Dunne, Patrick – Keltennadel, Die

Kilbrick, eine kleine Gemeinde westlich von Dublin auf der Insel Irland, kurz nach der Jahrtausendwende: In seiner Kirche macht Pfarrer Liam Lavelle eine grausige Entdeckung – auf dem Altar liegt wie aufgebahrt die nackte Leiche einer jungen Frau, grausam gefoltert, verstümmelt, ausgeblutet; in einer Wange steckt die Nachbildung einer keltischen Gewandnadel.

Lavelle vermutet sogleich einen rituellen Opfermord in der Tat. Er hat in den Vereinigten Staaten lange für „Cultwatch“ gearbeitet, eine Organisation, die sich ausgiebig mit dem modernen Sektenwesen beschäftigt. Der Pfarrer ist sofort bereit, sein Wissen mit der Polizei zu teilen. Er hat herausgefunden, dass die Frau am Tag der hl. Brigitta (1. Februar) ermordet wurde – und dass dieser kirchliche Feiertag einst einem viel älteren, „heidnischen“ Fest „übergestülpt“ wurde, das die keltischen Ureinwohner Irlands zu Ehren der Feuergöttin Brigida feierten.

Detective Inspector Kevin Dempsey von der Mordkommission ist durchaus geneigt, Lavelles Theorien zu folgen, doch der mit auf den Fall angesetzte Detective Sergeant Jack Taaffe hält wenig von allzu komplizierten Erklärungen. In guter, alter Polizeimanier ist in seinen Augen immer noch derjenige der Hauptverdächtige, der eine Leiche entdeckt. Zunächst hält Dempsey jedoch seine schützende Hand über Lavelle, der nun unerwartet Hilfe erhält.

Die junge Kunstkritikerin Jane Wade, die in der Redaktion der TV-Sendung „Artspeak“ arbeitet, macht sich Sorgen um ihre Schwester Hazel. Sie hat sich offenbar einer obskuren Glaubensgemeinschaft angeschlossen und ist nun spurlos verschwunden. Jane macht sich große Sorgen und fragt Pater Lavelle um Rat, von dessen Tätigkeit als „Sektenbeobachter“ sie erfahren hat. Bei dieser Gelegenheit erfährt sie von dem bizarren Mord in der Kilbricker Pfarrkirche und beschliesst, Lavelle sowie die Polizei – die darüber wenig erbaut ist – zu unterstützen. Rasch kristallisiert sich heraus, dass es ungeahnte Verbindungen zwischen den unbekannten Mördern, dem Verschwinden von Hazel sowie einer Reihe ungeklärter Gewalttaten und Morden gibt, die seit einigen Monaten nicht nur die irischen Ermittlungsbeamten vor Rätsel stellen. Lavelle kommt einer mysteriösen Sekte namens „Zehnter Kreuzzug“ auf die Spur, einer militanten, auch in den USA aktiven Organisation, die sich an den asketischen Werten der frühen irischen Kirche sowie an der Religion der Kelten orientiert. Damit einher geht ein ausgeprägter Hass auf die weibliche Sexualität, die eine Verbindung zum Ritualmord in Kilbrick (dem bald ein zweiter folgt) herstellt. Lavelle wird alarmiert, als seine ehemaligen „Cultwatch“-Kollegen ihn darüber informieren, dass der Kopf des „Zehnten Kreuzzugs“ vermutlich Michael Roberts ist. Er kennt Roberts aus seiner Zeit auf dem Priesterseminar. Der charismatische, aber psychisch gestörte Mann fiel dort durch bizarre religiöse Praktiken auf und musste das Seminar verlassen. In den folgenden Jahren hat er offenbar seinen seltsamen Weg weiterverfolgt und ist dabei in seinen Ansichten immer radikaler geworden. Nun schreckt er in seinem selbst ausgerufenen Kampf gegen die „Ungläubigen“ dieser Welt auch vor extremer Gewalt nicht mehr zurück.

Dempsey und Taaffe verwickeln sich in ihrem Bemühen, die immer größere Zahl brutaler Ritual- und Rachemorde aufzuklären, ebenso wie Lavelle und Jane Wade in dem Dickicht seltsamer und zwielichtiger sektiererischer Gruppen, die zu ihrer Überraschung im modernen Irland erschreckend viele Anhänger um sich scharen. Deshalb erkennen sie zu spät, dass Roberts Untaten in Irland nur Teil eines wahnwitzigen Plans sind: Der Herr des „Zehnten Kreuzzuges“ plant nichts Geringeres als die buchstäbliche Sprengung einer Friedenskonferenz, die von den großen Kirchen dieser Welt auf historischem Boden abgehalten werden soll: in Bethlehem …

An dieser Stelle soll es genug sein mit der Inhaltsangabe, um jenen Lesern, die neugierig geworden sind, die Freude an der Lektüre dieses spannenden Romans nicht durch die Vorwegnahme der Auflösung zu verraten. Nur soviel sei verraten: Autor Patrick Dunne bleibt konsequent in seinem Bemühen, durch das Legen falscher Fährten und das Schlagen manchen Hakens seine Geschichte so überraschend wie möglich zu gestalten.

„Die Keltennadel“ ist das literarische Debüt des irischen Schriftstellers Patrick Dunne. In Dublin geboren, studierte er später Literatur und Philosophie, wurde dann Musiker und schrieb schließlich ein Musical, das sich auf die keltischen Wurzeln seiner Inselheimat stützte. Zur Ruhe kam er als Regisseur und Produzent beim irischen Rundfunk, wo er zwanzig Jahre später sein Fachwissen und seine Lebenserfahrung in seinen ersten Roman einfließen ließ.

Ein Debütroman weist in der Regel ganz spezifische Eigenschaften auf – im Guten wie im Bösen. „Die Keltennadel“ macht da keine Ausnahme. Positiv anzumerken ist die Sorgfalt, mit der Dunne seine nicht unkomplizierte Geschichte entwickelt. Die verwickelte religiöse und kulturelle Vergangenheit Irlands weiß er gut herauszustellen. Sie ist beileibe nicht abgeschlossen. Gerade im religiösen Bereich gilt Irland als „Wahlheimat“ zahlreicher moderner Kulte und Sekten, die ihre angebliche Weisheit hauptsächlich aus zwei Quellen speisen:

Wer weiß heute schon, dass gerade in Irland eine der Wiegen des frühen (oder besser frühmittelalterlichen) Christentums stand? Anders als auf dem europäischen Kontinent verkündeten asketisch lebende Mönche das Wort Christi. Ihre in der Regel karge, in ihrer Strenge aus heutiger Sicht geradezu menschenunwürdige Lebensweise ist es, die sie zu allen Zeiten für „Glaubenserneuerer“ vorbildlich erscheinen ließ: Nicht nur aus christlicher Sicht „taugt“ eine Religion für viele Gläubige nur dann etwas, wenn sie ihren Anhängern möglichst große Entbehrungen abfordert.

Die eher „heidnisch“ ausgerichtete Fraktion moderner Heilssucher zieht die „ursprünglichere“ Religionswelt der Kelten magisch an. Allerlei mystische Rätsel werden dieser untergegangenen bzw. vom sowieso ignoranten Christentum vom Erdboden getilgten und damit automatisch zu höchsten Weihen gelangten Kultur unterstellt. Dass die historische Realität freilich recht prosaisch aussah – auch Druiden waren letztlich nur Menschen -, ignorieren die Heiden von heute ebenso geflissentlich wie die Einsprüche lästiger Wissenschaftler, die bis auf den heutigen Tag eifrig Steinchen für Steinchen zusammentrugen und auf diese Weise die keltische Kultur durchaus erfolgreich aus der munkelhaften Nacht der Geschichte befreien konnten.

Das dumpfe Gebräu nur halb verstandener oder gleich ganz erfundener, immer wieder „ergänzter“ und vermischter Glaubensvorstellungen weiß Dunne gut in seine Geschichte zu integrieren. Gerade vor dem Hintergrund realer Wahnsinnstaten fanatisierter Fundamentalisten und Sektierer gewinnt „Die Keltennadel“ traurige Überzeugungskraft.

Dunne wählt für seinen Roman Irland als Ort der Handlung. Das macht bei der Lektüre zunächst nervös, weil man immer damit rechnet, dass der Autor fröhliche, rothaarige Trunkenbolde, Kobolde oder zumindest wild um sich schießende IRA-Terroristen auftreten läsät – dafür steht Irland nämlich in Wort, Bild und Film seit langer Zeit, und diese Klischees nerven. Aber Dunne wagt das politisch Unkorrekte und stellt Irland als Ort da, an dem ganz normale Menschen ein meist ganz normales Leben führen.

Einige weniger erfreuliche Aspekte der „Keltennadel“ dürfen an dieser Stelle nicht ungenannt bleiben. Sie resultieren hauptsächlich aus dem Übereifer eines frischgebackenen Autors, der natürlich das Rad neu erfinden möchte. So weist der Handlungsfaden an vielen Stellen einige Knoten zuviel auf; Dunne gelingt es nicht, die aufwändig vorbereitete Auflösung durch einen entsprechenden Höhepunkt zu krönen. Sobald die Geschichte Irland verlässt, wird sie leicht lächerlich. Das trifft besonders auf das dramatische Schlusskapitel in Bethlehem zu – Weltgeschichte, wie der kleine Max sie sich vorstellt.

Auch die Demaskierung der so sorgfältig aufgebauten Bösewichter des „Zehnten Kreuzzugs“ enttäuscht. Diesen geistig minderbemittelten, dummes Zeug faselnden Gestalten soll es gelungen sein, die Polizei auf zwei Kontinenten und die Welt in Atem zu halten? So ist es wohl kaum eine Überraschung, dass Dunne auf den letzten Seiten in bewährter „Akte X“-Manier die „wahren“ Verschwörer aus dem Hut zaubert, die den gerade malerisch in Jenseits beförderten Schurken als Strohmann vorgeschoben haben und nun ihre düsteren Pläne ungestört weiterverfolgen können – ein Hintertürchen für eine mögliche Fortsetzung?

Zu erwähnen sind noch gewisse Schwächen in der Figurenzeichnung, die allzu sehr nur zu bekannten Klischees folgt: die unermüdliche, unerschrockene Journalistin und der attraktive, mit seinem Glauben ringende Priester (die hier sogar zueinander finden dürfen – ho-ho, welch‘ revolutionärer Einfall! Da werden die Papisten aber aufheulen!), der „gute“ Bulle und sein treuer, aber ständig auf dem Holzweg befindliche und dem echten Täter dadurch in die Hand spielende Gefährte (der Konvention folgend, hätte er eigentlich im Verlauf der Handlung umkommen müssen), der genial-satanische Bösewicht, der souverän an den Fäden seines weltumspannenden Imperiums des Abscheulichen zieht (in denen er sich freilich – wenig überzeugend – sofort verheddert, sobald der „gute Held“ ihm auf die Schliche kommt) und natürlich seine treu ergebenen, zu jeder Schandtat bereiten Helfershelfer, die durch ausgeprägte Schusseligkeit ihren Teil dazu beitragen müssen, Held und Schurke zueinander finden zu lassen.

Insofern wartet auf den Leser ganz gewiss nicht „ein neuer Super-Schocker des neuen ‘King of Crime‘ aus Irland“, wie ein (klugerweise ungenannt bleibender) Fürsprecher auf der Rückseite des Covers mächtig dröhnt, sondern „nur“ ein solider und unterhaltsamer Thriller, der auf der allerdings auch schon wieder abflauenden Welle der „Massenmord-nach-der-Bibel“-Romane und -Filme reitet und trotz einiger Längen gute Unterhaltung bietet.