Dirk van den Boom – Ein Prinz zu Tulivar

Der Lord zu Tulivar hat endlich erreicht, was er sich immer erträumt hatte: seine Ruhe. Doch die Beschaulichkeit der abgelegenen Provinz wird gestört durch die Ankunft eines hohen Gastes: Der Kaiser entsendet seinen unbotmäßigen Sohn und einzigen Erben nach Tulivar, um ihn von Palastintrigen fernzuhalten. Der Prinz fällt nicht nur allen auf die Nerven, es stellt sich rasch heraus, dass die Gegner des Kaisers vor seiner Familie auch in der Ferne nicht haltmachen. Dem unfreiwilligen Beschützer des jungen Mannes bleibt nichts anderes übrig, als erneut seine alten Knochen zu bewegen – auch wenn es ihm sichtlich schwerfällt und der Ausgang höchst ungewiss ist. Wie gut, dass ihm alte Freunde dabei helfen, ob er nun will oder nicht.
(Verlagsinfo)

Es ist soweit: Dirk van den Boom kehrt in seine Fantasywelt zurück, in den abgelegenen Landstrich Tulivar, zu seinem zynischen, alternden Baron, der sich durch geschickte Winkelzüge seine Selbstständigkeit erhalten hat und nun in seiner beschaulichen Ruhe durch einen pubertierenden Prinzen gestört wird. Dass es mehr ist als ein bloßer Erziehungsauftrag, verrät schon die Verlagsinfo. Tatsächlich bedarf es aber weit mehr als die alten Knochen eines Barons, um der Gefahren Herr zu werden, denn er ist nicht das einzige Relikt des letzten Krieges: Vereinzelt haben auch mächtige Kampfmagier überlebt – und sie gebieten über Mächte, denen man lieber aus dem Weg geht …


Dirk van den Boom ist ein engagierter Mensch. Er ist Mitveranstalter des Deutschen Phantastik-Preises dpp, Betreiber eines Videoblogs, Besucher zahlloser Veranstaltungen rund um die phantastische Literatur, Diskutant in einschlägigen Foren und nicht zuletzt Schriftsteller. Nebenberuflich. Mit einer unüberschaubaren Backlist. Erfinder und Reiseleiter der Serie »Rettungskreuzer Ikarus«, schreibt er zahlreiche weitere, thematisch breit gefächerte Geschichten zwischen Science Fiction, Krimi und Fantasy. Seine erfolgreichste Reihe dürfte dabei die alternative-history »Kaiserkrieger« sein, die zwei unabhängige, jeweils sechsbändige Geschichten erzählt und jetzt mit einem kriminalistischen Spin-off aufwartet. Perlen seiner Schaffenskraft sind die Romane um den Konsul Casimir Daxxel, der in seinen Space-Krimi-Operas »Eobal« und »Habitat C« sein Unwesen und die Aliens zur Weißglut treibt. Die beiden Tulivar-Romane sind sein erster Versuch in der Fantasy.

Tulivar. Wie das Land, so die Leute. Herb, spröde. Genau das Richtige, um einen unliebsamen Kriegshelden loszuwerden. Mit der Baronie Tulivar belehnt, begab sich Geradus Kaithan quasi in die Verbannung – und behauptete sich gegen alle Erwartungen, sowohl vor den Einheimischen, als auch vor alten und neuen Gegnern. Grund genug für den Kaiser, seinen einzigen Sohn und Thronfolger Prinz Lejan nach Tulivar zu senden, als bei Hofe die Intrigen und eine steigende Anzahl an Attentaten den Aufenthalt für den Prinzen zunehmend gefährlich gestalten.

Was sich als nervende Zusatzaufgabe anbahnt, entpuppt sich zum Missfallen Kaithans als Aufgabe, die ihn an die Grenzen seiner Fähigkeiten führt – und darüber hinaus. Zwar kann er sich noch immer auf alte Veteranen aus Kriegszeiten verlassen, doch sind sie klein an Zahl und weit verstreut.

In diesem Setting führt Boom andere bisher nur angedeutete Aspekte seiner Fantasywelt ein: Dämonenkrieger, beherrscht von mächtigen Magiern. Und Seiten der Magie, die fast an Allmacht grenzen – würde Boom sie nicht geschickt durch Kräfte und Energien begrenzen, die auch die Magier schließlich wieder menschlich machen. So gewinnt seine Welt neue Facetten und hebt sich weiter von einer einfachen mittelalterlichen Welt ab, die nur durch Blut, Schwerter und Intrigen beherrscht wird – mittlerweile scheint in ihr alles möglich zu sein.

Dabei lässt es Boom sich nicht nehmen, den alternden Baron, der aus der Ich-Perspektive erzählt, als zynischen, intellektuell einigermaßen selbstüberzeugten Mann darzustellen, der sich gern im Selbstmitleid suhlt, dabei aber den moralischen Anforderungen einer Identifikationsfigur genügt. Dunkle Flecken seiner Veteranenvergangenheit sorgen für einen Schatten, gelegentliche Selbstironie und Begriffsstutzigkeit runden das sympathische Bild ab – man könnte sich als Leser beinahe fragen, womit gerade er die Führungsposition als ehemaliger Hauptmann beanspruchen könnte.

Auch dafür liefert Boom eine Erklärung, und schließlich blitzen im Showdown andere Fähigkeiten durch, die ihm als bescheidenem Ich-Erzähler schwer über die Feder kommen.

Der Plot, das Konstrukt der Geschichte ist angenehm verstrickt und erfordert die führende Hand der Protagonisten, um es zu entwirren, und dabei bleiben einige Details ungeklärt, was Boom seinen Helden aber auch thematisiseren lässt. Daraus ließe sich ableiten, der Autor verlege ihre Klärung auf einen Folgeroman, andererseits tut ihre Nichtbeantwortung der vorliegenden Geschichte keinen Abbruch.

Tulivar ist Ausdruck einer auf abwechslungsreiche Unterhaltung ausgelegte Fantasygeschichte, die weder sich selbst noch ihre Protagonisten ernst nimmt, sondern mit einem Augenzwinkern eher offen als subtil die geradlinigen Klischees des Genres verbiegt. Booms Stil ist hierfür das geschaffene Werkzeug, und so ist es ein Spaß, das Buch zu lesen, zumal es sich erfrischend von den Hinkelsteinen sonstiger Fantasy abhebt. Einziger Wermutstropfen sind gerade im vorderen Drittel gehäuft anzutreffende Ungenauigkeiten im Lektor- und Korrektorat: Hier schlichen sich einige Wortdreher, Auslassungen und Wiederholungen ein. Das bessert sich im Verlauf und ist spätestens ab der Buchmitte nicht mehr zu bemerken.

Ein Wort zum Titelbild von Tony Andreas Rudolph, der auch dasjenige zum ersten Roman um den Lord zu Tulivar anfertigte: Es ist von ausgesuchter Schönheit! Im direkten Vergleich mit dem Vorgänger ist es um Dimensionen ausgefeilter, erfasst eine Schlüsselszene des Romans und wirkt einfach wuchtig. Die tribalisierten Rahmen zum Schriftzug sind leider auch diesmal vorhanden, fallen aber deutlich dezenter aus und stören die Komposition nicht nachdrücklich.

Insgesamt ist zu sagen: Der Roman beginnt in der zynischen, selbstironischen Tonlage des Barons eher gewöhnungsbedürftig, entwickelt sich aber schnell zu einem schnellen, flüssigen Lesespaß, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Broschiert, 230 Seiten
ISBN-13: 9783864022364
ORIGINALAUSGABE

Atlantisverlag.de
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