Dirk van den Boom – Tentakelfürst

Die Erde ist gefallen. Die bekannte Galaxis wird von den Tentakeln beherrscht. Doch es gibt noch Nester des Widerstands: Auf der Erde selbst, unter den Ruinen der alten Welt, haben sich Überlebende versteckt gehalten. Flüchtlinge überleben unter der Knute einer anderen Alienzivilisation und warten darauf, ihr Erbe antreten zu dürfen. Und mitten im Herzen des Tentakelreiches lebt ein mächtiges Lebewesen, das den Gang der Dinge verändern kann, wenn es nur erkennt, wer und was es eigentlich ist: der Tentakelfürst … (Verlagsinfo)

Dieser Roman ist der Auftaktband der abschließenden Trilogie um den Tentakelkrieg, der Dirk van den Booms erste eigenständige SF-Reihe darstellt. Inzwischen umfasst das Epos eine Handlung über sieben Romane, die seit 2007 in stetiger Folge erschienen und insgesamt in drei Trilogien aufgeteilt sind. So werden über je drei Romane Handlungsabschnitte der großen Gesamtstory erzählt und dadurch dem Leser die Möglichkeit gelassen, mit Erscheinen eines Trilogieauftakts ohne Vorkenntnis der bisherigen Bände einsteigen zu können. Anbei bemerkt: Es lohnt sich trotzdem, sie alle zu lesen …


Dirk van den Boom ist einer der produktivsten deutschsprachigen SF-Autoren, denn neben der Tentakelreihe erscheinen noch weitere Romane, wie seine erfolgreiche Alternativwelt-Geschichte um die »Kaiserkrieger«, die von ihm geleitete Serie »Rettungskreuzer Ikarus«, die Space-Krimi-Trilogie um Casimir Daxxel mit dem Einstiegsband »Eobal« und Beiträge zur Reihe »Die neunte Expansion«. Dabei geht er als Professor für Politikwissenschaft eigentlich einem recht bodenständigen Broterwerb nach.

Der Tentakelfürst setzt eine noch unbenannte Zeitspanne nach den Ereignissen um die zweite Invasion der Tentakel, die mit der Niederlage der Erde im Roman »Tentakelreich« endete, ein. In verschiedenen Schlaglichtern beleuchtet Boom Orte, Personen und Zustände, die sich inzwischen entwickelt haben, und führt schon hier Wendungen ein, mit denen man nach der bisherigen Lektüre nicht rechnen konnte. Damit reduziert er geschickt den Vorteil durch Vorwissen, der einen treuen von einem Neuleser unterscheiden könnte. Im Verlauf erfährt man natürlich die Hintergründe für diese Wendungen, so dass sich der gewisse Effekt einstellt, mit dem der Leser seine Serie wiedererkennt und abgeholt fühlt.

Dazu verhilft auch das Titelbild, dessen Szenerie gekonnt Einblick in eines der ersten Kapitel des Romans gewährt, ohne Inhaltliches zu verraten. Was auf den ersten Blick etwas platt und klischeehaft anmutet, gewinnt durch die Lektüre an Charisma – hier entsteht die perfekte Wechselwirkung zwischen Autor und Zeichner. Mir gefällt die Bratpfanne besonders gut, die in ihrer Schlichtheit doch die Gewalt der Szene viel besser illustriert als die großen Wummen und sowohl farblich als auch psychologisch gekontert wird durch den Apfel, das Symbol des Lebens, des Verrats, der Hoffnung. Gelungen.

Haupthandlungsträger, die schon bekannt sind, gibt es bisher nur einen. Diese Person durfte bis dahin den größten Einblick in die verworrene Struktur aus Abhängigkeiten und Lügen nehmen und ist damit eine Schlüsselfigur für die Entwicklung des Showdowns in den folgenden zwei Romanen, während durch das Auftauchen einer neuen Instanz einiges an gesammeltem Wissen für die Menschheitsreste verloren gegangen zu sein scheinen. Dabei führt Boom die Geschichte inzwischen in Bereiche, die an Komplexität, Stil und Anspruch den Größen des Genres in nichts nachstehen, sich jedoch in der Auflockerung durch brutalen Humor erfrischend absetzen.

Bedingt durch seinen Status als Auftaktband einer Trilogie fällt im »Tentakelfürst« der lockere Ton gegenüber der letzten Bände etwas ab, dafür erzeugt Boom die Bilder der verschiedenen Handlungsebenen in einer abwechslungsreichen Folge von Blickwinkeln. Diese kurzen und prägnanten Kapitel, inzwischen ein Typus der Boomschen Stilistik, machen die Geschichte zu einem schnell strömenden Fluss, dem man sich, einmal anvertraut, nicht mehr entziehen kann und will.

Auf der Handlungsebene der Erde entwickelt Boom ein typisches postapokalyptisches Szenario mit eingebunkerten Menschen, die im Laufe der Zeit eine eigene Kultur zum Selbstzweck erschaffen haben und ihren eigentlichen Sinn, unterdrückt durch die Machthaber, vergessen. Wenige Personen schaffen einen Ausbruch, als besondere Zeichen für eine Veränderung im Wesen der Besatzer sprechen. Unter ihnen ist auch einer der letzten Klone Rahel Toomas, die als große Sympathieträgerin die erste Trilogie bestritt. Jetzt ist sie im Showdown wieder an forderster Front mit von der Partie.

Es gibt ein Fluchtfahrzeug, ein Raumschiff, das vollgestopft mit tiefschlafenden Menschen eine neue Zuflucht finden sollte. Sein Schicksal nutzt Boom, um eine schöne Nebengeschichte um KI-Paranoia zu erzählen. Hier entstehen im vorliegenden Roman Protagonisten, von denen man sich noch einiges erwarten kann.

Und der Geist einer fähigen, wenn auch oft betrogenen und fehlgeleiteten tragischen Existenz findet sich in einem Albtraum wieder. Die Entwicklung dieser Figur in der zweiten Trilogie beschreibt sie als äußerst anpassungsfähig, wodurch Boom einen Agenten im Herzen des Feindes platzieren kann. Diese Ebene befördert eine verworrene Intrigen-, Abhängigkeits- und Manipulationsthematik, hier werden vermutlich die großen Erkenntnisse, die zum Teil schon gewonnen sind, ihre Verarbeitung und Auflösung finden. Dem Protagonisten zur Seite steht zum Glück ein äußerst fähiger Ingenieur, mit dessen Hilfe er allen Fährnissen begegnen können sollte.

Insgesamt verschwendet Boom nicht viel Zeit damit, Figuren zu platzieren oder zu charakterisieren, sondern er steigt gleich voll in die Geschichte ein und lässt die Handlungen für sich sprechen. Die Serie um die Tentakelinvasion erreicht – bei allem Augenzwinkern und aller Ironie – eine anspruchsvolle Ebene, und mit »Tentakelfürst« erfährt sie nochmals interessante Wendungen, so dass ein gelungenes Gesamtbild zu erwarten ist. Und 2016 ist noch soo lange hin …

Paperback, 290 Seiten
ISBN-13: 9783864022388
ORIGINALAUSGABE

Atlantisverlag
Autorenseite
Tentakelkrieg – Die Homepage

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)