Philip Kerr – Böhmisches Blut

Das geschieht:

Im September 1941 beginnt der nazideutsche „Blitzkrieg“ an der Ostfront seinen Schwung zu verlieren. Die sowjetische Armee zeigt trotz enormer Verluste keine Auflösungserscheinungen, sondern beginnt sich neu zu formieren. In den besetzten Gebieten lässt der Widerstand trotz drakonischer Strafmaßnahmen nicht nach. Auch in der ehemaligen Tschechoslowakischen Republik, die von den Nazis als „Protektorat Böhmen und Mähren“ dem Großdeutschen Reich einverleibt wurde, machen Spione und Saboteure den neuen Machthabern zu schaffen. Drei sehr aktive, „Drei Könige“ genannte Agenten konnten sogar nach Berlin einsickern. Dort wurden zwei von ihnen inzwischen entlarvt, doch „Melchior“ ist weiterhin auf freiem Fuß.

Nachdem er in der Ukraine Zeuge des systematisch betriebenen Judenmordes wurde, quittierte Bernhard Gunther den Sicherheitsdienst. Er hat sich in die innere Emigration begeben und arbeitet wieder als Kommissar für die Kriminalpolizei in Berlin. Doch SS-General Reinhard Heydrich, auch als Polizist Gunthers oberster Dienstherr, hat den aufmüpfigen aber fähigen Ermittler nicht vergessen. Um ihn an seine Abhängigkeit zu erinnern, lässt Heydrich Gunther nach Prag kommen, wo er gerade sein Schreckensregiment als „Reichsprotektor“ begonnen hat.

Wohl oder übel leistet Gunther der ‚Einladung‘ Folge. Das Treffen findet in Heydrichs Residenz außerhalb der Stadt statt. Nazi-Prominenz huldigt dem Hausherrn, doch schon in der ersten Nacht wird einer von Heydrichs Adjutanten ermordet. Der wütende Reichsprotektor überträgt Gunther die Ermittlungen. Dieser willigt auch deshalb ein, weil er die anwesenden Bonzen mit Zustimmung Heydrichs tüchtig in die Zange nehmen kann. Systematisch trägt Gunther Indizien zusammen. Die Auflösung des Falls wird zu einer schockierenden Überraschung, denn abermals hat sich Gunther ahnungslos als Instrument des Regimes missbrauchen lassen …

Raub und Mord als Regierungsprogramm

Mit dem achten Roman lässt Philip Kerr seinen Serienhelden Bernhard Gunther in die Zeit des „Dritten Reiches“ zurückkehren. Dort hatte er 1991 den dritten Band ausklingen lassen. Anderthalb Jahrzehnte später setzte Kerr die Gunther-Serie nach einem Zeitsprung in die Zeit nach 1945 fort. Es folgten vier Bände mit einem gealterten Gunther, der zwischen gut vernetzten Ex-Nazis, „kalten“ Kriegern westlicher und östlicher Geheimdienste sowie organisierten Verbrechern mit den Folgen einer ‚Realpolitik‘ konfrontiert wurde, die altes Unrecht nur bedingt tilgte, sondern die dafür Verantwortlichen instrumentalisierte, um neue Feinde zu bekämpfen.

Wie jeder Philip-Kerr-Roman waren diese vier Bände gut recherchiert und geschrieben. Dennoch fehlte die Spannung der ursprünglichen Trilogie. Sie war durch jene Grundstimmung entstanden, die der Regisseur Ingmar Bergman 1977 in seinem Thriller „Das Schlangenei“ zusammenfasste, als er einen Proto-Nazi so sprechen ließ: „Jeder kann sehen, was die Zukunft bringt. Es ist wie ein Schlangenei. Durch die dünnen Häute kann man das fast völlig entwickelte Reptil deutlich erkennen.“

Die Allgegenwärtigkeit einer Bosheit, deren Verursacher sich so gut abgesichert haben, dass Systemkritiker als Kriminelle verfolgt und umgebracht werden, sorgt in der Tat für eine Atmosphäre dauerhafter Unsicherheit und Angst, die den Gunther-Episoden 4 bis 7 zu ihrem Nachteil abgeht: Den Nazis können weder die CIA oder der KGB noch die Mafia das Schmutzwasser reichen. Sie sind Anfänger auf dem Gebiet des reglementierten Terrors, und systematischen Massenmord betreiben sie erst recht nicht.

Das Leben als Mitläufer

Insofern war Kerr gut beraten, seine Serie einem Relaunch zu unterziehen. „Böhmisches Blut“ ist ungeachtet des nichtssagenden deutschen Titels – der O-Titel ist freilich ähnlich misslungen – deutlich besser als die Vorgängerbände geraten. Kerr hat seinen Hang, die Gunther-Storys buchübergreifend und flashbackinflationär ausfasern zu lassen, endlich eingedämmt. „Böhmisches Blut“ besitzt eine gelungene Plot-Konstruktion, folgt einem roten Faden, bietet Unterhaltung & Überraschungen und wartet mit einem tatsächlich ebenso dramatischen wie tragischen Finaltwist auf.

Weiterhin lädt Kerr seinem (Anti-) Helden viel deutsches Ungemach auf. Bernhard Gunther ist nach dem Willen des Verfassers kein ‚unbelasteter‘ Deutscher. Kerr geht richtig von der Prämisse aus, dass die nach 1945 kollektiv an den Tag gelegte Ahnungslosigkeit über die (nazi-) deutschen Verbrechen als wenig glaubhafte Schutzbehauptung zu werten ist. Trotzdem hätte er Gunther als reinen Mitläufer gestalten oder ihn gar zum Widerstandskämpfer erheben können.

Stattdessen wählt Kerr einen schwierigen Mittelweg. Gunther weiß nicht nur Bescheid, was in den deutschen Ostgebieten und in den Konzentrationslagern geschieht. Er ist zum Täter geworden, als er sich für eine ‚Vergeltungsmaßnahme‘ gegen angebliche ‚Partisanen‘ einsetzen ließ, die tatsächlich Teil der Vernichtungsaktionen war, mit denen die Nazis eroberte Ostgebiete von rassisch unerwünschten Ureinwohnern ‚säubern‘ wollten.

Kerr versucht einen Spagat: Zwar hat Gunther Schuld auf sich geladen, aber er wurde auch getäuscht. Zu spät hat er begriffen, was wirklich vorging. Nach Kerrs Vorstellung wird Kerr vom ‚guten‘ zum ‚wahren‘ Deutschen, der nicht heldisch und letztlich vergeblich gegen das Regime aufbegehrt, sondern sich in stillem Widerstand gegen das allgegenwärtige Unrecht stemmt. Diese Figurenzeichnung ist kompliziert, da sie eine historische Realität impliziert, in der tatsächlich eine Grenzziehung zwischen „Deutschen“ und „Nazis“ existierte.

Ökologische Nische für Nazi-Verweigerung

Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die Figur Bernhard Gunther ohnehin als reine Fiktion: Mannhaft hat seinen Vorgesetzten die Mordbrocken vor die Füße geworfen. Statt dafür selbst aus dem Verkehr gezogen zu werden, darf Gunther nach Berlin zurückkehren, um dort ‚sauberen‘ Polizeidienst zu verrichten. Ausgerechnet Reinhard Heydrich, eine treibende Kraft hinter dem Nazi-Terror, hat widerwillig Respekt vor dem störrischen Gutmenschen und hält einerseits die schützende Hand über Gunther, den er andererseits sadistisch nach seiner Pfeife tanzen lässt.

Schon auf diese Weise widerlegt Kerr jene Leserfraktion, die allen Ernstes glaubt, den Gunther-Romanen Sachbuch-Qualitäten unterstellen zu können. Kerr nutzt geschickt zeitgenössische Fakten, doch mit der zeitgenössischen Realität haben die Gunther-Geschichten nichts zu tun. Dem widerspricht auch der entweder flapsige oder misslungen weltschmerzvolle, phrasenreiche Tonfall. Das Finale soll den Leser dagegen bestürzen, doch wie kann dies funktionieren, wenn Gunther zuvor ständig Nazis ärgert? Kerr stellt dieses Verhalten als latent selbstmörderischen, aus Schuld geborenen Seiltanz dar, doch tatsächlich ist Gunther höchstens ein Störenfried von Heydrichs Gnaden.

Der begründet seine Nachsicht mit der Tüchtigkeit des zumindest ihm nicht lästigen Kritikers: Gunther ist kein Partei-Gewächs, sondern verdankt seine Ermittlererfolge einer soliden Ausbildung und einschlägigen Erfahrungen. Hier thematisiert Kerr geschickt ein Merkmal des Nazi-Regimes, das nachträglich besonders schwer verständlich ist: Eigennutz, Rücksichtslosigkeit und Konkurrenzdenken waren nicht nur geduldete, sondern erwartete Eigenschaften, die den Nazi-Amtsträger auszeichneten. Adolf Hitler selbst förderte dies: Wenn sich seine Paladine argwöhnisch belauerten, fehlte ihnen die Zeit, an seinem Thron zu sägen.

Irrsinn mit Methode

Mit Reinhard Heydrich fand Kerr den idealen Vertreter ‚seiner‘ Zeit. Konsequenter als die meisten seiner ohnehin schwerkriminellen Nazi-Genossen ging er auf dem Weg zu persönlicher Macht und zur Verwirklichung des ‚idealen‘ Nazi-Staates über Leichen. Heydrich lebte seinen Dünkel, seine Verachtung ‚niederer‘ Menschen und die ostentative Ablehnung nicht-‚arischer‘ Gesetze und Regeln offen aus. Dieser Hochmut brachte ihm schließlich den Tod, als er sich seinen Attentätern allzu selbstbewusst entgegenstellte.

Kerr lässt den Irrwitz in einem Komplott gipfeln: Womöglich hat der zwar hinterlistige aber heimtückischere „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler seine Chance genutzt, sich des Konkurrenten Heydrich, der beim „Führer“ aufgrund seines rigorosen Durchgreifens Punkte sammelte, durch Meuchelmord zu entledigen. Eine weitere Verschwörung unterstellt Kerr Verteidigungsminister Göring, der möglicherweise den ihm lästig gewordenen „Generalluftzeugmeister“ Ernst Udet ermorden ließ. Beweise dafür fehlen, aber Kerr will in erster Linie ein durch und durch kriminelles und moralfreies Regime zeichnen.

Zur Handlung gehört eine trügerisch aufgesetzt wirkende Liebesgeschichte, deren wahre Bedeutung Kerr lange zu verschleiern weiß. Stattdessen gießt er Gunthers Suche nach dem Mörder von Heydrichs Adjutanten gewagt aber gelungen in die Form des klassischen „Whodunit“. Heydrichs (geraubtes) Schloss wird zum Pendant des englischen Landhauses, in dem sich ein scheinbar unmöglicher und damit perfekter Mord ereignet hat. Eine bittere Ironie liegt in der Tatsache, dass Hausherr und Gäste höchstens unschuldig an dieser einen Bluttat sind: Ansonsten gehört es zu ihren Dienstpflichten, Menschen in möglichst hohen Kopfzahlen zu Tode zu bringen.

Wiederum findet Kerr zu einer der Situation angemessenen und überraschenden Aufklärung, die zum eigentlichen Höhepunkt überleitet. Sobald Kerr es unterlässt, Bernhard Gunther permanent mit seinem Gewissen zu konfrontieren, kommt eine wirklich spannende und nachvollziehbare Kriminalgeschichte in Gang. „Böhmisches Blut“ bringt neuen Schwung in eine Serie, die in Routine zu erstarren drohte. Insofern darf man auf die Fortsetzung gespannt sein.

Autor

Philip Kerr wurde 1956 in Edinburgh, Schottland, geboren. Anfang der 1970er Jahre zog seine Familie ins englische Northampton. Ab 1973 studierte Kerr Jura und Rechtsphilosophie in Birmingham. 1980 ging er, den Abschluss in der Tasche, zu einer Werbeagentur. Nach seinem Tagwerk schrieb er in der Nacht Romane.

Talent wurde durch die kluge Wahl des Debüt-Themas unterstützt: Kerr veröffentlicht 1989 „March Violets“ (dt. „Feuer in Berlin“), einen Thriller um den Detektiv Bernhard Gunther, der im Deutschland der Nazi-Zeit spielt – stets ein unfehlbares Mittel, die Kritik aufhorchen zu lassen. Auch die Verkaufszahlen waren achtbar, sodass Kerr dem Auftaktband zwei weitere Gunther-Abenteuer folgen ließ.

Seinen Job konnte Kerr aufgeben. Er erweiterte sein Repertoire und verfasste in rascher Folge Science-Fiction- und Science-Thriller. Erfolgreich waren auch weitere Historien-Thriller. „The Shot“ (1999; dt. „Der Tag X“) bietet eine fiktive ‚Aufklärung‘ des Kennedy-Mordes, „Dark Matters“ (2002, dt. „Newtons Schatten“) spielt Ende des 17. Jahrhunderts in London. Mit „Hitler’s Peace“ (dt. „Der Pakt“) kehrte Kerr 2005 ins Nazi-Milieu zurück und ließ im folgenden Jahr die Bernhard-Gunther-Serie mit „The One from the Other“ (dt. „Das Janusprojekt“) neu aufleben.

Philip Kerr ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in dem Londoner Vorort Wimbledon. Inzwischen hat er sich auch als Jugendbuch-Autor (unter dem ‚Pseudonym‘ P. B. Kerr) versucht. „The Akhenaten Adventure“ (dt. „Das Akhenaten-Abenteuer“) erschien 2003 als erster Teil des Zyklus‘ „Children of the Lamp“ (dt. „Die Kinder des Dschinn“), war (selbstverständlich) überaus erfolgreich und wurde mehrbändig fortgesetzt.

Gebunden: 478 Seiten
Originaltitel: Prague Fatal (London : Quercus 2011)
Übersetzung: Juliane Pahnke
www.rowohlt.de

eBook: 890 KB
ISBN-13: 978-3-644-21621-1
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