Pattison, Eliot – Asche der Erde, Die

_Das geschieht:_

25 Jahre nach der atomaren Apokalypse, die durch einen von Terroristen gestarteten III. Weltkrieg ausgelöst wurde, gibt es nur noch wenige Menschen auf einer vielerorts verstrahlten Erde. An der Grenze zum ehemaligen Kanada hat sich an einem der Großen Seen die US-Kolonie New Carthage entwickelt. Unter dem strengen Regime des „Gouverneurs“ Lucas Buchanan führen 9000 Menschen ein hartes Leben, das dem ihrer Vorfahren im 19. Jahrhundert gleicht. Das Wissen um die Vergangenheit schwindet mit dem Aussterben der Elterngeneration, der weitere Niedergang scheint vorprogrammiert.

Hadrian Boone gehört zu denen, die sich weigern zu resignieren. Einst gehörte er dem Rat von New Cathage an. Doch Gouverneur Buchanan hat sich in einen Feudalherren verwandelt, der seine ‚Untertanen‘ zunehmend deckelt. Dass er Boone nicht schon längst in die tödliche Verbannung geschickt hat, verdankt dieser der schützenden Hand des alten Wissenschaftlers Jonah Beck, der für New Carthage zahlreiche Errungenschaften der Vergangenheit bewahren oder neu erschaffen konnte.

Doch Beck wird umgebracht – ein weiterer Mord, den Buchanan verschweigt: Sämtliche Kundschafter, die er hinausschickte, um nach anderen Siedlungen zu suchen, wurden ebenfalls getötet. Boone wird beauftragt, das Rätsel zu lösen. Eine abenteuerliche Erkundungsreise in den Norden führt ihm vor Augen, dass die Menschheit sich zwar zu erholen aber dabei die tödlichen Sünden der Vergangenheit zu wiederholen beginnt. Boone entdeckt, dass New Carthage von einer feindlichen Macht unterwandert wird, die es auf die Vorräte der Siedlung abgesehen hat. Der unsichtbare Feind verfügt nicht nur über Waffen und Munition aus der ‚alten Welt‘, sondern auch über andere, viel gefährlichere Mittel zur Unterstützung der anstehenden Invasion …

_Scheinbar neue Weisheit im alten Gewand_

Es ist immer ein Seiltanz, wenn ‚echte‘ Literaten sich in Genre-Unterhaltung versuchen bzw. sich bestimmter Genre-Elemente bedienen, um ihre Geschichte zu ‚würzen‘ und für jene Leserschichten attraktiver zu gestalten, die sonst wohl nicht zugreifen würde. Eliot Pattison ist durch eine Serie vielgelesener Kriminalromanen bekannt geworden. Diese spielt außerdem im modernen Tibet und vor dem Hintergrund der dort herrschenden chinesischen Diktatur. Da Pattison politische und gesellschaftskritische Aspekte stark in den Vordergrund stellt, hat er das Interesse entsprechend gepolter Kritiker erregt, die der Ansicht sind, dass Pattisons Tibet-Romane ihren Teil dazu beitragen, die lesende Welt auf die chinesischen Verstöße gegen die Menschenrechte aufmerksam zu machen, weshalb sie schon deshalb literarischen Wert besitzen.

Mit „Die Asche der Erde“ wechselt Pattison zwar das Reittier – das zum Transport der eigentlichen Botschaft gesattelte Genre -, bleibt aber auf gewohntem Kurs. Im Gewand einer „Post-Doomsday“/Science-Fiction-Geschichte spielt er erneut in allen Einzelheiten durch, wie gesellschaftliche Systeme ausarten können. Als Identifikationsfigur dient ihm abermals ein unbeugsamer Idealist. An die Stelle von Shan Tao Yun tritt Hadrian Boone. Bereits der Name ist Programm, denn wie der antikrömische Kaiser (76-138 n. Chr.) ist Boone ein Mann, der die Bewahrung und Förderung der Kultur über Eroberungspläne stellt.

Die chinesische Diktatur wird durch das neo-feudale New Carthage ersetzt. Wenn sich Pattison nun auf einen überschaubaren Mikrokosmos konzentriert, kann er die Sünden des Machtmissbrauchs wesentlich deutlicher aufzeigen, indem er sie Individuen zuordnet. Hat das Böse einen Namen, lässt es sich leichter identifizieren.

|Unterdrücken ist leichter als Lernen|

Pattison erklärt sich in einem Nachwort so über „Die Asche der Erde“: |“Der vorliegende Roman ist gewiss nicht als Prophezeiung gedacht, doch er basiert zum Teil auf Vorhersagen über den Stand von Technologie und Wissenschaft nach einer so umfassenden Zerstörung. Auch mit bestens ausgebildeten Fachleuten unter den Überlebenden würde eine solche Gesellschaft wahrscheinlich ohne Elektrizität und Verbrennungsmotoren auskommen müssen und sich wieder auf die Technik des frühen Industriezeitalters besinnen.“| (S. 429) Auf der Basis dieser Erkenntnisse zeichnet Pattison freilich eine Zukunftswelt, die sich von den Entwürfen vieler SF-Autoren kaum oder gar nicht unterscheidet. So hat beispielsweise Robie Macauley (1919-1985) in „A Secret History of Time to Come“ (dt. „Dunkel kommt die Zukunft“) schon 1979 alles Themenrelevante gesagt. Einen tiefen Blick in eine durch die Altlasten der Vergangenheit gebremste Zukunft warf zuletzt Robert Charles Wilson in „Julian Comstock“ (2009). (Aber das ist ja nur Science-Fiction …)

Dies schließt die soziale Komponente ausdrücklich ein. Pattisons Blick auf diesen Bereich der menschlichen Zukunft wirkt banal: |“Bei einer Gruppe, die einen zufälligen Querschnitt der heutigen Gesellschaft darstellt, gäbe es reich Gelegenheit, sowohl die Licht- als auch die Schattenseiten der menschlichen Existenz zur Schau zu stellen.“| (S. 430) Die Welt um das Jahr 2050 wird für Pattison zur „Bühne“, deren „überaus fruchtbaren Boden für die Phantasie“ er mit entsprechenden Figuren bevölkert. Damit reiht sich „Die Asche der Erde“ in die lange Reihe mehr oder weniger gelungener „Post-Doomsday“-Geschichten ein. Die von Pattison (vorsichtig) beanspruchte oder gar eine auf Literatur-‚Wert‘ basierende Sonderstellung kann dieser Roman nicht beanspruchen.

|Von New Carthage nach Old Hollywood?|

Aber reine Unterhaltung kann er ebenso wenig bieten. Dies liegt einerseits an Pattisons jederzeit erhobenem Zeigefinger, mit dem er seine Leser didaktisch auf nachfolgende Erkenntnisse hinweist. Pattinson schwelgt andererseits in einem Weltschmerz, den weder die „Bühne“ noch seine Figurenzeichnung hergibt. Nicht einmal die innere Zerrissenheit des zum Tyrannen gewordenen Lucas Buchanan vermag zu beeindrucken. Sie wirkt theatralisch, kann es jedoch nicht mit dem geballten Gutmenschentum des Hadrian Boone aufnehmen. Er gibt eine Art Schmerzensmann, der für die Sünden dieser und der untergegangenen Welt den Kopf hinhält; es gibt keine andere Romanfigur, die so ausgiebig verprügelt, angeschossen oder auf andere Weisen malträtiert wird wie Hadrian Boone. Im nächsten Absatz rappelt er sich wieder auf, denn sein Auftrag, dieser Welt das Heil – Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, fließendes Wasser – zu bringen, duldet keine Auszeiten.

Die ebenfalls auf Hollywood-Format herunter gebrochenen Konflikte bieten nur eine routinierte Folge von Streitigkeiten, Intrigen, enttäuschten Erwartungen und vor allem Schurken, denen die Bosheit wieder einmal in die Visagen geschrieben steht. Vom Gefängniswärter Kenton, dem der Knüppel stets locker sitzt, über den allezeit mörderischen Kapitän Fletcher bis zum kalt-intriganten Dr. Kinzler sind sie alle so fürchterlich verworfen, dass man sich als Leser das Grinsen oft nicht verkneifen kann.

Trotzdem sind sie erträglicher als die ‚Guten‘, die sich viel zu oft die Zeit für viel zu ausführliche Klagen und Was-wäre-wenn-Vorträge nehmen. Dazwischen schieben sich radioaktiv geröstete Mutanten, die Pattison zur neuen, ausgegrenzten Minderheit erklärt und an denen die üblichen Anti-Unterdrückungs-Routinen abgearbeitet werden.

|Der tote Kundschafter in der Latrinengrube|

Am besten liest sich „Die Asche der Erde“ als Kriminalroman. Pattison leitet mit einem Leichenfund in die Handlung ein; Boone versucht sich als Detektiv, sucht Spuren, wertet Indizien aus, knüpft kausale Ketten. Dass er sich dabei auf einfache Mittel und Methoden beschränken muss, rückt „Die Asche der Erde“ in die Nähe des Historienkrimis. In der Tat könnte diese Geschichte problemlos ohne die SF-Zugaben funktionieren und beispielsweise in einer nordamerikanischen Grenzsiedlung des 19. Jahrhunderts spielen.

Dazu passt das Element der Konspiration, das dem Geschehen ein wenig Thriller-Schwung gibt, das es bitter nötig hat. Wie so oft kann die Auflösung dem Rätsel nicht standhalten, wobei hier das Problem hinzukommt, dass uns die Grenzen und Regeln dieser Welt unbekannt sind. Pattison kann sie und damit den Kreis der Verdächtigen nach Belieben erweitern, um seiner Geschichte eine neue Richtung zu geben, und genau das macht er auch und zieht dabei immer neue Verschwörer und Schurken aus dem Hut.

„Die Asche der Erde“ liest sich trotz aller Einwände angenehm schnell. Pattison mag nicht besonders originell sein, aber schreiben kann er; hierzulande wird er zusätzlich von einem guten Übersetzer unterstützt. Doch jegliche Nachwirkung bleibt aus. Ist das Buch geschlossen, beginnt sich die Erinnerung an das Gelesene umgehend zu verflüchtigen.

_Autor_

Joseph Eliot Pattison (geb. am 20. Oktober 1951 in Schottland) ist hauptberuflich Rechtsanwalt. Als Fachmann für internationales Recht berät er internationale Unternehmen. Als Journalist und Autor hat er zahlreiche fachspezifische Artikel und Fachbücher veröffentlicht.

Seine Arbeit führt Pattison seit jeher oft ins Ausland. Vor allem mit den Verhältnissen in China ist er vertraut. Diese Erfahrungen flossen nicht nur in seine journalistische Tätigkeit, sondern auch in den Kriminalroman „The Skull Mantra“ 2000 (dt. „Der fremde Tibeter“) ein, der 2000 mit einem „Edgar Allan Poe Award“ als bester Erstlingsroman ausgezeichnet wurde. Diesem ersten Fall des Ermittlers Shan Tao Yun, der in Peking in Ungnade fiel und nach Tibet verbannt wurde, ließ Pattison weitere, ebenfalls sehr erfolgreiche Bände folgen. Mit „Bone Rattler“ begann er 2007 eine zweite Reihe um den Ermittler Duncan McCallum, die im kolonialen Nordamerika des 18. Jahrhunderts spielt.

Mit seiner Familie lebt Eliot Pattison auf einer Farm in Oley Valley im US-Staat Pennsylvania.

|Paperback mit Klappenbroschur: 431 Seiten
Originaltitel: Ashes of the Earth (Berkeley/California : Counterpoint 2011)
Übersetzung: Thomas Haufschild
ISBN-13: 978-3-352-00826-9|

|eBook: 644 KB
ISBN-13: 9-7838-4120-400-4|
http://www.eliotpattison.com
http://www.aufbau-verlag.de

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