Theodore Sturgeon – Es. Phantastische Erzählungen

Idealer Einstieg in Sturgeons Geschichtenwerk

Der Erzählband enthält sieben Stories vom besten SF-Kurzgeschichtenautor der vierziger und fünfziger Jahre, Theodore Sturgeon. Er veröffentlichte sie in den Jahren zwischen 1939 und 1947. „Ether Breather“ (Ärger aus dem Äther) war seine erste veröffentlichte Story. Insofern bildet die Sammlung einen guten Einstieg in Sturgeons vielfältiges Werk, sowohl qualitativ als auch in chronologischer Hinsicht.

Der Autor

Theodore Sturgeon (1918-1985) war einer der wichtigsten Story-Autoren der amerikanischen Science Fiction nach dem 2. Weltkrieg. (Er begann zwar schon 1939 zu veröffentlichen, doch die meisten Stories schrieb er in den 15 Jahren nach 1946.) Aber auch seine Romane wie „More than human“ (1953) wurden preisgekrönt. Sogar ein wichtiger Science Fiction-Preis ist nach ihm benannt. Sturgeon schrieb noch bis Anfang der siebziger Jahre preisgekrönte Erzählungen. Er ist deshalb so wichtig, weil er sich für fremde, bislang unbekannte, manchmal auch nur als neuartig wahrgenommene Formen des Miteinanders von Wesen interessierte – von Menschen und Aliens. Zu diesen Formen gehören Telepathie und Bewusstseinsverschmelzung bzw. Schwarmbewusstsein.

Eines seiner Hauptmotive war die Weiterentwicklung des Menschen: Telepathen, Gestaltwandler, Telekineten und andere „strange people“ bevölkern seine Geschichten. Natürlich müssen sie sich, wie alle sogenannten „freaks“ mit den Vorurteilen, ja, der Feindseligkeiten der „Normalen“ auseinandersetzen. Aus dieser Entfremdung führt der Weg zu einem transzendenten Aufgehen in einer höherwertigen Gemeinschaft dieser PSI-Begabten. So geschieht es in „More than human“, in dem drei Begabte eine gemeinsame Gestalt-Persönlichkeit bilden, aber auch in „The dreaming jewels“, das 1950 erschien.

Zu seinen bekanntesten, wenigen Romanen gehören „Killdozer“ (1944, verfilmt), „More than human“ (dt. als „Baby ist drei“ bei Heyne) und „Venus plus X“. Meines Wissens ist „To Marry Medusa“ nie auf Deutsch erschienen. Hier geht es um ein außerirdisches Schwarmbewusstsein, das auf die Erde trifft. Es könnte sich aber um den Titel „The Cosmic Rape“ (1965) handeln. Ständig werden die Buchtitel in USA und GB geändert.

DIE ERZÄHLUNGEN

1) Es (It)

Es erhebt sich aus dem Waldboden, modrig, schwarz und heiß vor schimmliger Fäulnis. Es lebt nicht, es existiert, aber es kann seine Umgebung wahrnehmen, neugierig und suchend. Als es einem Hund begegnet, der es ankläfft, trifft es ihn mit einer mächtigen Pranke, dass er zusammenbricht. Auch das ist sehr interessant: Tod, Schlaf, der mit der Nacht kommt. Dann macht es sich über den Hund her.

Kimbo ist verschwunden, und Alton Drew, sein Herrchen, macht sich auf den Weg, um ihn zu suchen und gehörig auszuschimpfen. Alton wohnt auf der Farm seines Bruders Cory, der die schöne, blonde Clissa geheiratet hat und mit ihr die Tochter Babe aufzieht. Als Alton selbst noch um neun Uhr abends nicht zurückgekehrt ist, um die Kühe zu melken, zieht Cory wütend mit seiner Schrotflinte in den Wald, um Alton zur Rede zu Stelle.

Doch Alton hat seinen zerfetzten Hund Kimbo entdeckt und weicht nicht von dessen Seite, um das Monster zu stellen und zu töten, das seinen Jagdkameraden auf dem Gewissen hat. Deshalb schickt er Cory unter Androhung von Gewalt wieder nach Hause. Als Cory am nächsten Morgen merkt, dass Alton noch nicht zurück ist, stellt er sein Pflügen ein. Vier gewaltige Gewehrschüsse donnern durch den Wald, dann folgt Altons gequälter Schrei.

Als Cory zurück zum Farmhaus eilt, um seine Schrotflinte zu holen, findet er Clissa verzweifelt vor: Babe ist fortgelaufen, hinaus in den Wald zu Onkel Alton. Cory flucht, bevor er in den Wald eilt. Er stößt auf eine Szene des Grauens – und auf einen seltsamen, schwarzgekleideten Mann…

Mein Eindruck

„Es“ ist eine der wirkungsvollsten Horror-Stories überhaupt. Sie weist nämlich Gewaltakte auf, die man wegen der Zensur der Filmindustrie im Kino nie gezeigt bekommt: Gewalt gegen Tiere und gegen Kinder. Hier kommt beides zusammen, und die Kombination kann einem empfindsamen Gemüt ganz schön auf den Magen schlagen.

Das wichtigste Merkmal des Monsters aus dem Schlamm ist nicht etwa sein grässlicher Gestank, sondern seine seelenlose Neugier. Alles, was es in die Finger bekommt, muss es zerquetschen und sich einverleiben, so als wäre es ein kleines Kind. Das macht es zum Gegenteil eines Menschen, der über Gefühle wie Liebe und Hass verfügt. Und diese Fühllosigkeit ist noch gruseliger als der Tod, den es bringt. Indirekt warnt der Autor so davor, lebendige Dinge zu untersuchen, ohne ihnen Empathie entgegenzubringen. So wie es beispielsweise Atomphysiker oder andere Wissenschaftler tun. „Es“ ist eine warnende Story.

Aber es gibt auch eine Wendung zum Guten, so unwahrscheinlich das klingt. Babe findet die Aktentasche des kleinen, schwarzgekleideten Mannes und durchwühlt sie. Der Proviant ist lecker, wohingegen es die Notizen über ein Testament nicht sind. Darin werden 62.000 Dollar für denjenigen ausgesetzt, der die Gebeine eines bestimmten Kriegsveteranen aufspürt. Es ist der quicklebendige, sprudelnde Bach, der genau diese Gebeine bloßlegt, sobald das Monster in ihn gefallen ist und sich auflöst….

2) Das undurchdringliche Gesicht (Poker Face)

Eine fröhliche Pokerrunde in New York City wird plötzlich reichlich ernüchtert, als drei der vier Spieler merken, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Es liegt eindeutig an Face, dem Mann ohne Augenbrauen. Ihn sticht heute wohl der Hafer, denn er offenbart, wie er die Karten auf beliebige Weise manipulieren kann, um seinem Glück auf die Sprünge zu helfen: durch Telekinese. Nicht fair, nicht fein und erst recht nicht lustig.

Er muss alles erklären und zur Entschuldigung – im Ernst? – führt er an, er stamme 30.000 Jahre aus der Zukunft, um hier einen dringend vermissten Mann zu suchen. Denn in der „City“, aus der er kommt, muss alles im Gleichgewicht sein und seine Ordnung haben, sonst geht alles den Bach runter. Der beste Mann, der die entsprechende Maschine reparieren kann, ist ein gewisser Hark Vegas. Er suche ihn bereits seit acht Jahren in New York City und muss sagen, er ist begeistert vom Leben auf dieser Erde: so viel Abwechslung, so viel Dynamik!

Alle Augen richten sich auf Jack, den Ich-Erzähler. „Du hast Hark Vegas gefunden“, sagt er bloß…

Mein Eindruck

Die nette, kleine Story kontrastiert die totale Regulierung des Lebens, wie sie in 30 Jahrtausenden stattfindet, mit der Herrschaft des Zufalls in der Gegenwart. Was ist besser, scheint der Autor zu fragen, und die Antwort des imaginären Lesers dürfte eindeutig ausfallen. Diese Zukunftsvision ist in keiner Weise attraktiv, ganz im Gegenteil – und das wurde schon neun Jahre vor George Orwells Roman „1984“ veröffentlicht.

3) Äther-Intelligenzen (Ether Breather, 1939)

Als der Schriftsteller Hamilton endlich sein Drehbuch „Die Muschel“ verfilmt sieht, ist er happy: Es ist Bestandteil der ersten Sendung des Farbfernsehens, das nun von Associated Television eingeführt werden soll. Also eine besondere Auszeichnung. Doch dann passiert etwas Schreckliches. Nach einer halben Stunde kommt wie üblich die erste Werbeunterbrechung, und darin sagt der Mann zu der Frau, die Berbelot-Parfum anpreisen soll: „Es stinkt zum Himmel.“ Und damit ist nicht nur das Parfum, sondern auch Hamiltons Werk gemeint. Doch das dicke Ende kommt erst noch: In der finalen Liebesszene sagt der Held zu seinem Schatz: „Ich kann dich ums Verrecken nicht ausstehen, du blöde Kuh!“ Hamilton erleidet fast einen Herzkasper.

Anrufe beim Cheflektor von Associated TV sind zwecklos, er muss selbst hinfahren. Auf dem Weg gesellt sich der Chef von Berbelot Parfums zu ihm, und zusammen machen sie den armen Mr. Griff fertig. Doch der hat unerwartet gute Karten, als er ihnen seine eigene Aufzeichnung der Sendung „Die Muschel“ zeigt. Von unflätigen Bezeichnungen ist darauf nichts zu sehen noch zu hören. Wie kann das sein? Doch die Bundesbehörde für die Telekommunikation fragt nicht lange, sondern macht Associated TV dicht.

Auch der Konkurrenz Cineradio und XZM ergeht es nicht besser. Als der Außenminister einen unanständigen Witz über den Äther jagt, bedeutet dies das Ende des Farbfernsehens. Aber warum hat dieser Fehler dann das Schwarzweiß-Fernsehen nicht betroffen? Der Fehler tritt nicht auf, wenn die Sendung über Kabel gesendet und gespeichert wird. Also muss es entweder an den TV-Geräten oder am Übertragungsweg, dem Äther sozusagen, liegen. Hamilton und Berbelot benutzen die hypermoderne Sendeanlage des Industriemagnaten und machen eine erstaunliche Entdeckung…

Mein Eindruck

Die Komödie um das Farbfernsehen hat einen sehr sympathischen Schluss. Der SF-Autor illustriert, wie sich mancher Technikfehler, der die Gesellschaft direkt beeinflusst, auch humorvoll einsetzen und erklären lässt. Dabei spielt er natürlich ein wenig den Advocatus diaboli: Diese drögen TV-Sendungen für Bildungsbürger könnten ein wenig mehr Pepp und Modernität vertragen.

Leider stolpert der heutige Leser über jede Menge Anachronismen. So sind etwa TV-Geräte grundsätzlich atomgetrieben! Und das schon seit 200 Jahren. Und jetzt erst wird das Farbfernsehen erfunden???! Okay, das war Sturgeon erste verkaufte Story, aber wenigstens der Herausgeber hätte die Fehler ausbügeln müssen.

4) Der Parfümkönig (Butyl and the Breather, 1940)

Ein Jahr später. Hamilton möchte seinen Schnitzer wiedergutmachen und besucht Berbelot, seinen guten, reichen Freund. Sie überlegen, wie sie es schaffen, den „Äthermann“ zurückzuholen. Man müsste ihn ärgern, allerdings auf eine Weise, die ganz speziell ist: mit Gestank. In Sachen Geruch ist Berbelot ja als Parfümfabrikant Experte.

Der Haken ist natürlich der, dass zwischen einem Molekül und einer elektromagnetischen Welle ein himmelweiter Unterschied besteht. Theoretisch, würde Berbelot sagen. Denn rein praktisch setzt er als Profi schon längst – wir befinden uns im 22. Jahrhundert – ein Olfaktometer ein, das chemische Zusammensetzungen nicht nur messen, sondern auch vorgeben kann. Der Rest ist dann nur noch eine Sache des korrekten Mischungsverhältnisses.

Wie ein kleiner Test mit dem Butler Cogan schlagend unter Beweis stellt, ist der Gestank von Super Skunk einfach der Hammer. Cogan findet kaum noch zur Tür hinaus. Es dauert auch keine zehn Minuten der Sendung des Gestanks über Berbelots Privatsender, bis der Äthermann im Empfänger erscheint, um gegen die Geruchsprovokation zu protestieren.

Von diesem Erfolg zufriedengestellt und zugleich ermüdet, begibt sich Hamilton in Berbelots Nobelhütte ins Schlafzimmer. Dort bemerkt er einen gewaltigen Spiegel, um den alle Möbel herum angeordnet sind. Es dauert nicht lange, bis selbst sein benebelter Verstand merkt, was mit seinem Spiegelbild nicht stimmt: Es ist nicht seitenverkehrt…

Mein Eindruck

Hier wird das Fernsehen quasi dreidimensional: Der Äthermann tritt aus dem Spiegel und ist bereit zu allen möglichen Schandtaten. Hamilton und Berbelot brauchen keine Genies zu sein, um sie allerlei lustige und lukrative Einsatzmöglichkeiten für solch einen Schachtelteufel ausdenken zu können…

5) Der Wechselbalg (Brat)

Es geht um 30.000 Dollar – kein Pappenstiel für ein jung verheiratetes Paar wie Horace und Michaele alias Shorty und Micky. Soviel Geld würde Tante Jonquil als Erbe herausrücken, wenn das Pärchen sie davon überzeugen könnte, dass es in der Lage wäre, für ein Baby zu sorgen. Also muss ein Baby her. Doch woher nehmen und nicht stehlen?

Da plumpst ein Baby wie ein Geschenk des Himmels direkt vor ihnen in den Bach, an dem sie sich entspannt haben. Doch dieser Säugling hat es in sich: Es hat eine tiefe Stimme, einen Fausthieb wie Muhammad Ali und einen Riesenappetit auf blutige Steaks. Es lässt sich nicht bestechen, wohl aber erweichen: Micky macht ihre Notlage zum Herzerwärmen deutlich, und Butch, wie es sich nennen lässt, erwartet einen Heidenspaß. Shorty und Micky schwant Übles, aber sie wissen: Die Probezeit dauert drei Wochen.

Auch die Erfahrung von Tante Jonquil mit Babys ist recht begrenzt, um nicht zu sagen: nicht vorhanden. Aber die alte Jungfer verguckt sich in das kleine Balg, und als Shorty und Micky damit herausrücken, dass es sich eigentlich um ein Findelkind handelt, ergreift Tantchen ihre Chance: Sie will es behalten. Da geht ein seltsamer Wandel mit dem kleinen Quälgeist vonstatten…

Mein Eindruck

Die kleine Story ist die Parodie eines Märchens, das wahr wird: das Märchen vom seligmachenden Baby. Dieses „Himmelsgeschenk“ spiegelt vielleicht die eigenen Erfahrungen des Autors wider. Aber indem Baby / Butch sich wie Donald Trump aufführt, wird auch klar, wie berechenbar der Quälgeist ist. Er bekommt zwar alles, was er plärrend bestellt, aber das macht nur umso deutlicher, was ihm wirklich fehlt: fürsorgliche Liebe. Die findet er ausgerechnet in Tante Jonquil. Na, wenn das nicht ironisch ist.

6) Zwei Prozent Inspiration (Two Percent Inspiration)

Eine kleine Uni an der Ostküste. Prof. Bjornsen macht gerade selbstherrlich den jungen Studenten Hugh McCauley zur Schnecke, als Prof Nudnick das Büro betritt. Nudnick klopft nie an, und zwar weil er weiß, dass Bjornsen ihm seine Stellung verdankt. Angesichts der Mängel, die Bjornsen an McCauley gefunden hat, schnappt ihn sich Nudnick, denn jeder Student, der über Phantasie verfügt (und einen kräftigen männlichen Körper, wie sich noch zeigen wird), ist ihm für seine Expedition willkommen. Kaum ist er mit dem Studenten abgezogen, als Bjornsen kündigt und einen Job bei der Regierung des Mars annimmt.

Doch die Marsianer achten eifersüchtig darauf, dass die Erde sie nicht übervorteilt, und so kommt es unweigerlich zur nächsten Begegnung. Nudnick hat das supertolle Nudnick-Metall erfunden: atomares Kupfer (mit ein paar kleinen Beimengungen). Deshalb fliegt er zum Asteroidengürtel, um noch mehr Metall zu besorgen. Der Kurs führt natürlich am Mars vorbei. Das marsianische Patrouillenboot durchsucht das kleine Raumschiff, in dem sich Nudnick und „Hughie“, wie er ihn neckisch nennt, sich die Zeit mit dem Vor-Lesen von SF-Pulp Fiction vertreiben. Auch ein irdisches Patrouillenboot geht längsseits und unterstützt den Erdenbürger Nudnick – klammheimlich, versteht sich.

Unbehelligt saust das Raumschiff des Professors weiter – aber nicht zu den Asteroiden, sondern zum Merkur. Dass sie von Bjornsen verfolgt werden, entgeht Nudnicks Sensoren nicht. Bjornsen will offensichtlich an jedem Metallfund teilhaben, den Nudnick machen könnte. Doch der Merkur hält für Menschen, die auf dem Mars aufgewachsen sind, eine üble Überraschung bereit. Und so schnappt die Falle zu, in die der Professor Bjornsen gelockt hat…

Mein Eindruck

Diese Story steht noch ganz in der Tradition des verrückten Professors, wie sie in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts populär waren – sozusagen die helle Seite des „verrückten Wissenschaftlers“. Diesen Spinnereien machte John W. Campbell jr. als Magazinherausgeber mit seinen hohen Ansprüchen an Plausibilität eine Ende. Schade eigentlich, denn die Klischees der Pulps, die hier durch den Kakao gezogen wird, sind in ihrer Durchschau- und Vorhersehbarkeit doch recht angenehm.

Dass die Falle auf dem Merkur so ausgezeichnet klappt, kann der heutige Leser hingegen nicht vorhersehen, es sei denn, er wäre auf dem Mars aufgewachsen und hätte dieser trockenen und unwirtlichen Umgebung seinen Stoffwechsel angepasst. Genau dieser Überraschungseffekt versorgt die Story mit einer verblüffenden Pointe. Aber der Prof lacht bekanntlich als Letzter.

7) Eine seltsame Fracht (Cargo)

Der Zweite Weltkrieg tobt rund um die Welt, doch es gibt noch viele unentdeckte Geschichten, und die Geschichte dessen, was dem guten alten Trampfrachter „Dawnlight“ widerfuhr, muss noch erzählt werden, auch wenn sie niemand, der noch bei Verstand ist, glauben mag.

Die „Dawnlight“ war mal ein „ehrliches“ Schiff, doch diese Tage sind längst vorüber. Nun taugt sie nur noch als Frachter für Schmuggelware. Was da in Havanna als „Landwirtschaftliche Maschinen“ an Bord genommen wurde, würde man in Französisch-Marokko mit Kusshand begrüßen: Waffen aller Art. Dementsprechend setzt der Alte den Kurs auf Ostnordost. Doch der Dritte Offizier erzählt uns, was in der Gegend von Madeira – oder waren es die Azoren? – passiert: Alle vier Sextanten fallen aus, dann der Kompass und schließlich sämtliche anderen Peilgeräte. (Es gab weder Satelliten noch GPS.) Jeden Moment kann der alte Kahn auf Grund laufen.

Na, und das geschieht dann auch. Nur dass keinerlei Schaden entsteht, als sich die alte „Dawnlight“ 45 Grad zur Seite legt und ihre Steuerbordreling ins Wasser taucht. Der Alte gibt wider Erwarten keinen Alarm, sondern zieht sich vielmehr in seine Kajüte zurück, was den drei Offizieren und dem Steuermann einiges an Kopfarbeit abverlangt. In dem dichten Nebel ist zwar kaum etwas zu sehen, aber was die Offiziere an der Reling entdecken, jagt ihnen Schauder über den Rücken. Fußabdrücke – von Wesen, die sie nicht sehen können. Und es sind nicht bloß ein paar, sondern Millionen Fußabdrücke.

Kaum hat sich der Kahn wieder aufgerichtet, setzt der Alte Kurs nach Westen. Jede Zuwiderhandlung ist zwecklos. Da die Handlungsweise des Käpt’n dem Ersten Offizier Toole immer dubioser erscheint und er hat das Recht hat, das Kommando zu übernehmen, schnüffelt er ihm hinterher. Das hätte er nicht tun sollte. Der Anblick einer schönen Nixe in den Armen des Alten ist doch zu erschütternd. Was die Frage aufwirft, worin zum Teufel die Fracht jetzt besteht.

Allerdings kommt die „Dawnlight“ nicht weit. Gleichzeitig wird sie von einem Torpedoboot der Alliierten und einem deutschen U-Boot gestoppt. Doch was ist in den Dritten gefahren? Er gibt an, Maschinen aus England nach Frankreich schippern zu wollen – ins von Deutschen besetzte Frankreich! Kein Wunder, dass das Torpedoboot seine Kanonen feuerbereit macht. Auch das U-Boot scheint nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben und macht seine eigenen Torpedos klar. Da erwacht die alte „Dawnlight“ zum Leben und nimmt rasante Fahrt auf…

Mein Eindruck

Es ist äußerst schwer, nicht die Pointe zu verraten, aber ich versuche es. Die Story spricht alle Seeleute auf den zahllosen Handels- und Kriegsschiffen an, die während des 2. Weltkriegs dienten. Der bekannteste darunter dürfte wohl SF-Autor Jack Vance sein, der zweimal „versenkt“ wurde. Brian Herbert hat den Handelsseefahrern ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die Stimmung an Bord des Trampfrachters weiß der Autor authentisch wiederzugeben, auch die in heutigen Augen primitive Technik kennt er aus dem Effeff. Die deutsche Übersetzung ist gespickt mit nautischen Ausdrücken, die nicht erklärt, sondern vorausgesetzt werden. Man sollte auf jeden Fall wissen, wo bei einem Schiff rechts und links, vorne und hinten, oben und unten ist. Für jede Positionsangabe gibt es einen Jargonausdruck.

Dass die „Dawnlight“ Geister geladen hat und nun ein Kahn voll Gespenster ist, dürfte aus dem gesagten hervorgehen. Doch woher kommen sie und was wollen die Geister ausgerechnet in Amerika? Diese Pointe findet sich im letzten Satz dieses wundersamen Seemannsgarns.

Die Übersetzung

Dem Übersetzer Tony Westermayr, der fast die komplette SF-Reihe bei Goldmann betreute, sollte man nicht unbesehen über den Weg trauen. Zwar fand ich keine Druckfehler, aber auf Seite 88 unterlief Westermayr eine Verwechslung der Figuren.

S. 88: ;“Du scheinst eine Menge über Kinder zu wissen“, sagte ich hitzig.! Tatsächlich kann diesen Satz nur Michaele gesagt haben, denn im nächsten Satz antwortet ihr Shorty patzig, worauf sie wütend über ihn herfällt. (Merke: Junge Damen ohne Baby können sehr temperamentvoll sein.)

Unterm Strich

„Not Without Sorcery“ lautet der Originaltitel, also: „nicht ohne Zauberei“. Tatsächlich geht es in diesen frühen Erzählungen weniger um naturwissenschaftliche Erklärungen als zentrales Motiv, als vielmehr um unerklärliche Phänomene, die durchaus nur mit Zauberei oder Geisterspuk erklärbar wären. Dass dabei fast durchweg Humor durchblitzt, ist eine Eigenart des exzellenten Autors. So werden aus den Geschichten mitunter Satiren oder Parodien.

Eine Ausnahme in mancherlei Hinsicht stellt die Titelgeschichte dar. Sie kommt wie eine Horrorgeschichte daher, aber eine besonders gut erzählte. Bemerkenswert ist vor allem, dass sich ES allen Kategorien der Beschreibung in menschlichen Begriffen entzieht. Es ist das ultimativ Fremde, das keiner zu begreifen vermag. Aber es hinterlässt Spuren, und das macht es für Jäger auffindbar. Dass die Horrorstory gut ausgeht, wirkt allerdings ein wenig gezwungen, allerdings war diese Wendung dem Publikum der Pulp-magazine geschuldet.

Auf jeden Fall machen schon diese frühen Arbeiten des Autors, der fast 50 Jahre lang veröffentlichte, süchtig und neugierig auf mehr.

Taschenbuch: 159 Seiten
Info: Not Without Sorcery, 1948;
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr
www.randomhouse.de/Verlag/Goldmann

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