Jeschke, Wolfgang (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1984

Durchwachsene Auswahl klassischer SF-Erzählungen

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z. B. von Gene Wolfe.

Die Erzählungen

1) Mark Twain: Aus der Londoner Times von 1904 (From the „London Times“ of 1904; 1898)

Ein gewisser Mark Twain berichtet am 1. April (!) 1904 aus Chicago über das bemerkenswerte Schicksal des Hauptmanns John Clayton, das im Jahr 1898 seinen verhängnisvollen Beginn nahm. Ein Mann namens Schepanik hat das Telektroskop erfunden, mit dessen Hilfe über die Telefonleitung überallhin sehen, hören und sprechen kann. Er will es in zwei Jahren auf der Pariser Weltausstellung vorstellen. Clayton wettet dagegen, dass es jemals den Wert eines Kreuzers erreicht und verwickelt sich sogar in ein Handgemenge mit dem Erfinder.

Als Schepaniks Leiche am 29. Dezember 1901 im Keller Claytons gefunden, wird er des Mordes angeklagt und zum Tode verurteilt. Doch der Gouverneur hat seine Nichte mit Clayton verheiratet und ihm tut es um die Tochter leid. Also verschiebt er die Vollstreckung Jahr um Jahr, bis die Opposition 1904 so groß geworden ist, dass die Hinrichtung unumgänglich ist. Als Gnadenerweis erhält Clayton ein Exemplar des Telektroskops, das mittlerweile weltweite Verbreitung gefunden hat. Sein letzter Anblick ist tröstlich: Sonne in Peking.

In allerletzter Sekunde, bevor das Fallbrett am Galgen geöffnet wird, erspäht Mark Twain auf dem Telekstroskop den Erfinder desselbigen: Schepanik lebt! Doch wie sich herausstellt, ist damit Claytons Leben noch längst nicht gerettet …

Mein Eindruck

Mark Twain (1835-1910) war Journalist und Reiseschriftsteller. Mit seinem satirischen Reisebericht „The Innocents Abroad“ gelang ihm 1867 sein erster durchschlagender Erfolg. Er war der erste Schriftsteller überhaupt, der ein Manuskript – es war „Huckleberry Finn“ – auf einer Schreibmaschine tippte und ablieferte. Seine Investition in eine andere technische Innovation, eine Setzmaschine, kostete ihn jedoch einen Großteil seines Vermögens. Das hielt ihn nicht davon, sich für technische Innovationen zu begeistern.

Das Telektroskop erinnert mich stark an Skype: Videotelefonie über das Telefonnetz und Internet. Der Vorteil: augenblickliches Sehen, Hören und Sprechen über Tausende von Kilometern hinweg. Sein Unglauben fällt auf Cpt. Clayton zurück: Er sieht sich dem Todesurteil gegenüber. Ebenso bedeutet das Telektroskop seine Rettung – vorerst.

Drastisch macht der Autor deutlich, dass jede Innovation durch die Hand des Menschen zu seinem Vor- oder Nachteil gereichen kann. Satirisch bissig legt er Claytons Schicksal in die Hände der US-Justiz. Doch dort ist der reumütige einstige Technikfeind verloren. Auf die denkbar absurdeste Weise.

2) Edgar Pangborn: Das Elfenei (Angel’s Egg, 1951)

Der Farmer und pensionierte Biologielehrer David Bannerman findet unter seiner besten Legehenne Camilla ein seltsam bläuliches Ei, das so gar nicht nach Hühnerart gefärbt ist. Schon einen Tag später schlüpft daraus ein winziges Wesen, das David für einen Engel hält. Dieses Wesen kann tatsächlich Gefühle und Gedanken lesen – und senden. Mehr oder weniger unwillkürlich sorgt sich David um sein Wohlergehen und platziert es in seinem eigenen Wohnzimmer, in einer Kiste, in der es Camilla und ihr kleiner Schützling gemütlich haben – und sie vor Ratten und Wieseln sicher sind.

Bis der kleine Engel flügge ist – sie bekommt Membranen, die schneller flattern als die Flügel eines Kolibris -, transportiert David die Kleine auf seiner Hand. In seinem Tagebuch, das er zwischen dem 1. Juni und dem 29. Juli 1951 führt, hält er alles für seinen besten Freund, den Dorfarzt von Augusta, Maine, fest. Da nach Davids Tod Dr. Morse das Tagebuch der Staatspolizei und diese es dem FBI übergibt, weiß das Nationalarchiv der USA schließlich über die Herkunft der Engel Bescheid. Aber wie und wozu sind Davids Engel und ihre Geschwister überhaupt auf die Erde gekommen?

Die Welt der Engel ist 20 Lichtjahre entfernt und dort existieren Engel seit 50 Mio. Jahren. Sie sind intelligent, versteht sich, und leben mit anderen Spezies, denen sie zu Intelligenz verholfen haben, friedlich zusammen. David bekommt von seinem kleinen Engel – sie ist nur etwa 20 cm groß – Visionen von ihrer Heimatwelt vermittelt. Vor zwölf Mio. Jahren haben sich die Engel entschlossen, ihre Existenz der Güte zu verschreiben. Leichter gesagt als getan. Denn Intelligenz ohne Güte ist tödlich. Eine Evolution wurde in Gang gesetzt, die Raumfahrt begonnen und vor kurzem erste Expeditionen zu fremden Galaxien gestartet, um andere Spezies Intelligenz mit Güte zu vermitteln.

David sieht sich vor eine Wahl gestellt. Der 53-Jährige könnte durch die Kunst der Engel noch lange leben und von seiner Kriegsverletzung kuriert werden. Oder er könnte seine Erinnerungen den Engeln vermachen, damit diese die Menschheit besser verstehen lernen. Will er für sich weiterleben und mehr erleben oder riskiert er, dass der Atomkrieg ausbricht, weil er die Engel nicht früh genug unterstützt hat? David trifft die einzig richtige Wahl …

Mein Eindruck

In mehreren Begleitschreiben und Briefen erfahren wir, dass der FBI-Chef, dem dieses Tagebuch geliefert wurde, zum ersten Präsidenten der Weltföderation gewählt und ein Jahr später ermordet wurde. Er ist mittlerweile ein Märtyrer, seine Witwe vermachte Bannermans Tagebuch dem Nationalarchiv. Da es im Jahr 1951 keinerlei Weltregierung gab, ein Jahr später aber schon, dürfen wir folgern, dass der Autor in dieser einigenden Regierung die Rettung für den von Atombomben bedrohten Planeten sah – und zwar aufgrund des gütigen Einflusses der zwölf Engel, die auf der Erde gelandet waren (und von denen einer starb).

Es fällt nicht schwer, die zwölf Engel als zwölf Apostel anzusehen und ihre Botschaft der Güte als eine Art Evangelium. Doch der Autor bzw. Bannermann betrachtet Jesus kritisch, der einmal sagte: „Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Man kann also nicht einfach sagen, dass der Autor neutestamentarische Botschaften wiederkäut. Aber er macht es sich vielleicht ein wenig einfach, indem er nicht der Vernunft das Wort redet, sondern den gütigen Emotionen, also Verständnis, Nächstenliebe usw. Dass sich David Bannerman (heißt so nicht ein Sheriff bei Stephen King?) und der Weltpräsident opfern, weist darauf hin, dass es keinen Fortschritt ohne Beiträge und Opfer geben kann. Der eine Leser mag dies naiv finden, andere sind vielleicht gerührt.

3) Arthur C. Clarke: Begegnung mit Medusa (A Meeting with Medusa, 1971, Nebula Award)

Howard Falcon ist anno 2090 ein Luftschiffer, den es im Grand Canyon böse erwischt hat: Seine „Queen Elizabeth 4“ stürzte ab, weil das Riesenschiff zu träge auf die Befehle des Piloten reagierte. Nun, fünf Jahre später, bewirbt sich der runderneuerte Kyborg Howard Falcon bei der Raumerkundung. Deren Mitarbeiter Webster würde zwar nie wieder in einen Ballon mit Falcon steigen, andererseits hat die kybernetische Hälfte Falcons übermenschliche Fähigkeiten, die die Erfahrung des Menschen Falcon bestens ergänzen. Falcon darf die Atmosphäre des Jupiter erkunden.

Wenige Jahre später saust Falcon tatsächlich mit seiner „Kon-Tiki“ durch die äußersten Schichten der Lufthülle des Riesenplaneten, der locker elf Erden verschlucken könnte. Sobald er genügend abgebremst hat, damit sich sein Ballon öffnen kann, empfängt er rätselhafte Signale aus der Tiefe. Er dringt weiter vor und wird Zeuge eines Schauspiels: Eine der Medusen, die kilometergroß über der Tiefe schweben, wird von einem Schwarm Flügelrochen angegriffen. Doch sie wehrt sich auf ihre Weise. Und als sie ihn entdeckt, weiß er, dass er schleunigst abhauen sollte. Doch womit?

Mein Eindruck

Diese klassische Erkundungserzählung führt den naturwissenschaftlich gebildeten (also damals meist männlichen) Leser in die unerforschten Tiefen der Jupiter-Atmosphäre. Wie jeder Beobachter des Großen Roten Flecks weiß, geht es dort zuweilen sehr stürmisch zu. In den Fleck, einen großen Sturm, passen zwei Erden, entsprechend groß sind die entfesselten Kräfte.

Was nur der Radioastronom weiß, ist die Tatsache, dass Jupiter ein wahres Monster ist, was elektromagnetische Strahlen angeht. Sein Magnetfeld lässt das der Erde richtig mickrig aussehen. Wäre also Howard Falcon also wirklich aus Fleisch und Blut, würde er nicht eine Zehntelsekunde die Strahlen- und Magnetstürme überstehen, die in der Atmosphäre toben.

Neben den zahlreichen Wundern an diesem Ort, die v.a. den Hard Science Fans ansprechen dürften, kommt dem Leser zunehmend zu Bewusstsein, wie wenig menschlich sich der Pilot verhält. Der Epilog spricht diese Vermutung dann überdeutlich aus: Falcons Unterleib besteht aus einem Fahrgestell, sein Gehirn ist wahrscheinlich ebenfalls kybernetisch. (Asimov würde sagen „positronisch“.)

Aber genau darin liegt Falcons Vorteil: Denn je mehr die Menschheit ins All hinausdrängt, desto mehr ist sie auf Kyborgs angewiesen. Eines Tages werden solche Maschinen die Macht übernehmen. Der Tag mag fern sein, doch er ist sicher. Insofern spielt die Handlung auf mindestens zwei Ebenen. Doch wer sie verfolgt, sollte schon ziemlich fit in Physik und Astronomie sein. Die Übersetzung wirkt zumindest so, als wüsste der Übersetzer, wovon die Rede ist.

4) Frank Herbert: Feuerpause (Ceasefire, 1958)

In der Arktis verläuft die neue Front seit 1972. In einem einsamen Beobachtungsposten entdeckt Corporal Larry Hulser zwei merkwürdige Punkte auf seinem Schirm. Gleich darauf schlagen Gewehrkugeln in einen kaputten Panzer vor ihm ein. Da es sich kaum um Füchse oder Wölfe handeln dürfte, kommt er zu dem Schluss, dass es sich feindliche Soldaten handelt, die Lebens-Detektor-Schilde tragen wie die eigenen Truppen auch. Er macht Meldung. Granatwerfer feuern, der Feind wird vernichtet.

Da Hulser von Haus aus Chemiker ist, hat er zuvor einen Geistesblitz gehabt, wie man die L. D.-Schilde mit einem speziellen Projektor in die Luft jagen kann. Und nicht nur die, sondern auch jedwede auf Verbrennung und Redox-Reaktionen basierende Energiequelle wie etwa Sprengstoff, Benzin, sogar Streichhölzer. Es wäre das Ende des Krieges, denkt er.

Doch damit ist er auf dem Holzweg. Nachdem er sechs Monate und zahllose Verhandlungen später die Durchführbarkeit seiner Idee demonstriert hat, ist der Krieg tatsächlich zu Ende – aber nur in der bisherigen Form. Er wird mit Giftgas, Biowaffen, Lanzen und Speeren weitergeführt werden, versichert ihm General Savage. Schlag nach bei Machiavelli …

Mein Eindruck

Frank Herbert hat zahlreiche Erzählungen über den Krieg geschrieben, nicht zuletzt auch den gesamten DUNE-Zyklus. Hier entwirft er eine Möglichkeit, das Phänomen Krieg zu beenden. Der traurige Befund: Nur dessen Form wird sich ändern, nicht aber das Ding an sich.

Die Story legt eine deutliche Vertrautheit mit der militärischen Hierarchie an den Tag und dem damit einhergehenden Denken und Empfinden. Dem Kommiss stellt der Autor die Philosophen und Schriftsteller gegenüber, darunter einen ungenannten, den er zitiert. Muss Gewaltanwendung immer Teil der menschlichen Interaktion und Machtausübung sein? Das letzte Wort überlässt er aber pessimistischerweise Niccolo Machiavelli, der sich in diesen Fragen bestens auskannte.

5) Karl Michael Armer: Die Eingeborenen des Betondschungels (1982)

Neu-Perching (eine Variation für das Münchner Viertel Neu-Perlach) ist eine Betonburg, in der jedes Hochhaus rund 600 Wohneinheiten aufweist. Hier leben 60.000 unterprivilegierte Menschen. Hier lebt aber auch eine Bande von protofaschistischen Mitgliedern, die Neon Gang. Die Nummer, einfach nur „1“ genannt, liebt Gewalt. PlasticSpastic, genannt „PS“, ist ein psychopathischer Schlitzer.

„Godzilla“ schuftet tagsüber in der Plastikfabrik, bevor er abends mit der Gang Rabatz macht. Passanten aufmischen, einer Selbstmörderin zugucken, der 19-jährigen Proto-Prostituierten Caroline Müller nachspionieren – das alles macht irre Spaß und sorgt für Abwechslung. Mal sehen, wie sie reagiert, wenn sie ihren kleinen Hund killen, fragt sich „Siegfried“, und „Foxx“, die Nummer zwo, ist auch schon scharf auf das Ergebnis des Sozialexperiments.

Den Höhepunkt ihrer kollektiven Aktivitäten soll der Showdown mit der Gang der „Aliens“ bilden. Die hüllen sich in Schutzanzüge, die sie sogar vor der Außenluft schützen. Doch die finale Konfrontation will gut vorbereitet sein. 1 ist der Stratege, Siegfried der Dokumentarfilmer, Godzilla die Muskelkraft und PS die hinterhältige Klinge.

Nichts darf schiefgehen, wenn sie in der vierten Ebene der Tiefgarage von Neu-Perching auf die Aliens treffen. Denn es gibt eine Anfrage der Nationalethischen Partei Deutschlands (NEPD), dass die Neon Gang „in der Parteiorganisation eine wichtige Aufgabe übernimmt“ – als Schutzstaffel (SS) und Sturmabteilung (SA) …

Mein Eindruck

Es ist geradezu gruselig, wie genau der Autor schon 1982 die Phänomene beschrieben hat, die das Entstehen eines neuen faschistischen Staates beschreibt. Die NEPD ist ja nichts Weiteres als eine Neuauflage der NSDAP. Die Neon Gang, die ihre Schläger- und Killertruppe stellen wird, ist sowohl ein soziales als auch ein ästhetisches Phänomen, und mit beiden Aspekten kennt sich der Werbefachmann Armer aus. Die Szenen in den Discos „Stahlbad“ und „Schlachthof“ lehren den Leser das Gruseln: Gewalt und Militär sind angesagt.

Auf der gesellschaftlichen Seite liegen die Dinge nicht so einfach. Vielleicht aber doch: Die Beamtenschaft und die Superreichen haben sich ihre Pfründe gesichert und verschanzen sich nun in massiv geschützten Gemeinden und Vierteln. Sie berauben die Unterprivilegierten sämtlicher Rechte und Güter, eine Mittelschicht mit Bürgerrechten existiert nur noch auf dem Papier. Selbst leitende Angestellte sind nur Mitarbeiter im Hamsterrad der Akkordarbeit, es sei denn, sie kriechen den Besitzenden in den Hintern.

Wie schon im Entstehungszeitraum der NSDAP ab ca. 1919 bis 1932 sind es die Ausgeraubten, Entrechteten und Kleinbürger, die sich um eine neue Partei scharen, die verspricht, mit den starren Strukturen, die die Kleinen knechten, aufzuräumen. Dass dies eine kalkulierte Täuschung ist, darf natürlich keiner wissen. Aber die Neon Gang wird in ihrer neuen Funktion jeden (mund-)totmachen, der etwas anderes zu behaupten wagt.

Jedes Mitglied der Gang wird in seiner subjektiven Wahrnehmung dargestellt, das heißt, formal handelt es sich um Ich-Erzähler, deren Gedanken wir miterleben. Diese Darstellungsweise wertet nicht, sondern gibt nur wieder. Die Wertung ist uns überlassen. Das Erlebte wirkt umso gruseliger, je stärker das moralische Empfinden des Lesers ist. So wird aus der Erzählung unversehens ein Test des Lesers – ein Blick in den Spiegel.

6) Ursula K. Le Guin: Das Tagebuch der Rose (The Diary of the Rose, Nebula Award, 1976)

Dr. Rose Sobel ist medizinische Psychoskopin und hat die Aufgabe, das Bewusstsein von Patienten ihrer Vorgesetzten Dr. Nades zu untersuchen, d.h. sowohl die bewusste als auch die unbewusste Ebene. Die neuesten Patienten sind die depressive Bäckerin Ana Jest, 46, und der paranoide Ingenieur Flores Sorde, 36, ein angeblich psychopathischer Gewalttäter.

Ana Jest bietet keinerlei Überraschungen, was man von F. Sorde nicht behaupten kann. Nicht nur ist er ein überaus verständiger, friedlicher und intelligenter Mann, sondern bietet Dr. Sobel auch ein besonderes Erlebnis: Aus seinem Bewusstsein generiert er das perfekte Abbild einer großen roten Rose, wie sie Dr. Sobel noch nie gesehen hat. Was hat das zu bedeuten? Doch das weitere Vordringen verhindert Sordes deutliche Blockade: „ZUTRITT VERBOTEN!“

Sobel beschwert sich über dieses Ausgeschlossenwerden und Sorde muss ihr erklären, wovor er Angst hat: vor dem Eingesperrtsein, vor Gewalt, vor Unfreiheit und vor allem vor dem Vergessen, das die Elektroschocktherapie bringen wird. Sie dementiert, dass es eine solche ETC geben werde, doch er lächelt nur über ihre Naivität. Sie mag ja eine Diagnose stellen, aber die Entscheidung über die Behandlung treffen andere, so etwa Dr. Nades. Oder die TRTU, was wohl die Geheime Staatspolizei ist. Durch Einblicke in seine Kindheit erkennt sie, wonach er sich sehnt: nach einem Beschützer, der ihm alle Angst nimmt. Seine Idee von Demokratie demonstriert er mit dem letzten Satz von Beethovens Neunter Sinfonie: Brüderlichkeit, Freiheit usw. Au weia, denkt Rose, er ist also doch ein gefährlicher Liberaler.

Dennoch schafft sie es, ihn aus der Abteilung für Gewalttäter in die normale Station für Männer verlegen zu lassen. Dort lernt er Prof. Dr. Arca kennen, den Autor des Buches „Über die Idee der Freiheit im 20. Jahrhundert“, das Sorde gelesen hat. Das war, bevor es verboten und verbrannt wurde. Prof. Arca hat durch die Elektroschocktherapie sein Gedächtnis verloren. Sorde befürchtet stark, dass er genauso werden wird wie Arca. Rose ist verunsichert. Sie versteckt ihr Tagebuch. Denn dieses Tagebuch enthält auch ihre eigenen geheimen Gedanken und Gefühle, und wer weiß schon, was die TRTU davon hielte?

Mein Eindruck

Rose Sobel denkt, sie wäre eine unbeteiligte Beobachterin, wenn sie einem Menschen ins Bewusstsein blickt. Aber das ist, wie wir durch Heisenbergs Unschärferelation wissen, eine Selbsttäuschung. Der Beobachter beeinflusst das zu Beobachtende und umgekehrt. Ganz besonders bei Menschen. So kommt Rose nicht umhin, von Sorde beeinflusst zu werden, und sich verbotene Fragen zu stellen. Fragen, die auch die klugen Ratgeber, die ihre Chefin empfiehlt, nicht beantworten: Warum haben alle so viel Angst?

Dass etwas mit ihrer eigenen Welt nicht in Ordnung sein könnte, geht ihr nur allmählich auf. Dass die TRTU ihren Patienten vielleicht völlig grundlos wegen „Verdrossenheit“ eingewiesen hat und ihn schließlich fertigmachen will, entwickelt sich nur allmählich zur schrecklichen Gewissheit. Ebenso wie die Erkenntnis, dass es keine unpolitische Psychiatrie mehr geben kann. Deshalb will sich Rose zur Kinderklinik versetzen lassen. Ob dort die Patienten weniger Angst haben werden?

Die Erzählung ist typisch für Le Guin: Sie zeigt die politische, ethische und zwischenmenschliche Verantwortung der Mitarbeiterin in der staatlichen Psychiatrie auf. Diese Verantwortung ist auf heutige Verhältnisse zu übertragen, falls es dazu kommt, dass in den USA ein Polizeistaat errichtet wird. Und wenn man den Patriot Act von 2001 mal genau durchliest, dann kann es sehr leicht dazu kommen. Ich liebe solche warnenden Geschichten. Sollen sie mich doch dafür einsperren und „therapieren“ …

7) Jewgeni Jewtuschenko: Ardabiola (1981)

Ein namenloses Mädchen in der Straßenbahn, irgendwo in einer russischen Stadt mit Kanälen. Sie spürt einen fremden Blick auf sich ruhen und schaut aus der gestopft vollen Tram hinaus. Hinter ihr fährt ein kahlköpfiger Mann in einem orangeroten Billigauto, bedrängt von einem ungeduldigen LKW. Sobald sie aussteigt, vergisst sie ihren Verlobten Mischa, den Olympioniken, und steigt in das orangefarbene Auto. Warum tut sie das bloß, fragt sie sich verwirrt.

Der Kahlköpfige sagt, er habe seit drei Tagen nicht mehr geschlafen, und dementsprechend sieht er auch aus. Sein Auto ist mit zahlreichen Pflanzen, drei Kisten getränken Wodka, Sekt und Mineralwasser) sowie drei frisch geschlachteten Ferkeln beladen. Sieht nach einem Festmahl aus, findet das Mädchen. Der glatzköpfige Sibirier bestätigt. Hat gerade sein Kandidaten-Diplom bestanden. Aber es gebe ein Problem: Ardabiola. Eine Kreuzung aus Insekt und Pflanze. Blödsinn, ein Irrer! Sie will sofort wieder aussteigen, doch er überredet sie, noch zu bleiben. Dann erzählt er ihr die Geschichte der Ardabiola-Pflanze.

Ihr pflanzlicher Ursprung ist die Fedjunnik-Pflanze, die in Sibirien, seiner Heimat, zur Aufmunterung bei Depression verwendet wird. Ihre insektoide Komponente ist die Tsetse-Fliege, die in Afrika die Malaria verbreitet(e). Er habe Ardabiola bereits seinem krebskranken Vater, der jahrzehntelang bei der Eisenbahn arbeitete, gegeben. Doch entgegen seiner eigenen Meinung ist Ardabjew keineswegs der „wichtigste Mensch auf der Welt“. Das Mädchen mit der Schirmmütze steigt am Hospital aus, ganz schwach auf den Beinen, und lässt sich behandeln. Der Arzt fragt Ardabjew, welcher Pferdedoktor bei ihr die Abtreibung vorgenommen habe.

In seiner Wohnung im achten Stock findet er ein Telegramm vor: „Vater gestorben. Beerdigung am Mittwoch. Mama.“ Ihm ist auf einmal gar nicht mehr nach Feiern seiner Vorgraduierung zum Doktor. Da kommt seine getrennt lebende Frau herein. Sie sagt, sie habe ihr gemeinsames Kind nur für ihn abgetrieben, damit er sein Diplom schaffe. Das tut ihm jetzt sehr leid. Er muss zu der Beerdigung fliegen. Auf dem Moskauer Flughafen Domodejowo drückt ihm ein Hauptmann seine zwei Kinder und deren Mutter in die Arme, auf diese Weise verschafft er ihm ein Flugticket.

Zu Hause in Chairjosowsk findet eine großartige Trauerfeier für den Verstorbenen statt, doch danach gibt es für Ardabjew eine böse Überraschung: Drei jugendliche Rowdies wollen seine Jeans haben, weil sie sie für markenjeans halten. Doch er wehrt sich und wird brutal zusammengeschlagen. Als er im Krankenhaus nach der Operation erwacht, kann er sich nicht mehr an Ardabiola erinnern. Doch ein Jahr später, er will gerade mit seiner Frau in den Urlaub am Schwarzen Meer aufbringen, bringt sich Ardabiola, seine „Tochter“, unübersehbar in Erinnerung: Sie steigt aus ihrem Blumentopf …

Mein Eindruck

Eine derartige Erzählung wird man in den USA und Westeuropa vergeblich suchen. Nein, da muss man schon in den sowjetisch beherrschten Ostblock fahren, ganz besonders aber nach Russland. Neben den beiden Brüdern Strugatzki (die zunächst bei Suhrkamp verlegt worden sind) gibt es dort einige bemerkenswerte Autoren, und Jewtuschenko ist nur einer davon. Jeschke hat viele davon den deutschen SF-Lesern nahezubringen versucht, leider nur mit mäßigem Erfolg. Inzwischen ist der SF-Markt wieder fest in angelsächsischer Hand.

Das eigentliche Thema von „Ardabiola“ ist nicht etwa das Mittel gegen den Krebs, das wirklich wirkt – und zwar auch bei Ardabjews Vater. Es ist vielmehr das Thema der Erinnerungsfähigkeit: Die Insektenpflanze speichert Erinnerungen der Menschen ihrer engsten Umgebung. Und welcher Mensch könnte enger zu ihr gehören als ihr „“Vater“ selbst? Als er ihre Blätter anfasst, erntet er Szenen aus der Zeit von vor einem Jahr.

Es ist, als hätte er sein Unterbewusstes ausgelagert und könnte es nun wieder abrufen. Wider Erwarten ist ihm dies gar nicht recht, denn er möchte keine Widerhaken und Stolpersteine aus der Vergangenheit auf seinem Weg zum Doktorhut. Aus Ardabjew, dem kreativen Denker, ist ein Ardabjew geworden, der im System funktionieren will. Genau dies lässt Ardabiola, die Verkörperung seiner verdrängten Vergangenheit, nicht zu.

Der Autor zeichnet Szenen, in denen Menschen einander gedenken und in Erinnerung behalten, dadurch wirken sie noch menschlicher. Nur derjenige ist ein Unmensch, der sich nicht mehr erinnern will, und er kann auch nicht richtig lieben, wie Ardabjews Frau feststellt, denn er wirkt auf seine Umgebung nur noch wie ein halber Mensch.

Durch diese Hinweise mahnt der Autor die Rückbesinnung auf Menschlichkeit an, ohne die es keine menschenwürdige Zukunft geben kann. In zahlreichen Verweisen auf Sänger, Dichter und Fotografen zeichnet er das Bild einer lebendigen Volkskultur. Der Fotograf fürchtet, er könne seine Bilder nie ausstellen. Warum hat er diese Angst, wenn nicht in einem System, das Erinnerungen unterdrückt? Als Ardabjew durch die Schläger selbst ein Opfer der Amnesie wird, bedauern wir ihn. So sieht der funktionierende Sowjetmensch also aus, lässt der Autor durchblicken: ein Vater, der seine Schöpfungen und seine Individualität verleugnet. Nur die Metapher des in Ardabiola verkörperten Gedächtnisses bewahrt ihn vor diesem Irrweg.

8) Sydney J. Van Scyoc: Süßschwesterlein, Grünbrüderlein (Sweet sister, green brother; 1973)

Die Welt Narr, auf der die Siedler eine Kolonie auf Probe gründen, weist ein Ökosystem auf, dessen lebensnotwendige Funktion sie leider zu spät erkennen. An allen Flüssen haben sich dichte Wälder aus riesigen Bäumen angesiedelt, die das Wasser schützen. Sie schützen es vor den ständig auftretenden, aber völlig regenlosen Gewittern, die mit ihren Blitzen das entzündliche Gewässer in Brand zu setzen drohen. Wasser, das brennt, wundert sich die Vorfrau Barrett. Das Wasser brennt, wenn die Bäume ihren Saft an das Wasser abgeben, bevor die Blitze sie in Brand setzen können. Nur so überleben sie. Ist das Gewitter vorüber, saugen sie das saftgetränkte Wasser wieder auf.

Aber es gibt noch ein weiteres Geheimnis dieser Symbiose von Fluss und Baum. Schon nach wenigen Tagen bezichtigt der junge Carlo Herreg die ebenso junge Vella Zinc zu „spinnen“. Unter den Bäumen sei es nicht geheuer. Doch Vorfrau Barrett hat Wichtigeres zu, als sich um Hirngespinste zu kümmern. Die Gewitter sind lebensgefährlich – und hinterlassen die neu angelegten Felder knochentrocken. Merkwürdig nur, dass das Wasser des Flusses kurz vor und drei Stunden einem Gewitter bitter und dunkel ist sowie stinkt.

Ein religiöser Orden von Mystikern hat sich den Siedlern angeschlossen, und Diallo versucht, das Geheimnis des Ökosystems zu ergründen. Kurz vor einem Gewitter legt er sich unter einen der riesigen Bäume, fesselt sich die Füße zusammen und klammert sich in die Rinde. Schon bald wird sein Bewusstsein von einer fremden Kraft beeinflusst … Er erkewnnt, um was es sich bei den Gewitters in Wahrheit handelt.

Schließlich begehen die Siedler einen verhängnisvollen Fehler: Sie schlagen dem Schutzwald eine unheilbare Wunde, indem sie drei Riesenbäume fällen, um schneller ans Wasser zu gelangen. Unversehens fällt das nächste Gewitter mit Blitzeinschlagen über die ungeschützte Stelle her. Die Folgen sind für den gesamten Fluss – und die nahe Siedlung – verheerend …

Mein Eindruck

Die poetisch schöne, aber dennoch sehr straff erzählte Geschichte der Besiedlung Narrs ist eine Parabel auf die Vertreibung der ersten menschen aus dem Garten Eden. Kurz gesagt: Sie sind einfach zu blöd, um das Ökosystem zu begreifen, in das sie eingreifen. Bis es dann für eine Rücknahme der Eingriffe zu spät ist und das Unheil seinen Lauf nimmt. Doch kaum ist die erste Siedlung untergegangen, ziehen die Überlebenden wieter zum nächsten Ort. Diesem wird es, trotz ein paar Änderungen in der Siedlungsmethode, wohl kaum besser ergehen.

Eine rechtzeitige Erkenntnis des telepathischen Ökosystems wäre durchaus möglich, wenn die Verantwortlichen nur auf das Mädchen Vella hören würden. Doch die Empathin macht Erfahrungen, die außerhalb des Bereichs der Rationalität liegen, so dass ihnen keine Bedeutung beigemessen wird. Die Hervorhebung der Einfühlsamkeit der Frau ist ein Phänomen des frühen Feminismus.

Der Feminismus geht hier eine Symbiose mit dem ökologischen Bewusstsein ein, das anno 1973 ebenfalls nur von einer Minderheit vertreten wurde. Die Story ist somit ihrer Zeit voraus, wirkt aber heute so, als würde Eulen nach Athen tragen: Frauenstärken und Ökologie sind heute tief in der westlichen Kultur verankert. Und das ist, wie ein Blick in islamische Länder zeigt, alles andere als selbstverständlich.

9) Gene Wolfe: Der fünfte Kopf des Zerberus (The fifth head of Cerberus, 1972)

Schauplatz ist ein fernes Sonnensystem, das aus zwei Planeten besteht, die von französischen Aussiedlern kolonisiert wurden. Die Franzosen rotteten die Aborigines auf Sainte Anne aus, die wahrscheinlich Gestaltwandler waren. David ist ein Junge auf dem Planeten Sainte Croix und ein Nachkomme in der fünften Generation von nicht näher beschriebenen Vorfahren (möglicherweise Aborigines), er ist aber auch ein Klon seines Vaters, eines Bordellbesitzers und Regierungsagenten.

Der namenlose Ich-Erzähler wird von seinem Vater Nummer Fünf genannt. Zusammen mit seinem Bruder David wird er von einer Menschmaschine namens Mr. Million unterrichtet, und sein Spezialgebiet ist die Biologie. Ab seinem siebenten Geburtstag bittet ihn sein Vater allnächtlich zu sich, damit er Reden halte und erzähle. Das stundenlange Erzählen raubt dem Jungen den Schlaf und führt zu immer stärker werdenden Aussetzern des Wachbewusstseins.

Als er in die Pubertät kommt, macht ihn sein Vater zu designierten Nachfolger und lässt ihn als Portier arbeiten. In dieser Funktion begrüßt er die Freier, die zu den Mädchen wollen. Eines Tages kommt ein Fremder von der Erde, der nach Madame Aubrey Veil fragt. Der Junge ist erst verdattert, denn er kennt diese Frau nicht in seinem Haus, doch John Marsch, so nennt sich der Fremde, bleibt dabei. Dunkel erinnert sich der Junge, mit seiner Tante Jeannine, der Dame des Hauses, über die Veil-Theorie gesprochen zu haben.

Dieser zufolge haben die Aborigines, lauter Gestaltwandler, die französischen Siedler gleich nach der Landung massakriert und ihre Gestalt angenommen. Den Unterschied würde man heute, 150 Jahre später, nicht mehr bemerken. Wie sich herausstellt, sind die Tante und Madame Aubrey Veil ein und dieselbe Person. Das haut ihn echt von den Socken. Welche Geheimnisse mag sein Haus noch bergen?

Er freundet sich mit dem Mädchen Phaedria an, das im gleichen Alter ist, und zusammen mit David gründen sie eine Theater AG. Schon nach der ersten Sommersaison stecken sie bis zum Hals in Schulden und suchen einen Ausweg. Sie hören von einem Spieleveranstalter am Fluss und brechen nachts bei ihm ein. Vorbei an Kampfhunden, – hähnen und -sklaven gelangen sie in ein größeres Gemach, in dem eine große Truhe steht. Bingo, der Reichtum ist zum Greifen nahe. Dumm nur, dass ein vierarmiger Zerberus die Truhe bewacht. Der Kampf mit diesem beinahe menschlichen Wesen kostet David um ein Haar das Leben. Unserem Chronisten kommt erst später – er hat eine ganze Jahreszeit vergessen – der Gedanke, dass der Wächter nur ein weiterer Klon seines Vaters ist. Wieviele mag es noch davon geben?

Gemeinsam beschließen er, David und Phaedria, dass der Herr des Hauses „Cave Canem“ sterben soll, damit sie endlich frei und reich sein können. Doch das ist nicht so einfach wie gedacht …

Mein Eindruck

Die Kultur, die Nummer Fünf auf Sainte Croix schildert, erinnert an eine Kombination aus dem Paris des Fin de siècle und aus der Antike, als Sklaven gehandelt wurden, als seien Menschen nur Tiere. Auch in Port Mimizon werden Frauen, deren Ehe gescheitert ist – etwa weil sie kein Kind bekamen – oder die keine Mitgift hatten, kurzerhand verkauft, wenn sie sich nicht gleich selbst prostituieren. Für all dies zeigt Nr. Fünf durchaus Verständnis, denn er kennt ja nichts anderes.

Das Kloning ist seinem Vater perfektioniert worden, denn die Einnahmen aus dem Bordellbetrieb steckt er in sein Labor und seine genetischen Experimente. Denn der Vater ist sehr unzufrieden damit, dass es mit der menschlichen Zivilisation auf Sainte Croix einfach nicht vorangeht. Reformen werden abgelehnt, und es herrscht eine milde Form der Militärdiktatur (mehr dazu in „V.R.T.“). Kurzum: Die Entwicklung der Gesellschaft stagniert. Schlimmer noch: Die Bevölkerungszahl nimmt stetig ab. Daher herrscht ein Bedarf für Klone und modifizierte Menschen wie etwa Prostituierte oder Kampfsklaven.

Es ist John Marsch, der auf das grundlegende Problem hinweist, das mit verbreitetem Kloning von Menschen einhergeht: Das Phänomen der „Relaxation“, das man aus der Physik kennt, erlaubt nur eine Annäherung an den angestrebten Wert, nicht aber sein Erreichen. Selbst wenn also Nr. 5 als Nachfolger seines Vaters Unmengen von Klonen herstellen würde, könnte er nie sein menschliches Ideal erreichen. Und wozu sollte er überhaupt Klone herstellen? Nerissa und Phaedria kommen ja ungebeten zu ihm, um mit ihm „Familie“ zu spielen.

Kloning wirft ein begleitendes Problem auf: Der geklonte Mensch verfügt über die biologische Identität seines Eltern, muss also danach streben, sich auf andere Weise zu individualisieren. Das gelingt Nr. 5 aber nicht, wenn ihn der Mech-Lehrer seines Vater unterrichtet und ihn sein Vater ständig abhört. Im Gegenteil: Selbst die Identität und das Bewusstsein, das er mit sieben Jahren erlangt hat, werden permanent erodiert, bis sein Zeitbewusstsein so durcheinander ist, dass er ganze Jahreszeiten „vergisst“. Schließlich glaubt er, sein Leben nur zu simulieren, so wie Mr. Million einen Menschen simuliert – oder ein Aborigene von Sainte Anne einen Siedler.

Die ganze Novelle liest sich spannend, anrührend und wunderlich bizarr, mit herrlich sinnlichen Einfällen, wie ich sie einem amerikanischen Autor niemals zugetraut hätte. Und wer die schwüle Atmosphäre des Pariser fin de siècle mag, der ist hier genau richtig.

Unterm Strich

Wie der Herausgeber Wolfgang Jeschke in seinem knappen Vorwort vermerkt, hat mit dieser Ausgabe die Konzeption des SF-Jahresbandes geändert. Die Form der preisgünstigen Jahresanthologie sei inzwischen bei der Leserschaft quer durch alle Leserschichten so beliebt geworden, dass der Band nicht mehr nur SF-Interessierte ansprechen könne. Vielmehr seien die ausgewählten Erzählungen so angelegt, dass sie allgemeinverständlich seien.

Das mag schon sein, aber weiß jeder Leser über Kloning oder die Atmosphäre des Jupiter Bescheid? Ich wage es zu bezweifeln. Schade ist außerdem, dass die schönen Illustrationen, die noch im Jahresband 1983 zu finden waren, jetzt fehlen. Sie waren wohl zu teuer.

Auffällig ist der hohe Anteil an problembezogenen Beiträgen: Urusla Le Guin befasst sich mit der Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft in einer totalitären Gesellschaft, Frank Herbert mit dem Phänomen des Krieges und Karl Maria Armer mit dem Wiederaufstieg der Nazis. Sidney Van Scyoc prangert die Dummheit der Siedler an, die eine ökologische Katastrophe herbeiführen, und Gene Wolfe illustriert, wie sich eine geklonte Gesellschaft selbst in den Untergang führt. Auch Jewtuschenkos Kurzroman „Ardabiola“ stimmt nicht gerade fröhlich, wenn die Hauptfigur droht, zu einem angepassten Rädchen in der Gesellschaft zu werden.

So richtig schön, ohne versponnen oder verspielt zu sein, sind die Erzählungen von Edgar Pangborn („Das Elfenei“), Arthur C. Clarke, der den Jupiter erkundet, und Mark Twain, der Skype erfindet. Selbstredend sind alle Abenteuer in dramatische oder anrührende Handlungen eingebettet, so dass man sich über Unterhaltung nicht zu beschweren braucht.

Also, ich weiß nicht: Die Beiträge sind zwar alle erste Sahne, aber so richtig Spaß machen eigentlich nur drei oder vier davon. Am besten gefielen mir Mark Twains und Gene Wolfes Erzählungen. Eine verwandte Wolfe-Erzählung namens „V.R.T.“ findet man im SF-Jahresband 1983. Sie wird in meinem Bericht gewürdigt.

Taschenbuch: 444 Seiten,
Aus dem Englischen und Russischen übertragen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453310070

www.heyne.de

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