Michel Parry (Hg.) – Raritäten aus des Teufels Küche

Parry Raritäten kleinSammlung von acht klassischen und jüngeren Geschichten, die sich mit Schwarzer Magie befassen. Naturgemäß geht bei der Beschwörung von Dämonen und Teufeln etwas schief, was grässliche Folgen für den unvorsichtigen Zaubermeister zeitigt. Die Storys sind unterhaltsam bis wirklich spannend, sie enden mit einem meist moralischen aber grimmigen Schlussgag. Eine besondere Erwähnung verdient das Titelbild der deutschen Ausgabe, das es so heutzutage wohl nicht mehr gäbe.


Inhalt:

– Dennis Wheatley: Die Schwarze Mamba (The Snake, 1933): Vermeide Streit mit einem afrikanischen Medizinmann, sonst schickt er dir seinen Stock, der sich des Nachts in einen ungebetenen Bettgenossen verwandelt.

– Anthony Boucher: Der Todesbiss (They Bite, 1943): Natürlich ist ein Geisterhaus der ideale Versteckplatz für eine Leiche, aber man sollte sich als Mörder vergewissern, ob der üble Ruf des Hauses womöglich auf Tatsachen beruht.

– Aleister Crowley: Die Füchsin und der Höllenhund (The Vixen, 1912): Die schöne aber durch und durch verdorbene Zauberfrau will einen Mann verhexen, der sich indes als Gegner entpuppt, der sich in der Magie ein bisschen besser auskennt als sie.

– H. R. Wakefield: Der Teufelsschüler (He Cometh and He Passeth By, 1928): Mr. Clinton hat sich dank schwarzmagischen Künste seine zahlreichen Feinde stets spektakulär vom Leib halten können, bis endlich einige Gentlemen sich zusammentun und ihm das schmutzige Handwerk legen.

– Feodor Sologub: Der Beschwörer der schwarzen Bestie (The Invoker of the Beast, 1915): Feige hat der Jäger seinen Gefährten dem Höllenbiest überlassen, aber dessen Geist fordert Rache und lockt das Untier dem Schurken auf die Spur.

– Frederic Brown: Koboldgeist (Nasty, 1959): Seine Impotenz will der alte Wüstling mit dämonischer Zauberkraft heilen; er hätte daran denken sollen, dass der Teufel ein Betrüger ist, der Zweideutigkeit bei der Formulierung eines Wunsches gern in seinem Sinn interpretiert.

– Charles Beaumont: Auf dem Blutaltar (The New People, 1958): Nett sind die neuen Nachbarn, wenn auch ein wenig aufdringlich; sie langweilen sich und vor allem suchen sie für eine nächtliche Satansbeschwörung ein passendes Opfer.

– Sax Rohmer: Irrlichternde grüne Augen (In the Valley of the Sorceress, 1916): Eine vor Jahrtausenden heimlich verscharrte ägyptische Zauberin sorgt auch nach ihrem Tod dafür, dass Grabräuber und Archäologen mit leeren Händen gehen – wenn sie denn noch können.

Zaubereien auf holzigem Papier

Michel Parry ist der Herausgeber unzähliger Horroranthologien, die oft einem bestimmten Thema gewidmet sind. Zauberei und okkulte Praktiken bilden die thematische Klammer dieser Sammlung. Sie spannt indes recht locker, da sich (zumindest in der deutschen Ausgabe) kein roter Faden feststellen lässt und die Geschichten von recht unterschiedlicher Qualität sind. Zudem entstammen sie bis auf eine Ausnahme nur dem angelsächsischen Sprachraum.

Die meisten Storys lassen sich der reinen Unterhaltung zuordnen. Sie erschienen zunächst in Zeitschriften und Magazinen, ab den späten 1920er Jahren verstärkt in den „Pulps“, die einen schier unersättlichen Bedarf an neuen, leserfreundlich trivialen Garnen hatten. Dennis Wheatleys (1897-1977) Geschichte vom rachsüchtigen Medizinmann gehört ganz sicher in diese Kategorie. Von der Zeit wurde sie längst eingeholt, der Plot ist leicht zu durchschauen, die Darstellung der Ureinwohner als ‚böse Neger‘ politisch völlig unkorrekt, der Schlussgag an den Haaren herbei gezogen. Nostalgie heißt hier der Schlüssel zur erfolgreichen Unterhaltung; „Die schwarze Mamba“ muss man goutieren wie einen der „Tarzan“-Filme der 1930er Jahre.

Wheatleys Zeitgenosse Sax Rohmer (d. i. Artur Sarlsfield Ward, 1883-1959) – dem wir die Romane um den asiatischen Finsterling Dr. Fu-Manchu verdanken – macht es besser mit einer Story, die nur für ihre notorisch vernagelten Figuren undurchsichtig bleibt, aber flott und sehr atmosphärisch erzählt wird. Das alte Ägypten ist natürlich wieder nur eine Leinwand, die der Verfasser nach eigenem Gutdünken bemalt. Aktiv werden die „weißen Herren“, die von außen kommen, während die Einheimischen Statisten in ihrem eigenen Land bleiben.

Herbert Russell Wakefield (1888-1964) gehörte zu den letzten Vertretern der klassischen englischen Gespenstergeschichte. Er nimmt sein Handwerk überaus ernst und präsentiert eine in Sachen Magie sehr ausgetüftelte Story, die weniger auf Handlung als auf Stimmung setzt

Moderne Zauberei mit klassischen Schattenseiten

Deutlich „moderner“, aber gewiss nicht „literarischer” wirken die nach dem II. Weltkrieg veröffentlichten Geschichten. Ziemlich vordergründig schreibt Anthony Boucher (d. i. William A. P. White, 1911-1968). Sehr aufwändig führt er seinen schaurig-schönen Schauplatz ein und setzt zu einer umständlichen Erpressungsstory an, die letztlich völlig unwichtig ist für das Geschehen, welches erst aber dann erfreulich stark an Unterhaltungswert gewinnt, als der Verfasser sich auf den Kampf des Mörders mit wirklich fiesen Minimumien konzentriert.

Rein auf den Schlussgag arbeitet Charles Beaumont (d. i. Charles Leroy Nutt, 1929-1967) zu, und der ist leider für den findigen Leser recht früh zu erahnen. Außerdem ärgert man sich wieder einmal über die zeittypische Klischeerolle der dumm-spießigen Ehefrau, die durch ihr Beharren auf ein kuscheliges Heim zum eigentlichen Auslöser für den Untergang ihrer Familie wird. Da freut man sich über Frederic William Brown (1906-1972), einen mit echtem Witz begabten Geschichtenerzähler, der hier die an sich alte Mär vom lügenboldigen Teufel (für das „Playboy“-Magazin übrigens) witzig abwandelt.

Zwei Meister ihrer Fächer

Aus dem Rahmen der übrigen Verfasser fällt Feodor Sologub (d. i. Fëdor Kusmitsch Teternikov, 1863-1927). Er gehört zu den großen russischen Dichtern, veröffentlichte zahlreiche Romane, Märchen, Erzählungen und Gedichte, schrieb außerdem Theaterstücke und machte sich einen Namen als Übersetzer wichtiger deutscher Autoren (Georg Heym, Franz Werfel u. a.). Mit „Die Beschwörung der schwarzen Bestie“ zeigt er sich als prominenter (und umstrittener) Repräsentant des „russischen Symbolismus“, was in unserem Fall bedeutet, dass wir es hier ganz sicher nicht mit einer „normalen“ Gruselgeschichte, sondern einer vielschichtigen, stark verschlüsselten Erzählung zu tun haben, welche viele Deutungen zulässt und provoziert.

Edward Alexander Crowley (1875-1947), der unter seinem ‚Künstlernamen‘ Aleister Crowley berühmt und vor allem berüchtigt wurde, ist ganz sicher kein Literat, sondern ein aktiver Magier (oder „Magicker“, wie er sich selbst bezeichnete). Viele Höllenwelten will er gesehen haben, und diese Besuche wurden angeblich erwidert. Crowley galt seinen Zeitgenossen als „bösester Mensch der Welt“, da er sich nicht nur gegen die christliche Religion wandte, sondern viel Sexualmagie in seine Riten einfließen ließ. Stets in Geldnot und wie so mancher Scharlatan ein fähiger Geschichtenerzähler, verfasste Crowley auch Romane, Erzählungen und Gedichte, wobei er natürlich die Gelegenheit nutzte, für seine „Magick“ zu werben. Aus heutiger Sicht haben sich seine symbolisch aufgeladenen Storys erstaunlich gut gehalten. Auch „Die Füchsin und der Höllenhund“ kleidet die bekannte Dualität von Zauberei und Sex in deutliche Worte, statt sich wie die zeitgenössische Literatur in Andeutungen zu winden.

Anmerkung

„Raritäten aus des Teufels Küche“ sammelte in der englischen Originalausgabe 14 Kurzgeschichten. Sechs wurden für die deutsche Fassung gestrichen, um das für die Taschenbücher der „Vampir“-Reihe übliche Seitenlimit von 145 Seiten nicht zu überschreiten – eine verdammenswerte Praxis, die hierzulande bis in die 1980er Jahre durchaus üblich war.

Immerhin wird man durch das bemerkenswerte Cover entschädigt. Es belegt eindrucksvoll, wie sich die Zeiten geändert haben: Heute würden allerlei Zensoren wegen eines solchen Motivs Zeter & Mordio schreien. Vor drei Jahrzehnten krähte kein Hahn danach. Wahrscheinlich ist die Welt aus diesem Grund so vor die Hunde gegangen …

Herausgeber

Michel Patrick Parry (1947-2014) hinterließ seine Spuren im Horror-Genre bereits in frühen Jahren. Anfang der 1970er Jahre schrieb er einige (wenig bemerkenswerte) Romane, zu denen sich diverse Drehbücher gesellten, von denen zwei sogar („The Uncanny“, 1977; dt. „Das Unheimliche“) bzw. leider („Xtro“, 1983; dt. „Xtro – Nicht alle Außerirdischen sind freundlich“) verfilmt wurden.

Nachhaltigen Ruhm gewann Parry als kundiger und eifriger Herausgeber thematisch ausgerichteter Horror- und Science-Fiction-Geschichten. Zwischen 1972 und 1980 erschienen mehr als 33 dieser Anthologien, von denen ein Dutzend ihren Weg – wenn auch gekürzt – nach Deutschland fand.

Seit 1985 gab Parry keine Storysammlungen mehr heraus, seit 1996 war er überhaupt nicht mehr literarisch aktiv.

Taschenbuch: 145 Seiten
Originaltitel: The 1st Mayflower Book of Black Magic Stories (London : Mayflower 1974)
Übersetzung: Werner Gronwald

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