Simon Beckett – Totenfang

Lange Zeit war es ruhig um Simon Becketts forensischen Anthropologen David Hunter. Nachdem der Erfolgsautor zwischen 2006 und 2010 vier Bücher aus der David-Hunter-Reihe geschrieben hat, gab es nun stolze fünf Jahre nichts mehr darüber zu lesen. Umso gespannter war ich auf den neuen Fall „Totenfang“, der David Hunter in die finsteren Backwaters führt.

Dort wird seit über einem Monat der Frauenheld Leo Villiers vermisst, als David Hunter zur Bergung einer Leiche hinzugerufen wird. Schon als die deutlich verweste Leiche aus dem Wasser gefischt wird, hat Hunter ein schlechtes Bauchgefühl, das ihn auch nicht trügen soll: Bei der Leiche handelt es sich weder um Leo Villiers noch um die ebenfalls als vermisst gemeldete Emma Darby, mit der Villiers ein Verhältnis gehabt haben soll.

Hunters Einstand in den Backwaters – einem unwirtlichen Mündungsgebiet in Essex – ist zudem holperig: Als er vom Leichenfundort wegfahren will, steht plötzlich ein offenbar verwirrter Mann mitten auf der Straße. Dieser lässt sich nicht beirren, sondern setzt seinen Weg weiter mitten auf der Straße fort, sodass David Hunter ihn nicht überholen kann. Kurzerhand folgt dieser seinem Navi und biegt in eine Seitenstraße ab, doch dort wird er schnell von der Flut überrascht und bleibt mit seinem Auto stecken. In allerletzter Sekunde kann ihn der mürrische Andrew Trask aus den Fluten retten. Und da Feiertag ist, kann niemand Hunter abschleppen. In seiner Not kommt er in einem Bootshaus unter, das Trask gehört. Was David Hunter noch nicht ahnt: Trask ist der Mann der verschwundenen Emma Darby.

Nicht lange dauert es, bis die nächste Leiche auftaucht, und wieder handelt es sich nicht um Leo Villiers. Wo aber ist dieser? Und wessen Leiche hat die Polizei gefunden?

Von Ebbe und Flut

In diesem Fall entführt uns Simon Beckett in eine ausgesprochen finstere und unwirtliche Gegend – die Backwaters. In langen und detailreichen Beschreibungen bringt uns der Autor diese Gegend mit ihren Fluten und besonderen Eigenarten näher – und das zu einer herbstlichen Jahreszeit, in der es immer kälter und dunkler wird. Entsprechend finster und geheimnisvoll ist die gesamte Atmosphäre in diesem packenden Thriller. Beckett versteht es, uns die Backwaters und die grausigen Leichenfunde derart realistisch vor Augen zu führen, dass man fast selbst meint, den Wind und das Wasser zu spüren.

Durch die langen Beschreibungen nimmt das Buch nur langsam Fahrt auf. Man ahnt früh, dass es sich bei dem Toten nicht um Leo Villiers handelt, aber man hat sehr lange Zeit keine Ahnung, wer denn wirklich der Tote ist und was stattdessen mit Villier geschehen ist. Auch das Verschwinden von Emma Darby ist ein völliges Rätsel. Nur ganz langsam nähern wir uns dem Geheimnis dieser beiden Menschen und den Hintergründen ihres Verschwindens. Ausgesprochen packend wird die Geschichte, zumal nicht nur alte Leichen von der Flut ans Tageslicht gespült werden, sondern auch neue Verbrechen geschehen. Offenbar geht der Mörder also noch um in den Backwaters, und er ist Hunter dicht auf den Fersen.

Persönliches

Lange Zeit musste ich warten, bis ich endlich wieder ein Stückchen teil haben konnte am Leben des forensischen Anthropologen, der in seinem bisherigen Leben schon etliche Schicksalsschläge hat einstecken müssen. In diesem Buch lernt er Rachel kennen, die Schwester der verschwundenen Emma Darby, die gerade erst aus Australien zurück gekommen ist – mit einer Portion Liebeskummer im Gepäck. Langsam nähern sich die beiden an. Aber ob es da ein Happy End geben kann?

Eine weitere wichtige Rolle im Buch spielt der sympathische und gemütliche DI Lundy, der David Hunter in jeder Situation beisteht und um seinen Rat fragt, obwohl ihn selbst gesundheitliche Probleme und Sorgen quälen. Von ihm hätte ich gerne mehr gelesen und auch gerne erfahren, was bei seiner Magenuntersuchung tatsächlich herausgekommen ist. Aber Simon Beckett verwendet eben sehr viel Raum darauf, die Geschichte um David und Rachel zu erzählen und natürlich um die Morde.

Packend bis zur letzten Seite

Das Buch nimmt zwar nur sehr allmählich Tempo auf, aber irgendwann kann man das Buch dann doch nicht mehr aus der Hand legen, weil man dem Mörder so nah kommt und sich die Ereignisse überschlagen.

Ganz am Ende hat Beckett noch einen ordentlichen Knaller parat, der bereits jetzt neugierig macht auf den sechsten David-Hunter-Thriller, der hoffentlich nicht erst in fünf Jahren erscheinen wird. „Totenfang“ ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite und ein unbedingtes Muss für jeden Thrillerfan!

Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
ISBN-13: 978-3805250016
www.rowohlt.de/verlage/wunderlich

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