Garth Nix – Goldener Sonntag (Die Schlüssel zum Königreich 7)

Tag Nr. 7: Das Finale ist erreicht!

Eigentlich ist Arthur Penhaligon kein Held. Genau genommen, ist ihm sogar ein früher Tod vorherbestimmt. Doch dann rettet ihm ein geheimnisvoller Gegenstand das Leben: Er sieht aus wie ein Uhrzeiger und wird von seltsam gekleideten Männern als „Schlüssel zum Königreich“ bezeichnet.

Doch zugleich mit dem Schlüssel erscheinen bizarre Wesen aus einer anderen Dimension, die ihn um jeden Preis zurückgewinnen wollen. In seiner Verzweiflung wagt es Arthur, ein geheimnisvolles Haus zu betreten – ein Haus, das nur er sehen kann und das in andere Dimensionen führt. Dort will er nicht nur sein wahres Schicksal erkennen, sondern auch sieben Schlüssel besorgen …

Sechs Schlüssel hat Arthur bisher aus den magischen Reichen erobert. Doch als er in seine eigene Welt zurückkehren will, stellt er fest, dass die Macht von Lord Sonntag seine eigene übertrifft – er landet in dessen Unvergleichlichen Gärten in Gefangenschaft…

Der Autor

Garth Nix wurde 1963 in Melbourne / Australien geboren. Nach seinem Studium arbeitete er in einer Buchhandlung, später als Verleger, Buchhandelsvertreter, Zeitungsredakteur und Marketingberater. Seit 2002 bestreitet er seinen Lebensunterhalt ausschließlich als Autor. Er lebt heute mit seiner Frau, einer Verlegerin, und seinem Sohn in einem Vorort von Sydney. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört die ABHORSEN-Trilogie, die komplett bei Carlsen und Lübbe erschienen ist („Sabriel“, „Lirael“, „Abhorsen“).

Die Reihe:

1) Schwarzer Montag
2) Grimmiger Dienstag
3) Kalter Mittwoch
4) Rauer Donnerstag
5) Listiger Freitag
6) Mächtiger Samstag
7) Goldener Sonntag

Handlung

In den Tagen von Montag bis Samstag, die Arthur Penhaligon im HAUS verbracht hat, ist es ihm bislang gelungen, sechs Stücke des VERMÄCHTNISSES zu erobern. Sie sind Schlüssel zu sechs Bereichen des HAUSES, nun macht er sich auf den Weg zu der obersten Etage, der Domäne von Lord Sonntag. Stets gilt es, eines von zwei essenziellen Dingen zu finden und zu erobern: Das Erste ist die Gabe des VERMÄCHTNISSES, das zweite der Schlüssel der Domäne. Mittlerweile ist Arthur ein fester Bestandteil des HAUSES geworden und daher mit purer Magie ausgestattet.

Doch diesmal hat Arthur Pech: Als er in die Gärten eindringt, die Lord Sonntags Domäne ausmachen, stößt er auf einen der vielen Gärtner, doch statt ihn zu seinem Meister zu führen, beginnt der Gärtner, Arthur mit einer rotglühenden Mistgabel anzugreifen. Gerade als sich Arthur mit Hilfe seiner Schlüssel – Spiegel und Federkiel – zur Wehr setzen will. Tauchen weitere Gärtner und Assistenten auf, die ein magisches Netz werfen, das die Schlüssel abfängt. Auf einmal steht da Lord Sonntag vor dem wehrlosen Arthur und befehlt: „Legt ihn in Ketten. Aber nehmt euch in Acht: Er ist gefährlicher als er aussieht.“

Susi Türkisblau

Unterdessen ist Susi Türkisblau, das Pfeiferkind, auf der Suche nach ihrem Freund Arthur. Sie befindet sich in der HAUS-Domäne von Lady Samstag und hat einen Teil des Vermächtnisses von Samstag bei sich, einen Raben, der aus lauter winzigen Buchstaben besteht. Entlang einer gigantischen Fahrradkette bewegt sie sich nach unten, wohin Arthur zuletzt gestürzt ist. Sie steigt im Zuge eines gewagten Manövers in einen Aufzug um, der sie, den Raben und einen Schmieraffen namens Giac in die Tiefe trägt. In der Domäne von Lord Donnerstag trifft sie endlich DAME PRIMUS, die für Arthur die ersten vier Schlüssel der Macht verwaltet. DAME PRIMUS befiehlt den Angriff auf Lord Sonntags Unvergleichliche Gärten – sie hat ganz besondere Pläne …

Blatt

In unserer Welt, aus der Arthur Penhaligon stammt, hat es eine weitere Freundin nicht so gut getroffen. Blatt hat viele Menschen aus dem HAUS gerettet und im Östlichen Bezirkskrankenhaus evakuiert – kurz bevor eine kleine taktische Atombombe über ihrem Stadtteil gezündet wurde. Als sie nun Kontakt mit der Außenwelt aufnimmt, stößt sie auf maximales Misstrauen: Sie ist bestimmt KONTAMINIERT! Als erste Maßnahme der Rettungsgruppen wird sie untersucht und intensiv dekontaminiert, bis auch garantiert jedes letzte Radium-Isotop von ihrem geschundenen Körper geschrubbt worden ist.

In einem ABC-Schutzanzug darf sie schließlich Arthurs älteren Bruder Major Penhaligon sehen. Den Offizier bringt sie zum Krankenhaus, doch statt leerer Korridore und voller Säle findet Blatt den Vordereingang des HAUSes vor – und ein Bote von Lord Sonntag ist gekommen, sie zu holen: der grimme Schnitter. Damit sie nicht entkommen kann, hat er ein ganz spezielles Schoßtierchen mitgebracht…


Mein Eindruck

Dieser Abschlussband bringt, wie zu erwarten, das Ende der Herrschaft der Sieben untreuen Lords, die sich die Teile des VERMÄCHTNISSES der ARCHITEKTIN angeeignet haben. Doch Arthurs Kampf gegen Lord Sonntag ist schwieriger als gedacht, und so kommt es, dass er auf die Hilfe seiner engsten Verbündeten angewiesen ist. Überraschenderweise gehört dazu auch ein kleiner gelber Elefant, der ein Kinderspielzeug aus Arthurs Kindheit verkörpert. Aber auch der Mariner lässt sich nicht lange bitten, als es Arthur gelingt, einen Notruf an ihn abzuschicken.

Arthur ist an eine riesige Uhr gekettet, und an das Freikommen aus eigener Kraft ist nicht zu denken. Das Symbol der Uhr wird im Finale der Handlung noch eine wichtige Rolle spielen, ebenso wie ein Apfelbaum , der in einem Käfig steht. Die Zeit allerdings wird knapp – nicht zuletzt deshalb, weil das NICHTS bereits die untere und mittlere Ebene des HAUSes verschlungen hat und sich in allen möglichen Dingen breitmacht. Das lässt den letzten Band doch recht spannend werden. Außerdem hält das Finale zahlreiche Überraschungen bereit. Ich konnte den Band einfach nicht mehr aus der Hand legen.

Hintergrund

Der Leser, der die Serie nicht durchgehend verfolgt hat, mag sich wundern, wie es kommt, dass Arthur an nur einem Tag im HAUS um mehrere Jahre, die die Sterblichen erleben, altert und mental wächst. Das liegt natürlich daran, dass in der Anderswelt des HAUSES die Zeit auf andere Weise verrinnt als in unseren „Sekundären Welten“. Die Relativität der Zeit ist aber in der Fantasy bereits ein alteingeführter Topos, der schon im Mittelalter mit den ersten Balladen über Thomas the Rhymer und seinem Ausflug in die Feenwelt begann – wenn nicht sogar schon in keltischer, vorchristlicher Zeit, wo Sterbliche ja immer mal wieder nach Tirnanog, das Land der ewigen Jugend, wechselten. Falls sie dann zurückkehrten, lebte keiner ihrer Freunde mehr und allein schon die Berührung mit der Heimaterde mochte sie zu Staub zerfallen lassen.

So darf es nicht verwundern, wenn Arthur, der ja in unserer Welt gerade mal elf Jahre alt ist, im ersten Band plötzlich im richtigen Alter für die Einberufung in die Armee des HAUSES ist. Er erhält natürlich seine Grundausbildung. Dreimal darf man sich fragen, wozu eine Armee da ist: zum Kämpfen natürlich. Schon bald geht Arthur auf Patrouille und bekämpft die ersten Neuen Nichtlinge, denen er und seine Freunde Fred Gold und Susi Türkisblau begegnen. Diese werden ihn bis zum Abschluss begleiten. Allerdings zahlt Arthur einen Preis für seinen Wechsel ins HAUS: Als BÜRGER verfügt er zwar über magische Fähigkeiten, kann aber nicht mehr zurück in seine, d.h. unsere Welt.

Verbündete

Es gibt Romane in der Reihe, in denen eine andere Figur gleichberechtigt neben Arthur Abenteuer erlebt, die mindestens ebenso spannend sind wie seine im HAUS. Blatt ist ja auch nur ein junges Mädchen, muss sich aber in einer plötzlich feindlich gewordenen Umwelt behaupten. Das gelingt ihr wider Erwarten ausgezeichnet. Und zwar nicht bloß, weil sie magische Hilfen wie die Brille und das Amulett des Mariners hat, sondern weil sie auch Hilfe von unerwarteter Seite anzunehmen bereit ist. Die beiden Erzählstränge um Arthur und Blatt funktionieren ausgezeichnet und sorgen wechselseitig für Spannung und Abwechslung. Das Gleiche gilt für Fred Goldd und Susi Türkisblau.

Die Übersetzung

S. 83: „Blätter, die der Beschreibung harrten“. Gemeint ist, dass Blätter beschriftet werden sollen, also nicht „description“, sondern „writing“. Besser sollte man daher formulieren: „Blätter, die des Beschriftens harrten“.

S. 103: „Holzziegeldach“. Ich glaube nicht, dass Ziegel je aus Holz sein können, denn schließlich sind sie ja aus Lehm etc. gebrannt. Der Übersetzer hätte vielleicht besser „Schindeldach“ als Ausdruck gewählt.

S. 275: „bemächtigte sich Blatt[s] ein … Gefühl“. Das Genitiv-s fehlt.

Unterm Strich

Abschließend lässt sich zu der australischen Fantasyreihe viel Positives sagen. Sie wartet mit einem recht gut durchdachten Paralleluniversum auf, das erstens die Bestimmung des Helden bereithält und zweitens natürlich die Lösung zu allen Rätseln. Aber diese Bestimmung fällt dem denkbar ungeeigneten Asthmatikerhelden nicht in den Schoß, wie man sich leicht denken kann, sondern muss in sieben Kämpfen errungen werden. Und am Schluss ist selbst der Sieg mit einem Haken verbunden.

Die Heilung der Welt

Natürlich erinnert der Aufbau der Geschichte ein wenig an Tad Williams’ Zyklus „Otherland“ und hier wie dort durchstreift der Held eine virtuelle Welt, die er heilen muss. Aber er hat sie auch zu erobern und dafür etliche Kämpfe zu bestehen. Denn damit heilt er zugleich auch seine eigene Welt. Beides gehört zusammen, und der Weg ist das Ziel: Arthur findet nicht nur zu selbst, sondern erkennt auch seinen Platz und seine Aufgabe in der Welt. Das ist eine wertvolle Lektion, wie sie nur sehr gelungene Jugendbücher glaubwürdig zu vermitteln vermögen, so etwa die Harry-Schotter-Reihe oder der Wintersonnenwende-Zyklus von Susan Cooper.

Schöpfung

Am Schluss muss Arthur erkennen, dass es nicht ausreicht, die Welt der Phantasie zu heilen und vor dem Nichts zu bewahren. Da es keinen Weg zurück in seine eigene Welt gibt, würde er für immer festsitzen. Nun, durch eine „überraschende Wendung“ wird Arthur um den Sieg betrogen und sieht sich unerwartet in einer völlig neuen Position: Er muss die Welt neu erschaffen! Zum Glück kann er auf eine „Sicherheitskopie“ zurückgreifen…

Diese Wendung fand ich so folgerichtig und positiv, dass sich mein Urteil über das Buch schlagartig noch erhöht hat. Denn damit erteilt der Autor jedem Ansatz eines eskapistischen Vergnügens an Phantasiewelten eine Absage. Die Phantasie, so habe ich die Aussage verstanden, ist zwar ein notwendiger Bestandteil des Geistes, denn ohne sie könnte sich nichts entwickeln, doch der Träumende muss lernen, seine Phantasie auf eigene Beine zu stellen. Was aber soll seine moralische Richtschnur sein? Der Autor zeigt es, ohne auch nur ein einziges Mal den Finger zu heben: Die freundschaftliche Kooperation mit seinen Freunden ist das wichtigste Element, um das HAUS und die „Sekundären Reiche“ zu retten: Fortan ist Arthur sein eigener ARCHITEKT. Es kommt darauf an, was er aus seinem VERMÄCHTNIS macht.

Beiwerk

Die Übersetzung ist überraschend gut gelungen, Druckfehler sind kaum welche zu finden. Die Illustrationen sind erfreulich zahlreich, allerdings musste ich mich an den skizzenhaften Zeichenstil von Daniel Ernle erst gewöhnen.

Taschenbuch: 316 Seiten
Originaltitel: Lord Sunday (2010)
Aus dem Australischen Englisch von Axel Franken, mit Illustrationen von Daniel Ernle
ISBN-13: 978-3404200092
www.luebbe.de

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)