Dirk van den Boom – Der kalte Krieg: Canopus

Das Imperium der Menschen in ferner Zukunft: ein politischer und wirtschaftlicher Gigant auf tönernen Füßen, mit Feinden an allen Grenzen und einem aggressiven Kurs der Expansion. In ihm leiden Menschen wie Außerirdische unter Kriegsbedingungen: Seit Jahren lebt das Imperium mit einem militärischen Konflikt, den es wahrscheinlich verlieren wird. Der »Kalte Krieg« zehrt an den Ressourcen und an den Nerven, innere Konflikte brechen auf und Loyalitäten werden infrage gestellt.
Mittendrin: ein aus dem Kriegsdienst entlassener Veteran, ein Sklave ohne Erinnerung an seine Identität, eine Wissenschaftlerin, deren Vergangenheit sie einholt, ein havarierter Frachterpilot, eine Soldatin und ein Waisenkind sowie eine Rebellin, die über Leichen geht. Ihr aller Leben wird unter mysteriösen Bedingungen miteinander verbunden und ihr Schicksal führt sie auf einen Kurs, der nach Canopus und weit darüber hinaus weist.

(Verlagsinfo)

Literaturpreisträger Dirk van den Boom startet eine neue Reihe im Atlantis-Verlag. In diversen Verlautbarungen schrieb er wiederholt, die schriftstellerischen Arbeit langweile ihn schnell, also müsse er dies durch Abwechslung und mehrere parallel laufende Projekte wettmachen. Und nachdem 2017 seine neunbändige Military-SF-Reihe um den »Tentakelkrieg« ihren Abschluss fand, musste nun Ersatz her. »Der kalte Krieg« trägt seine Ausrichtung bereits im Titel; es ist natürlich wieder Military-SF, made in Germany. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Boom weiß, wie er seine Geschichten erzählen muss, um mehr darin zu verpacken als militärische Auseinandersetzungen. Und so entfaltet sich hier eine vielschichtige Erzählung, bei der dem Leser nun wirklich nicht langweilig wird …

Den Tentakel-Alien-Sex-Abschnitt seines Schaffens hat Boom nun vorerst hinter sich gelassen. Hier geht es zwar erneut um eine Bedrohung, die nach verschiedenen Quellen nicht nur die unsrige Milchstraße, sondern das gesamte Universum zu betreffen scheint. Ganz frei von fleischlichen Gelüsten ist der Roman auch nicht, und dass dabei auch Aliens eine Rolle spielen, versteht sich von selbst. Jedoch bleibt es nunmehr vor allem der Fantasie des Lesers überlassen, diese Dinge detailiert zu beleben.

Vordergründig sind verschiedene Protagonisten auf einem Weg, dessen Ziel weder sie selbst erahnen, noch sich dem Leser allzu früh erschließt. So wechseln die Kapitel in boomscher Schnelligkeit von Figur zu Figur, beleuchten geschickt verschiedene Aspekte des menschlichen Imperiums dieser Zukunft, während die Protagonisten von unterschiedlicher Motivation und Mächten getrieben einem gemeinsamen räumlichen Ziel zustreben, nämlich dem Planeten Canopus. Dabei rollt Boom einen überraschend komplexen Teppich aus; so erlebt man hautnah einen Angriff der grauenvollen »Kalten« mit, denen eine junge Frau und ein Kind zu entkommen trachten; man begleitet einen Veteranen bei seinem Bestreben, ein normales Leben zu beginnen; mit einer ehemaligen Agentin und jetzigen Alien-Archäologin begibt man sich zu uralten, gefährlichen Artefakten; eine Rebellin gegen das Imperium rutscht ungewollt in diese bunte Truppe hinein. Und ein verschollener Frachterpilot erlebt eine Begegnung der besonderen Art.

All diese Figuren vereint Boom über eine Gemeinsamkeit, was in der Geschichte selbst erst ziemlich am Ende erkannt wird. Nichts Geringeres als die Vernichtung der »Kalten« steht für sie dann auf dem Plan – und der Untergang des Universums …

Variantcover

In der Gesamtschau über den Roman erkennt man die gezielte Ausrichtung, aus der die Anfangsposition für die folgenden beiden Bände der Trilogie resultiert. Es ist eine deutlichere Verknüpfung der einzelnen Erzählstränge erkennbar, als dies bei Boom allgemein üblich ist. Scheint es sonst in seinen Werken oft auf zufällige Gemeinsamkeiten hinaus zu laufen, wirkt das vorliegende Buch strukturiert und geplant, ohne dabei den typischen knappen, augenzwinkernden Stil Booms zu verlassen. Er bewegt sich natürlich in den Konventionen des Genres und in dem Bewusstsein, in seinen Lesern vorwiegend SF-Kenner zu versammeln; so vermeidet er wie stets ausführliche Beschreibungen von technischen Luftschlössern, sondern nimmt die Konzepte als gegeben hin und konzentriert sich voll auf die Handlung. Aber wie so oft wirft er auch Aspekte in den bunten Topf seiner neuen Schöpfung, die in der Form mit dem hauptsächlichen Konstrukt der vorliegenden Welt nicht vollends konform gehen und den Horizont erweitern.

Hier ist dies neben dem offensichtlich besonders befähigten Raumschiff einer verschollenen Zivilisation vor allem der Prolog, in dem ein gänzlich anderes Universum entworfen wird, als die folgende, typischen Military-SF-Regeln gehorchende Haupthandlung dann belebt. Diesen Kontrapunkt im Hinterkopf, entsteht beim Leser eine zweite Spannungsebene, die sicher für die Trilogie von besonderer Bedeutung ist.

Der Roman veranschaulicht die Handlungswelt, verdeutlicht die Konflikte und organisiert die zusammengewürfelte Truppe, die im folgenden Band wohl das eigentliche Abenteuer in Angriff nehmen wird. Stilistisch bewegt sich der Roman erwartungsgemäß im Boomschen flotten Tempo und bietet alles, was man sich von diesem Subgenre nur wünschen kann – nebst einer Gruppe unterschiedlicher Charaktere mit unterschiedlichen Zielen und Vorstellungen, von denen sich keiner in die Situation gewünscht hat. Das Gute ist: Dirk van den Boom hat wiederholt gezeigt, dass er seine Reihen zu einem Ende führen kann. Seien wir gespannt auf den zweiten Band.

Eine Besonderheit: Bekanntlich bietet der Atlantis-Verlag die meisten seiner Bücher exklusiv im Verlagsshop auch als Hardcoverausgabe mit Lesebändchen an. Für diesen ersten Teil des »Kalten Krieges« gibt es diese Sonderausgabe mit einem Variantcover, also einem anderen Titelbild. Schöne Idee.

Taschenbuch, 348 Seiten
Originalausgabe
Atlantis Verlag 3/2018
ISBN: 9783864025617

Das Buch beim Verlag
Über Dirk van den Boom.

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