C. J. Cherryh – The Betrayal (Cyteen 1)

Cloning-Projekt: Wiederauferstehung der Tyrannin

„Cyteen: The Betrayal“ ist der Auftakt zu einem außergewöhnlichen Cloning-Projekt: Die ermordete Leiterin des größten Genlabors der Galaxis soll rekonstruiert werden. Doch wer ist ihr Mörder, der immer noch frei herumläuft?

Für ihre Science-Fiction-Trilogie (in Wahrheit ein einziger langer Roman!) bekam C.J. Cherryh den HUGO-GERNSBACK-Award 1989 ein zweites Mal. „Cyteen“ ist einer der besten Einstiege in Cherryhs Allianz-Union-Universum und SF-Lesefutter mit anspruchsvollem Tiefgang.

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Historikerin und lebt in Oklahoma. Sie erhielt schon 1980 ihren ersten Science-Fiction-Preis für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“***. 1983 folgte der erste HUGO Award für „Pells Stern“, später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von anderen Größen des Science-Fiction-Feldes geschaffen wurde, darunter Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov.

***: Die Story ist jetzt im Sammelband „The short fiction of C.J. Cherryh“ (Januar 2004) zu finden.

Wichtige Romane und Trilogien des Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus:

„Downbelow Station“ („Pells Stern“): PELL 1
„Merchanter’s Luck“ („Kauffahrers Glück“): PELL 2
„40.000 in Gehenna“ (dito): PELL 3
„Rimrunners“ („Yeager): PELL 4
„Heavy Time“ („Schwerkraftzeit“): PELL 5
„Hellburner“ („Höllenfeuer“): PELL 6
„Finity’s End“ („Pells Ruf“): PELL 7
„Tripoint“ (dito): PELL 8
„Cyteen“ (3 Romane im Sammelband „Geklont“)
„Serpent’s Reach“ („Der Biss der Schlange“)
„Cuckoo’s Egg“ („Das Kuckucksei“)
Die DUNCAN-Trilogie „Die Sterbenden Sonnen“: Kesrith; Shon’jir; Kutath.
Der CHANUR-Zyklus: Das Schiff der Chanur; Das Unternehmen der Chanur; Die Kif schlagen zurück; Die Heimkehr der Chanur; Chanurs Legat.

Der CYTEEN-Zyklus:

1) Der Verrat (The Betrayal)
2) Die Wiedergeburt (The Rebirth)
3) Die Rechtfertigung (The Vindication)
4) Regenesis (2008, Prequel zu „Der Verrat“)

Vorgeschichte

In „Pells Stern“ (PELL #1) schildert die Autorin, wie es zur Entstehung von Kauffahrer-Allianz und Kolonien-Union kam. Die Union besteht aus selbständig gewordenen Kolonien, die sich gegen die Flotte der Erde zur Wehr setzen, die die Earth Company gegen die abtrünnigen Kolonien in Marsch gesetzt hat. Der Verlauf des Konflikts erinnert in bestimmten Merkmalen an den Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien gegen das Mutterland England.

2005 bis 2352 n.Chr.

Im 21. Jahrhundert hatte die Earth Company nur eine Station nach der anderen gebaut, die um andere Welten nach dem Vorbild der erdnahen Sol Station kreisten. Die einen Großen Kreis fliegenden Frachter versorgten die Stationen mit Waren, die nur die Erde herstellen konnte, v.a. Lebensmittel. Sie lieferten dafür Rohstoffe, v.a. Erze. An den Profiten wurde die Company fett, satt und träge. Dann gewannen die Isolationisten großen Einfluss, die der Company den Einfluss neideten. In der Folge entfremdeten sich die Stationen von der Company, und umso mehr dann, nachdem eine lebensfreundliche Welt entdeckt worden war: Pells Welt, die von den Stationsleuten „Downbelow“ genannt wird.

Mit Pell und seiner Station änderten sich die Regeln des Spiels. Denn nun konnten sich die Stationen selbst versorgen und waren nicht auf Nachschub von der Erde angewiesen. Einige schlossen sich zur „Union“ zusammen, insbesondere auf Betreiben der Regierung, die auf der neu entdeckten und autarken Welt Cyteen herrschte und Unmengen von Klonen herstellte, um die umliegenden Welten und Stationen zu bevölkern (man lese dazu die „Cyteen“-Trilogie). Pell gehört nicht zur Union und deshalb sehr begehrt – von allen Seiten. Weil man auf Cyteen auch die Raumsprung-Technologie erfunden hatte, ließen sich die Reisezeiten von Jahren auf Monate, Wochen oder gar Tage reduzieren. Das Draußen rückte enger zusammen.

Die Earth Company sah nun ihre Felle davonschwimmen. Zuerst versuchte sie es mit Steuern, genau wie seinerzeit die Engländer des 18. Jahrhunderts. Und manche Stationen und Kauffahrer zahlten, doch andere, rebellischere weigerten sich. Also baute die Earth Company eine Kriegsflotte. Die „America“, die „Europe“, die „Australia“ und die „Norway“ waren die größten ihrer Schlachtkreuzer, allesamt Sprungschiffe. Die erdnahen Stationen zahlten Steuern nun wie einen Tribut, doch die rebellische Union breitete sich immer weiter erdabgewandt aus und verweigerte die Zahlungen. So manches ungeschützte Ziel wurde abgeschossen.

Dann änderte sich die Erdpolitik abermals, und die Earth Company stellte die Unterstützung für ihre eigene Flotte ein: Sie war ihr zu teuer geworden. Der erneute Isolationismus zwang die Flotte, sich selbst zu versorgen, und aus 50 Schiffen wurden nur noch fünfzehn, die sich als Piraten betätigten. Nach einem ihrer Befehlshaber, Conrad Mazian, wurden sie Mazianni oder Mazianer genannt. Sie verbreiten Furcht und Schrecken, wo sie auftauchen.

Handlung

Man schreibt das Ende des 24. Jahrhunderts, und der Krieg von Union und Allianz mit der Erde und ihrer Flotte, der fast fünfzig Jahre dauerte, ist noch nicht vorüber, denkt Ariane Carnath-Emory. Sie ist die Tochter von Wissenschaftlern und war 17, als der Krieg begann. Jetzt ist sie biologisch gesehen über 120 Jahre alt, aber durch wiederholte Verjüngungsmaßnahmen weit davon entfernt, gebrechlich zu sein. Im Gegenteil, sie führt das Kommando, als wäre sie noch vierzig.

Ariane Emory leitet Reseune, das fortschrittlichste gentechnische Institut der Galaxis auf dem Unions-Planeten Cyteen. In Reseune werden seit 200 Jahren erfolgreich Menschen geklont und mit Bandprogrammen psychisch angepasst: Azis. Diese Azis werden zu allen möglichen Aufgaben eingesetzt, von der Landwirtschaft über Raumschiffbesatzungen bis hin zu Militärzwecken.

Doch wie der Versuch, die geniale Physikerin Estelle Bok zu kopieren, bei seinem Scheitern gezeigt hat, gibt es bei der Reproduktion von Individuen ein Problem: Menschen sind nicht nur die Summe ihrer Gene, sondern auch Produkte ihrer Umwelt. Und die lässt sich schwer lückenlos rekonstruieren und vor überraschenden Ereignissen schützen.

Nun soll ein neues Projekt von einem Genie namens Rubin in Angriff genommen werden, um diesen Restfaktor – die „Seele“, erworbene Fähigkeiten – ebenfalls auf Bänder zu bannen und damit Sonderpersonen, wie Emory eine ist, reproduzierbar zu machen. Das Rubin-Projekt soll auf der Fargone-Station in einem Sonderbereich ablaufen, und es ist damit zu rechnen, dass Ariane Emory alles in ihrer Macht Stehende tun wird, um dieses Projekt zu einem Erfolg zu machen.

Der Verräter

Ariane Emory, grausam und rücksichtslos, hat die Politik Cyteens jahrelang beherrscht. Sie ist eine sehr mächtige Frau, die eine expansionistische Politik vertritt. Den Expansionisten steht im Rat der Neun die Opposition der Zentristen gegenüber, angeführt von Mikhail Corain, der Emory hasst wie die Pest. Der Parteiführer sähe sie lieber heute als morgen tot. Es ist ein wahrer Glücksfall für ihn und seine Partei, dass Emorys „Psychomeister“ und Banddesigner Jordan Warrick, ebenfalls eine Sonderperson, nicht mit ihr übereinstimmt, sondern vielmehr aus Reseune versetzt werden möchte, zusammen mit seinem Sohn Justin. Bei einem Geheimtreffen erzählt er Corain & Co., was Emory mit dem Rubin-Projekt vorhat. Das ist Wasser auf Corains Mühlen. Im Gegenzug für die Versetzung liefert Warrick ihm Infos, die Emory schaden.

Corains nächster Schachzug besteht in einem Treffen seines Verbündeten, des Rates für Verteidigung, Admiral Leonid Gorodin, mit Emory. Gorodins Informationen über das Rubin-Projekt bestürzen Emory, doch sie lässt sich nichts anmerken. Er fordert ein militärisches Krankenhaus in ihrem Labor auf Fargone, dessen Leiter Dr. Warrick werden soll (sowiet zur Versetzung). Im Gegenzug stimmt er für die neue Hope-Station, die Emory bauen will. Obwohl sie sauer ist auf Warrick, stimmt sie Gorodins Vorschlag zunächst zu. Sie ist fest entschlossen, Warricks Sohn Justin nicht auch noch zu verlieren. Zum Schein lässt sie sich Jordans Forderung ein, doch zugleich macht sie ihren nächsten Schachzug gegen ihn…

Gegenzug

Justin Warrick, Jordans genetische Kopie, ist ein brillanter Programmierer, und den Azi Grant ALX 972 hat er von Kindesbeinen als seinen Bruder betrachtet. Doch Grant ist ein „Experimenteller“ mit besonderen Fähigkeiten und untersteht der Befehlsgewalt Arianes. Als sie Justin nach einem Familienbankett informiert, dass Grant umgehend zu ihr umziehen solle, protestiert er bei Ari. Kurz vor einem Eklat zieht er sich zurück, jedoch nicht, um klein beizugeben, sondern um die Flucht anzutreten. Mit einem Wortbefehl kann er jeden von Grants Geisteszuständen herbeiführen, ohne dass der programmierbare Azi etwas dagegen tun kann. Grant folgt ihm gehorsam in den Untergrund der Stadt Reseune…

Nachdem er Grant sicher auf einem Boot den Fluss hinauf zu befreundeten Minenarbeitern gebracht hat, wird Justin abends zu Ariane eingeladen. Es ist ein Ruf, dem er sich nicht entziehen kann. Sie hat bereits herausgefunden, was er getan hat: „Wo ist Grant?“, will sie wissen. Als er es ihr nicht sagt, verabreicht sie ihm eine Droge, bis er willenlos wird, verführt ihn und benutzt ihn für ihre Sexspielchen. Am nächsten Morgen kommt sich Justin beschmutzt vor, aber was kann er schon gegen die allmächtige Herrscherin Reseunes und halb Cyteens unternehmen? Er muss ihr Gehorsam geloben.

Grant ALX gelangt unterdessen von den Krugers nicht zu seinem vorgesehenen Ziel, nämlich einem Freund Jordans und Corains. Vielmehr bringt ihn ein Flugzeug in die Wildnis der Berge, wo ihn ein Bus zu einem Abolitionisten namens Rocher fährt, der ein geschworener Feind Corains und Arianes ist. Als seine Begleiter etwas von einer „Umerziehung“ erwähnen, wird Grant angst und bange. Aber einem Azi, selbst einem Alpha wie ihm, ist das Gehorchen eingeimpft worden. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Jordan alarmiert Justin von dieser Entwicklung, und der wiederum will von Ari wissen, wo Grant steckt. Als die Rede von Abolitionisten ist, läuft es Justin kalt den Rücken runter: Sie könnten Grants Bewusstsein, seine Programmierung, zerstören! Tatsächlich wird Grant ALX von den Unbekannten überwältigt und einer Gehirnwäsche unterzogen…

Aris Sicherheitstruppe hat Grant seinen Häschern entreißen können und ihn ins Krankenhaus gebracht. Als Jordan und Justin ihn besuchen, schämt er sich, dass er seinem „Vater“ und seinem „Bruder“ gegenüber versagt hat. Können sie ihm jetzt noch vertrauen? Was haben die Entführer während der Gehirnwäsche mit seinem Bewusstsein angestellt? Grant ALX kann Wirklichkeit und Illusion nur noch anhand von Justins Präsenz unterscheiden. Doch damit ist es zu Ende, als Justin unerwartet vom Reseune-Sicherheitsdienst festgenommen und eingebuchtet wird. Seine Bitte, Ari zu sprechen, wird nicht erhört…

Die Leiche, vorerst

Kein Wunder, denn Rätin Ariane Emory, die graue Eminenz des Instituts, ist zu diesem Zeitpunkt tot. Sicherheitschef Giraud Nye betrachtet die Leiche der über 120 Jahre alten Frau, wie sie zu Eis erstarrt auf dem Boden eines Kältelabors liegt. Die Tat sollte wie ein Unfall aussehen, soviel ist ihm klar, aber es war eindeutig Mord. Ein erstes Psychosondenverhör von Justin Warrick bringt einige pikante Details über Arianes Liebesleben ans Licht. Was, wenn Dr. Jordan Warrick darüber Bescheid wusste und wütend geworden ist? Dr. Warrick hatte einen Streit mit Ari, kurz bevor sie starb. Doch der Mann, eine nicht verhörbare Sonderperson, streitet alles ab. Na schön, es geht auch anders. Als Nye droht, ihm sowohl seinen Assistenten paul als auch Justin und Grant ALX wegzunehmen, lässt sich Dr. Warrick zu einem Geständnis breitschlagen.

Mikhail Corain, der Oppositionsführer, staunt nicht schlecht, als Giraud Nye am Tag von Arianes Staatsbegräbnis ihn zu sich rufen lässt. Nye, so das Angebot, will keine Ermittlung und schon gar keinen Prozess – das wäre nur Futter für die Kanonen der Abolitionisten. Und das Liebesleben der verehrten Verstorbenen solle doch sicher nicht ins grelle Licht der Medien gezerrt werden, oder? Das wäre megapeinlich. Na, bitte. Corain erbittet Bedenkzeit.

Wiedererschaffung

Da ist Admiral Leonid Gorodin vom Verteidigungsamt schon zupackender, obwohl das Anliegen, das Nye ihm als neuer Direktor von Reseune vorbringt, ungeheuerlich ist. Nye will sowohl das Rubin- als auch das Fargone-Projekt mit militärischer Hilfe weiterführen, das bedeutet: die Wiedererschaffung von Ariane Emory, eines kompletten Menschen, nicht nur aus Abermilliarden von Erbinformationen, sondern auch aus Abermilliarden von gespeicherten Erinnerungen der „Mutter“-Person. Es gilt, die entscheidenden und prägenden Situationen nachzustellen, um die gleiche Psyche zu formen. Und dafür müssen Dr. Jordan Warrick als auch ihre ehemaligen Kontaktpersonen vor Ort sein, auf der Fargone-Station. Gorodin kapiert schnell: Dies bedeutet Unsummen von Fördergeldern seitens Reseune! Er schlägt sofort ein. Doch es kommt alles anders, als Nye und Gorodin geplant haben.

Denn es ist ein wahnwitziges Unterfangen, was Nye da vorhat, aber die listige Ariane Emory hat vor ihrem Ableben für alle Eventualitäten Vorsorge getroffen, die ihrem heranwachsenden Duplikat widerfahren könnten…

Mein Eindruck

Schocks

Die Autorin weiß den Leser immer wieder unvorbereitet zu schockieren. So erfahren wir in eiem Nebensatz, dass Arianes zwei Leibwächter Florian und Caitlin vorsorglich eliminiert werden, ganz so, als wäre Ariane eine Pharaonin wie Hatschepsut und ihr Hofstaat müsste ihr ins Jenseits folgen. Die Sache hat aber für Nye einen Haken: Um Klein-Ari als genaues psychologisches Duplikat aufwachsen zu lassen, muss es auch einen Florian und eine Caitlin geben, zumindest aber einem Zeitpunkt, zu dem Klein-Ari sie braucht. Das ist dann im 2. Band der Fall, denn die zwei Azis lassen sich durch die gespeicherten Programme der Originale annähernd wiederherstellen.

Vergewaltigung

Als wäre damit der Schocks nicht genug, erfahren wir aus den Gedanken Justin Warricks, dass ihn Ariane nicht nur körperlich vergewaltigt hat. Das wäre ja schon übel genug gewesen. Aber was der damals geistig Weggetretene mit zunehmender Beunruhigung feststellt, sind Flashbacks von jenen Szenen sowie Erinnerungen, die nicht ihm gehören. Offenbar hat ihn Ariane auch geistig auf einer tiefen Ebene „bearbeitet“, ganz so, als wäre er ein hundsgewöhnlicher Azi und kein Bürger. Diese Tiefenprogrammierung wartet nur darauf, auf bestimmte Auslöser hin aktiviert zu werden. Welche dies sind, bleibt die spannende Frage. Genauso wie die Frage, ob der wahre Mörder immer noch frei herumläuft…

Trantor 2?

Ein Genlabor, das eine ganze Stadt einnimt? Reseune klingt schon fast nach Isaac Asimovs Trantor, die Megacity, die in „Foundation“ einen ganzen Planeten bedeckt – deshalb das abgewandelte Zitat, dass „alle Wege nach Trantor führen“, so wie in der Antike nach Rom. Und wie in Rom die Prätorianer und auf Trantor der Sicherheitsdienst haben auch in Reseune City die Wände Ohren. Die zwei Hauptverdächtigen sind Justin und Grant, obwohl sie eigentlich gar nichts verbrochen haben, als psychisch vergewaltigt worden zu sein – Grant von den Abolitionisten und Justin von Ariane. Doch Arianes Nachfolger betrachten sie quasi als lebende Zeitbomben. Und dann ist da noch Justins Vater, der angebliche Mörder Jordan Warrick. Es trägt nicht gerade zu Justins Wohlbefinden bei, dass alle Briefe zensiert werden und er nicht mit seinem Vater telefonieren darf.

Die Kopie

Der erste Band endet nicht mit Arianes Tod, sondern führt uns ihr Duplikat Klein-Ari bis zum sechsten Lebensjahr vor. Ari merkt genau, dass sie für alle außer ihrer „Mama“ (die Gentechnikerin Jane Strassen wurde dazu zwangsverpflichtet) und ihrer Nanny Nellie. Nur als sie Justin und Grant auf einer Party erblickt, merkt sie, dass es etwas Besonderes mit den beiden auf sich hat, weil die zwei sie so hypnotisiert anstarren. Sofort bekommt Justin was auf die Mütze und bemüht sich fürderhin, Ari tunlichst aus dem Weg zu gehen. Das bleibt Ari nicht verborgen, aber Justin ist geschickt darin, sie abzuwimmeln. Das wird aber nicht ewig gelingen…

Klone sind keine Menschen

In eingestreuten Zitaten aus einem Fachbuch über die Reseune-Gentechnik und Azi-Programmierung erfahren wir, wie die Prozesse von Zeugung, Fetuswachstum und Geburt in künstlichen Apparaten total technisiert worden sind. Klein-Ari darf bei einer solchen „Dekantierung“, die stark an Aldous Huxleys „Brave New World“ erinnert, dabei sein und ist begeistert (ganz die Mama!). Für uns naturgewachsene Menschen hält auch eine solche Szene ein gewisses Grauen parat.

Eine der wichtigsten Einsichten, die die Trilogie vermittelt, ist die, dass sich Azis zwar körperlich nicht von ZIVs, also geborenen Bürgern, unterscheiden, aber dafür umso grundlegender in geistiger Hinsicht. Das hängt damit zusammen, dass die Azis nicht wie ZIVs in einer Familie aufwachsen und Erfahrungen sammeln, sondern durch Bänder schon von frühester Kindheit an programmiert werden.

Grant ALX sagt seinem Freund Justin mehrmals, wie man sich das vorzustellen hat. Während ein ZIV zuerst seine Gefühle und Vorlieben ausbildet, bevor er auf dieser Basis logisch zu denken beginnt, ist es bei einem Azi genau andersherum: Er eignet sich durch die Bänder erst ein Fundament an Logik und beruflichen Fähigkeiten an, bevor er ganz vorsichtig mit Begriffen wie Gefühlen und Vorlieben bekannt gemacht wird.

Da nun sowohl Grant als auch Justin einer Neuprogrammierung durch Gehirnwäsche unterzogen werde, stellt sich die spannende Frage, wie sich dies im jeweiligen Opfer auswirken wird. Könnte es der Fall sein, dass der eine von beiden oder gar beide gewisse mörderische Handlungen begehen könnten, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein? Dann könnte der Mörder Ariane Emorys jederzeit wieder zuschlagen. Es ist nur eine Frage des Auslösers.

Herausforderungen

„Cyteen“ ist ein fordernder Roman, der dem Leser alles abverlangt, was er an sprachlicher Bandbreite, erworbenem Wissen und kognitivem Begriffsvermögen aufbringen kann. Es ist also ein Roman, wie man ihn in der auf Breitenwirkung abgestellten Sciencefiction niemals finden wird, denn diese genannten Fähigkeiten besitzen nur hochgebildete Leser, die selbst mit politischen Sitzungen und wissenschaftlichen Artikeln keine Probleme haben.

Zum Glück besteht der Roman auch aus einer Handlung, in der menschliche und quasi-menschliche Wesen mit nachvollziehbaren Motivationen und Reaktionen agieren. Das ist der eigentliche Grund, warum der Roman so spannend und bewegend ist. Wer sich in Justins, Grants und Aris Lage versetzen kann, hat bereits die halbe Miete gewonnen. Und noch etwas kommt hinzu, das nur mit den Figuren zu tun hat: jede Menge Humor. Dieser ist niemals offensichtlich, sondern stets ironisch.

Humor

Mit Klein-Aris Entdeckungen in ihrem Umfeld beginnt der Humor harmlos, und der Humor Ariane Emorys ist eher grimmiger Natur (sie wird stets nur verzweifelnd „das Weibsbild“ genannt), doch die Ironie, die sich zuletzt mit dem Desaster um den Planeten Gehenna entfaltet, ist schier unschlagbar.

Reseune hat dem Militär der Union für die Besiedlung Gehennas 40.000 Azis bereitgestellt (siehe den Roman „40.000 in Gehenna“) und diese dann kurzerhand ihrem Schicksal überlassen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn auch gewissenlos. Aber nun hat die konkurrierende Allianz (Pell usw.) diese Besiedlung einer jungfräulichen Welt in ihrer Einflusssphäre entdeckt und schreit Zeter und Mordio. Die Siedler lassen sich, weil überallhin verstreut, nicht mehr entfernen, und die Welt lässt sich nicht mehr für andere Zwecke nutzen – ein ganzer Planet muss abgeschrieben werden. Schande über Reseune! Natürlich wollen die Chefs von Reseune nichts mehr von diesem Projekt gewusst haben. Es wäre wirklich zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre.

Unterm Strich

„Cyteen: The Betrayal“ ist viele Dinge in einem: ein psychologischer Roman, ein Krimi mit der Aufklärung des Mordes an Emory, die Untersuchung der Machtstrukturen auf Cyteen – alle finden in der Trilogie Platz, über Lichtjahre und mehrere Lebensspannen hinweg. Die preisgekrönte Trilogie, die auf drei Bände verteilt wurde, ist eine hervorragende Erkundung dessen, was uns menschlich macht. Zu Herzen geht zum Beispiel die Entwicklung des jungen Mädchens Ariane.

Sehr wichtig ist meines Erachtens die Erörterung der Themen Cloning, Homosexualität, Sklaverei (der Azis) und Machtmissbrauch. Dabei hält die Autorin beispielsweise Einsichten über das Bewusstsein von Azis und ZIVs, geborenen Bürgern mit allen Rechten, bereit. Sie sind mental völlig anders aufgebaut als die „Menschen“. Da nun sowohl der ZIV Justin Warrick als auch der Azi Grant ALX durch Gehirnwäsche – die verflixten Bänder – umprogrammiert wurden, ist die spannende Frage, ob sie vielleicht tickende Zeitbomben sind, die nur auf den richtigen Auslöser warten, um unerwartete Aktionen zu starten. Und dann ist da noch die Frage, wer der wahre Mörder Ariane Emorys war. Denn Jordan Warrick wurde zu seinem Geständnis gezwungen…

Ausblick

Gespannt beginne ich also den nächsten Band der „Trilogie“. Das ist der falsche Ausdruck, denn bei „Cyteen“ handelt es sich um einen zusammenhängenden Einzelroman, der vom Verlag ohne Zustimmung der Autorin in drei Teile aufgesplittet wurde (Quelle: Amazon.com-Review). Es empfiehlt sich daher, alle drei Teile am Stück zu lesen, auch um der Intention der Autorin gerecht zu werden.

Taschenbuch: 368 Seiten
Sprache: Englisch

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

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