Ursula K. Le Guin – Freie Geister

Der große utopische Science-Fiction-Klassiker in kongenialer Neuübersetzung.

Der einzige Ort auf dem Anarres, der durch eine Mauer von seiner Umgebung abgetrennt wird, ist der Raumhafen. Von hier aus werden die Edelmetalle, die in den Minen des Planeten abgebaut werden, einmal im Jahr zum Nachbarplaneten Urras geflogen.
Für die Herrschenden von Urras ist das anarchistische Anarres nicht mehr als eine abhängige Bergbaukolonie, die es möglichst effektiv auszubeuten gilt. Für die Bewohner von Anarres ist ihre Heimat jedoch der einzige Ort im ganzen Sonnensystem, wo sie wirklich frei sind – frei von Unterdrückung, aber auch frei von dem Zwang, künstlich erzeugte Bedürfnisse befriedigen zu müssen.
Als sich auch auf Anarres erste Herrschaftsstrukturen zu bilden beginnen, begibt sich der Physiker Shevek auf eine riskante Reise nach Urras. Er möchte in Dialog mit dortigen Wissenschaftlern treten und gerät dabei zwischen alle Fronten..

(Verlagsinfo)

Die Neuübersetzung eines Klassikers – Ursula K. Le Guins »The Dispossessed« hat bereits einige Veröffentlichungsrunden in Deutschland hinter sich, und während sich die bisherigen Titel wie »Planet der Habenichtse« oder »Die Enteigneten« an einer Übersetzung des Originaltitels versuchten, wählte Karen Nölle einen anderen Weg. »Freie Geister« sind die Triebfeder des Romans ebenso, wie sie ein Hauptthema in Le Guins Schaffen darstellen.

Ursula K. Le Guin wurde für ihre Romane und Kurzgeschichten mehrfach ausgezeichnet, doch nicht zuletzt die TV-Verfilmung ihres Fantasy-Epos »Erdsee« machte ihren Namen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Dabei muss gleich in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass diese bewegten Bilder dem Atem, der ihren Geschichten anhaftet, nicht gerecht werden. Umso begrüßenswerter ist die erneute Veröffentlichung ihres vorliegenden Romans.

Der Inhalt lässt sich rasch zusammenfassen, doch sowohl die Hintergründe, als auch das Verständnis des Romans ergeben eine komplexe Abhandlung, denn Le Guin erzählt hier eine Geschichte über Weltanschauungen und den Menschen, der sie mit Leben füllt. Ein hochkomplexes Thema, doch durch die geschickte Struktur des Romans und das erzählerische Talent der Schriftstellerin lässt es sich auf einen einzelnen Roman komprimieren und erfasst trotzdem das Wesentliche und die unüberwindbare Problematik. Wer Raumabenteuer, Kämpfe, große Helden und Laserschwerter erwartet, wird schwer enttäuscht sein. Es ist eine Geschichte für den Geist – und von daher wird sie ihrem neuen Titel vollauf gerecht.

Menschen eines fernen Planeten spalteten sich einst in zwei Lager: Diejenigen, denen das Arbeiten zum persönlichen Wohl nötig erschien, und diejenigen, die vor allem durch Verzicht und gleichberechtigten Einsatz das Wohl aller in den Vordergrund stellten. Aus dieser Spaltung zogen sich letztere zurück und besiedelten den recht unwirtlichen Mond des Planeten, abgeschottet von Informationen und Zuwanderung, ja von jeglichem Austausch – abgesehen von dringend benötigten Gütern, die im Gegenzug mit Bodenfunden des Mondes ausgeglichen wurden.

In dieser anarchistischen Gesellschaft festigten sich über die Jahre und Generationen erneut Traditionen, die das Individuum einzuengen begannen – und daraus drängte eine neue revolutionäre Kraft hervor, diese Strukturen aufzubrechen. Ein einzelner Mann, theoretischer Wissenschaftler mit revolutionären Ideen, Familienvater und Idealist, kehrt seiner Gesellschaft den Rücken, um dem verruchten Gegner, dem egoisierenden Volk auf dem Ursprungsplaneten, seine Ideen zu bringen und damit die Barrieren zu überwinden – nicht, um seiner Gesellschaft zu schaden, sondern, um sie aus ihrer Lethargie zu reißen und die Freiheit des Geistes und des Individuums zu stärken. Und vielleicht einen Keim auf der korrumpierten Welt zu hinterlassen …

Anarchie und Kapitalismus, Freiheit und Überwachung, Wohlstand auf dem Rücken des Volkes. Große Themen, die Ursula K. Le Guin beschäftigen. Es sind Themen, die nicht nur in diesem Roman ihre Diskussion bekommen; es zieht sich durch ihr schriftstellerisches Werk. Und wo in dieser Absicht Kollegen mit mahnendem Zeigefinger scheitern mögen, erzählt sie eigentlich nur die Geschichte eines Mannes, der auszog, Idealist zu bleiben. Karen Nölle als Übersetzerin schreibt in ihrem Anhang über Le Guins Ideenfindung, und wie es im Speziellen zu diesem Roman kam. So sind ihr stets die Protagonisten wichtig, sie erscheinen vor ihrem inneren Auge und fordern ihre Geschichte, die ihrem Wesen gerecht wird. Und so ist auch Shevek, der Protagonist des Romans, eine besondere Figur. Idealist, habe ich bereits zweimal erwähnt. Idealist im Sinne der Freiheit von Geist und Individuum, und die Geschichte ist eine Erzählung darüber, wie man versuchen könnte, diesem Thema idealistisch nahe zu kommen – und welche Probleme sich unweigerlich aus der menschlichen Natur ergeben.

Stilistisch beschränkt sich Le Guin auf ihre unaufgeregte Erzählweise; sie wird nie reißerisch oder action geladen, verschmäht aber dabei das ein oder andere energische Szenario nicht, Details, denen man ebenso gut einen Großteil der Handlung hätte spendieren können. Le Guin nutzt sie in gleicher Weise wie ruhigere Abschnitte, um den Protagonisten zu entwickeln. Oder durch seine Erfahrungen das Bild der Problematik zu verfeinern. Es sind vor allem die Gedanken Sheveks, die den Strom am Laufen halten, und Unterhaltungen, jede wie eine Enge, die den Strom beschleunigt, ein Hindernis, das es zu überwinden gilt, oder eine Erweiterung im Verlauf, die beruhigend wirkt und der Sammlung der Gedanken gilt.

Sheveks Idealismus bleibt dabei so rein, dass es manchmal beinahe schmerzt, wenn er an den Grenzen seiner Umgebung scheitert oder die Unzulänglichkeit im menschlichen Wesen erkennt. Le Guin wechselt dabei durch die Struktur des Romans Kapitel mit führer Entwicklung und Reife, Einsichten in das egoistische Wesen des Menschen mit anderen Kapiteln ab, in denen Shevek seinen Entschluss gefasst und seine Reise angetreten hat, um seinen Idealismus zu verbreiten und damit zu scheitern. Daraus entsteht ein erzählerischer Zyklus, ein Kreis, an dessen Ende die einzige offene Stelle jede Möglichkeit frei lässt, seinen Mitmenschen ebenso wie der Zukunft.

Le Guin versucht in diesem Roman keinesfalls, unsere Gesellschaftsformen gegen die Anarchie bloßzustellen, es ist vielmehr wie ein Gedankenexperiment, was für Konsequenzen vorstellbar, welche unvermeidlich wären, und wie die menschliche Natur in dieser Gleichung zu Buche schlägt. Nichtsdestotrotz ist es gleichfalls eine Kritik an der Unfreiheit, an der Ausnutzung und an den Grenzen, denen wir uns selbst unterwerfen. Kann ein Roman heute aktueller sein? Es ist keine Ausarbeitung von zukünftigen Technisierungen, Vernetzung und ihre Probleme lassen sich aber bereits ableiten und vor allem ist alles, was Le Guin über den Menschen schreibt, ein voller Treffer.

Broschiert, 432 Seiten
Originaltitel: The Dispossessed (1974)

ISBN: 9783596035359

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