Kôji Suzuki – Ring 0: Birthday

Drei Kurzgeschichten vertiefen einige in der „Ring“-Trilogie um das rachsüchtige Videoviren-Gespenst Sadako Yamamura bisher nur am Rande erwähnte Episoden. Was zunächst wie ein für das Gesamtwerk nutzloses und dreistes Aufkochen der multimedial erfolgreichen Saga wirkt, erweist sich als letztlich als Roman in drei Großkapiteln, der die „Ring“-Story zu ihrem (vorläufigen?) Abschluss bringt. Das ist sicherlich weder originell noch gänzlich überzeugend, wird aber so ordentlich erzählt, dass die Lektüre auch dem nicht ganz beinharten „Ring“-Fan empfohlen werden kann.

Das geschieht:

Drei Kurzgeschichten aus dem „Ring“-Universum werfen Schlaglichter auf Randepisoden des mysteriösen Geschehens, das hier zur Erinnerung noch einmal kurz skizziert wird: Die übersinnlich begabte Sadako Yamamura hat vor ihrer grausamen Ermordung ein Videoband ‚bespielt‘, das diejenigen, die es sich anschauen, binnen einer Woche in den Tod treibt. Ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchen die Opfer sich von diesem Fluch zu lösen. Doch sie sind wie Sadako künstliche Wesen, die im „Loop“ leben, einer künstlichen Welt, die durch die Zusammenschaltung einer Million Supercomputer geschaffen wurde, ohne dass ihre ‚Bewohner‘ davon wissen. Die digitale Sadako hat dem Sprung in die reale Welt geschafft und die Menschheit mit einem tödlichen Virus infiziert. Ein junger Mediziner wird auf eine Reise ohne Wiederkehr in den „Loop“ geschickt, wo er dem Treiben Sadakos ein Ende setzen soll.

Der im Himmel treibende Sarg (S. 7-44): Auf dem Dach eines Hochhauses muss Mai Takano hilflos miterleben, wie sie von Sadako Yamamura, die ihren gewaltsamen Tod nicht hinnehmen will und keinen Unterschied zwischen Schuldigen und Unschuldigen gelten lässt, als Instrument zur Wiedergeburt missbraucht wird.

Lemonheart (S. 45-133): Es war ein grausamer Scherz, der die junge Schauspielerin zum Gespött ihrer Kollegen werden ließ, doch da diese Sadako Yamamura heißt, ist Verzeihen ein Fremdwort und Rache eine Pflicht, woran weder die Zeit noch der Tod etwas ändern können.

Happy Birthday (S: 135-194): Die Menschheit steht vor dem Aussterben, nachdem Sadako Yamamura das ringförmige MHCV-Virus aus dem digitalen Parallel-Universum „Loop“ über die Welt gebracht hat. Der Medizinstudent Kaoru Futami trägt als einziger Mensch das Gegenmittel in sich und geht hinüber in den „Loop“, wo er gegen die Seuche ankämpft. Zurück lässt er seine schwangere Geliebte, die alles daran setzt noch einmal mit ihm in Kontakt zu treten.

Ein Nachwort von Akira Mitsuhashi führt auf den Seiten 195-201 knapp aber informativ in Suzukis „Ring“-Universum ein, erläutert das Konzept, das ihm zugrundeliegt, und zeichnet seine Entwicklung nach.

Hilfreich-spannende Hintergrundinformationen

Sequels und Prequels: Sie kennt man als unentbehrliche Folgeerscheinungen eines erfolgreichen Romans oder Films. Dem japanischen Schriftsteller Suzuki Kôji ist eine interessante Variante eingefallen: Er fügt seiner „Ring“-Saga einige neue Kapitel hinzu. Im Rahmen des bereits bestehenden oder sogar bereits abgeschlossenen Werkes führt er perspektivisch verschoben aus, was zuvor nur in wenigen Sätzen angedeutet wurde. „Der im Himmel treibende Sarg“ baut eine Episode aus „Spiral – The Ring II“ aus, „Lemonheart“ basiert auf einem Flashback, der in „The Ring“ nur wenige Zeilen umfasst. „Happy Birthday“ schließt an das Finale von „Loop – The Ring III“ an und bildet eine kurze Fortsetzung der dort geschilderten Ereignisse.

Die „Ring“-Trilogie kann ohne „Birthday – Ring 0“ problemlos existieren. Trotzdem ist Suzuki ein durchaus reizvolles Werk gelungen. Die Beliebigkeit der ausgewählten Episoden entpuppt sich zu Beginn der dritten Story als Trick: „Der im Himmel treibende Sarg“ und „Lemonheart“ erweisen sich plötzlich als notwendige Voraussetzungen für das Geschehen in „Happy Birthday“. Wie Suzuki dies gelingt, sei hier als Spoiler verschwiegen. Er erfindet das Rad ganz gewiss nicht neu aber seine Idee funktioniert: Aus „Ring 0“ wird nun doch „Ring IV“, ein Roman neben dem Hauptwerk – übrigens keineswegs das einzige: Auf den Seiten 203-206 gibt ein Anhang den komplexen „Ring-Baum“ wieder, ein Beziehungsgeflecht der „Ring“-Welten, die sich nicht nur auf die drei Romane oder die Literatur beschränken. Inzwischen gibt es „Ring“-Kino- und TV-Filme und Comics, die Eigenes zum „Ring“-Universum beitragen. Auch zu „Ring 0“ existiert bereits eine Quasi-Fortsetzung, der Episoden-Roman „Promenade der Götter“, welcher einen weiteren losen Faden aufgreift und zu einer neuen Story verzwirnt.

Erzählerisch wandelt Suzuki einmal mehr auf scheinbar übersichtlichen Pfaden. Seine Prosa ist weniger anspruchslos als einfach und klar, die Sätze bleiben kurz. (Dieses Urteil ist unter Vorbehalt zu bewerten – wer ist hierzulande schon in der Lage die Übersetzung mit dem japanischen Originaltext zu vergleichen?) Um auch den in Sachen „Ring“ weniger Kundigen die Lektüre von „Ring 0“ zu ermöglichen, baut der Verfasser geschickt immer wieder „Seitenblicke“ auf die Haupthandlung ein.

„Lemonhead“, die älteste der hier gesammelten Erzählungen, diente 2000 als Vorlage für den Film „Ringu 0: Bâsudei“, in dem Regisseur Norio Tsusata ein Schlüsselerlebnis der noch lebendigen Sadako Yamamura in Szene und dabei eher auf psychologische als auf Horroreffekte setzte.

Spuk ohne Ansehen der Person

Wie wird man damit fertig von einem wütenden Gespenst heimgesucht zu werden? Den entscheidenden Unterschied beim Versuch diese Frage zu beantworten, macht eventuell die Tatsache, dass sämtliche Figuren, die in „Ring 0“ von Sadako Yamamura geplagt und umgebracht werden, an deren Ende völlig unschuldig waren. Üblicherweise taucht ein Geist dort auf, wo ein Mensch gewaltsam zu Tode kam und sein Opfer aus dem Jenseits Gerechtigkeit oder Rache fordert: Es gibt folglich zwischen Spuker und Bespuktem eine Verbindung.

Auch Sadako Yamamura hat es auf diejenigen abgesehen, die ihr echtes oder vermeintliches Unrecht zugefügt haben. In ihrem Rachefeldzug ist sie freilich bemerkenswert inkonsequent oder gleichgültig: Sie straft die Schuldigen genauso grausam wie die allzu Neugierigen oder gar nicht Beteiligten, welche sie völlig ungerührt als Werkzeuge für ihre obskuren Pläne missbraucht. Am schlimmsten trifft es dieses Mal Mai Takano, deren Schicksal vor allem auf die Gänsehaut der weiblichen Leserschaft zielt.

Ein Virus-Gespenst läuft Amok

Letztlich geht es Sadako um die Vernichtung der ganzen Welt – oder besser: beider Welten, denn wie wir seit „Loop – Ring III“ wissen, ist sie im Grunde kein Gespenst, sondern eine künstliche Intelligenz, die in einer Computerwelt lebt. Deren Grenzen vermag sie zu erkennen und zu sprengen, während ihr Verhalten selbst wenig intelligent anmutet: Indem Sadako den „Loop“ und die reale Welt zerstört, nimmt sie sich die eigene Existenzgrundlage. Sie wirkt wie die Verkörperung des MHCV-Virus’, dessen Lebenszweck ausschließlich die eigene Reproduktion ist.

Damit wird klar, wieso Sadakos Verhalten nicht einzuschätzen ist. Viele kluge Männer und Frauen hat Verfasser Suzuki in „Ring I- III“ auf ihre Spur gesetzt. Immer wenn es so aussah, als sei die Erklärung gefunden, ergab sich nur ein neues Rätsel. Der Preis für dieses Versagen war ausnahmslos der Tod. Der Leser nahm’s recht ungerührt zur Kenntnis, denn Suzuki verweigert sich dem (typisch westlichen) Bestreben, Sadakos Opfer in tragische Gestalten zu verwandeln. Es sind beruflich und vor allem privat gescheiterte oder sogar ausgesprochen unsympathische Existenzen, die Suzuki Sadakos Bahn kreuzen lässt. Ob sie ihren Tod ‚verdient‘ haben, lässt der Autor unbeantwortet; es ist ihm zudem absolut gleichgültig, denn wer oder was diese Menschen auch waren, das wird gleichgültig, sobald sie Sadako Yamamuras Aufmerksamkeit erregt haben …

Nachtrag: Pump up the volume

Drei Kurzgeschichten ergeben im Verbund zwar theoretisch ein Buch aber praktisch anscheinend keines, das ein deutscher Verlag ohne gewisse Nachbearbeitungen der Käuferschaft präsentieren möchte. „Buch“ bedeutet in der Definition von Heyne offenbar ein gebundenes Papierprodukt, das mindestens 200 Seiten umfassen muss. In dieser Beziehung stellte „Ring 0“ sicherlich eine Herausforderung dar. Positiv betrachtet fällt dieses Taschenbuch durch seine augenfreundliche Großschrift, den weißraumreichen Satzspiegel und diverse Leerseiten auf, die dem Referenten genug Raum für Anmerkungen lassen – vielen Dank dafür, doch könnte ich noch besser mit einem Bändchen leben, das nur 160 bedruckte Seiten aufweist und dafür einen oder gar zwei Euro kostengünstiger ausfällt …

Autor

Kôji Suzuki, der „Stephen King aus Japan“ (ein Etikett der Werbestrategen) wurde 1957 in Hamamatsu (Präfektur Shizuoka) geboren. Bereits in jungen Jahren begann er zu schreiben und gewann 1990 als Absolvent der Keio University in Tokio einen (japanischen) „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“, was aber seiner dümpelnden Karriere kaum Auftrieb gab. Das änderte sich erst, als Suzuki 1991 die Welt der Phantastik um ein verfluchtes Videoband bereicherte: Die „Ring“-Saga war geboren. Aus einem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum Erfolg, der selbstverständlich mehrfach fortgesetzt wurde sowie die übliche verwässerte Hollywood-Interpretation erfuhr.

Suzuki selbst erweiterte den „Ring“-Erstling zur Romantrilogie, der er noch einen vierten Band mit Kurzgeschichten folgen ließ. Acht Millionen Exemplare soll er inzwischen verkauft haben, was zweifellos auch der geschickten Vermarktung zu verdanken ist: Suzukis Werke sind als Buch, Film und Manga quasi allgegenwärtig.

„Ring“-Saga von Kôji Suzuki

(1991) The Ring (The Ring) – Heyne TB 01/13741
(1995) The Ring II – Spiral (The Ring II: Rasen) – Heyne TB 01/13918
(1998) The Ring III – Loop (The Ring III: Loop) – Heyne TB 01/14007
(1999) The Ring 0 – Birthday (The Ring 0: Birthday) – Heyne TB 01/14132

Taschenbuch: 206 Seiten
Originaltitel: Ringu 0: Bâsudei/The Ring 0: Birthday (Tokio : Kadokawa Shoten Publishing Co., Ltd. 1999)
Übersetzung: Alexandra Klepper
http://www.randomhouse.de/heyne

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