Arthur Conan Doyle – Eine Studie in Scharlachrot [Sherlock Holmes]

Im London der frühen 1880er Jahre lernt der Arzt Dr. Watson den „beratenden Detektiv“ Sherlock Holmes kennen. Die beiden Männer werden Freunde, und so ist Watson an Holmes’ Seite, als dieser den Mord an einem reichen Amerikaner aufklärt und eine düstere Geschichte von Fanatismus, Betrug und Mord ans Tageslicht bringt – Erster, schon gelungener Auftritt des legendären Mr. Holmes, wobei die eigentlich spannende Story nicht mit der Figurenzeichnung mithalten kann.

Das geschieht:

Krank kehrt der junge Armeearzt Dr. John H. Watson aus Afghanistan nach London zurück. Da ihn die Geldnot drückt, stellt ihn ein Freund dem exzentrischen Sherlock Holmes vor, der als „beratender Detektiv“ von Polizei und verzweifelten Privatpersonen immer dann zu Rate gezogen wird, wenn ein Verbrechen unaufgeklärt zu bleiben droht. Die beiden Männer freunden sich rasch an, und so beziehen sie im Januar des Jahres 1881 gemeinsam eine Wohnung, deren Adresse bald die ganze Welt kennt oder (sofern von krimineller Gesinnung) fürchtet: Baker Street 221b.

Watson, den seine Gesundheit dem Berufsleben fernhält, beginnt den Freund zu begleiten, wenn dieser seiner Arbeit nachgeht. Holmes, ein Einzelgänger, aber nicht frei von persönlicher Eitelkeit, schätzt Watson als Publikum, wenn er sein unvergleichliches Geschick entfaltet, einen Tatort zu ‚lesen‘ und die Indizien zu einer Rekonstruktion des verbrecherischen Geschehens zusammenzufügen. Außerdem erkennt er, dass Watson, der bodenständige Mann der Tat, ihn ideal ergänzt und zügelt, wenn er sich wieder einmal in allzu fantastischen Theorien zu verlieren droht.

So ist Watson an seiner Seite, als Scotland Yard Holmes im März 1881 bittet, den rätselhaften Mord an Enoch J. Drebber zu klären. Man fand ihn vergiftet im Zimmer eines verlassenen Hauses, an dessen Wand mit Blut das deutsche Wort RACHE geschrieben stand. Holmes sichtet die dürftigen Indizien und erkennt, dass einem goldenen Ring besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Nicht Gollum, sondern Drebbers Mörder hat ihn verloren, und er will ihn zurück, was Holmes ausnutzt, um ihm auf die Schliche zu kommen. Das gelingt dem versierten Ermittler, und schon früh in seiner an Triumphen bald reichen Karriere muss er erfahren, dass sich hinter Indizien auch menschliche Schicksale verbergen. Der Tod von Enoch Drebber ist nur der Schlussakt einer Rache, die vor vielen Jahren im noch wilden Mittelwesten der USA ihren Anfang nahm …

Jugendjahre eines Meisterdetektivs

(Eine Vorbemerkung: Da es den hier vorgegebenen Rahmen definitiv sprengen würde, geht der Rezensent nicht explizit auf den Mythos Sherlock Holmes ein, sondern setzt ihn und das Wissen um seinen Status in der Geschichte des Kriminalromans und seinen Quantensprung zum multimedial omnipräsenten Kult voraus. Holmes & Watson sind aus vielen guten Gründen unsterbliche Klassiker – das kann als Fakt durchaus genügen.)

Aller Anfang ist schwer … So seien also die Erwartungen nicht gar zu hoch geschraubt, wenn dieses erste Holmes & Watson-Abenteuer von Arthur Conan Doyle zur Lektüre gelangt. „Studie in Scharlachrot“ ist trotz seines geringen Umfangs ein recht sperriges Stück Literatur, dessen Bestandteile sich nie zu einem schlüssigen Ganzen fügen wollen. Der noch unerfahrene Verfasser ist sichtlich überfordert mit dem Versuch, eine durchgängige Handlung in Romanlänge zu komponieren.

Dabei ist der Einstieg in diese Geschichte gelungen; gemächlich aber sofort fesselnd geht es los, denn hier lernen wir schließlich unsere beiden Helden in jungen Jahren kennen. Endlich erfahren wir, wie Holmes und Watson sich trafen, Freundschaft schlossen und ihre Zusammenarbeit begann. Diese Kapitel sind fabelhaft gelungen; man merkt, dass sich Doyle hier auf sicherem Terrain befindet. Seine Ausführungen über die Wissenschaft der kriminalistischen Deduktion – Sherlock Holmes in den Mund gelegt – können heute noch überzeugen. Doyle war in diesem Punkt ganz auf der Höhe des zeitgenössischen Wissensstandes, manchmal sogar ein gutes Stück weiter, und so langweilt er keinen Augenblick, wenn er über Untersuchungsmethoden referiert, die Ende des 19. Jahrhunderts brandneu und revolutionär waren.

Der Schlüssel zum Erfolg

Gut lässt sich dann der eigentliche Kriminalfall an. Anders als seine zahllosen Epigonen lebte und arbeitete Arthur Conan Doyle im viktorianischen London. Seine (teils überraschend lyrischen, teils zeittypisch pathetischen) Beschreibungen der Stadt und ihrer Bürger profitieren von seiner Zeitzeugenschaft. Sherlock Holmes jagt den Übeltäter höchst überzeugend, bis er ihn schließlich dingfest macht. Da befinden wir uns freilich erst auf der Hälfte dieses Romans. Nun schließt sich ein zweiter Teil an, der durchaus unterhaltsam die grimmige Vorgeschichte des Drebber-Mordes erzählt, aber trotzdem nichts mit dem bisherigen Geschehen zu tun hat. „Das Land der Heiligen“ stellt einen völligen Bruch in der Handlung dar, die sich davon nicht wieder erholen kann.

Das sorgfältig vorbereitete Erscheinen von Sherlock Holmes und Dr. Watson auf der literarischen Bühne kann wie gesagt als Erfolg beurteilt werden. Doyle gelingt es sofort, das einzigartige Fluidum zu schaffen, das diese beiden Figuren unwiderstehlich und unsterblich werden ließ. Dabei ist Holmes eigentlich ein eher unsympathischer Charakter: gefühlskalt, arrogant und mit erheblichen sozialen Defiziten. Aber so ist er eben nur auf den ersten Blick. Durch die Augen des Dr. Watson betrachtet, gewinnt Holmes als Mensch, der mehr als eine Denkmaschine ist, wenn man ihn nur zu nehmen weiß.

Unter dieser Voraussetzung gewinnt die Figur des Watson ganz neue Dimensionen. Bereits in „Studie in Scharlachrot“ wird offenbar, dass der gute Doktor weit mehr ist als nur des Meisters bewunderndes Auditorium und später Chronist. „Ohne Sie wäre ich vielleicht nicht hingefahren und hätte so die beste Studie verpasst, die mir je untergekommen ist …“ In immer neuen Variationen werden wir diesen Ausspruch noch lesen. Watson sorgt dafür, dass sein genialer, aber sprunghafter Freund die Bodenhaftung behält. Seine scheinbar dumm wirkenden Fragen und Lösungsvorschläge verraten den weniger biederen als geradlinig denkenden, mit gesundem Menschenverstand gesegneten Mann, während Holmes gern um einige Ecken zu viel denkt, sich in seinen kunstvollen Theorien verrennt, dank Watson plötzlich den Fall aus einer ganz andere Perspektive betrachtet und erst jetzt der Groschen fällt. Doyle hatte sehr klar erkannt, dass Holmes einen Watson als Vermittler benötigen würde, um von den Lesern angenommen zu werden.

Das Schicksal als ordnender Faktor

Ansonsten treffen wir ausschließlich auf viktorianische Archetypen. Adlige sind immer vornehm oder doch wenigstens eindrucksvoll verrucht, Frauen ätherisch und in kritischen Situationen zur Ohnmacht neigend, die unteren Stände wissen, wo ihr gottgegebener Platz auf Erden ist, und überführte Schurken ersparen sich und der Gesellschaft die peinliche Gerichtsverhandlung, indem sie Selbstmord begehen, sich auf der Flucht erschießen oder durch eine unheilbare Krankheit dahinraffen lassen. Doyle gehörte stets zu den Stützen des Empires und des Systems, das es hervorbrachte. Es zu hinterfragen wäre allerdings kaum Sherlock Holmes‘ Aufgabe gewesen.

Den seltsamen Titel hat Holmes diesem Fall übrigens höchstpersönlich gegeben: „Der scharlachrote Faden des Mordes verläuft durch das farblose Knäuel des Lebens, und unsere Pflicht ist es, ihn zu entwirren, zu isolieren und jeden Zoll davon bloßzulegen.“

Autor

Arthur Conan Doyle wurde 1859 im schottischen Edinburgh geboren. Hier studierte er Medizin, heiratete 1884 Louise Hawkins und ließ sich im folgenden Jahr als praktizierender Arzt in Hampshire nieder. Parallel dazu begann er als Schriftsteller zu arbeiten. Mit „A Study in Scarlet“, veröffentlicht zunächst in „Beeton‘s Christmas Annual“, einem der zahllosen Magazine der viktorianischen Epoche, begann noch recht bescheiden eine echte Weltkarriere. Erst die zweite Holmes-Geschichte „The Sign of the Four“ (1890, dt. „Das Zeichen der Vier“) und die ab 1891 im „Strand Magazine“ in Serie veröffentlichtem Sherlock-Holmes-Kurzgeschichten brachten den Durchbruch und ihrem Verfasser Prominenz und Reichtum.

Damit wollte es Doyle eigentlich bewenden lassen. Inzwischen verfasste er voluminöse historische Romane, die ihm bedeutender erschienen als seine Detektivgeschichten. (Kein Mensch kennt sie heute mehr.) Deshalb stürzte er Holmes im Kampf gegen seinen dämonischen Widersacher Professor Moriarty an den Reichenbach-Fällen im Dezember 1893 in der Schweiz in den Tod. Doch die untröstliche Leserschaft forderte seine Wiederauferstehung, die dem widerstrebenden Doyle durch ein echtes Bestseller-Honorar versüßt wurde. Holmes’ Rückkehr war spektakulär: 1902 erlebte er in „The Hound of the Baskervilles“ (dt. „Der Hund der Baskervilles“) sein sicherlich berühmtestes Roman-Abenteuer, 1903 schlossen sich neue Kurzgeschichten im „Strand Magazine“ an.

Während des Burenkrieges (1899-1902) diente Doyle als Arzt in einem Feldlazarett. Seine Erfahrung schrieb er in „The War in South Africa“ nieder und zeigte sich dabei als konservativer Verteidiger der britischen Großmachtpolitik. Die Belohnung folgte 1902, als Doyle zum Ritter geschlagen wurde. Der Versuch, den Ruhm in politisches Kapital umzumünzen – 1900 und 1906 kandidierte Sir Arthur für das britische Parlament – scheiterte. Mit bemerkenswertem Erfolg konzentrierte sich Doyle nunmehr auf seine schriftstellerische Karriere. Nach dem Tod seines Sohnes Kingsley wandte er sich außerdem dem Spiritismus zu. Mit Sherlock Holmes söhnte er sich aus bzw. besann sich dessen außerordentlicher Publikumswirksamkeit; der Meisterdetektiv sicherte ihm ein geregeltes Auskommen. Bis 1927 verfasste Doyle neue Holmes-Geschichten.

Obwohl seine Gesundheit in den späten 1920er Jahren verfiel, blieb Sir Arthur Conan Doyle schriftstellerisch bis zuletzt aktiv. Tief betrauert starb er am 7. Juli 1930 in seinem Haus in Windlesham, Sussex. Dorthin hatte sich auch Sherlock Holmes als Pensionär zurückgezogen, um Bienenzüchter zu werden, und so schloss sich schließlich der Kreis.

Taschenbuch: 176 Seiten
Originaltitel: A Study in Scarlet (im Magazin: Beeton’s Christmas Annual 1887; als Buch: London : Ward, Lock & Co. 1888)
Übersetzung: Henning Ahrens
http://www.fischerverlage.de

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