Nesbø (Nesbö), Jo – Doktor Proktors Zeitbadewanne (Lesung)

_|Doktor Proktor|:_

1) „Doktor Proktors Pupspulver“ (2008)
2) _“Doktor Proktors Zeitbadewanne“_ (2009)
3) „Doktor Proktor verhindert den Weltuntergang. Oder auch nicht …“ (2010)

_Lehrreiche Zeitscherze: Wie „Napoleon“ die Schlacht von Waterloo verhinderte_

Doktor Proktor ist ein verrückter Professor. Na ja, beinahe vielleicht – eigentlich ist er ja ein genialer Erfinder! Doch nun ist etwas mit ihm geschehen. Eines Tages erhalten seine Freunde Lise und Bulle eine Postkarte von ihm, in der er behauptet, in der Zeit gefangen zu sein. Dabei ist er eigentlich nach Paris zurückgegangen, um die Liebe seines Lebens wiederzusehen. Als die beiden Kinder nach Paris reisen, ahnen sie nicht, was auf sie zukommt: eine unglaubliche Abenteuerreise durch die Zeit! (abgewandelte Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 8-10 Jahren.

_Handlung_

Dr. Proktor ist verschwunden. Deshalb sind seine Freunde Lise und Bulle sehr froh, dass sie eine Postkarte von ihm erhalten. Aber sie ist verschlüsselt und muss rückwärts gelesen werden, und sogar unter der uralten Briefmarke aus dem Jahr 1898 steht etwas. Ihr Freund behauptet, in der Zeit gefangen zu sein. Dabei ist er eigentlich nach Paris zurückgegangen, um die Liebe seines Lebens wiederzusehen, Juliette Margarine, die er dort kennengelernt hatte. Sie sollen schnell kommen, bittet er – und die Zeitseife mitbringen.

In Dr. Proktors finden sie alles Nötige: die verlangte Zeitseife, Franznasenklemmen, Instruktionen, eine Zeitbadewanne – und sogar eine siebenbeinige Spinne. Bulle nimmt zur Sicherheit noch Pupspulver mit. Er macht den Fehler, mit Lise zu wetten, sie können wie alle Mädchen nicht pupsen.

Als Nächstes besuchen sie einen Uhrenladen, wie der Doktor es wünschte. Eine große, hässliche Frau mit einem Holzbein, das mit einem Rollschuh versehen ist, begrüßt sie unfreundlich: „Macht, dass ihr rauskommt!“ Doch als sie ihr alte Briefmarke zum Kauf anbieten, ist sie interessiert. Lise verlangt 4000 Kronen, damit sie Flugtickets nach Paris kaufen kann. Ganz schön viel, findet die Frau, die sich Raspa nennt, aber sie zahlt. Wohin soll’s denn gehen? Nach Paris, verrät der vorlaute Bulle, bevor Lise ihn treten kann.

Doch auch in Paris ist kein Professor zu finden, wie die Wirtin der Pension Pommes Frittes bedauert sagt. Aber sie lässt sie in sein Zimmer. Dort finden sie die Zeichnung einer Zeitbadewanne mit zahlreichen Zahlen. Lise meint, das Geräusch eines Rollschuhs zu hören … Während sie zur Bibliothek geht, probiert Bulle die Funktionsfähigkeit der Zeitbadewanne aus: Er landet im Moulin Rouge des Jahres 1909 – klasse!

Doch Lise sieht sich verfolgt und versteckt sich. Es ist nur Juliette Margarine, die sie ja eigentlich sucht. Juliette sagt, sie habe die Postkarte per Zeitbadewanne geschickt. Doch auch die Freundin des Doktors wird verfolgt – von den Schergen ihres Mannes Claude Cliché, dem Verbrecherkönig von Paris. Denn Cliché habe ihren verarmten Vater gezwungen, sie ihm zu geben. Aber Cliché wollte bloß den Adelstitel ihrer alten Familie.

Doktor Proktor wollte sie 1969 vor diesem Schicksal bewahren und sie in Italien heiraten. Doch Cliché fing sie kurz vor der Grenze ab. An einer bestimmten Brücke hatten sie einen Unfall und wurden eingeholt. Sie log Viktor an, dies sei der Wagen ihres Vaters, und er fuhr weiter nach Italien. Drei Tage später heiratete sie Cliché, der eine Scheidung nie zulassen würde. Erst Viktors erneutes Erscheinen dieses Jahr ließ sie wieder hoffen. Denn mit der Zeitbadewanne könnten sie die Vergangenheit korrigieren, oder?

Zurück in der Pension treffen Lise und Juliette wieder Bulle, doch das Haus ist von Clichés Schergen umstellt. Den einzigen Ausweg bietet die Zeitbadewanne. So machen sich Lise und Bulle auf den Weg zurück ins Jahr 1969, wo Doktor Viktor Proktor inzwischen bemüht ist, den Dingen einen anderen Lauf zu geben. Doch wie Raspa bereits gewarnt hat: Nur der Tod kann die Geschichte ändern. Doch welche Rolle spielt sie?

Für Lise und Bulle beginnt eine turbulente und gefährliche Odyssee durch die Zeiten …

_Mein Eindruck_

Vom Jahr 1969 geht es weiter nach 1888 und von dort, mal zusammen, mal getrennt, in die Jahre 1815, wo Bulle die Schlacht von Waterloo verhindert, ins Jahr 1793, wo sie Dr. Proktor in letzter Sekunde vor der Guillotine retten. Noch wundersamer sind jedoch die Ereignisse des Jahres 1431, wo sie Jeanne d’Arc treffen. Durch die Machenschaften Raspas ist es zu einer unglücklichen Verwechslung Jeannes mit Juliette Margarine gekommen, die nun auf dem Scheiterhaufen steht, um als Hexe verbrannt zu werden! Können Sie sie retten?

|Eine ernsthafte Botschaft|

Für ein Kinderbuch ist dies eine erstaunliche komplexe Handlung. Und nicht nur das: Trotz aller Kapriolen und Bulle-Streichen verbirgt sich bis zuletzt eine ernste Botschaft in den Ereignissen. Die Geschichte mag in Stein gemeißelt sein, doch wer sie verändern will, der muss dafür sein Leben einsetzen. Deshalb kommt es immer wieder zu höchst brenzligen Situationen, die den Figuren diese Lektionen eindringlich vor Augen führt. Aber man kann gemäß dieser Regel auch zu einem Helden werden.

|Eine Liebestragödie|

Die geheimnisvolle Raspa war im Jahr 1969 die Hilfskraft des genialen Erfinders Doktor Viktor Proktor (klasse Name, finde ich) und erfand selbst die Zeitseife. Doch dann verliebte sich Viktor nicht etwa in sie, die sie ihn liebte, sondern in diese „Hexe“ von Juliette Margarine! Fortan verfolgte sie die beiden mit ihrem Hass. Sie war es auch, die Juliette zurück ins Jahr 1431 schickte – in den Kerker von Jeanne d’Arc, der sie verblüffend ähnlich sieht.

Diese Dreiecksgeschichte ist erstaunlich tragisch und ernst für ein solch lustiges Kinderbuch. Der junge Leser bzw. Hörer – der Verlag empfiehlt „ab 8 Jahren“ – lernt also auch etwas Nützliches über Herzensangelegenheiten und Freundschaften.

|Komik|

So viel Ernst verlangt als Gegengewicht auch viel Komik. Diese trägt der rothaarige, energische, einfallsreiche und stets unerschrockene Zwerg Bulle (sprich: bülle) bei. Er tritt als General Napoleon auf, lernt den belgischen Radfahrer Eddie Merckx kennen, trickst die Schergen von Claude Cliché – und bleibt Sieger, wenn er auch nie seine Klappe halten kann.

Sogar die blutdürstige Menge um das Schafott vermag er umzustimmen, indem er ihnen die Marseillaise, das Lied der Revolution, auf der Trompete vorspielt. In dieser Szene wird allerdings Marcel, der Trompeter, unvermittelt eingeführt und auch nicht erklärt, warum er wie ein Chinese das R mit dem L vertauscht. Aber wenigstens kann Lise beweisen, dass auch Mädchen gar mächtig pupsen können! Nötig ist nur eine entsprechende Dosis Dr. Proktors Astronautenpupspulver …

|Das Booklet|

… listet die Tracks auf und liefert ausführliche Informationen über den Autor und den Sprecher.

_Der Autor_

Jo Nesbø, geboren 1960, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker und gilt in seiner Heimat Norwegen als das neue Multitalent. Sein erster Roman „Das Fledermausmuseum“ wurde in Norwegen 1997 mit dem Riverton-Preis als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Mit „Rotkehlchen“ gelang ihm der Durchbruch und seit der Veröffentlichung von „Die Fährte“ ist er ein Bestsellerautor. Inzwischen erscheinen seine Bücher in 14 Sprachen. (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Andreas Schmidt macht sich und dem jungen Zuhörer (ab 8 Jahren) einen Spaß daraus, die Figuren ein wenig zu überzeichnen. So klingt Bulle (sprich: bülle) tatsächlich wie ein kleiner Dreikäsehoch, der ein wenig größenwahnsinnig wirkt, will er doch in der Schulkapelle die erste Trompete spielen. Tatsächlich ist Bulle der liebenswerteste Charakter des ganzen Stücks. Daneben verblassen selbst Dr. Proktor und vor allem Lise, die stets recht vernünftig wirkt, ebenso wie Juliette.

Dr. Viktor Proktor soll ja absichtlich wie ein „verrückter Professor“ wirken. Folglich darf er auch ein wenig durchgeknallt daherreden. Außerdem weist er einen leichten Akzent auf, der möglicherweise aus seinem Heimatland Frankreich stammt. Sein Gegenstück ist seine ehemalige Hilfskraft Raspa, die verschmähte Liebende. Die mittlerweile 40 Jahre älter gewordene Dame spricht einen rauen Akzent wie eine Slawin, und sie faucht oder kreischt oft. Wie sich aber herausstellt, ist sie keineswegs die Hexe, als die sie zunächst wirkt.

Geräusche und Musik gibt es keine, sodass ich hier keine Worte darüber verlieren muss. Nur an einer Stelle hörte ich ein Echo, ein seltener Soundeffekt.

Andreas Schmidt, geboren 1963 im Sauerland, spielte bereits mit elf seine erste Titelrolle in dem TV-Film „Alwin auf der Landstraße“. Er studierte zunächst Germanistik und Philosophie, wandte sich aber doch lieber der Schauspielerei zu und besuchte diverse Seminare. Sein Kinodebüt gab er 1987 in der überdrehten Komödie „Peng! Du bist tot!“. Für seine Leistung in „Pigs will fly“ wurde Schmidt 2003 für den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller nominiert. Erneut wurde er 2006 für „Sommer vorm Balkon“ vorgeschlagen. Seine jüngste Hauptrolle spielte er 2008 in der viel beachteten Tragikomödie „Fleisch ist mein Gemüse“. (Verlagsinfo)

Regie führte Ralf Ebel, die Technik steuerte Ahmed Chouraqui.

_Unterm Strich_

Wenn man eine Zeitreise unternimmt, wie es alle Hauptfiguren dieser Geschichte tun, dann lautet natürlich die erste Frage: Kann man so die Vergangenheit verändern? Immer heißt es, dass nur der Tod eines danach Strebenden die Geschichte verändern könne. Doch dass es auch Ausnahmen geben kann, lässt der Autor mit einem Augenzwinkern zu.

Jenseits aller rasanter Aktionen vermittelt er die Botschaft, dass man zumindest die Zukunft verändern kann – und das lässt uns hoffen. Immer wieder drohen tragische Unglücke in der Geschichte: die Schlacht von Waterloo, die Hexenverbrennung Jeanne d’Arcs und nicht zuletzt die Enthauptungen auf dem Platz der Revolution in Paris.

Hier wird die Geschichte als Ansammlung von Grausamkeiten und Tragödien präsentiert – ist das wirklich der Stoff für Achtjährige? Doch die abschreckenden Szenen sollen den jungen Hörer zum Umdenken bringen, damit er sich sagt, dass eine Schlacht vielleicht doch keine so tolle Sache ist, wie viele Hollywoodfilme immer behaupten.

|Das Hörbuch|

Obwohl die zentralen Figuren immer noch die gleichen sind, ist diese Lesung kein „Kasperletheater“ mehr. Vielmehr hat die überkandidelte und wendungsreiche Handlung eine zweite Ebene erhalten, die zum Nachdenken anregt. Beide Aspekte kann der Sprecher angemessen präsentieren.

|4 Audio-CDs
Spieldauer: 251 Minuten
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Gelesen von Andreas Schmidt
ISBN-13: 978-3867174046|
[www.hoerverlag.de]http://www.hoerverlag.de

_Jo Nesbø bei |Buchwurm.info|:_
[„Das fünfte Zeichen“ (Hörbuch)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2768
[„Die Fährte“ (Hörbuch)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2939
[„Der Erlöser“ (Hörbuch)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4847
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[„Der Leopard“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6370

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