Christopher, Nicholas – Franklin Flyer

Das Jahrhundertleben des Franklin Flyer beginnt 1907 in den Trümmer des gleichnamigen Luxuszugs, nach dem man ihn benennt. Der junge Mann besitzt auch zukünftig mehr Leben als eine Katze, was ihm gut zupass kommt, als er sich – bisher ein ruhiges Angestelltendasein führend – nach dem Börsencrash von 1929 entschließt, die Welt zu erkunden.

Die Jagd nach dem Neuen und nie Gesehenen wird zur festen Konstanten in Franklins unstetem Wanderleben. Jetzt hat er im Überfluss Abenteuer: Eine Antarktis-Expedition beendet er als einziger Überlebender. In Südamerika gerät er auf der Suche nach dem mysteriösen Metall Zilium unter die Nazis. Er wird ihnen in den nächsten Jahren noch oft begegnen.

Zurück in den USA, wird Franklin zum Universal-Erfinder, der mit einer Farbmischmaschine den Grundstock für ein Riesenvermögen legt. Darüber hinaus wird er Comiczeichner, Verleger, Konzernherr – und Geheimagent: Die Regierung tritt an den Tausendsassa heran, um ihn für einen zweiten Weltkrieg zu rekrutieren, der unausweichlich scheint. Franklin, ein Patriot mit Köpfchen, reist durch die ganze Welt, um dort den Spionen und Agitatoren des „Dritten Reiches“ auf die Spur zu kommen. Dabei trifft er prominente Figuren der Zeitgeschichte wie US-Präsident Roosevelt oder Albert Einstein, rettet die junge Tänzerin und spätere Schauspielerin Rita Hayworth, arbeitet im Widerstand mit der berühmten Josephine Baker zusammen.

Immer präsent bleibt Franklins Suche nach der großen Liebe. Er trifft faszinierende Frauen, doch seine Affären enden in der Regel tragisch. Allerdings könnte es sein, dass dahinter System steckt. Eine altägyptische Gottheit scheint über Franklin Flyer zu wachen. In mehreren Inkarnationen kreuzt sie immer wieder seinen Weg, rettet ihn und weist ihm womöglich den Weg zum ewigen Leben …

„Franklin Flyer“ ist eine Mischung aus (historischem) Abenteuer, Thriller und Seifenoper. Der Held ist stets in Bewegung, die ganze Welt ist sein Spielplatz, auf dem ihm in 13 Jahren so manches Spannende, Faszinierende, Witzige zustößt.

An sich nichts Besonderes, sondern ein Roman, der Spaß macht beim Lesen. Aber Vorsicht: „Franklin Flyer“ ist kein simples Genregarn, sondern „richtige“ Literatur! Das bedeutet nach Ansicht des Kultur-Establishments: Hier erleben wir ein Buch mit Anspruch! Dies macht die Lektüre zur ernsten Sache, denn schließlich will man das von der Kritik gelobte und empfohlene Werk „richtig“ verstehen, um nicht als ignoranter Dummkopf und Banause dazustehen.

Vielleicht sollte man solche Gedanken einfach beiseite schieben und das Buch genießen, wie es konzipiert wurde: ein Breitwand-Spektakel, das ebenso verspielt wie gelungen lieb gewordene Elemente des klassischen Abenteuer-Kinos aufgreift und zu einer turbulenten Geschichte kombiniert.

Nicht umsonst wählt Autor Christopher die 1930er Jahre als Zeitfenster. Spätestens seit Indiana Jones in dieser Ära aktiv wurde, wurde sie als idealer Schauplatz wiederentdeckt. Noch war die Welt in dieser Zeit nicht wirklich „modern“ geworden. Sie wies weiterhin „weiße“, unentdeckte Flecken auf. Gleichzeitig schien sie erfreulich leicht in „Gut“ und „Böse“ teilbar: Auf der einen Seite standen die USA, auf der anderen Seite lauerte Nazi-Deutschland, ein wirklich dankbarer Gegner, der gleichzeitig kriminell und theatralisch war – Wer gegen Hitler antrat, focht einen ehrenwerten und notwendigen Kampf – wohl der letzte, in dem sich die USA diese Auszeichnung uneingeschränkt verdienten.

Nicholas Christopher wählt zwei markante Eckdaten für seine Geschichte. „Franklin Flyer“ setzt mit dem „Schwarzen Freitag“ von 1929 ein und endet mit dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor. Dazwischen liegen in den USA die Jahre der „Großen Depression“, die ein ganzes Land wirtschaftlich und moralisch zu Grunde richteten, während in Europa der Aufstieg des Faschismus begann.

Auf diesem riesigen Schachfeld spielt sich ein geheimer Krieg ab, noch bevor Hitler Polen überfallen lässt. Christopher führt uns an ungewöhnliche Orte bzw. gewinnt eigentlich zum Klischee gewordenen Situationen – Vichy-Frankreich, Casablanca-Nordafrika, Mussolini-Rom – neue Aspekte ab.

Die Romanstruktur ist durchaus komplex. Es gilt schon sorgfältig zu lesen, weil Ereignisse wie Zahnräder ineinander greifen und Figuren, die wir beiläufig kennen lernen, im weiteren Verlauf der Handlung von Bedeutung werden. „Franklin Flyer“ geizt wahrlich nicht mit Andeutungen, die uns Enthüllungen versprechen, die in der Regel nicht nur eingelöst, sondern übertroffen werden.

Ein einziger gravierender Einwand gegen „Franklin Flyer“ bezieht sich auf die Beharrlichkeit, mit der Autor Christopher die abenteuerlichen Reisen seines Helden mit einer „spirituellen Wanderung“ gleichsetzt: Franklin darf nicht einfach die Welt kreuzen, sondern er muss mit und an ihr wachsen.

Auf solchen spirituellen Exkursionen ist der Grad schmal zwischen Erleuchtung und Hirnschwurbel. Franklin hält sich wacker, aber auch er kann diverse Abstürze nicht vermeiden. Die Chiffre „Ägypten“ für das (angebliche) Wissen um eine jenseitige Welt kontrollwütiger Gottheiten ist heute eher lächerlich, auch wenn Christopher recht geschickt die Entdeckung des Grabs von Tutanchamum 1923 aufgreift und auf der daraufhin aufsteigende Welle der Begeisterung für das alte Pharaonenreich und seine Geschichte schwimmt.

Trotzdem erleben wir einige katzenumschwänzelte geheimnisvolle Schönheiten zu viel, um noch Gefallen daran zu finden. Franklins Jagd nach der Patchwork-Göttin Anita ist nicht einmal als Pulp getarnt ein Gewinn für die Story. Zu offensichtlich strebt Autor Christopher hier doch nach höheren literarischen Weihen, die immer noch bevorzugt dort verliehen werden, wo Kritiker pompöses Wortgeschwalle für „Kunst“ halten und die eigene Unsicherheit hinter begeisterter Zustimmung verbergen.

Franklin Flyer ist – es überrascht wohl kaum in einem „amerikanischen Roman“ – ein Spiegelbild seiner Nation: Seine Geschichte ist auch die Geschichte der Vereinigten Staaten und der Welt (in dieser Reihenfolge). Franklin ist der junge, energische, abenteuerlustige Idealist, den es in die Welt hinauszieht. Dort bekommt er reichlich Nackenschläge, trifft nette Menschen, schöne Frauen, schräge Vögel und fiese Lumpen.

Vor allem lernt er und entwickelt sich: Franklin Flyer wird erwachsen, und das 20. Jahrhundert wächst mit ihm. In den 1930er Jahren ist es noch jung und formbar. Franklin trägt seinen Teil dazu bei. Nach Ansicht von Verfasser Christopher ist das Auftreten des Selfmademan vom Schlage Franklin Flyers ein typisches Merkmal dieser Ära. 1945 hat der II. Weltkrieg die Situation verändert: Das Zeitalter der anonymen Großkonzerne bricht an; es werden keine Einmann-Imperien mehr errichtet. Das Scheffeln von Geld ersetzt jegliche Individualität und lässt den alten amerikanischen Traum einer Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär bzw. vom Glück der Tüchtigen zum Mythos und zur Lüge degenerieren.

Anders gesagt: Ein Franklin Flyer wäre nach 1945 vielleicht gar nicht möglich gewesen. Oder schlimmer: Aus einem abenteuerlustigen Regierungsspion mit Fronterfahrung würde ein Schreibtischtäter des „Kalten Kriegs“. Der würde sich kaum als unternehmungslustiger, idealistischer, wagemutiger Romanheld eignen, wie ihn Christopher uns hier vorstellt.

Wobei dieser Franklin Flyer weder so vielschichtig noch so sympathisch erscheint wie sein geistiger Vater ihn entworfen hat. Franklin bleibt jederzeit eine Kunstfigur. Menschen wie ihn gibt es eigentlich nicht. Wie eine Maschine zieht er seine Bahn, erlebt Abenteuer, erfindet, liebt, entlarvt Bösewichte. Nach Auskunft seines Biografen Christopher bereitet ihm das große seelische Qualen. Die nehmen wir ihm freilich nie ab, so geschickt der Verfasser hier auch mit Worten arbeitet.

Selbstverständlich sind Franklins Gefährtinnen sämtlich (politisch korrekte) Idealfrauen, d. h. klug, wunderschön, mutig, selbstbewusst, schwarz usw. Sie wirken sämtlich wie auf dem Reißbrett entworfen, aber niemals überraschend. Die Ecken und Kanten, die ihnen Christopher andichtet, sind Klischees. Aber vielleicht ist das ja ein weiterer Kunstgriff, der „Franklin Flyer“ zum Edel-Pulp adeln soll …

Nicholas Christopher (geb. 1951) gehört zu jenen glücklichen Schriftstellern, denen es einerseits gelang, sich des Wohlwollens der Kritik zu versichern, während er andererseits ihrem üblichen Schubladendenken entrann. „Mainstream“ oder „Belletristik“ nennt sich dieser Zustand: Wer schreibender Bürger dieses Reiches ist, darf sich der Mittel der „minderen“ Genres (Science-Fiction, Thriller, Horror etc.) bedienen und wird trotzdem von den jeweiligen Literaturpäpsten umschwärmt und umschmeichelt; Mark Helprin oder Peter S. Beagle gehören wie Christopher zu diesem Club der Auserwählen, die von wichtigen Zeitschriften interviewt und fotografiert werden.

Nicholas Christopher ist deshalb kein Autor von Thrillern oder phantastischen Romanen, sondern gilt seit „Veronica“ (1996) als Vertreter des „magischen Realismus“. Dabei war es hilfreich, dass seit seinem Debütroman „The Soloist“ zehn Jahre verstrichen waren: Wahre Literaten müssen mit den Worten ringen und schreiben langsam!

Außerdem ist Christopher ein anerkannter Poet, der mehr als ein halbes Dutzend Buchbände mit Gedichten füllte, was in literarischen Kreisen zuverlässig für Bewunderung sorgt. Seit 2000 wird der Verfasser überdies mit schnödem Bestseller-Ruhm bekränzt: „A Trip to the Stars“ (dt. „Eine Reise zu den Sternen“) wurde auch außerhalb des Zirkels der wahren Kenner zur Kenntnis genommen und trotzdem als Literatur eingeschätzt.

Der eher nüchtern urteilende Leser schätzt Nicholas Christopher als versierten Schriftsteller, der kundig Worte zu setzen und trotzdem eine professionell und elegant geschriebene, spannende Geschichte voller Mysterien und Rätsel zu verfassen weiß. „Franklin Flyer“ markierte 2002 den bisherigen Höhepunkt seines Könnens.