vorräte zur Neige. Der bestialische Kampf ums Überleben in dieser unerwünschten Arena tobt zunehmend stärker. Wird es Überlebende geben?

Der Autor

Stephen King, geboren 1947 in Portland, Maine, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, „Carrie“ (verfilmt), erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Mio. Büchern in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk. (Verlagsinfo) Er lebt in Bangor, Maine und Florida. Seine Erstleserin ist immer noch seine Frau Tabitha King. Inzwischen schreibt auch sein Sohn Joe Hill erfolgreich: „Blind“ (bei Heyne).

Sein Hauptwerk, das zeigt sich immer deutlicher, ist der Zyklus um den dunklen Turm. Er besteht bislang aus folgenden Romanen:

Schwarz (ab 1978); Drei; Tot; Glas; Wolfsmond; Susannah; Der Turm (2005), Wind (2013).

Handlung

Der hochdekorierte Ex-Soldat Dale „Barbie“ Barbara ist gerade auf der Landstraße, um das Nest Chester’s Mill im westlichen Maine zu verlassen, als mehrere Dinge passieren, die ihn ziemlich erschrecken. Zunächst fällt kurz vor 12 Uhr mittags ein Flugzeug vom Himmel – es regnet Flugzeug- und Leichenteile auf die Landstraße. Barbie wundert sich, was den Flieger vom Himmel geholt hat. Als wäre das noch nicht genug, rast ein übereifriger junger Lkw-Fahrer mit seinem Langholztransporter in die Stelle, wo die Wrackteile liegen – und prallt auf das gleiche, völlig unsichtbare Hindernis. Die Wucht des Zusammenpralls wirkt sich katastrophal aus.

Barbie kann sich gerade noch vor den herumsausenden Baumstämmen in Sicherheit bringen. Ein anderer Wanderer, der sich „Sea Dog“ nennt, taucht auf der anderen Seite der Barriere auf. Er hat das Geschehen ebenfalls gesehen. Gemeinsam suchen sie die Stelle, wo das unsichtbare Hindernis enden muss. Sie finden das Ende nicht – ganz Chester’s Mill ist eingeschlossen. Und Barbie ebenfalls. Kurz darauf fahren weitere Autos und ein TV-Helikopter in das Hindernis. Barbie macht, dass er wegkommt. Er gibt einem Farmer den Tipp, mit seinem Handy die Nationalgarde anzurufen, damit der Luftraum gesperrt wird.

Der Polizeichef Duke Perkins trägt einen Herzschrittmacher. Nichts Böses ahnend berührt er die unsichtbare Barriere. Das Energiefeld lässt das Gerät in seiner Brust explodieren. Nun sieht der zweite Stadtvorsteher Big Jim Rennie, von Beruf Gebrauchtwagenhändler, seine Zeit gekommen: Er befördert den ihm ergebenen Randolph zum Sheriff und lässt neue Deputys einstellen, um diese Krise zu bewältigen. Und bestimmt ist der Gouverneur bereit, ein wenig Notfallhilfe springen zu lassen, um dem nunmehr isolierten Chester’s Mill zu helfen, oder?

Barbie ist zu seinem Job als Grillkoch in Rose’s Grillrestaurant zurückgekehrt. Er macht seiner Chefin klar, dass die Dinge nicht gut stehen und sie sich auf das Schlimmste vorbereiten sollte: totale Isolation, wer weiß, für wie lange. Vier Wochen reicht ihr Propangas noch, wenn sie sparsam damit umgeht. Und sie soll Fleisch kaufen, alles, was sie kriegen kann. Nachts um 22 Uhr klopft es an seine Wohnungstür: Die Chefredakteurin des Lokalblatts, Julia Shumway, sagt, die Army wolle ihn sprechen.

Zusammen fahren sie zum Rand des Stadtgebiets, wo schon die Marines einen Sperrposten bezogen haben. Die ganze Stadt ist abgeriegelt. Strahler beleuchten die Barriere, um Flugzeuge vom Überfliegen abzuhalten. Die Festnetzleitungen sind gekappt worden, und Handyverbindungen werden nur sporadisch durchgelassen, erfährt Barbie von seinem alten Boss Colonel Cox, der in Washington, D.C., mit den Vereinten Stabschefs die Krise managt. Nur das Internet funktioniert – vorläufig – noch.

Cox berichtet, dass sich die Energiebarriere bis in eine Höhe von 14 Kilometern erstreckt und in eine Tiefe von mehr als 30 Metern. Das heißt, hier kommt keine Maus raus, nicht mal Wasser und nur sehr wenig Luft. Wenn sie nicht aufpassen, könnten die Eingeschlossenen an ihren eigenen Abgasen ersticken. Bevor sie verhungern und verdursten. Barbie erhält den formellen Auftrag als Ex-Soldat, die Energiequelle dieser ominösen Barriere in Chester’s Mill aufzuspüren und unschädlich zu machen.

Das scheint ihm zunächst eine lösbare Aufgabe zu sein. Aber er weiß noch nicht, dass es in dieser Stadt einen psychopathischen Mörder gibt, der bereits zwei junge Frauen auf dem Gewissen hat. Und der soeben von seinem Vater, Big Jim Rennie, zum Hilfssheriff ernannt worden ist. Junior hat auch schon jemanden im Visier, mit dem er noch ein Hühnchen zu rupfen hat: Dale „Barbie“ Barbara …

Mein Eindruck

Wie sich zeigt, ist Big Jim Rennie der geborene Tyrann, allerdings einer mit einem christlichen Sendungsbewusstsein: Er tut im göttlichen Auftrag alles, was das Beste zum Wohl der Stadt ist. Sagt er jedenfalls. Leider glauben ihm das auch viele (Barbara jedenfalls nicht: Er hat im Irak genügend solche Stadttyrannen kennengelernt).

Erst als sich Andrea Grinnell, die dritte Stadtverordnete neben Rennie und Andy Sanders, der Nr. 1, gegen seine Beschlüsse stellt, zeigt Rennie sein wahres Gesicht. Andy Sanders wagt eh keinen Widerspruch, und da er der Apotheker ist, der Andrea stets ihre Droge Oxycontin gibt, um ihre Rückenschmerzen zu lindern, haben er und Rennie eine Handhabe, um Andrea zu erpressen: Wenn sie nicht kuscht, wird ihr die Droge, von der sie abhängig ist, vorenthalten. So einfach ist das. Was Rennie und Sanders nie im Leben für möglich gehalten hätten, geschieht: Andrea beschließt, einen kalten Entzug (Cold Turkey) zu machen. Es wird die Hölle, aber sie hat wenigstens Hilfe.

Die Ebene der Lokalpolitik ist einer Startpunkte, um die Entwicklung, die sich anbahnt, zu verstehen. Und es ist ein wichtiger Startpunkt, denn hier wird schließlich über das Wohl und Wehe einer kleinen Gemeinschaft entschieden. Es mögen vielleicht nur tausend Einwohner und ein paar Zugereiste sein, aber sie repräsentieren das durchschnittliche Maine, wenn nicht sogar das weiße Amerika. Es gibt keine Hispanics und keine Schwarzen, was relativ ungewöhnlich ist. Niemand spricht Spanisch, aber dafür viele die Sprache der Bibel, aus der allenthalben zitiert wird. Es ist ein wahrlich bibelfestes Völkchen, diese Leute aus den westlichen Wäldern, und sie wissen: Wir haben Gott auf unserer Seite. Aber ist Gott auch auf ihrer?

Diktator

Zunächst sieht es ganz so, als ob Rennie, der den christlichen Sender WCIK (Christ is King) betreibt, den Freunden, die Dale Barbara um sich schart, ein Schnippchen schlagen könnte. Wie Adolf Hitler schart er gewaltbereite und nicht allzu kluge Jugendliche um sich, um sie in die Polizeitruppe einzugliedern: seine Braunhemden, wie Colonel Cox verächtlich sagt. Da sie dem neuen Polizeichef Randolph unterstellt sind, den Rennie in der Hand hat, bilden sie praktisch Rennies Schlägertruppe. Und der durchgeknallte Junior ist einer von ihnen.

Aus dieser Machtposition heraus fällt es Rennie nicht schwer, Barbara des vierfachen Mordes anzuklagen und von seinen Schergen in den Knast stecken zu lassen. Eines seiner Opfer, Angie, hatte ja Barbaras Soldaten-Erkennungsmarken in der Hand! Was gibt es also daran zu deuteln? Doch der Chefredakteurin Julia Shumway und dem Hilfsarzt Rusty Everett kommt diese Sache nicht ganz koscher vor: Ihre Nachforschungen ergeben, dass zumindest der Tod der Witwe des früheren Polizeichefs nicht auf Barbaras Konto gehen kann, weil die Zeit nicht stimmt. Und als ihm zwei Polizistinnen, Linda Everett und Jackie Wettington, das zeigen, was von den vier Leichen im Bestattungsinstitut Bowie (keine Obduktion, Sir, nein!) übrig ist, ahnt Rusty, dass Rennie möglicherweise selbst hinter den Morden steckt. Oder Junior. Aber wie soll er diese Entdeckung der Bevölkerung mitteilen?

Noch längst nicht alle von Rennies Sünden sind aufgedeckt, bis Dale Barbara in letzter Sekunde aus der Zelle befreit werden kann. Auch Rusty steckt im Knast, und als Junior seine Stunde gekommen sieht, spitzt sich die Spannung auf unglaubliche Weise zu. Zu gleicher Zeit hält Rennie im Rathaus eine Bürgerversammlung ab: Drakonische Maßnahmen wie Lebensmittelrationierung und Waffenabgabe, ja sogar die Rationierung von Benzin und Propangas für Stromgeneratoren will er durchsetzen. Doch die Versammlung gerät zu einem blutigen Desaster.

Alle Register

Stephen King dreht die Schraube der katastrophalen Entwicklung immer weiter, und er schreckt vor nichts zurück. Konsequent zieht er alle Faktoren in Betracht, die zur Entwicklung der kleinen Gemeinschaft in Rennies Königreich beitragen: die steigenden Temperaturen, die schlechter werdende Luft, das zur Neige gehende Propangas, die zunehmenden Akte der Gewalt gegen die Bürger (u.a. ein Anschlag auf die Zeitung) und gegen Vergewaltiger, weitere Selbstmorde. Und so weiter. Doch wer unternimmt etwas gegen die Ursache allen Übels, nämlich gegen die Barriere an sich? Das fragt sich der Leser.

Zum Glück denkt der Autor auch in größeren Dimensionen. Wie schon in seinen klassischen Romanen wie „ES“ oder „The Stand“ gibt es stets auch eine Clique Jugendlicher, die sich als besonders einfallsreich und wagemutig entpuppen. Ihr Anführer ist Joe, ein langer Lulatsch mit beachtlichen Computer- und Kombinationsfähigkeiten. Zusammen mit seinen Freunden gelingt ihm – in indirektem Auftrag Dale Barbaras, nämlich mit einem Geigerzähler – ein Vorstoß zum höchstgelegenen Punkt von Chester’s Mill: Die Black Ridge Road führt hinauf zu einem zerfallenden Farmgebäude und einem Obstgarten. Ein Kraftfeld setzt das Trio außer Gefecht und zwingt es zum Rückzug.

Erst im zweiten Versuch gelingt es Joe und dem noch nicht verhafteten Arzt Rusty Everett, geschützt durch Bleiplatten, zum Zentrum des Kraftfelds vorzudringen. Und oh Wunder: Es gibt hier im Zentrum keinerlei Radioaktivität mehr. Da steht ein flacher Kasten, den Rusty nicht hochheben kann. Doch als er ihn berührt, hat er eine Vision von den Leuten, die auf der anderen Seite der Verbindung sitzen, die User: Diese „Lederköpfe“ lachen und tun gerade so, als spielten sie ein Spiel. Mit den Menschen von Chester’s Mill als Figuren auf ihrem privaten Spielfeld, ihrer Arena, wie in einer X-Box…

Perspektive

Nun sieht Rusty seine kleine, von der Barriere umschlossene Welt unter der Kuppel wie eine kleine Schneekugel. Man muss nur ein klein wenig schütteln, und schon gerät alles durcheinander. Die Grenzen der Kuppel sind unverwundbar, wie fruchtlose Cruise-Missile-Angriffe beweisen. Wenigstens können Funkstrahlen durchdringen, so dass Kommunikation mit Cox möglich ist, dem Sprecher des Generalstabs des Präsidenten. Den Befehl des Präsidenten, Colonel Barbara zum Kommandanten des Territoriums zu machen, ignoriert König Rennie der Erste natürlich verachtungsvoll. Barbara sitzt in seinem Knast und hat nichts zu melden. Und dieser Präsident – wer ist der schon? Einer von diesen „Baumwollpflückern“ von südlich der Grenze, noch dazu ein Farbiger und Babykiller, der für die Abtreibung ist.

Katrina

An nichts erinnert die Kuppel so sehr wie an die drei Tage Anarchie, die in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina herrschten. „Under the dome – damit ist auch assoziativ der Superdome gemeint, in dem sich während dieser drei Tage, als die Zivilschutzbehörde FEMA ebenso versagte wie Präsident Bush, unbeschreibliche Szenen der Gewalt und des Terrors abgespielt haben müssen. Dennoch erwähnt Stephen King davon in seinem langen Nachwort keine Silbe.

Er habe die Idee zu „Die Arena“ bereits 1976 auszuarbeiten versucht, den Versuch aber nach 75 Seiten wieder abgebrochen. Er war einfach noch nicht soweit mit seinen Fähigkeiten. Diese hat er im Laufe von 30 Jahren jedenfalls ausgiebig trainiert und mit „Die Arena“ seinen gelungensten Roman abgeliefert – und den ich in nur fünf Tagen gelesen habe. Obwohl die Ursache der Barriere auf SF-Boden erblüht ist – die Außerirdischen wieder mal – ist doch der ganze Rest völlig realistisch geschildert und motiviert. Von ein paar prophetischen Träumen und Visionen mal abgesehen. Diese tragen durch ihre unheil- oder rätselvollen Vorausverweise zu einer Steigerung der Spannung bei.

Auf Speed

Was mich aber am meisten erfreut hat, ist das unglaubliche TEMPO, das der Autor vorlegt. Das klingt angesichts der 1280 Seiten Umfang ziemlich unwahrscheinlich. Allerdings handelt es sich um eine sehr breite Leinwand, die der Autor hier zu bemalen hat: eine komplette Gemeinschaft mit sämtlichen Facetten PLUS die skizzierte und als bekannt vorausgesetzte Außenwelt PLUS die Außerirdischen, und allesamt vom Standpunkt der Betroffenen in The Mill gesehen und wahrgenommen. Das ist insgesamt eine gewaltige Leistung, wie sie meist nur Autoren des sogenannten Mainstream unternommen haben, so etwa William Faulkner, der mehrere Romane brauchte, oder Sherwood Anderson, also Autoren der klassischen Moderne. Auf dieser Stufe ist King nun zu sehen.

Und doch ist King seinem Genre und seinen Lesern treu. Er lässt die Figuren des Alltags in ihrer eigenen Sprache zu Wort kommen: Vergewaltiger ebenso wie Prediger, Psychopathen ebenso wie Chefredakteurinnen, Soldaten ebenso wie Jugendliche, Mediziner ebenso wie „Braunhemden“. Am ulkigsten muteten mich die Meth-Abhängigen an.

Meth

Mit der Droge Methamphetamin hat Rennie einen schwunghaften Drogenhandel in ganz Amerika aufgezogen, und damit scheffelt er seine Millionen, die er im Steuerparadies der Cayman Islands bunkert (genau wie gewisse Präsidentschaftskandidaten). Für die Crystal-Meth-Produktion braucht er Unmengen von Propangas, Gas, das er in einer Scheune hinter der Radiostation von WCIK lagert, wo sich das Labor befindet.

Was Meth wirklich anrichtet, demonstriert der Autor anhand von Phil Bushey, dem Exmann der vergewaltigten Sammy Bushey, die zur Mörderin wird. Phil ist der Chefkoch in der Methküche und sich selbst sein bester Kunde. Aber er weiß auch, dass er Rennie, seinem Auftraggeber, nicht trauen kann: Der darf ihm seine Droge nicht wegnehmen, ist ja klar. Als Andy Sanders sich in Phils Drogenküche verirrt, trauernd ob des Verlustes von Frau (Claudette war das erste Opfer der Barriere: Sie saß im Flugzeug) und Tochter (Junior Rennies Opfer), macht er Andy zu seinem engsten Verbündeten.

Andy wird vom Methkonsum eine Erleuchtung und Erlösung zuteil, die er sich nicht hätte träumen lassen. In Phil hat er endlich einen Bruder im Geiste gefunden. Und wehe, einer versucht, ihnen das glorreiche Meth wegzunehmen! Phil handelt im Sinne Gottes, sagt er, und wenn die „bitteren Männer“ kommen, dann müsse er das Manna verteidigen. Wohl wahr, Bruder!, meint Andy, der ehemalige erste Stadtverordnete und jetzige primäre Junkie.

Bittere Männer

Natürlich kommen die von Big Jim Rennie ausgesandten „bitteren Männer“ und laufen nichtsahnend in eine Falle. Genau dann, als unten an der Hauptstraße 800 Bürger sich an der Barriere mit ihren Lieben an der Barriere treffen. Nun sehen Phil und Andy in der Stunde der Not keinen anderen Ausweg mehr, als ihre ganz besondere Überraschung zu zünden: Die Welt unter der Kuppel verwandelt sich in ein Inferno. Auf diese Weise verbindet der Autor stets die Komik des Bizarren mit dem Horror der nachfolgenden Tragödie. Denn in der Komik ist der Schrecken stets auch mit angelegt: Wir lachen, um nicht vor Schreck zu erzittern. Doch diesmal bleibt uns das Lachen der Komik im Halse stecken.

Nach dem Jüngsten Gericht gibt es wahrlich nur sehr wenige, die auserwählt sind. Und ihnen fällt die Aufgabe zu, die gefallene Welt von Chester’s Mill ein für alle Mal zu erlösen. Ob dies gelingt, soll hier nicht verraten werden. Aber das Schicksal von Chester’s Mill ähnelt dem unseres Planeten auf unheilvolle Weise. Zuerst wird die Luft schlechter, dann steigt die Temperatur, daraufhin steigen die Fluten, und dann…

Erzählstil

Der Erzählstil des Romans ist in aller Regel sehr geradlinig, doch als Routinier stehen King alle möglichen weiteren Kniffe zur Verfügung, um den einfachen Stil wirkungsvoller zu machen. Als ehemaliger Englischlehrer kennt er jede Menge Klassiker und weiß sie per Zitat anklingen zu lassen und zu einer Bedeutungsebene des Textes werden zu lassen.

William Goldings „Herr der Fliegen“ (S. 258) ist ganz klar die nächstliegende Parallele, denn Chester’s Mill ist plötzlich von der Umgebung abgeschnitten wie eine einsame Insel. Werden sich die Bewohner bald die Köpfe einschlagen? „Tötet das Schwein!“, skandieren die jüngeren, noch zur Schule gehenden Bewohner – und lösen damit unheilvolle Befürchtungen aus. Zu hoffen ist, dass diesmal die Kräfte der Liebe und Solidarität größer sind als die des Hasses und der Machtgier.

„Wir haben die Heilige Dreifaltigkeit angebetet“, heißt es auf Seite 368. „Weihnachtsmann, Osterhase und die Zahnfee“, sagt Jackie Wettington. King kann manchmal sehr komisch sein, und das ist er in „Die Arena“ häufig, wenn man einen Blick dafür hat. So etwa sind die beiden Jünger des Meth-Konsums ganz klar „Heilige Narren“ und wissen ein ordentliches Gebet für ihre Götter zu sprechen.

Bildungsgepäck

Manchmal wird er aber auch pathetisch, beruft sich aber auf bekannte Vorbilder, um dies auszudrücken: Auf Seite 519 heißt es: „Auch die Toten sehen sie nicht, außer sie sind an einem helleren Ort als auf dieser sich verdunkelnden Ebene, auf der ahnungslose Heere nachts aufeinanderprallen.“ Dieser Satz würde sehr seltsam klingen, wäre er nicht jedem Lyrikkenner im angelsächsischen Raum seit seiner Schule bekannt. Die Zeile „on a darkling plain where ignorant armies clash by night“ stammt aus Matthew Arnolds bekanntem Gedicht “Dover Beach”, das Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde und bereits die Schrecken des 1. Weltkriegs vorausahnte.

Auch wenn auf Seite 956 der Autor sich direkt an seinen Leser wendet, um seinen Freund an der Hand zu nehmen und ihn wie einst Vergil seinen Dante über die sich verdunkelnde Ebene von Chester’s Mill zu führen, ist dies ein wohlbekannter literarischer Kniff. So würde König Heinrich V. seine Truppe vor dem Tag der Schlacht von Agincourt besucht haben, um die Lage zu peilen. Und King tut dies, bevor die Apokalypse beginnt. „Machen wir also einen Rundgang, Sie und ich, während der Abend sich über den Himmel ausbreitet wie ein narkotisierter Patient auf dem Operationstisch.“ Denn auch der Nachthimmel ist im Königreich Chester’s Mill nicht mehr das, was er mal war …

Es gibt viel zu entdecken auf diesem literarischen Kontinent, und Stephen King ist nicht der schlechteste Vergil, der uns durch das Purgatorio, dieses Reich zwischen Himmel und Hölle, führt. Wer sein Bildungsgepäck mitbringt, für den wird die Reise umso lohnender. Als Ausgleich für den Marsch gibt es auch jede Menge populären Trash zu entdecken. Denn so sind die Amis eben auch: vulgär bis zum Gehtnichtmehr.

Die Übersetzung

Wulf Bergner ist ein Veteran unter den Heyne-Übersetzern. Er hat schon in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern Science-Fiction übersetzt. Sein Stil ist flüssig und schnörkellos zu lesen, kann aber auch anrührend poetisch werden, wo es drauf ankommt. Aber selbst er ist bei einem solchen Mammutwerk nicht gegen den Fehlerteufel gefeit.

Auf Seite 164 beispielsweise heißt ein Satz: „eine niemals endende Energieflut, die zu seiner Erhaltung kein Notstromaggregat brauchte“. Mit „seiner“ ist ja eigentlich die Energieflut gemeint, doch das ist ein weibliches Wort, daher sollte das Possessivpronomen „ihrer“ lauten.

Auf Seite 618 ist meist die Rede vom ausbeuterischen Zahnarzt Dr. Boxer im Dialog mit einem Mr. Chaz Bender. Einmal passiert eine Verwechslung und aus Bender wird ein Dr. Bender.

Auf Seite 677 bekommen wir es mit einem Buchstabensalat zu tun, der natürlich prompt einen Buchstabendreher enthält. (Shit happens.) Fleißaufgabe: Welche Behörde in der Gruppe FBI, DFA und ATF gibt es nicht? Richtig: DFA. Richtig müsste sie FDA heißen, kurz für Food and Drug Administration.

Und eine Eindeutschung von „Poppa Smurf“ in „Papa Schlumpf“ hätte ich mir auch gewünscht. Aber man kann ja nicht alles haben. Vielleicht in der nächsten Auflage?

In der aktuellen Taschenbuchausgabe wurde kein einziger dieser Fehler korrigiert.

Unterm Strich

Mit Chester’s Mill ist Stephen King die perfekte Metapher für das Schicksal des Planeten gelungen: eine abgeschnittene Schneekugel, in der sich wie im Dampfkochtopf eine Katastrophe anbahnt, die nur in einem Kataklysmus ihr Ventil finden kann. Aber es ist auch eine Verarbeitung jener Katastrophe, die sich nach dem Hurrikan Katrina im Superdome von New Orleans ereignet hat: Mord, Vergewaltigung, Terror und das Ende aller Zivilisation.

Speed

Obwohl der Umfang von 1280 Seiten das Gegenteil nahelegt, ist doch „Die Arena“ sehr schnell erzählt. Das liegt unter anderem an den Streichungen der Verlagslektorin, bei der sich King ausdrücklich für den Satz bedankt: „Schneller, Steve, schneller!“ Es gibt kaum ein Nachlassen des Tempos, und jede Szene hat ihren Sinn, um die nächsten Szenen vorzubereiten – ein komplexes Räderwerk, das der routinierte Autor endlich, über 30 Jahre nach dem ersten Versuch, vollendet zum Drehen und Funktionieren gebracht hat.

Botschaft

Wer ein Generalthema und eine Botschaft sucht, wird ganz am Schluss fündig, mit ein paar expliziten Statements der Überlebenden. Es geht schlicht und ergreifend darum, den Mitmenschen nicht als Objekt zu behandeln, sondern als fühlendes Subjekt. Dieses Prinzip ist übrigens auch auf den Planeten anzuwenden. Wer es missachtet, verhökert Menschen (und die Erde), missbraucht sie, beutet sie aus, eliminiert sie nötigenfalls, manipuliert sie sowieso – oder verliert jeden Bezug zur menschlichen Realität insgesamt: Dann sind Menschen (und der Planet) nur noch Objekte in einer X-Box, Spielfiguren ohne Lebensberechtigung. Und was macht der Planet am Schluss mit ihnen? Er zeigt ihnen den Stinkefinger und zieht den Stecker: „Tilt! Game over!“

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Taschenbuch: 1296 Seiten
Originaltitel: Under the Dome
Aus dem US-Englischen von Wulf Bergner
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