Anne-Marie Villefranche – Der Liebesapfel. Erotischer Roman

Geschmackvoll-amüsante Erotik

Als seine Geliebte, die hinreißende Alette Lamartine, plötzlich ihre Beziehung beendet, erhält Marcs Selbstwertgefühl einen empfindlichen Dämpfer. Schließlich gilt er bei den Damen der feinen Gesellschaft seit jeher als ein Mann von äußerster erotischer Finessse: Marc taucht ein in Erinnerungen an leidenschaftliche Affären mit den schönsten Frauen der Welt … Eine prickelnd erotische Liebesgeschichte aus dem Paris der 20er Jahre. (Verlagsinfo)

Die Autorin

Anne-Marie Villefranche ist eine elegante und geschmackvolle Erzählerin erotischer Schlüpfrigkeiten. Ihre Darstellung lassen dennoch nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Sie erlebte das Paris der 20er Jahre und heiratete 1928 einen englischen Diplomaten. Nach ausgedehnten Reisen starb sie 1980. Erst danach stieß man auf ihre intimen Erzählungen, denen offenbar eigene erotische Erlebnisse aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zugrundelagen. Es ist bemerkenswert, dass zur Autorin kein Wikipedia-Artikel existiert, noch nicht einmal in der französischen. „Der Liebesapfel“ ist angeblich ein kurz vor der Jahrtausendwende entdecktes Manuskript.

Weitere Werke

1) Folies d’Amour
2) Plaisirs d’Amour
3) Die Venusblüte
4) Die Zaubermuschel
5) Die Purpurrose


Handlung

Der arme Marc! Hat ihm doch seine hinreißende Geliebte Arlette die Liebe aufgekündigt – mir nichts, dir nichts! Natürlich kann man sich auch noch freundschaftlich lieben, aber es ist eben nicht dasselbe wie zuvor, und ein schwerer Schlag für das, ähm, Ego eines Schürzenjägers wie Marc. Schuld daran ist nur dieses völlig unbegründete Gerücht, er hätte etwas mit Jacqueline (die übrigens auch nicht schlecht aussieht).

Prompt lässt er sich sich wieder bei seiner Angetrauten, Sylvie, blicken, von der er bereits sechs Monate getrennt lebt. Sie liegt verdächtig offenherzig mitten am Tag im Bett – ob sie wohl einen Liebhaber…? Nach getaner Liebestat spürt Marc denn auch sofort seinem finsteren Verdacht nach und lädt seinen Cousin Pierre ins Bordell ein. Sicherlich gibt es keinen unverfänglicheren Pariser Ort zur Besprechung von allerlei Liebeshändeln, nicht wahr? Doch Pierre, o Graus, spielt das Unschuldslamm, und so kommt Marc auch hier auf keinen grünen Zweig. Vielmehr tröstet er sich mit der, geben wir’s ruhig zu, längst überfälligen Jacqueline.

Marc, der Hansdampf in allen Höschen, taumelt von Affäre zu Affäre, immer auf der Suche nach der perfekten körperlichen und seelischen Vereinigung, und wundert sich, warum ihn keine seiner angelegten Damen mehr sehen will. Dabei „war es allgemein bekannt, dass Frauen hauptsächlich zu dem Zweck existierten, dass man sie auszog und sich mit ihnen amüsierte“. Marc beteuert ihnen immer wieder, dass er sie anhimmle, doch soll wollen wahre Liebe. Was soll man davon halten?

Auch ein allerletzter Versuch, die betrogene Sylvie per Beichte und Blumenstrauß zurückzugewinnen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn Marcs Schwester Claudine ist anwesend, und die weiß genau über seine Affären Bescheid, treibt sie es doch selbst mit Pierre, Marcs Cousin, und ist daher im Bilde. Und so endet das Buch mit einem (rein weiblich besetzten) Tribunal, einem „Ich hasse dich“ – und einer glücklichen Ménage à trois, in der nur leider Marc absolut keine Rolle spielt, wohl aber Arlette und Jacqueline und Arlettes schmucker Mann.

Mein Eindruck

Zunächst erinnert die Struktur des Romans ein wenig an den „Reigen“ von Arthur Schnitzler. Zeitlich spielt die Handlung nicht weit entfernt, in den 20er oder 30er Jahren. Doch die Gesellschaftsschichten sind lediglich auf zwei beschränkt: auf Herrschaft und Bedienstete. Und wenn es zwischen Angehörigen der beiden zu Techtelmechteln kommt, ist dies in den Augen der Autorin immer noch höchst unstatthaft. Insofern ist das Buch mit dem „Reigen“ nicht zu vergleichen, doch das gleiche Dutzend Figuren treibt es in immer neuen erotischen Konstellationen und Stellungen miteinander.

Wie am Schluss das Tribunal und das glückliche Trio zeigen, geht es der Autorin vor allem um die Untersuchung zweier Liebes- und Lebensentwürfe. Auf der einen Seite Marc, der Macho alten Schlages, der jede Frau dominieren und kontrollieren will, ohne sie zugleich auch lieben zu müssen. Auf der anderen Seite des Spektrums – nach mehreren Zwischenstationen– die libertinäre Liebe: zwei Frauen und ein befreiter, liberaler Mann, nämlich Arlettes Gatte, der in Südostasien neue Erfahrungen gemacht hat. Hier kommen homo- (sprich: lesbische) und heterosexuelle Elemente zusammen.

Der Schluss des Buches ist offen, der Leser hat die Wahl zwischen den Szenarien und Modellen. Wem das etwas viel verlangt ist, genießt einfach einen eleganten, flotten zuweilen witzigen, aber stets anregenden Erotikroman.

Die Sprache

Das Wort „elegant“ spielt eine enorm große Rolle. Schon so sehr, dass es nach einer Weile aufdringlich und suggestiv eingesetzt wirkt. Auch die netten frz. Bezeichnungen „la belle chose“ und „joujou“ für die Muschi werden allenthalben verwendet. Leider gibt es für den Phallus kein entsprechendes Gegenstück – schade. Er ist einfach der Schaft, der Stab, das Rohr – hier werden eine Menge „Rohre“ verlegt!

Michael Matzer © 2018ff

Taschenbuch: 288 Seiten
Aus dem Französischen übertragen von Inez Meyer.
ISBN-13: 9783442353545

www.randomhouse.de

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