Patrick Rothfuss – Die Musik der Stille

Diese Geschichte sollte man besser nicht lesen. Zumindest schreibt Patrick Rothfuss das in seinem Vorwort. In seinem Nachwort schreibt er auch warum: Sie hat nichts von dem, was eine gute Geschichte haben sollte. Es gibt keinen Konflikt, keine Dialoge, keine Action. Überhaupt keine Handlung. So sagt er. Er hat sie trotzdem geschrieben. Und seine Verlegerin hat sie trotzdem verlegt. Zum Glück!

Sieben Tage noch. Als Auri am Morgen erwacht, ist sie sicher, dass er am siebten Tag das nächste Mal zu Besuch kommen wird. Eifrig macht sie sich daran, Vorbereitungen zu treffen …

Auri ist eine Nebenfigur aus der Königsmörder-Chronik. Wer diese nicht gelesen hat, wird mit der Geschichte über Auri vielleicht Schwierigkeiten haben. Er wird zum Beispiel nicht wissen, wer der Besucher ist, den Auri erwartet, und dass Auri in einem Tunnelgewirr unter der Universität lebt.

Andererseits ist es nicht wirklich wichtig, ihren erwarteten Besucher zu kennen oder den Ort, unter dem sie lebt. Denn dies ist Auris Geschichte, und sie ist weitestgehend losgelöst von den Geschichten im Rest der Welt.

Auri ist anders. Jeder, der die Königsmörder-Chronik gelesen hat, weiß das schon. Die übrigen werden es sogleich feststellen. Auri hat einen ganz eigenen Blick auf die Welt und außerdem einen manchmal kindlich wirkenden Charme. Sie steckt voller Rätsel, denn offenbar gibt es ein Geheimnis in ihrer Vergangenheit, und voller Überraschungen, denn sie ist mächtig! Vor allem aber ist sie freundlich und selbstlos. Auri ist absolut liebenswert.

Dieser seltsamen Kindfrau folgt der Leser durch eine ebenso seltsame, fremdartige Welt voller Rohre, tiefer Wasserlöcher, verborgener Hallen und vergessener Räume. Auri tut nichts Weltbewegendes auf diesen Streifzügen. Sie hat gute Tage und dazwischen auch einen absolut miesen. Das einzige, was die Handlung ein wenig aus dem Alltäglichen heraushebt, ist Auris Vorfreude auf den Besuch, und doch ist diese Vorfreude nur ein Sahnehäubchen, denn auch ohne sie wäre Auris Leben alles andere als alltäglich. Auris ungewöhnliche Weltsicht macht jeden Ort, jedes Ding lebendig, einzigartig. Obwohl sie der einzige Mensch in der Geschichte ist, ist die Geschichte doch voller Persönlichkeiten. Diese Tatsache umgibt alles, selbst die einfachsten, banalsten Tätigkeiten mit einem ganz eigenen, leicht entrückten Zauber.

Tatsächlich ist Auris Geschichte eine der schönsten, die ich seit langem gelesen habe, und hat mich mehr fasziniert als banale Action es jemals könnte. Die knapp zweihundert Seiten enthalten mehr Phantasie, Einfühlungsvermögen und Magie als mancher Wälzer mit knapp tausend. „Die Musik der Stille“ ist der beste Beweis dafür, dass es keine wirklichen Regeln dafür gibt, was genau eine Geschichte enthalten muss, um gut zu sein. Sie muss einfach nur etwas zu erzählen haben.

Patrick Rothfuss stammt aus Wisconsin. Lange Zeit unsicher, was er mit seinem Leben anfangen sollte, studierte er zahllose Fächer, bis die Universität ihn zwang, endlich irgendwo einen Abschluss zu machen. Inzwischen ist er an derselben Universität als Lehrkraft tätig, und die langen Winter in Wisconsin, die er früher mit Lesen verbrachte, verbringt er nun mit Schreiben. Derzeit arbeitet er an Teil drei der Königsmörder-Chronik, ein Erscheinungstermin steht bisher aber noch nicht fest.

Gebundene Ausgabe 173 Seiten
Originaltitel: „The Slow Regard of Silent Tings“
Deutsch von Jochen Schwarzer
ISBN-13: 978-3608960204

www.patrickrothfuss.com
www.klett-cotta.de

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