Cornwell, Patricia – Brandherd

Für Kay Scarpetta, Leiterin des gerichtsmedizinischen Instituts der Stadt Richmond, US-Staat Virginia, könnte der Tag ruhig 48 Stunden haben. Mord und Totschlag gedeihen prächtig in der alten Südstaaten-Metropole und füllen die Fächer im gerade erst bezogenen neuen Leichenhaus schon wieder bis auf den letzten Platz.

Den Großbrand auf dem feudalen Landgut und Gestüt des Medienmoguls Kenneth Sparkes muss sie trotzdem ganz oben auf die Liste ihrer Untersuchungen setzen, denn hier wird es heikel: Große Politik kommt mit ins Spiel. Sparkes ist ein konservativer, einflussreicher, schwerreicher und – schwarzer Geschäftstycoon; eine explosive Mischung, besonders in den Südstaaten, wo es noch immer viele bleichhäutige Zeitgenossen gar nicht gern sehen, wenn sich ein farbiger Mitbürger über sie zu erheben wagt.

In den Ruinen des völlig zerstörten Landsitzes wird tatsächlich eine Leiche gefunden – allerdings nicht die Sparkes, sondern einer jungen Frau, die eines grässlichen Todes gestorben ist, was durch das Feuer vertuscht werden sollte, wie Kay Scarpetta dennoch herausfindet. Der Hausherr taucht dagegen quicklebendig auf; er war außer Landes und gibt nun völliges Unwissen zu. Polizei und FBI sind misstrauisch (siehe oben), denn Sparkes Alibi ist recht wackelig.

Rätselhaft bleibt, wie der oder die Mörder ein wahres Höllenfeuer entfachen konnten, das die Leiche beinahe einäscherte. Solche seltsamen Todesfälle hat es in der jüngsten Vergangenheit schon mehrfach gegeben, ergeben die Ermittlungen. Stets sind junge, gesunde, gut aussehende Frauen und Männer umgebracht worden.

Da entdeckt Kay Scarpetta auf einem Videoband, das eines der letzten Opfer kurz vor seinem Ende zeigt, die Serienmörderin Carrie Grethen. Fünf Jahre ist es her, dass diese mit ihrem nicht minder psychopathischen Killergenossen Temple Brooks Gault die USA in Angst und Schrecken versetzte. Scarpetta kennt das Pärchen gut; sie war es auch, die Gault schließlich in Notwehr tötete (vgl. „From Potter’s Field“, dt. „Die Tote ohne Namen“). Grethen mimte die Wahnsinnige und wurde in eine psychiatrische Anstalt in New York eingeliefert. Von dort terrorisierte sie Scarpetta und ihre Nichte Lucy, die einst ein lesbisches Verhältnis mit Carrie verband, mit Drohbriefen. Als jetzt endlich ihr Prozess anstand, floh sie kurzerhand. In Freiheit, erfüllt von Rachedurst und Mordlust und offensichtlich erneut mit einem irren Serienmörder ‚zusammenarbeitend‘, stellt Carrie Grethen eine schreckliche Gefahr für alle dar, die sie und Temple Gault einst aus dem Verkehr zogen. Scarpetta, ihr Lebensgefährte Wesley Benton, Lucy und Pete Marino von der Mordkommission treffen ihre Vorsichtsmaßnahmen, doch sie unterschätzen ihre Gegnerin gewaltig und müssen einen schrecklichen Preis dafür zahlen …

„Brandherd“ ist pure, inhaltlich und stilistisch anspruchslose Unterhaltung, wie man sie manchmal gern liest: schnell, spannend, gut recherchiert, nicht zimperlich dort, wo es garstig und blutig wird. Erneut ist es Patricia Cornwell gelungen, ein neues Spielfeld für ihr dem Publikum inzwischen wohlbekanntes Figurenpersonal zu finden. Dass Ermittlung in einer Brandsache heutzutage mehr ist, als zwischen verkohlten Resten nach einem leeren Benzinkanister zu fahnden, haben selbst die Nichtraucher unter den Krimilesern inzwischen dank Kino und Fernsehen gelernt. Im Detail ist es dennoch faszinierend, quasi mit Kay Scarpetta zu erleben, wie ein Feuer von seiner ‚Geburt‘ bis zu seinem Erlöschen mit modernsten wissenschaftlichen Methoden rekonstruiert werden kann. Zweifellos hat sich Cornwell wieder eingehend und vor Ort informiert. Sie schreckt bekanntlich zum Wohle ihres Publikums in dieser Hinsicht vor gar nichts zurück und weiß als ehemalige Pathologin glücklicherweise ihren Magen unter Kontrolle zu halten.

Auch der zweite Handlungsstrang, der sich um den Rachefeldzug der Carrie Grethen rankt, lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Psychopathische Serienmörder der ganz unrealistischen Schule sind zwar in der Unterhaltungsindustrie im Dauereinsatz, finden aber noch immer ihr Publikum. Cornwell ist klug genug, Carrie Grethen bis zum Finale gar nicht auftreten, sondern sie als unsichtbare Bedrohung wirken zu lassen. Dass sie eine echte Hauptfigur opfert, um die dramaturgische Schraube noch fester anzuziehen, ist im Kriminalroman und hier besonders in den Serien eher selten. Aber je weniger Figuren der Leser in Sicherheit wiegen können, desto höher steigt der Spannungspegel!

Außerdem bringt das Ende einer zentralen Figur etwas buchstäblich frisches Blut in die Handlung, Wie bitter nötig dies ist, belegen die Kritikpunkte, die gegen „Brandherd“ vorzubringen sind. In den Scarpetta-Romanen rückt in der zweiten Hälfte der 90er Jahre die Nichte Lucy mehr und mehr in den Mittelpunkt. Sie ist inzwischen zur zweiten Inkarnation der Autorin geworden; während Kay Scarpetta Patricia Cornwell glaubwürdig als selbstbewusstes, berufserfahrenes, nicht mehr junges, aber vom Leben nur gebeuteltes, nicht gebrochenes Alter Ego vertritt, repräsentiert Lucy jene Patricia Cornwell, die selbst lesbisch ist, doch dies sorgfältig verborgen hielt, bis 1997 ihre Liebesbeziehung zu einer verheirateten FBI-Agentin (!) spektakulär offenbar wurde, als der gehörnte Gatte wutschnaubend versuchte, Letztere auf der Schwelle des Cornwell-Hauses ins Jenseits zu befördern. Kein Wunder also, dass Cornwell sehr gut um die Schwierigkeiten, Vorurteile und Diskriminierungen weiß, der sich eine homosexuelle Frau in noch immer männerdominierten Domänen wie der Polizei oder gar dem FBI ausgesetzt sieht.

Dies möchte sie anprangern und natürlich für Änderung sorgen; ein an sich ehrenvolles Unterfangen, das jedoch in einem Thriller nichts verloren hat. Jede Mission für eine gute Sache birgt in sich den Keim eines Kreuzzugs, und wie die in der Geschichte etwas Bewanderteren unter uns sicher wissen, ist bisher noch jeder Kreuzzug in ein übles Gemetzel ausgeartet. Auch Cornwell predigt und wettert, und darüber vergisst sie, Lucy in das Geschehen zu integrieren. Die Handlung wird praktisch ausgesetzt, sobald sie auf der Bildfläche erscheint. Dann wird tüchtig geweint und ob der Intoleranz der Welt und ihrer Bewohner gebarmt. Anschließend geht es weiter im Thriller-Programm. Das funktioniert einfach nicht, sondern stört gewaltig: Unterhaltung erleidet Schiffbruch, wenn sich der erhobene Zeigefinger gar zu hoch über das Deck erhebt. In diesem Punkt ergeht es Patricia Cornwell wie Anne Perry: Sie wird von ihrer eigenen, offensichtlich unbewältigten Vergangenheit überwältigt, lässt über ihr Werk angestauten Druck ab und macht dabei einen entscheidenden Fehler: Anteilnahme, Zustimmung und Unterstützung lassen sich auch von prominenten Zeitgenossen mit großer Fangemeinde nicht erzwingen.

Übrigens ist es symptomatisch, dass sich die ‚Lucy-Sequenzen‘ überspringen lassen, ohne dass die Handlung dadurch an irgendeiner Stelle aus dem Tritt geriete. Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn man genau dies macht; dann ist „Brandherd“ jedenfalls ein routiniertes, kurzweiliges Lesevergnügen, das einen gut über einen sommerlichen Feierabend oder einen Urlaubstag am Strand bringt.

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