DiTerlizzi, Tony – Kenny und der Drache

_Kleiner Hase – große Freundschaft_

Kenny Kaninchen führt ein beschauliches Leben auf dem Lande – bis er eines Tages Freundschaft mit dem Drachen Grahame schließt. Der ist alles andere als ein feuerspeiendes Ungeheuer. Vielmehr liebt das schöngeistige Drachentier mit der Lesebrille auf der Schnauze gutes Essen, Schachspiel, Gedichte schreiben und – Bücher! Genau wie Kenny. Doch das wissen die anderen Dorfbewohner natürlich nicht, und deshalb wollen sie den Drachen beseitigen! Das soll ausgerechnet Kennys bester Freund übernehmen: Georg, der pensionierte Ritter und Drachentöter. Kenny muss die bevorstehende Katastrophe unbedingt verhindern – und greift zu einer List …

Moderner Klassiker nach einer Vorlage von Kenneth Grahame („Der Wind in den Weiden“). (Verlagsinfo)

_Der Autor und Illustrator_

Tony DiTerlizzi ist ein mehrfach ausgezeichneter amerikanischer Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern sowie Rollenspielbänden. Zu seinen Werken gehören Arbeiten für Bücher von Tolkien, Anne McCaffrey, Peter S. Beagle sowie für das Kartenspiel „Magic the Gathering“ und „Dungeons & Dragons“. Berühmt wurde er durch seine mit Holly Black geschriebene weltweite Bestsellerserie „Die Spiderwick-Geheimnisse“. Er lebt mit seiner Frau Angela und seinem Mops Goblin in Amherst, Massachusetts, einem recht malerischen Städtchen in Neuengland.

_Handlung_

Kenneth das Kaninchen lebt mit seinen Eltern friedlich auf dem Lande und arbeitet auf dem Bauernhof. Seine Schularbeiten macht er allerdings höchst ungern, denn er würde viel lieber Bücher über Abenteuer lesen. Seine Mitschüler, die nicht so belesen sind, sowie die blöde Mathelehrerin ziehen ihn deswegen auf.

Aber er hat auch ebenso belesene Freunde, so etwa Georg, den Dachs, der einen Buchladen in der Stadt besitzt, und dessen Gehilfin Charlotte, in die Kenny heimlich verliebt ist. Dort darf er sich regelmäßig Bücher ausleihen.

Eines Tages kommt sein Vater aufgeregt nach Hause: Ein Ungeheuer hat seine Schafe in Aufregung versetzt. Neugierig geworden radelt Kenny mit seinem Hochrad über die Landstraße, die zu der bezeichneten Gegend führt. Das „Ungeheuer“ entpuppt sich als Drache. Und weil Kenny das Kapitel über Drachen im „Tierbuch“ in- und auswendig kennt, schlottern ihm die Knie. Drachen seien blutrünstige Monster, die Jungfrauen zum Frühstück verspeisten, heißt es darin. Dieser Drache allerdings mag Blumen, singt Lieder und – Kenny traut seinen Augen kaum – liest Bücher. Er nennt sich Grahame, wie der Dichter von „Der Wind in den Weiden“.

Und Grahame ist überaus freundlich und zuvorkommend – sobald er mal mit den Flämmchen aus seinen Nüstern aufgehört hat. Herzlich gern folgt er Kennys Einladung zum Tee und besucht seine Eltern. Bald sind Kenny und er die besten Freunde. Bis Kenny einen Fehler macht.

Kenny behauptet in seiner Schulklasse, das Tierbuch lüge und Drachen seien überhaupt keine Monster. Und als der alte Angler Willi Waschbär ausposaunt, er habe den Drachen gesichtet (um Freibier zu schnorren), da versammelt sich eine besorgte Bürgerschaft, die die baldige Vernichtung des Ungeheuers verlangt. Zu Kennys Entsetzen ist es ausgerechnet sein Freund, der Dachs Georg, der auf Befehl des Königs den Drachen töten soll. Denn in seiner Jugend war Georg als Drachentöter weithin bekannt – und jetzt zieht er wieder seine Rüstung an. Muss sich Kenny zwischen zwei Freunden entscheiden? Er ist niedergeschmettert.

Erst in jenem seltenen Augenblick, als Georg zu Besuch kommt und auch Grahame zum Tee erscheint, kommt etwas Licht in die ganze Geschichte. Georg hat gar nicht die unbedingte Absicht, den Drachen zu töten, und Grahame hat keine Lust, einen Ritterpanzer zu knacken. Aber wie kann man einem Befehl des Königs widersprechen? Doch als Grahame von den wunderbaren Stücken William Shakespeares erzählt, kommt Kenny die rettende Idee!

_Mein Eindruck_

Ich bin mit der Vorlage von Kenneth Grahame nicht vertraut, deshalb fällt es mir schwer, die literarischen Fähigkeiten von Tony DiTerlizzi zu beurteilen. Wenigstens ist das Buch in einem einigermaßen modernen Ton übersetzt worden, so dass jedes heutige Kind es verstehen kann. Die Übersetzerin Anne Brauner hat ihre Kunst schon den „Spiderwick-Chroniken“ angedeihen lassen, und die fand ich einwandfrei ins Deutsche übertragen.

Womit sich DiTerlizzi hier verewigt hat, sind wohl mehr solche Einfälle wie ein Hochrad, ein Buchhandlung, die „Bücherhöhle“ heißt, und natürlich mit den Illustrationen. Man kann nicht viel gegen seinen Stil einwenden, denn es handelt sich ja um ein Kinderbuch, aber wenn man mal ein wenig auf die Schatten achten und in welche Richtung sie fallen, dann stößt man auf ein paar Ungereimtheiten. Aber das ist, wie gesagt, in einem Kinderbuch nicht so wichtig.

Worauf es in der Geschichte hingegen ankommt, ist der dramatische Loyalitätskonflikt, in dem sich der junge Held befindet: Wen von seinen beiden Freunden Georg und Grahame soll er opfern, wo er doch keinen davon verlieren will? Und alles nur wegen des blöden Befehls des Königs! Dabei weiß Kenny genau, dass es den Bürgern ebenso wie dem König und seinem doofen Hofstaat nur um eines geht: um Entertainment! Sie finden es höchst unterhaltsam, einen Drachen durch einen Ritter zur Strecke bringen zu lassen.

Als Kenny diese Tatsache begriffen hat, fällt es ihm leicht, auch die nächsten Schritte zu tun: Wenn die Leute eine Show wollen, dann gibt man ihnen eine Show – aber mit einer Lehre darin! Indem er seinen Konflikt auf die Ebene der Kunst hebt, ist er in der Lage, aus dem Ernst der Lage sowohl eine Show zu machen, als auch die Botschaft durch die Blume an den Mann zu bringen: Drachenkillen ist nicht nur ungerecht gegen nette Drachen – sondern außerdem höchst schrecklich! Durch die Kunst kann Kenny den Leuten einen Spiegel vors Gesicht halten, in dem sie ihre eigenen niederen Gelüste erkennen müssen.

Natürlich kann man einen König schlecht damit konfrontieren, und so lassen sich Kenny und seine Amateurtruppe von Laienschauspielern etwas ganz Besonderes für ihn einfallen. Der Erfolg gibt ihnen Recht: Sie werden für einen ganzen Monat engagiert. Las Vegas ist nichts gegen einen richtigen Hofstaat! Und hinterher können Kenny und Grahame wieder nach Herzenslust spielen und lesen.

|Die Übersetzung|

Auf Seite 25 steht tatsächlich der Satz:“„sodass das Biest ihn [Kenny] nicht wittern und unerwaret attakieren würde.“ Zwei hübsche Fehler, die dem Zwang geschuldet sind, in einer Zeile nur eine bestimmte Zahl von Zeichen unterbringen zu können.

Auf Seite 35 wird der Schriftsteller Kenneth Grahame (1859-1932) in der Fußnote zu einem „britschen“ Autor gemacht.

Auslassungen wie diese drei findet man auch auf Seite 110 in dem Satz: „Als die beiden nach Hause kamen, war[en] alle vollauf beschäftigt.“

_Unterm Strich_

Die schöne Geschichte führt dem jungen Leser mehrere Erkenntnisse vor Augen, die Kenny, der kleine Held, hat. Man sollte sich nicht davon leiten lassen, was andere Leute irgendwo mal niedergeschrieben haben, sondern nach der eigenen Erfahrung und Anschauung streben, auch wenn das Erlebnis vielleicht gefahrvoll erscheinen mag. Aber man ist ja meist nie allein, sondern kann sich auf Eltern und Freunde verlassen (Liebe spielt in diesem Alter wohl noch keine Rolle).

Ganz besonders interessant – und schmerzhaft für Kenny – ist der Loyalitätskonflikt, in den ihn der Befehl des Königs stürzt, so dass er scheinbar zwischen zwei Freunden wählen muss und droht, mindestens einen davon zu verlieren. Diesem Eingriff der Staatsmacht sind wir zum Glück nicht häufig ausgesetzt, es sei denn, es ginge darum, unseren Reichtum mit ärmeren Nachbarn zu teilen, wie es die Asylantendebatte in den achtziger Jahren deutlich gemacht hat.

Den Ausweg aus seinem Dilemma liefert Kenny die Kunst: Mit ihr kann er dem König zwar nicht den Stinkefinger zeigen, aber doch einen Spiegel vorhalten, was seine Befehle mit den lieben Untertanen anrichten – und zu diesen gehört neuerdings auch ein Drache mit „Migrationshintergrund“. Der Bereich der Kunst bietet dem Eingewanderten auch ein Multikulti-Refugium, um hier leben und wirken zu können, wie es ihm behagt. Die Botschaft ist so einfach wie nobel: Frieden und Zusammenleben sind möglich, wenn man die Scheuklappen beseitigt und den Mächtigen zeigt, wie es besser geht (wobei das eine wie das andere großen Mut erfordert).

Die Illustrationen, für die der Zeichner der „Spiderwick-Geheimnisse“ bekannt ist, sind auch diesmal durchweg gelungen, wenn man nicht auf die Schatten achtet. Einen dermaßen knuddeligen Drachen wird man selten wiederfinden. Die Übersetzung ist stilistisch gut gelungen, überfordert keinen der jungen Leser und weist in der Drucklegung nur vier Flüchtigkeitsfehler auf, also ziemlich wenige.

|Originaltitel: Kenny and the Dragon, 2008
144 Seiten
Aus dem US-Englischen von Anne Brauner
ISBN-13: 978-3570138151|
http://www.cbj-verlag.de

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