Stephen King – Sunset

Inhalt

Sammlung von 13 Novellen und Kurzgeschichten, die den Einbruch des Schreckens in die alltägliche Welt ganz gewöhnlicher Zeitgenossen schildert:

Vorwort, S. 11-15

Willa (Willa, 2006), S. 17-45: Geistern bleibt die Wahl, wie sie die Ewigkeit verbringen möchten.

Das Pfefferkuchen-Mädchen (The Gingerbread Girl, 2007), S. 46-114: Dass ihr ein irrer Serienkiller im Nacken sitzt, weist ihr den Ausweg aus einer Lebenskrise.

Harveys Traum (Harvey’s Dream, 2003), S. 115-127: Sind Träume nur Schäume? Manchmal beantwortet sich diese Frage, ohne dass sie gestellt wurde.

Der Rastplatz (Rest Stop, 2003), S. 128-150: Auch der zivilisierte Mensch kann zum Unhold werden, wenn sich ihm die geeignete Gelegenheit bietet.

Der Hometrainer (Stationary Bike, 2003), S. 151-194: Als Richard Sifkitz es mit dem sündenfreien Leben übertreibt, beginnen die arbeitslos gewordenen Hüter seiner Gesundheit zu meutern.

Hinterlassenschaften (The Things They Left Behind, 2005), S. 195-233: Die Toten des 11. Septembers 2001 suchten und fanden einen Weg, ihre Angehörigen und Freunde zu trösten.

Abschlusstag (Graduation Afternoon, 2007), S. 234-241: Welcher Teenager rechnet schon mit dem Weltuntergang, wenn die Schule endlich vorbei ist?

N. (N., 2008), S. 242-313: Die Welt ist mehrdimensional, und an bestimmten Plätzen gibt es Übergänge, durch die finstere Kreaturen uns heimsuchen wollen, die in Schach zu halten eine buchstäblich selbstmörderische Aufgabe ist.

Die Höllenkatze (The Cat from Hell, 1977), S. 314-334: Das kleine Katzentier ist ein quicklebendig gewordener Fluch und lehrt sogar einen gewieften Killer das Fürchten

Die „New York Times“ zum Vorzugspreis (The New York Times at Special Bargain Rates, 2008), S. 335-345: Manches Handy verfügt über eine Reichweite, die sogar das Jenseits einschließt.

Stumm (Mute, 2007), S. 346-376: Wer einem Anhalter sein Herz ausschüttet, sollte sicher sein, dass der manche Anregung nicht wortwörtlich aufgreift.

Ayana (Ayana, 2007), S. 377-398: Man nennt sie Wunderheiler, doch wer sind sie wirklich, die ihre Mitmenschen vor dem sicheren Tod bewahren können?

In der Klemme (A Very Tight Place, 2008), S. 399-469: Ein Streit zwischen Nachbarn artet aus, bis sich einer der Streithähne in der grässlichsten und übelriechendsten Todesfalle aller Zeiten wiederfindet.

Anmerkungen, S. 471-480

Mr. King leert seinen Schreibtisch

Alle Jahre wieder trägt Stephen King zusammen, was er nicht in ziegelsteindicke Romane gepresst, sondern kurz oder mittellang in Geschichten und Novellen gefasst hat. Diese beiden Literaturformen gelten in der Welt heutiger Buchfabriken zwar als wenig verkaufsträchtig, doch King ist ein Bestseller-Autor, der sich gewisse Eigenheiten herausnehmen kann.

Wie King selbst in seinem Vorwort ausführt, hat er, der früher sehr viele Storys für Magazine und Zeitschriften schrieb, eine ganze Weile kaum noch Kurzgeschichten geschrieben. Erst 2007 begann er wieder verstärkt damit – und musste erfahren, dass er mächtig aus der Übung gekommen war, was ihm zum weiteren Ansporn wurde. So sind die in „Sunset“ gesammelten Erzählungen in ihrer Mehrzahl sehr neu. Einzige ‚Altlast‘ bleibt „Die Höllenkatze“, die wohl noch irgendwo in einer Schreibtischschublade ihres Meisters schnurrte.

Nicht jede Idee eignet sich als Grundlage eines Romans; selbst Vielschreiber Stephen King kann und mag sich dem nicht verschließen. Wie sich jetzt herausstellt, trägt manche Idee nicht einmal eine Kurzgeschichte. An der Spitze der Rohrkrepierer steht in dieser Sammlung sicherlich „Das Pfefferkuchen-Mädchen“, eine seltsam unausgegorene Mischung aus „Coming-of-Age“-Drama einer mittelalten Hausfrau und dem typischen King-Horror, der hier im einsamen Kampf gegen einen Serienkiller besteht. Die lange Erzählung zerfällt deutlich in zwei Teile, die nur notdürftig miteinander verklammert werden.

Mittelmaß – VIEL Mittelmaß!

Stephen King sieht sich längst nicht mehr als Produzent handfesten Horrors. Er liefert ihn, weil er noch immer Spaß daran hat, doch seine Schriftstellerei beschränkt sich keineswegs darauf. Das hat uns Lesern gelungene Novellen und Romane wie „The Body“ (1982, dt. „Die Leiche“) oder „Dolores Claiborne“ (1992, dt. „Dolores“) beschert. Ist aber nicht selten (u. a. „Colorado Kid“) glanzlos gescheitert.

In dieser Sammlung lassen die (glücklicherweise kurzen) Geschichten „Der Rastplatz“ und „Hinterlassenschaften“ besonders kalt, obwohl oder gerade weil sie Betroffenheit auslösen sollen. „Der Rastplatz“ ist eine Lektion über die Bestie, die in jedem Menschen lauert. King spielt durch, was geschieht, wenn sie freikommt. Das wird routiniert und rational beschrieben und ist vergessen, sobald es gelesen wurde. „Hinterlassenschaften“ entstand unter dem Eindruck der Katastrophe vom 11. September 2001. Das daraus entstandene US-Trauma versucht King in Worte zu fassen, aber das Ergebnis ist kontraproduktiv: Trauer und Tragik lassen sich nicht herbei zwingen.

Aufgesetzte Melodramatik beeinträchtigt auch die Wirkung anderer Geschichten. „Willa“, „Harveys Traum“, „Abschlusstag“, „Die ‚New York Times‘ zum Vorzugspreis“ und „Ayana“ wirken zudem wie wenig inspirierte Auftragsgeschichten. Geister müssen lernen, dass sie Geister sind; ein düsterer Traum wird Wirklichkeit; Jugend im Aufbruch wird rüde durch die Apokalypse gestoppt; ein Geist spricht tröstlich (und kryptisch) aus dem Jenseits; ein Wunder wirkt plötzlich sehr prosaisch (und erinnert stark an Kings Roman „The Green Mile“).

Nach Abwurf des Ballasts hoch hinauf

Wie man alltäglichen Schrecken nüchtern und nachhaltig in Szene setzt, belegt King mit „Stumm“. Hier stellt er sich nicht nur ein – er bleibt bestehen, wenn die Geschichte selbst zu Ende ist. Im Kopf läuft eine gar nicht angenehme Fortsetzung ab.

Gut ist King auch, wenn er seinem Affen richtig Zucker gibt. „Der Hometrainer“ ist ein leicht absurder Witz, der zwar wieder ein wenig zu lang geraten ist aber letztlich zündet. In Kings Kopf entspringen noch immer eigenartige Ideen, die er glücklicherweise niederschreibt, ohne sich um politische Korrektheit zu kümmern.

Dem verdanken wir auch die verrückte Erzählung „In der Klemme“. An sich ist dies die Variation einer Situation, derer King sich schon oft bedient hat: Ein Mensch gerät in eine ausweglose Situation, die nur in seinem schrecklichen Tod enden kann. Doch plötzlich tut sich ein Schlupfloch auf – ein Schlupfloch freilich, das zu nutzen Dinge von der Figur fordert, die den Tod als echte Alternative erscheinen lassen. Hier gerät unser Held in ein transportables Bauarbeiterklo, das zum ausbruchssicheren Verließ umgebaut wurde, es sei denn … Wie die Flucht gelingt und Rache geübt wird, ist eine Tour de Force des schlechten Geschmacks, dabei höllisch spannend und unglaublich witzig.

Nur ein einziges Mal liefert King dieses Mal ‚klassischen‘ Horror: „N.“ ist eine Hommage an H. P. Lovecraft, den Schöpfer des Cthulhu-Mythos‘, der hier behutsam ins 21. Jahrhundert transponiert wird. Der Plot ist nicht innovativ, die Umsetzung nie originell aber tadellos. Noch intensiver als das eher konventionell geschilderte Grauen aus der Dimension X ist King das Porträt eines Mannes geraten, der von einem Zählzwang besessen ist. Hier zeigt sich King als Meister: Er schafft es, diese Obsession – die realiter existiert – völlig überzeugend als Krankheit darzustellen, die schleichend ein Leben zerstören kann. Auf das übernatürliche Element von „N.“ hätte er im Grunde verzichten können.

Traditionell schließt King seine Storysammlungen mit diversen Hintergrundinformationen ab, die Aufschluss über die Entstehungsgeschichten der Geschichten geben. Dieses Mal ist ihm leider nichts wirklich Erhellendes eingefallen, was nur unterstreicht, dass die meisten Erzählungen selbsterklärend und eindimensional sind. Ein Meisterwerk wie „Die Leiche“ oder „Der Nebel“ wird man in „Sunset“ vergebens suchen. Über solides Handwerk und manchmal etwas mehr darf man sich freuen.

Autor

Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Wenn ich ein Werk von Stephen King vorstelle, pflege ich dies zu unterlassen, wie man auch keine Eulen nach Athen trägt. Der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – seien stellvertretend diese und diese genannt; sie bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

Taschenbuch: 480 Seiten
Just after Sunset (New York : Scribner 2008/London : Hodder & Stoughton 2008)
Übersetzung: Wulf Bergner, Karl-Heinz Ebnet, Sabine Lohmann, Friedrich Mader u. Hannes Riffel
http://www.randomhouse.de/heyne

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar