Ace Atkins – Robert B. Parkers Little White Lies. A Spenser Novel (Spenser Nr. 46)

Spenser kämpft gegen Schwindler, Prediger und Waffenschieber

Von einer Klientin seiner Freundin Susan Silverman wird Privatdetektiv Spenser angeheuert, um einen Betrüger zu finden, der diese seine Exgeliebte um 260.000 Dollar erleichtert hat. Spenser stößt auf eine Spur von betrogenen Leuten und auf eine lebende Legende, die sich ihre Biografie zusammengelogen hat. Als der Betrüger zurückkehrt, muss Spenser seine Auftraggeberin davon abhalten, sich erneut in den Scharlatan zu verlieben – vergeblich.

Er selbst hat Mühe, sich den Kugeln zu entziehen, die von Killern abgefeuert werden, die überall dort auftauchen, wo sich der Betrüger herumtreibt. Doch Spenser, verstärkt durch Hawk und Sixkill an seiner Seite, bleibt hartnäckig. Die Spur führt nach Atlanta, Georgia, wo ein mysteriöser Prediger sein Unwesen treibt…

Die Autoren

Der US-Autor Robert B. Parker, geboren 1932, gestorben 2010, gehörte zu den Topverdienern im Krimigeschäft, aber auch zu den fleißigsten Autoren – er hat bis zu seinem unerwarteten Tod im Januar 2010 über 60 Romane veröffentlicht. Am bekanntesten sind neben der Spenser-Reihe wohl seine neun Jesse-Stone-Krimis, denn deren Verfilmung mit Tom Selleck in der Titelrolle wird regelmäßig vom ZDF gezeigt. Der ehemalige Professor für Amerikanische Literatur, der 1971 über die Schwarze Serie promovierte, lebte mit seiner Frau Joan in Boston, Massachusetts, und dort oder in der Nähe spielen viele seiner Krimis.

Ace Atkins ist der Autor von elf Romanen, darunter „White Shadow“, „Wicked City“, „Devil’s Garden“ und „Infamous“, die auf wahren Fällen basieren. Er ist auch der Schöpfer der Quinn-Colson-Serie. Michael Connelly hat Atkins „einen der besten Krimischriftsteller“ genannt, „die heute arbeiten“. Atkins lebt auf einer Farm außerhalb von Oxford, Mississippi. Mehr Info: www.aceatkins.com.

Die Spenser-Reihe (deutsch bei Pendragon)

1) Trügerisches Bild (The Godwulf Manuscript)
2) Die blonde Witwe (Widow’s Walk)
3) Der stille Schüler (School Days)
4) Raues Wetter (Rough Weather)
5) Hundert-Dollar-Baby (Hundred Dollar Baby)
6) Der gute Terrorist (The professional)
7) Spenser und der Cree-Indianer (Sixkill)

Und viele mehr. Die Bände der Reihe, die Parker selbst schrieb, sind komplett übersetzt worden.

Von Ace Atkins:

1) Lullaby (2012)
2) Wonderland (2013)
3) Cheap Shot (2014)
4) Kickback (2015)
5) Slow Burn (2016)
6) Little White Lies (2017)
7) Old Black Magic (2018)
8) Angel Eyes (2019)

Handlung

Spenser ist umgezogen, nachdem die Feuerteufel seine Wohnung abgefackelt haben (siehe den Vorgängerband „Slow Burn“). Er lebt jetzt in der Nähe des Hafens. Um sich fit zu halten – und das wird er noch sehr nötig haben – trainiert er in Henry Cimoli’s Fitness Club an der Hafenkante. Dort trifft er seine Freunde, den Afroamerikaner Hawk und den Cree-Indianer Sixkill. Mit ihnen hat er bereits mehrere gefährliche Aufträge erledigt. Nun hegt Sixkill Pläne, nach L.A. umzuziehen, um dort in der Strafverfolgung zu arbeiten. Es bricht Henry Cimoli fast das Herz, den „Jungen“ gehen lassen zu müssen.

Seine Lebensgefährtin Dr. Susan Silverman betreibt eine Praxis für Psychotherapie. Nun bittet sie Spenser, ihrer Klientin Connie Kelly zu helfen. Diese hat nicht nur einen ausgeprägten Vater- und Minderwertigkeitskomplex, sondern ist immer noch in den Schwindler verliebt, der sie um 260.000 Dollar betrogen hat. Der silberhaarige, im Fernsehshows auftretende Mystery-Man nennt sich „M. Brooks Welles“ und hat sich eine schillernde Legende von einem Leben als Söldner, CIA-Agent und Navy-SEAL zusammengebastelt. Ja, er will sogar Polizisten in der Region Boston ausgebildet haben.

Wie sich herausstellt, existiert weder seine Investment-Firma EDGE noch irgendein reales Konto. Dafür gibt es aber eine lange Spur von betrogenen Opfern. Auch die Polizei von Boston fahndet bislang vergeblich nach ihm, ebenso die Bundesbehörde ATF, die für Waffen, Tabak und Brandstiftung zuständig ist. Aber sie versichern Spenser, dass sie gerne Welles in die Hände kriegen würden. Spenser strengt sich mehr an, denn der Tageslohn ist noch schlecht.

Das Projekt in den Wäldern

Aufschlussreicher ist das sogenannte Investmentprojekt, mit dem Connie Kelly übers Ohr gehauen wurde. Es befindet sich angeblich auf historischem Gelände am Teich von Walden. Darüber schrieb Henry David Thoreau sein berühmtes Buch über Selbstversorgung und Aussteigertum (wobei er allerdings ausgiebig flunkerte). Spenser kennt die Wälder Neuenglands, weil er hier mit einem Schützling eine Ausflugshütte (in „Early Autumn“, Band 8) von eigener Hand gebaut hat. Aber was treibt ein Typ wie Welles in den Wäldern?

Das Walden-Projekt zog Welles mit Joe „Two Gun“ Gredoni durch. Der ist Besitzer eines Schießstandes, aber wie die ATF verrät, betreibt der ehrenwerte Mr. Gredoni insgeheim einen schwunghaften Waffenhandel. Und woher diese Waffen kommen, will die ATF unbedingt herausfinden, denn damit sind in letzter Zeit mehrere Anschläge verübt worden. Steckt Welles mit drin im Waffenhandel? Dann hat er garantiert Hilfe angeheuert, die sich mehr auf der dunklen Seite von Boston herumtreibt. Spenser lässt seine Kontakte spielen und wird fündig.

Bleihaltiges Treffen

Durch die Vermittlung verschiedener Personen, nicht zuletzt durch Connie Kelly, arrangiert Spenser ein erstes treffen mit Welles. In dem Einkaufszentrum könnte kaum was passieren, denkt er, doch schon auf dem Weg hierher ist er verfolgt worden. Das Gespräch mit Welles ist wenig ergiebig, denn der distinguiert gekleidete und aufgetakelte Schwindler gibt nur seinen Opfern schuld – und natürlich Joe Gredoni, der das Walden-Projekt, bei dem Waffennarren in Kampf- und Überlebenstaktik gedrillt werden sollten, ach so unprofessionell scheitern ließ.

Als Welles einen schnellen Abgang macht, folgt ihm Spenser. Zusammen geraten sie am Ausgang der Parkgarage in einen Hinterhalt. Mehrere schwarzgekleidete Typen in Kampfmontur feuern, was das Zeug hält. Während Spenser mit seiner 38er zurückschießt, macht sich Welles dünne. Doch während sich Spenser noch fragt, ob der Beschuss nur inszeniert war, muss er nur der Spur von Connie Kelly folgen, um Welles wiederzufinden – in Atlanta, Georgia. Denn dort hat man ihre Leiche gefunden. Selbstmord, behauptet die Polizei. Spenser weiß es besser…

Mein Eindruck

Spenser, dieser moderne Ritter ohne Furcht und Tadel, fühlt sich verpflichtet, seiner doppelt betrogenen Klientin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Doch nun wird die Luft noch wesentlich dicker, als sie es bereits in Boston war. Weil er nicht weiß, ob die Waffenhändler, mit denen Welles zu tun, die Polizei von Rockland bei Atlanta unterwandern haben, bittet Spenser erst Hawk um Hilfe, dann auch Tedy Sapp, einen schwulen Waffenexperten. Mit diesem aufrechten Recken und einigen anderen räumte Spenser einst das Kaff Potshot in Arizona auf (im gleichnamigen Band Nr. 28 von 2001). Nun geht es darum, der Waffenschieberbande des Laienpredigers Jeremiah Ridgeway das Handwerk zu legen. Leichter gesagt als getan, denn der Prediger hat einige echt brutale Jungs im Schlepptau. Der Showdown erfolgt dann stilecht hoch oben im winterlichen Norden: im Schnee vor Spenser Jagdhütte…

Zwei Milieus

Ace Atkins hat sich diesmal zwei Milieus vorgeknöpft. Das eine ist die Glitzerwelt der Scharlatane, die sich in TV-Talkshows zu Superhelden stilisieren dürfen, denen wehrlose Frauen (und Rentner) gerne ihr sauer verdientes Geld anvertrauen – „um es absolut sicher anzulegen“. In dieser Scheinwelt der Medien agiert Rachel Wallace, der Spenser im gleichnamigen Band (Nr. 6, 1980) einmal ritterlich das Leben gerettet hat. Sie verhilft Spenser (und dem Leser) zu einigen wertvollen Einsichten und Kontakten.

Dass es keineswegs um harmlose Schwindeleien geht, bekommt Spenser mehrfach am eigenen Leib hautnah zu spüren. Erst drängt man seinen Wagen in den Graben, dann gerät er mit Welles in einen Kugelhagel. Jemand will ihn eindeutig von seiner Arbeit abhalten. Nach diesen Warnungen wird es ernst. Es stellt sich als sein Glück heraus, dass er immer so hart mit Hawk & Co. trainiert hat, sondern würde er bereits in der ersten Runde k.o. gehen – und auf Nimmerwiedersehen in den Wäldern und Sümpfen von Georgia verschwinden.

Das NRA-Umfeld

Das zweite Milieu sind also die von der NRA so gerne gesehenen Waffennarren. Diese Typen genießen in der Regel in den USA hohes Ansehen, denn angeblich kann nur ein bewaffneter Mann seine Familie beschützen. Und so gibt es unzählige Drill-Klubs der NRA, in denen Waffentechnik, Kampftaktik und Überlebenstraining gelehrt werden – gegen gutes Geld, versteht sich. Die Waffenindustrie und -lobby setzen Milliarden um. Wie Connie Kelly in ein solches Milieu geraten konnte, ist die Kernfrage: Die Antwort muss Welles liefern.

In Spensers Fall geht es nicht um Waffennarren mit Lizenz, sondern um illegal erworbene und verschobene Waffen, darunter Angriffsgewehre, die ihren Weg von Georgia nach Boston finden. Das ist ein klarer Fall für die Bundesbehörde ATF. Deren Agent will Spenser, diesen „Amateur“, möglichst aus dem Fall heraushalten. Wie sich zeigt, ist es Spenser, der für die ATF die Drecksarbeit erledigen muss. Die Privatkirche des Rev. J. Ridgeway ist quasi das dritte Milieu, aber der Autor vertieft es nicht allzu sehr. Zu bekannt und abgedroschen sind hier die Klischees über Fernsehprediger und ähnliche Gestalten. Dass Ridgeway ebenfalls ein Betrüger ist, dürfte niemanden überraschen.

Unterm Strich

Im Vergleich zu den ersten Spenser-Bänden, die von Fremdautoren geschrieben wurden, ist eine erhebliche Steigerung hinsichtlich Komplexität des Plots und der moralischen Fragwürdigkeit aller Handelnden festzustellen. Welles erscheint erst als Bruder Leichtfuß, doch das Bild trübt sich schrittweise ein. Das ATF besteht aus Stümpern, die arrogant die Hilfe von „Amateuren“ wie Spenser ablehnen. Sogar Connie Kelly trägt eine Mitschild, obwohl sie erst als Opfer hingestellt wird: Sie sieht in Welles den Mann ihrer Träume, der ihre Sehnsucht nach einer schützenden Vaterfigur erfüllt.

Schließlich müssen sich sogar Spenser selbst und seine Susan rechtfertigen. War es wirklich richtig von Susan, Connie zu Spenser zu schicken, obwohl dieser zu sehr handfestem Handeln fähig ist? Susan kennt Spenser seit den Tagen ihrer Rettung vor einem gewalttätigen Ehemann (in „A Catskill Eagle“, 1985, Band 12) und weiß, dass er in einem Krieg gedient hat und mit Waffen umgehen kann. Spenser trainiert deshalb so hart im Boxen, weil er eben KEINE Waffe benutzen will, sondern lieber seine Fäuste einsetzt. Die Waffe ist stets das allerletzte Mittel der Auseinandersetzung. Das passiert in der Showdown-Szene, als er seinem Freund Hawk damit das Leben rettet. Waffen, so Spenser, sollten also genutzt werden, um Leben zu retten, nicht um es zu vernichten.

Meine Lektüre

Die Komplexität des Plots bedeutete auch eine höhere Anstrengung, der Handlung zu folgen. Erleichtert wurde diese Mühe durch die vielen ironischen Sprüche und Sentenzen, die Spenser verwendet. Dies ist stilecht und ein Markenzeichen dieser Figur. Man sollte die Fähigkeit besitzen, zwischen den Zeilen zu lesen, dann bekommt man auch den witzigen Humor mit. Schwarze und Schwulen machen ebenfalls Witze, und wer dies nicht schätzt, wird wohl kein Freund von Mr. Spenser werden.

Dass das US-Englisch des Lesers up-to-date sein sollte, versteht sich von selbst. Selbst ich, der ich häufig in den USA bin, hatte Mühe, den Slang der Figuren in jedem Detail zu verstehen. Punktabzug gibt es für die Verwendung von Robert Frosts abgedroschenen Gedichtzeilen „I have promises to keep, and miles to go before I sleep“ auf S. 304. Das war völlig unnötig, wenn es auch genau zu Spensers Charakter passt. Was er Connie Kelly versprochen, das muss er einhalten – bis zur allerletzten Konsequenz.

Taschenbuch: 333 Seiten
Originaltitel: Little White Lies, 2017
ISBN-13: 9781101982457

www.Penguin.com

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