Robert Silverberg – Am Ende des Winters (Nach der Dunkelheit 1)

Helliconia lässt grüßen: Planeten-SF mit langem Atem

Nach seinen erfolgreichen Lord-Valentine-Romanen wandte sich Robert Silverberg wieder mehr den großen epischen und mythischen Stoffen zu, so etwa dem ersten Helden der Weltliteratur, Gilgamesch, schweifte aber auch in fernste Zukunft, wie hier. „Am Ende des Winters“ überspannt ebenso überdimensionale Zeiträume und schildert epische Geschehnisse am Ende einer sehr, sehr langen Eiszeit. Und wie der Dichter sagt: Auch über diesem Anfang liegt ein Zauber.

Handlung

Erst in 26 Mio. Jahren, nach einer Blütezeit der irdischen Kultur, geht die „Große Welt“ durch den Fall der „Todessterne“, eines Kometenschwarms, zugrunde. Einzelne Volksgruppen von Menschen überleben den einbrechenden langen Winter in winzigen „Kokons“, also Bunkern.

Die Geschichte, die uns ein Chronist des „Volkes“ namens Hresh erzählt, beginnt mit dem Auszug eines solchen Stammes aus seinem Kokon „am Ende des Winters“. 700.000 Jahre haben die Überlebenden wie in einem schützenden Mutterleib verbracht. Ihr weiblicher Häuptling führt sie ins Gelobte Land, in die große Stadt Vengiboneeza. Hier soll der Stamm die Mittel erhalten, die ihm die Herrschaft über die Welt verleihen würden.

Doch das „große Draußen“ ist alles andere als heimelig. Nun schlägt die Stunde der Krieger, und auch Vengiboneeza hält nicht, was die alten Schriften versprachen: Es liegt in Ruinen, seine Schätze sind verborgen. Und Alienrassen halten den Landstrich besetzt. Was nun?

Mein Eindruck

Silverbergs Können beweist sich nun weniger darin, eine einigermaßen spannende Handlung zu erfinden, sondern die Hauptfiguren (sprich: vor allem Hresh) mit Fragen zu konfrontieren, die den Leser der Gegenwart interessieren könnten: Wie definiert sich „Menschlichkeit“ – denn das Volk stammt direkt von den Affen ab; und diese späte Erkenntnis ist bitter. Wie ist friedlicher Umgang mit den „Anderen“ möglich? Welche Form der Herrschaft ist die beste beziehungsweise angemessenste?

In geradezu gemütlichem Tempo packt der Erzähler dieses Epos, das zuweilen an die HELLICONIA-Trilogie von Brian W. Aldiss erinnert, eine Überraschung nach der anderen aus (von denen hier natürlich keine verraten werden soll). Manche Überraschungen sind ironisch zu verstehen, doch die meisten sind ernsterer Natur. „Am Ende des Winters“ ist ein veritables Buch der Wandlungen. Der Leser sollte sich angesichts des Mangels an Action zurücklehnen und sich unterhalten lassen.

Hinweis

Seine Fortsetzung fand dieser Band in „Der neue Frühling“ (The New Springtime), ebenfalls bei Heyne. Ein dritter Band folgte nicht.

Der Autor

Robert Silverberg, geboren 1936 in New York City, ist einer der Großmeister unter den SF-Autoren, eine lebende Legende. Er ist seit 50 Jahren als Schriftsteller und Antholgist tätig. Seine erste Erfolgsphase hatte er in den 1950er Jahren, als er 1956 und 1957 nicht weniger als 78 Magazinveröffentlichungen verbuchen konnte. Bis 1988 brachte er es auf mindestens 200 Kurzgeschichtenund Novellen, die auch unter den Pseudonymen Calvin M. Knox und Ivar Jorgenson erschienen.

An Romanen konnte er zunächst nur anspruchslose Themen verkaufen, und Silverberg zog sich Anfang der 60er Jahre von der SF zurück, um populärwissenschaftliche Sachbücher zu schreiben: über 63 Titel. Wie ein Blick auf seine „Quasi-offizielle Webseite“ www.majipoor.com enthüllt, schrieb Silverberg in dieser Zeit jede Menge erotische Schundromane.

1967 kehrte er mit eigenen Ideen zur SF zurück. „Thorns“, „Hawksbill Station“, „The Masks of Time“ und „The Man in the Maze“ sowie „Tower of Glass“ zeichnen sich durch psychologisch glaubwürdige Figuren und einen aktuellen Plot aus, der oftmals Symbolcharakter hat. „Zeit der Wandlungen“ (1971) und „Es stirbt in mir“ (1972) sind sehr ambitionierte Romane, die engagierte Kritik üben.

1980 wandte sich Silverberg in seiner dritten Schaffensphase dem planetaren Abenteuer zu: „Lord Valentine’s Castle“ (Krieg der Träume) war der Auftakt zu einer weitgespannten Saga, in der der Autor noch Anfang des 21. Jahrhunderts Romane schrieb, z.B. „Lord Prestimion“.

Am liebsten sind mir jedoch seine epischen Romane, die er über Gilgamesch (Gilgamesh the King & Gilgamesh in the Outback) und die Zigeuner („Star of Gypsies“) schrieb, auch „Tom O’Bedlam“ war witzig. „Über den Wassern“ war nicht ganz der Hit. „Die Jahre der Aliens“ wird von Silverbergs Kollegen als einer seiner besten SF-Romane angesehen. Manche seiner Romane wie etwa „Kingdoms of the Wall“ sind noch gar nicht auf Deutsch erschienen.

Als Anthologist hat sich Silverberg mit „Legends“ (1998) und „Legends 2“ einen Namen gemacht, der in der Fantasy einen guten Klang hat. Hochkarätige Fantasyautoren und –autorinnen schrieben exklusiv für ihn eine Story oder Novelle, und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Der deutsche Titel von „Legends“ lautet „Der 7. Schrein“ bzw. „Legenden“.

Taschenbuch: 670 Seiten
Originaltitel: Winter’s End, 1988
Aus dem Englischen von Roland Fleissner
ISBN-13: 978-3453034709

www.heyne.de

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