Jim Turner (Hrsg.) – Spur der Schatten – Neue Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos

Für HPL-Fans: Cthulhu, die Anstandsdame

„Neue Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos“ verspricht der Herausgeber mit diesen 18 Erzählungen und Novellen. Das Ergebnis ist jedoch recht durchwachsen. In jedem Fall ist dem Leser anzuraten, sich vorher gut im Werk H. P. Lovecrafts, des Phantasten aus Providence (im folgenden ‚HPL‘), auszukennen, um alle Insider-Witze mitzubekommen.

Die Erzählungen

F. Paul Wilson: Die Pine Barrens (1990)

Wieder einmal wirft die Miskatonic University zu Arkham, die HPL erfand, einen langen Schatten. Bei unserer Erzählerin, Kathy McKelston, eine gestandenen Wirtschaftsprüferin, taucht nämlich eines Tages eine alte Uni-Liebe wieder auf. Jonathan Creighton war für sie immer nur „Crazy Creighton“, weil er nicht wusste, was die Wirklichkeit war. Doch inzwischen hat er seine Psychiaterpraxis aufgegeben und sich nach einem Intermezzo an der Miskatonic aufs Schreiben verlegt. Und dafür braucht er Kathys Hilfe. Kathy ahnt das Schlimmste. Wir auch.

Sie stammt aus der 2000 Quadratmeilen großen Region der Pine Barrens in New Jersey. Hier sucht Jon die Bestätigung für eine Volkslegende, den Teufel von Leeds. Das ist nur ein Vorwand, um mehr über die „Kiefernlichter“ herauszufinden, woher sie kommen, wohin sie ziehen. Und nur Kathy erweckt genug Zutrauen in den Einheimischen, damit diese Jon davon erzählen – vom Schnaps ganz abgesehen. Doch in der Tagungnachtgleiche des Frühjahrs stoßen Jon und Kathy tatsächlich auf den Ursprung des geisterhaften Phänomens der „Kiefernlichter“. Diese „unheimliche Begegnung der 3. Art“ wird ihnen beiden zum Verhängnis, für den einen früher, für den anderen später.

Die Erzählung ist spannend, ironisch, wegen der vielen Dialoge leicht zu lesen und ausreichend unheimlich, um sich für den Cthulhu-Mythos zu qualifizieren.

Lawrence Watt-Evans: Pickmans Modem (1992)

Eine kleine Glosse über die Tücken der Technik, sobald Magie ins Spiel kommt, und zugleich eine Parodie auf HPLs berühmte Erzählung „Pickmans Modell“.

Henry Pickman ist ein Chaot und war schon lange nicht mehr online, weil sein Modem ausfiel. Nun hat er sich ein gebrauchtes von Miskatonic Data Systems gekauft und „beglückt“ seine Freunde mit E-Mails. Der Erzähler stellt verblüfft fest, dass Pickman einen sog. „Flame-Krieg“ auslöst. ‚Flames‘ sind wütende und beleidigende Mails. Als er Pickman mal besucht, weiß dieser von keinen Flames. Wie sich zeigt, muss wohl das Modem schuld sein. Doch als Pickman es später außer Betrieb setzt, scheint er Unheil aus Arkham auf sich herabzubeschwören …

Die Story funktioniert nur, wenn man die Schlüsselwörter „Pickman“ und „Miskatonic“ mit Lovecrafts Cthulhu-Mythos zu verknüpfen weiß.

Basil Copper: Schacht Nummer 247 (1980)

Die Menschheit lebt streng kaserniert und beaufsichtigt in unterirdischen, möglicherweise sogar unterseeischen Katakomben. Driscoll ist einer der Wachleute in der Aufsichtszentrale für die Stollen. Dauernd treten Lecks und Wassereinbrüche auf, besonders in Schacht Nr. 247. Gibt es dort eine Verbindung zur abgeschotteten Außenwelt? Einer der Wachleute, Deems, ist bereits verschwunden, nun haut auch noch dessen Freund Wainewright ab. Schon wird Driscoll selbst misstrauisch beobachtet. Dennoch begibt er sich in Schacht Nr. 247, um eine unglaubliche Entdeckung zu machen …

Die Story liest sich wie ein Kapitel aus Orwells Anti-Utopie „1984“, genauso düster, deprimierend, paranoid und actionlos. Man wundert sich, wo hier der Zusammenhang zu Cthulhu zu finden sei.

Poppy Z. Brite: Sein Mund wird nach Wermut schmecken (1990)

Ein Story, wie sie Anne Rice nicht besser hätte schreiben können. Es geht aber nicht um Vampire, sondern um Voodoo-Zauber.

Die beiden Lover Louis und Howard aus New Orleans haben schon alle Kicks ausprobiert. Da kommt dem dominanten Louis eine geniale Schnaps-Idee: Raub und Liebe in der Gruft! Schon bald haben sie in der Familiengruft ein hübsches Knochenmuseum beisammen. Da hört Louis vom ultimativen Fetisch. Sie fleddern die Leiche eines Zauberers und klauen den Fetisch: einen Zahn mit einem Voodoosymbol darauf. Leider begegnen sie schon bald jemandem, der über diesen speziellen Fetisch viel zu viel weiß, als für ihre Gesundheit gut ist.

Von Poppy Brite stammt der exzellente Vampirroman „Verlorene Seelen“, der nichts mit dem Film „Lost Souls“ zu tun hat, aber auch in New Orleans spielt. Sie erweist sich als Meisterin der Stimmung und der Vergleiche. Die Story erschien zuerst in der berühmten Horror-Anthologie „Borderlands“.

Fred Chapell: Die Viper (1989)

Eine sehr schöne, witzige Story, die besonders Buchliebhaber anspricht. Der Ich-Erzähler ist ein Gebrauchtbuchhändler mit antiquarischen Kenntnissen. Eines Tages schneit sein Onkel Alvin herein, der ihm in einer Metallkiste ein verbotenes Buch zur kurzfristigen Aufbewahrung anvertraut: das berüchtigte „Necronomicon“ von Abdul Alhazred. Hier wird es arabisch „Al-Azif“ genannt. In Fachkreisen nennt man es „die Viper“.

Wie extrem gefährlich das verblasste, unscheinbare Büchlein ist, erweist sich, als es schon nach wenigen Tagen die Tinte vom danebenliegenden Milton-Gedichtband aussaugt und alsbald in heftigster Farbenpracht erstrahlt! Mit dem „Aussaugen“ ist es nicht genug: Die Vergiftung folgt auf dem Fuße und wird leider zu spät bemerkt. Alle Milton-Gedichtbände, die jemals auf der Welt produziert und aufbewahrt wurden, weisen nun einen bis ins Lächerliche verzerrten Wortlaut auf!

In Panik versucht Onkel Alvin einen Gegenzauber, und der scheint auch zu gelingen. Allerdings hat er eine Kleinigkeit übersehen: Eine Fliege wird das Gift, das „die Viper“ verspritzt, weiterverbreiten, weltweit … Derjenige hat noch mehr vom Text, der die verzerrten Milton-Versionen versteht: köstlich!

Michael Shea: Speckbacke (1987)

Ein wahrhaft unheimliche Story, mit detailliert gezeichnetem Lokalkolorit.

Patti ist die nette Nutte von nebenan, doch auch sie hat schwere Zeiten durchzumachen. Die Zeiten in Hollywoods Gassen und Straßen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Wenn sie ihre Freundin Sheri nicht hätte, könnte sie kaum ihren Kummer in Alk und Koks ertränken. Um ein bisschen Spaß zu haben, machen sich die beiden von ihrem Hauptquartier, einer alten Hotel-Lobby, in das unheimlich barock verzierte Bürogebäude gegenüber auf, wo sie jeden Tag den freundlichen Mann sehen, den sie „Speckbacke“ nennen. Er betreibt eine Hydrotherapie-Praxis und ein Tierheim – beides im gleichen Haus, was ein wenig seltsam ist. Allerdings ist seine schriftliche Antwort auf Pattis und Sheris Neckerei höchst sonderbar: Die beiden verstehen nur etwas von Shoggothen, Schmerz und lustvoller Auflösung. Schon am nächsten Abend ist Sheri auf grausamste Weise ermordet, und auch bei Patti scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sie Speckbackes Versuchung zum Opfer fällt. Zu ihrem Erstaunen kann das aber auch ganz schön sein!

Kim Newman: Der Große Fisch (1993)

Eine stilsichere, selbstironische Detektivgeschichte im Stil von Hammett oder Chandler.

Drei Monate nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor befindet sich ganz Kalifornien in einer Psychose der Furcht vor der Invasion der „Japse“. Eine Mordserie in Bay City wird da gar nicht richtig wahrgenommen. Neuestes Opfer ist Gianni Pastore, mafioser Besitzer des Casinoschiffs „Montecito“, das draußen in der Bucht ankert – natürlich verlassen wegen der anrückenden Japse. Ein Schnüffler soll herausfinden, wohin Pastores Partner, Laird Brunette, verschwunden ist, und mit ihm das Baby seiner Freundin. Wie sich schon bald zeigt, hat auch das FBI lebhaftes Interesse an Pastore und seiner „Montecito“, und das hat etwas mit einer Fischwesensache in Innsmouth, Massachusetts, zu tun. Allmählich wird diese Geschichte ziemlich fischig, findet der Detektiv. Dennoch ist der Showdown auf der „Montecito“ astreines Abenteuerkino!

Joanna Russ: „Ich muss sie unwillkürlich abgerissen und eingesteckt haben … aber, bei Gott, Eliot, es war eine Blitzlichtaufnahme nach dem Leben!“ (1964)

So lauten die letzten Zeilen von Lovecrafts Erzählung „Pickmans Modell“ (s. o.). Doch im Text geht es um etwas ganz anderes. Irving Rubin ist ein Bücherwurm, der nur Horror-Fantasy liest. Daher wundert sich seine Kollegin, als er plötzlich erzählt, er hab ein wunderbares Mädchen kennen gelernt, das eine echte Lady sei! Potztausend, dieser Irving! Als Miss Kramer seine Gouvernante spielen soll, erhascht sie einen Blick – nicht nur auf Irvings gruftähnliche Wohnung, sondern auch auf das „Mädchen“, dessen schwarzer Schal sich selbst bei starkem Wind nicht bewegt. Wenige Tage später findet man den armen Irving erfroren im Park. Was mag ihm nur zugestoßen sein?

Gahan Wilson: H.P.L. (1990)

Ein junger Fan von Lovecraft macht sich aus dem Mittelwesten gen Ostküste auf, um sein Idol zu besuchen. Natürlich hat Edward alles von und über HPL gelesen und ist daher einigermaßen geschockt, am Bahnhof einen freundlichen Gentleman zu erblicken, der noch nicht einmal Altersfältchen im Gesicht trägt. Dabei dürfte HPL an die 100 Jahre alt sein!

Die Angelegenheit entwickelt sich immer rätselhafter, insbesondere in Lovecrafts imposantem Herrenhaus, dessen Bibliothek ein paar bemerkenswerte Schätze (Necronomicon) und Eigenschaften (schiefe Winkel) aufweist. Noch ahnt „Edwardius“ aber nicht, dass am 15. September (vgl. „Dunwich Horror“) HPLs „Himmelsfahrt“ bevorsteht und er selbst ausersehen ist, des Meisters Nachfolge anzutreten! Clark Ashton Smith wird ihm dabei hilfreich zur Seite stehen.

Der bekannte Zeichner G. Wilson hat eine sehr schöne Weiterführung der alten Freundeskreisaktivitäten gediegen und ironisch erzählt. Eine Freude für jeden Fan.

Bruce Sterling: Das Undenkbare (1991)

Anfang der siebziger Jahre in einer Parallelwelt. Amis und Russen wollen ihr Waffenarsenal abbauen, und so sitzen sie beim langwierigen Verhandeln zwischendurch mal beim Schachspiel. Doch die Figuren sind lebendig und bedienen sich der Magie. Das Schachspiel steht auf einem Tisch in einer Hütte, die auf sechs Hühnerbeinen steht und sich fortbewegen kann: das legendäre Domizil der bösen Hexe Baba Yagá. Allmählich wird auch klar, welche Art von Waffen hier reduziert werden soll: magische Waffen. Und zu den Truppen scheinen auch die Kohorten Cthulhus zu gehören. Da bekommt der amerikanische Unterhändler Elwood Doughty einen dringenden Anruf seiner besorgten Frau: Sie hat einen Sohn zur Welt gebracht, der von den Exorzisten offiziell als „monströs“ erklärt worden ist …

Diese satirische Story ist offensichtlich gegen Lovecraft-Aberglauben und christliche Fundamentalisten gerichtet. Klein, aber fein.

T.E.D. Klein: Ein Schwarzer mit einem Horn (1980)

Die Geschichte einer zunehmenden Bedrohung, die stets an der Grenze zur Belanglosigkeit entlangschlingert.

Der Erzähler ist der mittlerweile 77-jährige Autorenfreund von H.P. Lovecraft, der seinerzeit für seinen Band „Jenseits des Garbes“ (inklusive Druckfehler) gerühmt wurde. Durch die Bekanntschaft mit einem Missionar, der aus Malaysia zurückkehrt und sich verfolgt fühlt, schlittert er aufgrund seiner Recherchen in eine seltsame Geschichte hinein.

Im Innern der malaiischen Halbinsel soll es einen wilden Stamm, die Cho-cho, geben oder gegeben haben, der einen unheimlichen Todesgott, den Shugoran, verehrte, der über ein schwarzes Horn oder einen Saugrüssel verfügte, mit dem er Menschen die Seele aussaugte. Indem er die Cho-cho missionierte, zog sich der Amerikaner den Zorn ihres Gottes zu. Wenige Wochen später ist der Missionar tot und seltsame nächtliche Einbruchsversuche beunruhigen die Bevölkerung Südfloridas. Am Schluss sitzt der Autor im Bungalow seiner verstorbenen Schwester und wartet auf den Schwarzen mit dem „Horn“ …

Geschickt greift der Autor auf HPL-Briefzitate zurück, um seinen Protagonisten in das Umfeld kosmischen Grauens zu rücken. Doch der Schrecken folgt keineswegs HPLs Spuren, sondern versteckt sich hinter den Details alltäglicher Routine. So kommt der bevorstehende Angriff des Shugoran am Schluss wie ein Schock. – Leider keine besonders fesselnde Lektüre.

Esther M. Friesner: Die Liebe uralt‘ Götterblut (1990, im Programmheft zur World Fantasy Convention)

Eine urkomische Satire, in der die Großen Alten das wahrscheinlich einzige Mal etwas Gutes bewirken.

Sarah Pickman möchte Schriftstellerin werden und schickt dazu das Manuskript ihres Verwandten H.P. Lovecraft ein: „Feuer über der See“. Der furchtsame Lektor Robin Pennyworth wird von seiner Chefredakteurin, einer wahren Schreckschraube und Landplage, dazu abkommandiert, dieses Buch zu einem Bestseller im Genre „Romantic Thriller“ zu machen. In Sarahs Wohnort Arkham verliebt er sich sofort in die Schönheit, und selbst ihre froschartigen Augen und die allerliebsten Schwimmhäute zwischen ihren langen Fingern stören ihn nicht.

Doch als Sarah eines Tages mit ihren „Anstandsdamen“ im Verlagsgebäude erscheint, um „ein paar kleine Vertragsdetails“ auszudiskutieren, wenden sich die Dinge für Robin und Sarah. Die Anstandsdamen tragen so absonderliche Namen wie Cthulhu, Hastur und Nyarlathotep! Und sie haben jede Menge Shoggothen im Gefolge.

Wahrlich ein Meisterstück literarischer Satire, das nicht nur HPLs Manier und alle seine Kreaturen durch den Kakao zieht, sondern auch Romantic Thriller im allgemeinen.

Thomas Ligotti: Das Letzte Harlekin-Fest (1990)

Die Story liest sich wie ein bemühter Abklatsch von HPLs „Schatten über Innsmouth“. Tatsächlich kann man sich schon das Ende nach zehn Seiten ausrechnen: Sobald die Stichwörter „Neuengland“ und „reptilienhaft“ fallen, ist schon alles klar.

Ein Anthropologiestudent hat den Tipp bekommen, im Mittelwesten-Städtchen Mirocaw gebe es ein ulkiges Winterfest mit Clowns und einer Winterkönigin. Tatsächlich handelt es sich bei dem abgelegenen Ort um eine Gründung von Leuten aus „Neuengland“. Ein Aufsatz seines verschwundenen Professors Thoss lässt den Studenten vermuten, es handle sich um eine Sekte, die zur Wintersonnenwende okkulte Riten feiere. Wie sich herausstellt, liegt er damit goldrichtig.

Er hat sein Clownskostüm mitgebracht und mischt sich unter die feiernde Menge, bis ein Laster kommt und die traurigen, gemiedenen Clowns einsammelt. Weit draußen vor der Stadt steigen die Clowns alle in ein Tunnelsystem, das zu einer unterirdischen Kuppel führt, wo der Höhepunkt des Festes stattfinden soll: die Opferung der Winterkönigin …

Mal von dem Einfall mit den Clowns abgesehen, langweilt diese Story mit einer pedantisch-pseudowissenschaftlichen Erzählweise und dem vorhersehbaren Plot. Denn genau wie Olmstead in „Schatten über Innsmouth“, stellt auch der Beobachter bei Ligotti entsetzt fest, dass er Teil des Beobachteten ist. Als hätten wir das nicht längst gewusst.

James P. Blaylock: Der Schatten auf der Schwelle (1986)

Eine Story, die sehr stimmungsintensiv ist und überhaupt keine Handlung zu haben scheint.

Der Ich-Erzähler glaubt, im schwankenden Licht auf der Schwelle zu seiner Veranda einen ominösen Schatten gesehen zu haben, der möglicherweise Flossen statt Armen hatte. Er erinnert sich daher an seine drei denkwürdigen Besuche in Aquarienhandlungen. Schon bei der ersten sah er als Dreizehnjähriger ein kleines Wesen im Wasserkasten, dessen Kopf aus Tentakeln bestand. (Dies ist die Gestalt Cthulhus!) 30 Jahre später begegnet es ihm wieder, und wieder. Hat er den träumenden Gott aus den Tiefen der See herbeigerufen?

Gene Wolfe: Herr des Landes (1990)

Eindeutig eine der stärksten Erzählungen des Bandes. Wolfe ist ein ausgefuchster Profi. Jede Zeile zählt bei ihm!

Ein Anthropologie-Student aus Lincoln, Nebraska, sucht in den Appalachen nach Volksmythen. Er bekommt mehr davon, als sein Magen verträgt. Zunächst erzählt ihm der 74-jährige Großvater Thacker von einem Wesen, das er den „Seelentrinker“ nennt und das auftaucht, wenn etwas gestorben ist. Manchmal, wenn der Seelentrinker großen Durst habe, mache er sich auch an Lebende heran. Der Student liest später in seinem Buch „Götter VOR den Griechen“ über den ägyptischen Unterweltsdämon An-nuat, den „Herr des Landes“, der die Seelen von Toten verschlinge, die sich weigerten, mit Obergott Ra ins Jenseits zu fahren. In der Nacht kommt es zu mysteriösen Vorgängen, als der Student übernachten will. Er wird gewarnt, doch sein Rationalismus bereitet ihn nicht auf die Begegnung mit An-nuat selbst vor.

Ramsey Campbell: Pine Dunes und seine Gesichter (1980)

Michael ist, seit er sich erinnern kann, immer mit seinen Eltern im Wohnwagen von Ort zu Ort gezogen. Auf dem Campingplatz Pine Dunes an der englischen Küste scheinen sie zur Ruhe kommen zu wollen. Im nahen Wäldchen hat er eine unheimliche Begegnung im Unterholz, im nahen Dorf-Pub begegnet er June, die auf LSD und Hexenkult steht. In ihrem Buch entdeckt er die Namen aller vergangenen Lagerplätze: Stätten des Hexenkultes! Auf was für einem Trip sind eigentlich seine Eltern?! Als er sich mit June zusammentut und seine Absicht verkündet, seine Eltern mit ihr zu verlassen, ist die Nacht der Entscheidung gekommen: Endlich erfährt er auch, von wem er in Wahrheit abstammt …

Obwohl im Grunde stark von „Dunwich Horror“ inspiriert, bezaubert die Story doch durch ihren Realismus, der mit Szenen in einem magischen Wäldchen kontrastiert. Das Finale endet nicht negativ, sondern voller – düsterer – Hoffnung für Mike und June.

Harlan Ellison: Auf der Marmorplatte (1981)

Ein braver Bürger findet eines Tages in seinem Garten einen scheinbar toten Riesen, der offenbar vom Himmel gefallen ist. Ein Rockmanager kauft die Rechte daran, stellt das Ungeheuer aus und verlangt auch noch Eintritt dafür. So weit also die Story von „King Kong“. Dann ändert sich alles: Ein riesiger Todesvogel dringt in den Ausstellungsraum ein und hackt dem Riesen das Herz aus der Brust, woraufhin dieser zwar erwacht, sich aber nicht wehrt: Es handelt sich um Prometheus, und der Todesvogel ist natürlich der Adler, den die griechischen Götter schickten, um Prometheus für den Raub des Feuers zu bestrafen. Doch das dicke Ende kommt noch …

Leider hat diese medienkritische, ironische Story ziemlich wenig mit Cthulhu zu tun.

Roger Zelazny: 24 Ansichten des Fujiyama, von Hokusai (1985)

Eine mit dem Hugo Gernsback Award prämierte, sehr schöne 85-Seiten-Novelle, deren besonderer Reiz in der Verbindung von Cyberpunk-Moderne mit japanischer Natur und Tradition liegt.

Die Ich-Erzählerin Mari ist eine amerikanische Ex-Agentin, die sich, weil todkrank, auf eine letzte Pilgerfahrt rund um den Fujijama begibt. Dabei folgt sie der Abfolge von 24 Ansichten des Berges, die der berühmte Maler Hokusai angefertigt hatte und die ihr ihr verstorbener Mann Kit in einem schmalen Bändchen geschenkt hatte.

Doch Kit, ein Codebrecher, hat kurz vor seinem Tod den Übergang ins Datennetz per Induktion (daher Cyperpunk) geschafft und will von dort Mari zu sich holen. Deshalb hat sich Mari von allen elektrischen Geräten befreit und entfernt. Leider sind die japanischen Klöster, in denen sie übernachtet, mit Computer-Terminals ausgestattet: So findet Kit sie auch in der Provinz und überwacht alle 24 Ansichten des Fuji von Hokusai. Leider hat Kit in aller Welt Daten manipuliert und richtet Chaos an. Mari weiß, dass es nur eine sichere Methode gibt, sich selbst und die Welt von Kit zu befreien …

Das Cthulhu-Motiv findet sich in zwei Aspekten. Zum einen erzählt sich Mari selbst eine Gutenachgeschichte von einem uralten Kloster, das am Meer liegt und dessen Mönche Meereswesen aus der Unterseestadt R’lyeh, Cthulhus Residenz, huldigen. Zum zweiten formt Kit aus seiner Datenwelt heraus elektrisch aufgeladene Phantome, die mit rüsselartigen Fortsätzen nach Mari greifen und sie attackieren.

Aus der stimmungsvollen und rätselhaften ersten Hälfte der Geschichte entwickelt sich eine Reihe von Interaktionen mit Kits Agenten und Phantomen, bis es zum finalen Showdown kommt. Daher lohnt es sich durchaus, die Geschichte mehrmals zu lesen.

In der alten Heyne-Anthologie „Schöne nackte Welt“ ist diese Novelle mit allen Hokusai-Bildern abgedruckt worden, viele davon auf Doppelseiten. Auch die Übersetzung war etwas besser. So wurden etwa japanische Begriffe wie ‚hara‘ (Kraftzentrum) und ‚bodhisattva‘ („ein Anwärter künftiger Buddhaschaft“) sowie Literaturzitate in Fußnoten erklärt. Die Lübbe-Version lässt den Japan-Laien allein.

Unterm Strich

Die Beiträge dieser Sammlung lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen. Das sind zunächst die wirklich guten Storys, die von erfolgreichen Profis wie Newman, Wilson, Wolfe oder Zelazny geschrieben wurden. Zelaznys Novelle weiß sogar Ergriffenheit beim Leser auszulösen.

Dann gibt es zur Auflockerung die Parodien und Satiren, die das Ganze nicht so wahnsinnig ernst nehmen und sich lieber einen Spaß draus machen. Herausragend dabei ist Esther Friesners Story „Der Liebe uralt‘ Götterblut“ („Love’s Eldritch Ichor“). Auch eine ironische Story wie von Poppy Z. Brite gehört hierzu.

Und dann gibt es da noch die Autoren, die sich redlich mühen, dem modernen Leser Cthulhus Grauen unterzujubeln, es aber doch nicht richtig schaffen. Die zwei Tiefpunkte markieren hierbei Ligotti und Basil Copper mit ihren bemühten Beiträgen, und bei T.E.D. Klein und Harlan Ellison bin ich mir nicht sicher.

Während also diesmal gleich drei Frauen unter den Autoren zu finden sind, so sind sie es doch vor allem, die dem Cthulhu-Potpurri die ironische Würze verleihen. Zelaznys Novelle ist ein würdiger Abschluss, der zunächst nichts mit Cthulhu zu tun haben scheint, dabei aber HPLs Mythos von seinem Dreißiger-Jahre Muff befreit und ins 21. Jahrhundert führt.

Taschenbuch: 748 Seiten
www.luebbe.de

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