Villefranche, Anne-Marie – Zaubermuschel, Die

_Amüsanter Liebesreigen_

Wieder mal Lust und Sex am laufenden Band. Aber humorvoll und mit Geschmack dargeboten.

In „Die Zaubermuschel“ kommt ein Bursche vor, der zu Muscheln und Perlen ein inniges Verhältnis pflegt – zu jenen speziellen, die Damen zwischen den Beinen tragen. Es ist ein wahres Vergnügen, dem nimmermüden Monsieur Marcel bei seinem Muschelspiel zu folgen – besonders wenn es für ihn schier unüberwindbare Hindernisse zu bewältigen gilt.

_Handlung_

Die Handlung spielt im Frankreich der zwanziger Jahre. Die ‚Grande Nation‘ hat den Ersten Weltkrieg mit etlichen Opfern überstanden. Auch Marcels Mutter wurde Witwe, doch sind sie und ihr 30-jähriger Sohn aufgrund der Investitionen des Verblichenen gut versorgt. Doch etwas fehlt noch zum Glück: eine Schwiegertochter! Marcel hingegen denkt nicht ans Heiraten, tummelt er sich doch offenbar mit einem Freifahrtschein in den Betten und Boudoirs der schönsten Damen. Dennoch läuft die Handlung darauf hinaus, die Richtige für ihn zu finden.

Da wäre zunächst einmal die edle Gabrielle mit den eleganten Brüsten, die jedoch verächtlich auf die Freuden des Fleisches herabsieht. Marcel bringt ihr geduldig und sinnfällig bei, dass die einzige Hoffnung, unsere Fleischesbegierde zu besiegen, in ihrer Abtötung durch Überstrapazierung liege. Diesem Rezept folgen denn auch beide. Doch Gabrielle ist inzwischen die Verlobte von Adolphe, der einst der Jugendfreund von Marcels Mutter war. Das gibt zwar reichlich Gelegenheit zu Besuchen, aber letzten Endes siegt die Vernunft: Die göttliche Gabi sucht ihr materielles Heil in der Ehe mit Adolphe.

Doch dessen Schwester, Silvie, entschädigt Marcel durch sinnliche Genüsse, wie sie eine reifere Dame Ende der Dreißiger zu bieten hat. Sie geht sogar so weit, mit ihm, als Freier verkleidet, die Niederungen der Prostitution zu erkunden, und zwar nicht in den feinen Bordellen der Seine-Metropole, wo man sie erkennen würde, sondern in den dunkleren Gassen am Montparnasse. Das ist zwar vergnüglich und interessant, beschwört aber die Gefahr herauf, dass Silvie von gewissen Subjekten erpresst wird.

Die süße Dany Robineau wurde von Marcels Mama zur idealen Schwiegertochter auserkoren. Dany ist auch männlicher Zuwendung gar nicht abgeneigt, doch will sie um keinen Preis ihre Jungfräulichkeit opfern, bevor nicht der Richtige gekommen ist, um sie zu heiraten. Vernünftig gedacht, nur funktioniert es nicht – zumindest fehlt ihr die Widerstandsfähigkeit gegenüber Marcels Attacken. Und im Nachhinein sieht sich der Eroberer in eine herzzerreißende, hochnotpeinliche Szene involviert, in der Danys Mutter ihn quasi zur Heirat nötigen will. Bloß weg hier, denkt sich Marcel.

Zwei Kandidatinnen ausgeschieden – da bleibt nur noch Silvie. Sie muss vor den Erpressern fliehen, greift sich Marcel, und gemeinsam besteigen sie den Orient-Express gen Istanbul. Erlöst, denkt Marcel. Zu früh gefreut …

_Anmerkungen_

Jedes Kapitel dieses routiniert geschriebenen Romans aus Mme. Villefranches Nachlass bietet dem Leser mindestens eine sinnliche Szene. Was sich nun nach Nummernrevue („Will in deine Mupfel!“) anhört, bietet jedoch die Reize einer Boulevardkomödie französischen Zuschnitts: Witz, Abwechslung und Sinnlichkeit. Mehr oder weniger edle Damen geizen nicht mit ihren Reizen, galante Herren sind stets zur Attacke bereit, und zwischen ihnen entwickeln sich die Wirrnisse und Konflikte, die eben Allzumenschliches bietet. Dies alles ist aufgrund der feinen Ironie recht kurzweilig zu lesen, inbesondere unterwegs, etwa im Flugzeug, bei einem Glas Sekt oder Vino.

Eines fällt jedoch auf: Madame Villefranche scheint Vertreter ihres eigenen Geschlechts sehr genau einzuteilen und mit körperlichen Attributen auszustatten. Daher weiß der aufmerksame Leser schon nach wenigen Sätzen, mit der eine neue Figur charakterisiert wird, ob es sich um eine moralisch hoch oder niedrig stehende Dame handelt. Anständige Damen der Gesellschaft wie Gabrielle haben einen kleinen, „eleganten“ Busen (obwohl auch sie es faustdick hinter den Ohren hat).

Ihre unanständigen Gevatterinnen können wie Silvie einen umfangreichen Busen vorweisen – ebenso wie Vertreterinnen aus der Dienerschaft, beispielsweise Claudine, Gabrielles Zofe. Das liegt dann aber auch an deren niedriger, weil ländlicher Herkunft (merke: nährender Busen!). Listenreiche junge Ladies wie Dany Robineau liegen irgendwo dazwischen: Sie will zwar Spaß haben, doch zumindest den Anschein der Anständigkeit bewahren – die reinste Venusfalle.

_Fazit_

Ein heiterer Spaß in der Pariser Gesellschaft mit Genussgarantie. Nur wer keinen Humor hat oder nie geil ist, sollte die Finger davon lassen. Mit fünf Euro ist das Buch übrigens sehr preiswert.

|Originaltitel: Souvenir d’amour, 1991
Übersetzung von Angelika Weidmann|

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